James geht einer Spur seiner vor Jahren verschwundenen Schwester nach. Im tiefen Wald tappen er und seine Begleiter in die Falle der Hexe von Blair, die ihre neuen Opfer erst terrorisiert und dann umbringt … – Die Weiterführung der berühmten Pseudo-Dokumentation entpuppt sich optisch aufgerüstet aber inhaltlich als Remake des Originals (einschließlich der blassen Darsteller). Meist ist es dunkel, es wird viel geschrien, einen Sinn ergibt das mit Wackel-Kamera zusätzlich verrätselte Werk nicht: Rumpel-Pumpel-Horror als missglückter Neustart eines einträglichen Franchises.

Das geschieht:

Vor zwanzig Jahren verschwanden Heather Donahue und ihre Freunde, als sie im Black Hills Forest, US-Staat Maryland, nach Spuren der berüchtigten Hexe von Blair suchten, die hier seit ihrer grausamen Hinrichtung im Jahre 1785 umhergeistern und unvorsichtige Zeitgenossen ins Verderben locken soll.

Ihr Schicksal blieb ungeklärt, zurück blieben nur einige Videoaufzeichnungen, die sich Heathers jüngerer Bruder James seither auf der Suche nach Antworten immer wieder angesehen hat. Nun kursiert im Internet neues Filmmaterial, das auf eine Wiederkehr der Hexe hindeutet. Zusammen mit seinen Freunden Peter und Ashley reist James nach Maryland, um dort selbst auf eine Suchexpedition zu gehen. Filmstudentin Lisa möchte dies mit ihrer Kamera dokumentieren.

Vor Ort trifft das Quartett auf die Einheimischen Lane und Talia. Lane war es, der die erwähnten Aufnahmen ins Internet gestellt hatte. Neugierig drängen er und Talia sich der Gruppe auf, die sich zu Fuß in den dicht bewaldete, kaum erschlossene Black Hills Forest wagt. Freundschaft schließt man nicht. Vor allem Peter macht sich über die Landeier lustig, die fest an die Existenz der Hexe glauben. Ashley verletzt sich den Fuß, was den Weiter- oder Rückmarsch behindert. In der Nacht beunruhigen mysteriöse Wald-Geräusche die Wanderer in ihren Zelten. Am nächsten Morgen hängen gruselige Astgestecke in grober Menschenform über dem Lager. Erschrocken macht sich die Gruppe auf den Rückweg, doch es stellt sich heraus, dass Lane und Talia für den Spuk verantwortlich waren. Die Freunde jagen die Spuk-Faker erzürnt davon.

Kurz darauf hat man sich verirrt und muss eine weitere Nacht im Wald verbringen. Nun geht es richtig schaurig um, wofür man Lane und Talia nicht verantwortlich machen kann. Das Tageslicht kehrt nicht zurück, Ashley wird krank, Peter verschwindet – und die Hexe von Blair lässt ihre Falle endgültig zuschnappen …

Ein Mythos meldet sich zurück

Kurz vor dem Ende des 20. Jahrhunderts wurde ein neuer Mythos geboren. ES schien jedenfalls so, als 1999 der Film „The Blair Witch Project“ weltweit die Kino-Charts stürmte. Die Legende der Hexe von Blair war nicht nur innovativ und höllisch spannend – jedenfalls nach zeitgenössischen Maßstäben – in Szene gesetzt, sondern von ihren Schöpfern auch liebevoll mit ‚historischen Fakten‘ unterfüttert worden: Im Internet, das damals gerade seiner Steinzeit entwuchs, konnten süchtige Fans des Blair-Witch-Rätsels Fotos, Zeitungsausschnitte, Zeugenaussage u. a. Belege für die ‚Realität‘ des Phänomens finden. Hinzu kamen ‚Sachbücher‘ mit weiteren ‚Infos‘.

Dieser Doppelansatz – Film und virales Zusatzmaterial – ist inzwischen zum normalen Vorgehen einer Werbung geworden, die stets auf der Suche nach Marketing-Möglichkeiten ist, die als solche vom Publikum nicht erkannt bzw. für gut befunden werden. Deshalb ist in Vergessenheit geraten, wie prägend „The Blair Witch Project“ nicht nur in dieser Hinsicht war.

Auch der Film selbst erregte einst enorme Aufmerksamkeit. Die „Mockumentary“, d. h. die scheinbar echte aber faktisch gefakte Dokumentation, war als Genre relativ neu, Infotainment noch keine hirnheimsuchende Pest, sondern ein Versuch, Fakten auch denen zu vermitteln, die allergisch auf den Lernprozess reagieren. Hinzu kam eine Technik, die Filmaufnahmen vom klassischen Kamera-Handwerk abkoppelte: Moderne Geräte konnten auch von Laien in die Wildnis getragen werden, wo sie Bilder und Töne aufzeichneten, die gerade wegen ihrer gestalterischen Formlosigkeit als authentisch galten.

