Bloodwork – Experiment außer Kontrolle

Originaltitel: Bloodwork (USA/Kanada 2011)
Regie: Eric Wostenberg
Drehbuch: David Nahmod
Kamera: Vinit Borrison
Schnitt: Olena Kuhtaryeva
Musik: Lee Sanders
Darsteller: Travis Van Winkle (Greg), Tricia Helfer (Dr. Wilcox), John Bregar (Rob), Albert Chung (Huy), Tamara Feldman (Linnea), Anna Ferguson (Maggie), Stephen Bogaert (Ira), Yanna McIntosh (Patricia), Mircea Monroe (Stacey), Joe Pingue (Aaron), James Purcell (Taylor), Eric Roberts (Ober-Drecksack) u. a.
Label/Vertrieb: EuroVideo
Erscheinungsdatum: 11.07.2013
EAN: 4009750216583 (DVD)/4009750397145 (Blu-ray)
Bildformat: 16 : 9 (2,35 : 1, anamorph)
Audio: Dolby Digital 5.1 (Deutsch), Dolby Digital 2.0 (Englisch)
Untertitel: keine
DVD-Typ: 1 x DVD-9 (Regionalcode: 2)
Länge: 96 min. (Blu-ray: 100 min.)
FSK: 18

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Das geschieht:

Die Studenten-Kumpels Greg und Rob sind finanziell nicht auf Rosen gebettet. Deshalb melden sie sich, als Dr. Wilcox – die zudem außerordentlich hübsch ist – nach Versuchskaninchen sucht, die sich im Dienste der Wissenschaft (und für 3000 Dollar Cash) zwei Wochen mit experimentellen Medikamenten piesacken lassen.

In der abgelegenen Forschungsstation treffen die Freunde auf sieben Leidensgenossen. Man freundet sich an und schickt sich mit Galgenhumor in die oft unangenehmen und peinlichen Untersuchungen. Rob verliebt sich sogar in die lockere Linnea. Dass es die beiden nicht stört, wenn sie es auf einem schmutzigen, von Kakerlaken wimmelnden Kellerboden treiben, gibt den ersten Hinweis auf die wahre Natur des Experiments. Als wenig später Vielfraß Ira dabei erwischt wird, wie er eine verwesende Ratte verspeist, muss Dr. Wilcox offenlegen, was man den Probanden in die Adern träufelt: Sie ist einem Wirkstoff auf der Spur, der Wunden aller Art in Windeseile heilen lassen soll.

Im Dienst der guten Sache gilt es Opfer in Gestalt gewisser Nebenwirkungen zu bringen: Mit RX-Z19 im Blut verliert der Mensch jegliches Ekelgefühl. Als Rob kurz darauf versucht, Dr. Wilcox zu vergewaltigen, wird klar, dass auch soziale Kontrollmechanismen abgeschaltet werden. Zu allem Überfluss entwickeln die Versuchspersonen eine fatale Abhängigkeit vom Wirkstoff. Enthält man ihnen das Mittel vor, werden sie extrem aggressiv.

Da Wilcox‘ Versuche streng geheim und kriminell zugleich sind, kann sie keine Hilfe von außen anfordern. Innerhalb der Abteilung beginnt sich der Wahnsinn auszubreiten. Greg, dem als Kontrollperson nur ein Placebo gespritzt wurde und der ‚normal‘ geblieben ist, wird wie Wilcox und ihre Assistenten zur Geisel der Gruppe, die ihren Trieben immer ungehemmter nachzugeben beginnt und deren Mitglieder schier unverwundbar geworden sind …

Film ist eine Wundertüte

Wenn die Zahl der gesehenen Spielfilme eine vierstellige Zahl erreicht, neigt der Zuschauer dazu, lieber von „erlittenen“ Filmen zu sprechen. Die wenigen guten und unzähligen faulen Tricks der Branche werden längst durchschaut und nicht mehr unbedingt toleriert; kein Wunder, dass die Filmschaffenden sich auf das jüngere Publikum konzentrieren, das noch gern bunten, flackernden Lichtern hinterherläuft.

