Blackout – Es kann nur abwärts gehen!

Originaltitel: Blackout (USA 2007)
Regie: Rigoberto Castañeda
Drehbuch: Ed Dougherty
Kamera: Alejandro Martínez
Schnitt: Jorge Macaya
Musik: Reinhold Heil u. Johnny Klimek
Darsteller: Amber Tamblyn (Claudia), Aidan Gillen (Karl Maddox), Armie Hammer (Tommy), Katie Stuart (Francesca), Claudia Bassols (schöne Frau), Peggy Batchelor (Allison), Kate Jennings Grant (Karls Schwägerin) Jane Partridge (Chloe), Mabel Rivera (Claudias Großmutter), Andrew Tarbet (Arzt) u. a.
Label u. Vertrieb: Koch Media (www.kochmedia-dvd.de)
Erscheinungsdatum:  24.04.2009 (Kauf-DVD u. Blu-Ray)
EAN: 4020628980887 (DVD) bzw. 4020628973087 (Blu-Ray)
Bildformat: 16 : 9 (1,85 : 1   anamorph)
Audio: DTS 5.1 (Deutsch), Dolby Digital 5.1 (Deutsch, Englisch)
Untertitel: Deutsch
DVD-Typ: 1 x DVD-9 (Regionalcode: 2)
Länge: 82 min.
FSK: 18 (keine Jugendfreigabe)

Das geschieht:

Drei Menschen sind in großer Eile, als sie in den Fahrstuhl steigen, der sie in ihre Wohnungen bringen soll: Claudias Großmutter liegt im Krankenhaus. Die Enkelin soll ihr unbedingt das Foto ihres verstorbenen Gatten bringen. Tommy will ein paar Sachen packen und anschließend mit Freundin Francesca durchbrennen, die daheim von ihrem Vater drangsaliert wird. Dr. Karl Maddox hat wieder eine Frau ermordet und muss unbedingt die Leiche entsorgen, denn morgen will ihn seine Tochter besuchen.

Der Fahrstuhl ist alt, und plötzlich bleibt er stecken. Zunächst sind die drei Insassen gefasst und hoffen auf baldige Bergung. Doch auch der Alarm ist ausgefallen, und ihre Hilferufe verhallen ungehört, denn das Gebäude steht wegen Umbauarbeiten fast leer. Dabei wäre es ratsam, den Aufzug zu verlassen, denn der hängt nur noch locker an seinen Haltedrähten und droht in die Tiefe zu stürzen.

Erste Versuche einer Befreiung scheitern. Tommy bricht sich ein Bein, als er durch den Fahrstuhlschacht einen höher gelegenen Ausstieg erreichen will. Die Stimmung sinkt. Vor allem Karl beginnt allmählich die Fassung zu verlieren. Er weiß, welches Bild sich bieten wird, wenn sich die Tür zu seiner Wohnung öffnet. Als er zu der Überzeugung kommt, dass man ihn höchstens retten wird, um ihn umgehend zu verhaften, plant er eine letzte Orgie der Gewalt, die sich gegen Tommy und vor allem Claudia richten wird. In der engen Kabine kann niemand flüchten, und Tommy macht seine Verletzung hilflos. Claudia begreift entsetzt, dass ein gnadenloser Serienkiller sie attackiert …

Schicksalsdramen auf kleinstem Raum

Der Zufall wirft drei einander fremde Menschen in einen kaum 2 Quadratmeter kleinen Raum, der zudem unsicher über einem gähnenden Abgrund baumelt. Das ist bereits unerfreulich genug, doch zu allem Überfluss ist einer dieser drei Fremden ein psychopathischer Serienmörder, dem nach und nach die ohnehin nur schwachen Sicherungen durchbrennen. Diese Zugabe des Schicksals ist das Tüpfelchen auf einem I, das schon in vielen Filmen (aber nicht nur dort) Verwendung fand.

Der Plot von „Blackout“ ist verführerisch und Herausforderung zugleich: Eine kleinräumige Kulisse lässt sich kostengünstig bauen, und Schauspieler, die bezahlt werden müssen, können sich dort nur in geringer Zahl aufhalten. Andererseits bleiben die möglichen Handlungsvarianten begrenzt. Was sich in einer Kabine, auf deren Dach sowie in einem Fahrstuhlschacht ereignen kann, hat sich in der Filmgeschichte wie schon gesagt bereits ereignet.

