blood-deepEin Wiedersehen alter Freunde lässt schmerzhaft verdrängte und unbewältigte Kindheitserinnerungen aufleben, die einen aus der Gruppe zum Massenmord zwingen – Hoffnungslos überambitionierter Mystery-Thriller, der vor lauter Einleitungen und Rückblenden die eigentliche Handlung sträflich vernachlässigt, im letzten Drittel ebenso abrupt wie unentschlossen in einen zahmen Möchtegern-Splatter umkippt und die Freunde des gepflegten Grusels und die „Gorehounds“ gleichermaßen vor die Köpfe stößt.

Das geschieht:

Nachdem ihre geliebte Großmutter gestorben ist, die sie an Stelle der bei einem Unfall umgekommenen Eltern großgezogen hat, kehrt Katie Spencer in ihre kleine Heimatstadt zurück. 19 Jahre ist sie nicht mehr hier gewesen, denn sie hat nicht nur gute Erinnerungen an ihre Kindheit: 1985 wurde einer ihrer Freunde ermordet und verbrannt aufgefunden; den Täter hat man nie gefasst.

Die noch lebenden Freunde sind hoch erfreut über Katies Erscheinen und organisieren sogleich eine Wiedersehensfeier im Haus der Großmutter. Cal, ein trauriger Peter Pan, der nie erwachsen wurde, erscheint mit Gattin Allison, ohne aus seiner Zuneigung zu Katie einen Hehl zu machen. Das gilt auch für Will, der sich frustriert als Wachmann durchschlägt. Sean und Jacob haben unter ungeklärten Umständen ihren Vater und Jacob hat dabei sein Gedächtnis verloren. Robin, Wills Schwester, ist eine hoffnungslose Langzeit-Studentin. Zur Feier bringt sie ihre Zimmergenossin Eliza mit, die sich auf Hypnose versteht, was sie umgehend unter Beweis stellen muss.

Dabei beginnt sich in Jacobs Gehirn die Blockade zu lösen, unter der seine Erinnerung begraben liegt. Plötzlich sieht es so aus, als habe er den Vater ermordet. Verzweifelt ringt Jacob um Klarheit. Das schreckt den wahren Mörder auf, der – so will es das Drehbuch – ebenfalls anwesend ist und seine Entlarvung fürchten muss. Da er (oder sie) sowieso einige Schrauben locker hat, heißt die Lösung Massenmord. Einer nach dem anderen fallen die Freunde dem Killer zum Opfer. Im Wettlauf mit der Zeit müssen die Überlebenden klären, was vor 19 Jahren zum Auslöser des Wahnsinns wurde, um den Täter zu identifizieren, bevor er mit seinem Messer hinter ihnen steht …

Im Schattenreich der verschenkten Möglichkeiten

Schlechte Horrorfilme sind im Normalfall zumindest dem Rezensenten nützlich, der wortgewandt seine Häme darüber verspritzen kann. „Blood Deep“ gehört stattdessen zu den Genre-Filmen, bei denen man eher bedauernd zum Fazit kommt: inhaltlicher Ehrgeiz und handwerkliches Geschick aber Thema gewaltig verfehlt. Was hat Regisseur und Drehbuchautor Kniss – der auch seither nicht zum Karriereflug abhob – hier in Szene setzen wollen? „Blood Deep“ kann ursprünglich kaum als Mix aus atmosphärischem Mystery-Thriller und blutigem Splatter geplant gewesen sein, weil diese Genres einander ziemlich ausschließen.

Es beginnt vielversprechend und geheimnisvoll mit einem Mord, der nie geklärt wird. Wer nun moniert, dies viel zu oft als Auftakt eines Films gesehen zu haben, liegt grundsätzlich richtig. Kniss verfügt indes über das Talent, das Bekannte so zu variieren, dass es originell wirkt. Die Kamera unterstützt ihn in seinem Bemühen; Seamus Tierney komponiert Bilder, die fern der Eindimensionalität sind, die den 08/15-Horrorfilm kennzeichnet.

Das Drehbuch wirkt zunächst vielschichtig. Kniss arbeitet mit Rückblenden und Flashbacks. Damit legt er eine Vielzahl von Spuren, die sich allerdings in ihrer Mehrheit als Sackgassen erweisen werden. Viel zu ambitioniert steigt Kniss ein und schürt falsche Erwartungen, die nur enttäuscht werden können. Für jede seiner vielen Figuren kreiert er einen Background, der für das eigentliche Geschehen im Grunde überflüssig ist. Er mag geplant haben, die zentrale Story auf diese Weise zu ‚tarnen‘. Verhängnisvoll ist nur, dass diese so schrecklich simpel und wenig überzeugend ist, als sie sich aus der aufwändigen Vorgeschichte endlich herausschält.