„Bloodwork“ ist auf den ersten und auch den zweiten Blick eines jener Filmchen, die vor allem entstehen, um „content“ zu produzieren. Für die große Leinwand sind sie nicht gedacht. Das Heimkino ist ihre Heimat. Am Ende einer hoffentlich langen, einträglichen Vermarktungskette werden sie im Nachtprogramm privater Fernsehsender entsorgt, wo sie Sendezeit zwischen den Werbeblöcken füllen.

Auch hierzulande erblickt „Bloodwork“ das Licht des Marktes im Videohandel. Offenbar um zu verbergen, auf welches kleine Goldstück der Zuschauer stoßen könnte, hat der Label-Azubi per Photoshop ein besonders hässliches Cover zusammengepfuscht. Deshalb soll an dieser Stelle auf die durchaus vorhandenen Qualitäten dieses Films aufmerksam gemacht werden.

So sieht es aus

Gedreht wurde „Bloodwork“ kostengünstig im US-amerikanischen Nachbarland Kanada. 3 Mio. Dollar soll das Budget nach Auskunft des Produzenten Brandon Nutt betragen haben – für einen jenseits von Hollywood entstandenen Film eine nennenswerte Summe, die man freilich für eine werbewirksame Übertreibung halten möchte. Zumindest wenn im Finale Sprengsätze gezündet werden und die Feuerwolken aussehen wie direkt auf das Filmmaterial gekritzelt, keimt im Zuschauer Zweifel auf.

Klug erhob Regisseur Eric Wostenberg zuvor die Beschränkung zur Herausforderung: Die Geschichte dreht sich um Isolation und Geheimhaltung, weshalb logisch ist, dass sich die Kamera mit den Forschungsprobanden wenige Flure und Räume teilt. Kahle, helle Gänge, immer wieder Stahltüren, keine Fenster: Die Schauplätze sorgen für Klaustrophobie, und sie unterstreichen, dass hier etwas vor sich hin brodelt, für das kein Sicherheitsventil vorgesehen ist.

Wostenberg beginnt seine Geschichte mit einem humorvollen Unterton. Was oft in rüdem Klamauk versackt, wie er in unzähligen College-‚Komödien‘ ausgeschwitzt wird, ist hier tatsächlich lustig. Die Gags sind keineswegs grandios, doch sie werden gut vorbereitet, sauber getimt und vor allem von den Darstellern prächtig umgesetzt: Knochentrocken präsentiert, kann auch ein bekannter Scherz noch einmal zünden.

Erst allmählich schlägt der Ton um. Wostenberg findet die richtigen, den Zuschauer verunsichernden, das Unheil ankündigenden Bilder. Dass er damit die obligatorische Liebesszene zwischen Held und Heldin unterlegt und sie in den Dienst der Handlung stellt, nimmt der Zuschauer dankbar zur Kenntnis.

So ist es tatsächlich

Für Erstaunen sorgen Wostenberg und Drehbuchautor David Nahmod durch einen weiteren Trick: Der ‚vernünftige‘ Rob, ist gar nicht der Held! Zu dem mausert sich ausgerechnet Kumpel Greg, das intellektuelle Leichtgewicht, dessen Sekundärhirn in der Hose sitzt. Noch bemerkenswerter: Dieser Sprung kann völlig überzeugen. Die Figurenzeichnung ist gleichermaßen präzise wie diffus, was weitere Überraschungen ermöglicht.

Dazu gehört, dass Dr. Wilcox, für die das Klischee die Rolle des (weiblichen) Dr. Frankenstein reserviert hätte, die weibliche Hauptrolle übernimmt. Weder die spröde Stacey noch die freundliche Linnea müssen oder wollen gerettet werden. Sie reihen sich nahtlos in die Schar zombiegleicher aber schnellfüßiger und intelligent gebliebener Killer und Menschenfresser ein.

In im letzten Drittel verlieren Wostenberg und Nahmod den Faden. Wie löst man eine solche Geschichte logisch auf? Plötzlich treten namenlose Schlipsschurken auf den Plan: Selbstverständlich hat die Regierung ein Interesse an den Experimenten, die sie unter Verzicht auf Legalität heimlich finanziert und kontrolliert. Soldaten, die drogengesteuert in den Kampf ziehen und sich schwer umbringen lassen, sind der feuchte Traum jedes kalten Kriegers, der nicht selbst aufs Schlachtfeld ziehen will.