Auch Regisseur Rigoberto Castañeda und sein Drehbuchautor Ed Dougherty können der daraus resultierenden Beschränkung nicht entkommen. Sie versuchen es deshalb erst gar nicht, sondern erzählen eine klassische Geschichte, die sie inhaltlich und vor allem optisch mit diversen Variationen veredeln. Die Rechnung geht auf, weil sie mit offenen Karten spielen und ihr Publikum trotzdem geschickt an der Nase herumführen.

Der Blick zurück & nach draußen

Weil „Blackout“ kein cineastisches Lehrstück, sondern ein unterhaltsames B-Movie ist, bleibt Castañeda nicht über die gesamte Filmdistanz im Fahrstuhl. Er nutzt die anfängliche Wartezeit der in ihrer Kabine Gefangenen, um im Rückblick deren Vorgeschichten zu rekonstruieren. Die spielen sich naturgemäß in der normalen Welt außerhalb des Aufzugs ab.

Während Castañeda alle Szenen, die im Aufzug spielen, stets mit der Einblendung einer Uhr beginnen lässt, die sekundengenau die Zeit sowie die Aufenthaltsdauer in der Kabine zeigt, bricht der Regisseur ‚draußen‘ mit der Chronologie der Ereignisse. Er springt in der Zeit, schneidet in Szenen, die dem Zuschauer unverständlich bleiben, bis sich ein späteres Handlungsfragment damit in Beziehung setzen lässt. Was abschreckend nach Filmkunst klingt, wirkt bei Castañeda spielerisch: Er setzt der Handlung Grenzen, die er dank der Mittel, die ihm der Film in die Hand gibt, umgehend außer Kraft setzt.

Was man nicht sieht, ist garantiert künstlich

Obwohl „Blackout“ im Hier & Jetzt spielt, lässt sich die Zahl der Spezialeffekte mit einem SF-Film der mittleren Preisklasse vergleichen. Manchmal merkt man das; so ist es beispielsweise (und ziemlich deutlich) eine CGI-Kabine, die durch einen CGI-Fahrstuhlschacht stürzt. Meist gehen die Tricks jedoch wie vom Regisseur geplant im Geschehen unter. Eine großartige Kamerafahrt führt scheinbar ungeschnitten aus der Kabine in den Schacht hinauf in die oberste Etage des Hauses, dringt durch die geschlossene Fahrstuhltür auf den Flur, durch die Decken wieder hinab ins Erdgeschoss und durch die Haustür hinauf auf die Straße und weiter, bis das Haus als Gesamtansicht das Bild füllt: Das ist nicht art pour l’art, sondern eine einfallsreich ersonnene Methode, den Zuschauer mit dem Ort des Geschehens vertraut zu machen.

Im Interview geht Castañeda auf die Schwierigkeit ein, in einer winzigen Aufzugkabine zu drehen, ohne sich auf Weitwinkelobjektive beschränken zu müssen. Die Lösung ist einfach aber genial: Castañeda ließ die Kabine mit großen Einwegspiegeln ausstatten, die nicht nur den kleinen Raum größer wirken lassen, sondern es auch ermöglichten, die Kamera unsichtbar außerhalb zu platzieren.

Die Macht des Schicksals

„Blackout“ ist ein Thriller, der um die Begriffe Schicksal und Bestimmung kreist. Gibt es eine höhere Macht, die Claudia, Karl und Tommy in ihren Ausnahmesituationen in dem Aufzug zusammenführt? Liegt ein höherer Sinn hinter diesem Ereignis? Castañeda lässt in den letzten Filmminuten einen skeptischen Arzt in der Diskussion mit Claudia diese Frage, die sich auch ihr aufdrängen musste, negativ beantworten. Der Regisseur ist sich da weniger sicher. „Blackout“ ist reich an Symbolen, die von der Macht eines real wirksamen Schicksals künden.

Bevor sich die Türen des Aufzugs hinter ihnen schließen, begegnen Claudia, Karl und Tommy in der großen Eingangshalle drei alten Schwestern, die ihre Wohnung wegen des Umbaus verlassen. Eine der Damen hält ein Wollknäuel in der Hand; es kennzeichnet sie in ihrer zweiten Identität als Nona, die Schicksalsgöttin der römischen Mythologie, die den Schicksalsfaden spinnt. Ihre Schwestern sind Decuma und Morta, die ihn abrollen bzw. abschneiden. Gemeinsam sind sie die drei Parzen. Man kennt sie auch in der griechischen (Moiren) und in der germanischen Glaubenswelt (Nornen). Auch auf einem großen Gemälde der Vorhalle sind die Parzen abgebildet. In der Aufzugkabine selbst gibt es einen Wandschmuck, der zwei Engel (Claudia, Tommy) und einen Teufel (Karl) zeigt.