Am Ende regiert wieder der Terror

Keine Teenies, sondern Twentysomethings bilden die Gruppe, die in Katies Haus zusammenfindet und dort anzuknüpfen versucht, wo vor zwei Jahrzehnten ihre Beziehung endete. Viel Mühe gibt sich Kniss mit der Figurenzeichnung, um es auch hier zu übertreiben, wenn sich schließlich herausstellt, dass sich der altbekannte Unhold mit dem Riss in der Hirnwaffel hinter den geheimnisvollen Aktivitäten der Vergangenheit und Gegenwart verbirgt.

Das sorgfältig konstruierte Mysterium löst sich binnen weniger Filmminuten in Nichts auf. Der irre Killer schwingt sein Messer/den Feuerhaken/diverse andere Mordinstrumente, lockt seine notorisch begriffsstutzigen Opfer in plumpe Fallen und – die absolute Todsünde – schlachtet sie im Off ab, statt seine Übeltaten stolz der Kamera zu präsentieren. Aber Kniss will ja gar keinen Splatter drehen. Die Morde sind Teil der Geschichte, sollen sie aber nicht ersetzen. Ihre dezente Darstellung ist deshalb Programm.

Weder Fisch noch Fleisch

Ein Treppenwitz der Filmgeschichte will es, dass „Blood Deep“, der Hauptfilm, für Zuschauer ab 16 Jahren freigegeben wurde, was definitiv angemessen ist. Das Prädikat „keine Jugendfreigabe“ wurde nur vergeben, weil auf dieser DVD der Trailer für einen weiteren Film des Labels zu sehen ist, in dem es deutlich härter zur Sache geht. Man hat sich keinen Gefallen damit getan, für diese zwei, drei Minuten die gesamte DVD schärfer zensieren zu lassen. Die Freunde des ‚gemäßigten‘ Horrors werden abgeschreckt, die des Splatters in die Irre geführt.

Eine Schnittmenge existiert nicht, denn Kniss versäumt es, Mystery und Splatter durch Spannung zu vereinen. Nur wenige Szenen wie die Flucht durch den Schacht des Speiseaufzugs oder die Jagd in der mit Wasser gefüllten Kühltruhe (kein Witz!) deuten an, wie „Blood Deep“ hätte belebt werden können, ohne sich in billiger Action zu verlieren. Stattdessen hat Kniss entweder den Mut in sein Werk verloren oder sich nivellierenden Forderungen von ‚Außen‘ gebeugt, die einen wie üblich zu vermarktenden Horrorfilm von der Stange von ihm forderten. Diese Rechnung geht nicht auf.

DVD-Features

Viel Vertrauen scheint das deutsche Label diesem Film nicht entgegengebracht zu haben, denn es gibt keinerlei Hintergrundmaterial, das die Entstehung von „Blood Deep“ eventuell verdeutlichen könnte.

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Blood Deep
Originaltitel: Blood Deep (USA 2005)
Regie u. Drehbuch: Todd S. Kniss
Kamera: Seamus Tierney
Schnitt: Vikash Patel
Musik: Matt Reid Cohn
Darsteller: Jeridan Frye (Katie), T. J. Amato (Danny), Jordan Belfi (Gregg), Amy Christine (Robin), Richard Cline Cunningham (Sean), Kelli Nordhus (Allison), Femi Emiola (Eliza), Bo Foxworth (Cal), Gerald Hopkins (Will), Cameron Zeidler (Jacob), Peter Onorati (Peter), Tyler Goucher (Ronnie), Brandon Haas (junger Cal), Bailey Hughes (junger Sean), Tristan Jarred (junger Jacob), Kelci B. Lowry (junge Katie), Stephen Lunsford (junger Will), Bobby Sharpe (junger Gregg), Ethan Sharrett (Teddy), Jessica Steinbaum (junge Robin), Fred Griffith (Victor Westen), Nina Kaczorowski (Joan Weston), Marilyn Alex (Großmutter), Ben L. McCain (Ben), Kim Delgado (Nachbar Larry), Suzy McCoppin (geile Nachbarin) u. a.
Label/Vertrieb: Starmedia Home Entertainment
Erscheinungsdatum: 28.02.2008
EAN: 4260118676238
Bildformat: 16 : 9 (1,78 : 1 anamorph)
Audio: Dolby Digital 5.1 (Deutsch), Dolby Digital 2.0 (Englisch)
Untertitel: Englisch
DVD-Typ: 1 x DVD-9 (Regionalcode: 2)
Länge: 96 min.
FSK: 18

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