Wie abgeschmackt dieses Klischee ist, demonstriert Wostenberg unfreiwillig, indem er die Rolle des namenlosen, voller Wonne schmierig über die eigene Skrupellosigkeit grienenden Geheimdienst-Schurken Eric Roberts übertrug. Julias großer Bruder wird in seiner Rollenwahl scheinbar nur vom Ehrgeiz bestimmt, zahlreicher als jeder andere Darsteller in Filmen der Güteklassen C bis Z aufzutreten. Dies gelingt ihm so perfekt, dass Eric Roberts trotz durchaus bewiesenen Talents wie Danny Trejo oder Lance Henriksen zu einem zuverlässigen Indikator für Trash-Filme geworden ist.

Gutes Handwerk stellt zufrieden

Die „Bloodwork“-Hauptdarsteller stehen meist vor TV-Kameras, wo sie Nebenrollen in Serien spielen, weshalb man sich an ihre Gesichter, nicht aber an ihre Namen erinnern kann. Sogenannte „Stars“ sind nicht an Bord, es sei denn, sie haben ihre große Zeit hinter sich. In diese Kategorie mag hier Trishia Helfer fallen. Das ehemalige „Supermodel“ nahm nach langjährigem Einsatz auf den Laufstegen dieser Welt kurz nach ihrem 30. Geburtstag noch das „Playboy“-Geld mit, um sich danach als Fernsehmoderatorin und B-Movie-Schauspielerin zu versuchen. Solange ihr gutes Aussehen hält, wird sie auf diesem Niveau gut beschäftigt bleiben.

Zwar sind sowohl Travis Van Winkle als auch John Bregar horrorfilmtypisch viel zu alt für ihre Rollen als Studenten. Daran denkt der Schauschauer bald nicht mehr, weil beide richtige Schauspieler sind und die Studenten schlicht verkörpern können. Dass diese keine Selbstverständlichkeit ist, gehört zu den leidvollen Erfahrungen, die weiter oben angesprochen wurden.

Auch die übrigen Darsteller fügen sich gut in ihre Rollen ein. Oscar-reife Darbietungen werden ihnen nicht abverlangt. Sie sind Profis und leisten als solche einen soliden Job. Dies tröstet zusammen mit dem Handlungstempo über manches Logikloch hinweg. So lässt sich irgendwann die Frage einfach nicht mehr unterdrücken, wieso sich in dem mehrfach von außen gezeigten, gewaltigen Pharma-Gebäude nur unsere neun Versuchskaninchen, zwei Wächter, zwei medizinische Helfer und Dr. Wilcox aufhalten.

Wie realistisch ist es überhaupt, für brisante Versuche der dramatisierten Art Bürger von der Straße anzuwerben? Warum wirkt RX-Z19 erst nach mehreren Tagen, das Gegenmittel jedoch sofort? Warum sollte der Geheimdienst nicht nur lästige Zeugen, sondern auch sämtliche Unterlagen zerstören? Das Mittel wirkt doch und ließe sich weiterentwickeln.

Doch solche Kritik ist wohl übertrieben weil zu weit greifend. „Bloodwork“ sollte im korrekten Rahmen beurteilt werden – als kostengünstige aber nicht billige Unterhaltung, die über anderthalb Stunden trägt und die man anschließend getrost vergessen kann, statt es verzweifelt zu wollen.

DVD-Features

Dass „Bloodwork“ als Dutzendware gilt, unterstreichen die Features, die sich auf den deutschen Trailer zum Film beschränken. Nicht einmal Untertitel wurden der deutschen Fassung spendiert.

Kurzinfo für Ungeduldige: Studenten u. a. finanzschwache US-Unterschichtler verdingen sich als Versuchskaninchen für eine Pharma-Firma; die eingeflößten Mittelchen verwandeln die Probanden in größenwahnsinnige Mörder und Kannibalen … – Was unheilverkündend weil klischeestark klingt, wird in der Umsetzung zu einem erstaunlich spannenden, gut gespielten Grusel-Drama, das sogar echten Humor beinhaltet: niemals eine Offenbarung aber sehenswert.

[md]

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