Wohl wichtiger: Ein Franchise wird neu belebt

„The Blair Witch Project“ wurde nicht nur zu einem Blockbuster, sondern zum Gral für Filmproduzenten: Dieser Film entstand praktisch kostenneutral und spielte eine neunstellige Summe ein. Nach solcher Ware, die so praktisch gratis ist aber viel einbringt, sucht jede Branche, die etwas verkauft. Folgerichtig kam in den Jahren nach 1999 ein Flut angeblicher „Found-Footage“-Filme über ein zunehmend entnervtes Gruselfilm-Publikum, das bald erkannte, wie gut sich die Wackel-Kamera eignete, um inhaltlichen wie formalen Dilettantismus zu tarnen.

Mit dem „Blair-Witch“-Franchise war es schon 2000 wieder vorbei: „Book of Shadows: Blair Witch 2“, die unvermeidliche Fortsetzung, war so schlecht geraten, dass sich Kritiker wie Zuschauer voller Grausen abwandten, statt sich unterhaltsam zu fürchten. Der Griff ins berüchtigte Klo war so tief, dass mehr als zehn Jahre Friede herrschte im Black Hills Forest. In dieser Zeit wuchs allmählich Gras über Teil 2, während das Original zum modernen Klassiker reifte, dem Qualitäten nachgesagt wurden (die bei unvoreingenommener Betrachtung schwer nachzuvollziehen sind). In diesen Jahren wuchs jedoch eine neue Generation potenzieller Zuschauer heran, denen eine Wiederkehr der Hexe von Blair als Film-Event vorgegaukelt werden konnte.

Wichtiger als der Film war – auch dies Merkmal unserer Gegenwart – seine Vermarktung. Zunächst ließ man den Korken in der Flasche und drehte „Blair Witch“ unter dem Arbeitstitel „The Woods“. Dies geschah auch deshalb, um mögliche Vorab-Kritik negativer Art zu verhindern; offenbar ahnte man durchaus, dass „Blair Witch“ ein Schuss in den Ofen werden könnte. Nachdem der Film fertig war, ließ man die Katze stückweise aus dem Sack und bemühte sich Vorfreude zu schüren. „Blair Witch“ kostete 5 Mio. Euro, doch bis der Film ins Kino kam, steckte man die vierfache Summe in die Werbung: Um das Franchise zurück ins Leben zu rufen, warf man mit der Wurst nach der Speckseite.

Die Kehrseite der Medaille

Ein überzeugendes Drehbuch war dagegen Nebensache. Stattdessen griff Autor Simon Barrett die „Blair-Witch-Project“-Story auf und übertrug sie szenenweise in die Gegenwart. Modernisiert wurde nur die Technik: Zwar bockt und springt die Kamera auch heute so wild wie 1999 herum, doch die dabei entstehenden Bilder und Töne sind immerhin hochauflösend bzw. dringen mehrkanalig ins Zuschauerohr. Das verursacht allerdings weiterhin Kopfweh und Verdruss, was nicht nur Barrett, sondern vor allem Regisseur Adam Wingard unterschätzt haben dürfte. (Eine Frage nebenbei: Wieso wird umständlich eine Kameradrohne eingeführt, die beim zweiten Aufstieg sang- und klanglos vom Himmel stürzt?)

Weiterhin stapfen Figuren, die uns gleichgültig bleiben bzw. die wir nicht leiden können (s. u.) durch einen regenfeuchten und meist dunklen Wald. Endlose Szenen zeigen dicht beblätterte Äste, hinter denen sich etwas verbirgt, das seltsame Geräusche verursacht, sich aber nie blicken lässt. Das ist zweifellos unheimlich, wenn man selbst im Wald und damit betroffen ist, teilt sich dem Zuschauer in seinem bequemen Sessel jedoch nur ansatzweise mit und nervt, wenn es als Ereigniselement überstrapaziert wird.

Dies gilt erst recht, wenn der Handlungsfaden so fadenscheinig ist: Endlose Minuten vergehen, bis unsere Handlungsträger endlich ihre Ärsche hoch & und in den Black Hills Forest bekommen. Dort laufen sie durch einige Büsche, überqueren einen Fluss, schlagen ein Lager auf – und lassen sich durch einige Holzpüppchen so ins Bockshorn jagen, dass sie umgehend den Rückzug antreten. Erst danach setzt echter Grusel ein – und der kommt anders als im „Blair Witch Project“ nicht mit dem Pinsel, sondern mit dem Quast über uns. Dicke Bäume werden wie Streichhölzer umgeknickt, aus sämtlichen Lautsprechern röhrt und rumort es, und unsere kopflos flüchtenden Protagonisten schreien, was ihre Kehlen hergeben.

Das Haus des (begrenzten) Schreckens

Irgendwann stehen sie vor jener schimmelpilz- und termitenzerfressenen Hütte, in der die Hexe haust. Um ihre Opfer dorthin zu treiben, hat sie sich auf die alten Tricks von 1999 verlassen. Neu kommt höchstens eine schemenhaft erkennbare Kreatur mit meterlangen Armen und Beinen hinzu.