Der Filmtitel „Blackout“ selbst ist einerseits Bezeichnung für einen Stromausfall, der ganze Stadtviertel trifft und in tiefe Dunkelheit taucht. Andererseits gibt es den medizinischen Blackout, der Aussetzer des menschlichen Gehirns umschreibt. In der kritischen Enge der Kabine zeigen alle Insassen entsprechende Anzeichen, doch natürlich ist es vor allem Karl, dessen rationaler Verstand endgültig abschaltet. Mit der Kamera unterstützt Regisseur Castañeda diesen Prozess. Ein Spiel mit Licht, Schatten und Reflexionen bringt den Zuschauer aus dem Gleichgewicht. Was sieht er wirklich, was bildet er sich ein?

Dramatisches Kammerspiel mit eindringlichen Interpreten

Die meisten Szenen zeigen drei Menschen im engen Zusammenspiel. Der Enge der Aufzugkabine entsprechend schwebt die Kamera direkt vor ihren Gesichtern. Schauspielerische Präsenz ist in jedem Augenblick erforderlich, um die Illusion des Filmgeschehens zu erhalten. Auch um diesen Aspekt ’seines‘ Films hat sich Regisseur Castañeda sehr intensiv bemüht. Das Casting zu „Blackout“ nahm viel Zeit in Anspruch.

Aufgrund des beschränkten Budgets kamen große Namen nicht in Frage – ein glücklicher Umstand, da sich die schließlich engagierten Darsteller vor allem auf den Film und nicht auf die Absicherung ihres Starruhms konzentrierten. Trotz ihrer Jugend sind Armie Hammer und vor allem Amber Tamblyn alte Hasen im Filmgeschäft. Sie überzeugen als momentan überforderte Durchschnittsmenschen, die in der Krise notgedrungen über sich selbst hinauswachsen, ohne sich dabei in Kampfmaschinen zu verwandeln.

Aidan Gillen ist ein großartiger Psychopath – man kann es nicht besser ausdrücken. Dass er der Irre dieses Trios ist, kann er – unterstützt vom Drehbuch – lange verbergen. Die Demaskierung ist auch für den Zuschauer ein Schock. In einigen Rückblenden sehen wir Karl beim Morden; dies sind bis auf den finalen Überlebenskampf im Aufzug die einzigen Szenen, die blutig und brutal geraten sind, auch wenn sich Castañeda meist auf Andeutungen beschränkt; als Splatter hat er „Blackout“ definitiv nicht konzipiert.

DVD-Features

Die Liste der Extras ist kurz – sogar kürzer als in der Werbung angegeben. Zumindest auf der Leih-Version der „Blackout“-DVD findet man das versprochene „Making Of“ nicht. Es bleiben ausführliche (ca. 50 min. dauernde), wenn auch nur bedingt informative Interviews mit dem Regisseur und den drei Hauptdarstellern. Streicht man das reichlich übereinander vergossene Lob über die wunderbare Zusammenarbeit, weiß vor allem Rigoberto Castañeda Interessantes über die Erfahrungen eines mexikanischen Regisseurs in Hollywood zu berichten.

„Blackout“ ist Castañedas Debüt im US-Kino. Seine hispanischen Wurzeln hat er dabei so weit wie möglich gepflegt und nicht nur – siehe u. a. Kamera und Schnitt – mit vielen alten Kollegen sowie mexikanischen und spanischen Nebendarstellern gearbeitet, sondern seinen Film auch zu großen Teilen in der spanischen Großstadt Barcelona gedreht. Das sieht man diesem freilich an. „Blackout“ soll in Los Angeles spielen. Dem Zuschauer fällt das schwer zu glauben. Wenn im Finale CSI-Beamte den Schauplatz stürmen, wird es definitiv bizarr … Andererseits ist Los Angeles eine spanische Stadtgründung, und der hispanische Bevölkerungsanteil ist hoch. Letztlich spielt es auch keine Rolle, weil es den Unterhaltungswert dieses kleinen, feinen Films nicht beeinträchtigt!

[Michael Drewniok]

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Blackout