Im Inneren der Hütte – wer baut eigentlich ein dreistöckiges Gebäude in einen menschenleeren Wald? – geschieht nichts Wichtiges oder gar Gruseliges. Die überlebenden Pechvögel irren schniefend durch unmöblierte Räume, während draußen – natürlich! – Blitze zucken, was praktisch ist, da die Taschenlampen genau jetzt ihren Geist aufgeben – schon wieder! Lisa muss außerdem durch einen engen, dreckigen Tunnel kriechen, um nach langen, für den Handlungsverlauf irrelevanten Minuten wieder im Haus zum Vorschein zu kommen. Ansonsten fällt der Lampenkegel gern plötzlich auf verzerrte Gesichter, deren Träger – Buh! – direkt vor den Figuren aus dem Boden wachsen.

Wenn man bedenkt, dass die Hexe ihre Opfer schließlich einfach packt, treibt sie zuvor einen erstaunlichen aber sinnlosen Aufwand: Sie manipuliert das Wetter, lässt die Sonne nicht aufgehen, erzeugt Unmengen von Kleinholz (s. o.) und treibt auch sonst ihre Faxen bevorzugt im Unterholz. Das ist purer Aktionismus und leicht als Mittel zum Zweck erkennbar: Hier soll Horror generiert werden; ‚guter‘ Horror noch dazu, der – so lautet ein gängiges Vorurteil – den Schrecken nur andeuten aber nicht zeigen darf: Das Zuschauerhirn soll fehlende Bilder ersetzen, was einen Film angeblich viel, viel gruseliger macht!

„Blair Witch“ belegt das Gegenteil. Vorsichtshalber fügten Wingard und Barrett ohnehin einige ‚softe‘ Splatter-Szenen ein. Dass es die Mehrheit der Zuschauer zufrieden zur Kenntnis nehmen dürften, wenn unsere Hexe die bunthaarige Talia wie vormals Rumpelstilzchen in zwei Hälften reißt, liegt allerdings in einer so von Regisseur und Autor so sicher nicht gewollten Abneigung begründet, die sämtliche Figuren einschließt. Sechs stereotype sowie unsympathische Gestalten stolpern durch den Wald. Sie zicken und streiten, zwischendurch denkt James laut und schmerzvoll an seine Schwester, woraufhin es auch noch sentimental und schwülstig wird. Zwischen den Darstellern herrscht keine Chemie, sondern höchstens magnetische Abstoßung.

Der Film endet, als alle Darsteller verbraucht sind. Es sieht ganz danach aus, dass man wieder Filmmaterial im Wald finden wird. Diese Bilder sind auf Karten gespeichert und nicht mehr auf Tapes, aber wie schon in „The Blair Witch Project“ erklären sie nichts und werfen nicht einmal neue Rätsel auf. Für diesen Ringschluss muss und möchte man keine anderthalb Stunden verschwenden! So dachten zum Schrecken der Produzenten viele, weshalb „Blair Witch“ nicht zum erhofften Sensations-Blockbuster wurde. Wenn wir Glück haben, zieht sich die Hexe von Blair deshalb für weitere zehn, fünfzehn Jahre in ihren Wald zurück.

DVD-Features

Dass Bild- und Tonqualität den „Found-Footage“-Stil höchstens noch zitieren, ohne ihn logisch nachzubilden, ist in diesem Genre längst Alltag – kein Wunder, wenn man im „Making of” sieht, welcher technische Aufwand tatsächlich getrieben wurde!

Überspringen kann man wie üblich die ‚Interviews‘, in denen Darsteller und Regisseur Wingard über einen anderen, viel besseren „Blair-Witch“-Film zu reden scheinen und sich ansonsten gegeneinander in den Heiligenstand erheben. Interessanter ist der Audiokommentar, der ebenfalls aber unfreiwillig die Kluft zwischen Anspruch und Wirklichkeit = der endgültige Film veranschaulicht.

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Blair Witch
Originaltitel: Blair Witch (USA 2016)
Regie u. Musik: Adam Wingard
Drehbuch: Simon Barrett
Kamera: Robby Baumgartner
Schnitt: Louis Cioffi
Darsteller: James Allen McCune (James Donahue), Callie Hernandez (Lisa Arlington), Brandon Scott (Peter Jones), Corbin Reid (Ashley Bennett), Wes Robinson (Lane), Valorie Curry (Talia)
Label/Vertrieb: Studiocanal
Erscheinungsdatum: 09.02.2017
EAN: 4006680083100 (DVD)/4006680083117 (Blu-ray)
Bildformat: 16 : 9 (1,85 : 1, anamorph)
Audio: Dolby Digital 5.1 (Deutsch, Englisch)
Untertitel: Deutsch
DVD-Typ: 1 x DVD-9 (Regionalcode: 2)
Länge: 86 min. (Blu-ray: 89 min.)
FSK: 16

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