Blueberry und der Fluch der Dämonen

Originaltitel: Blueberry (Frankreich 2004)
Regie: Jan Kounen
Drehbuch: Matt Alexander (= Alexandre Coquelle u. Matthieu Le Naour), Gérard Brach, Jan Kounen u. Louis Mellis
Kamera: Tetsuo Nagata
Schnitt: Jennifer Augé, Bénédicte Brunet u. Joël Jacovella
Musik: Jean-Jacques Hertz u. François Roy
Darsteller: Vincent Cassel (Mike Blueberry), Michael Madsen (Wallace Sebastian Blount), Juliette Lewis (Maria Sullivan), Temuera Morrison (Runi), Hugh O’Conor (junger Mike Blueberry), William Lightning (junger Runi), Ernest Borgnine (Rolling Star), Djimon Hounsou (Woodhead), Geoffrey Lewis (Greg Sullivan), Nichole Hiltz (Lola), Kateri Walker (Kateri), Vahina Giocante (Madeleine), Kestenbetsa (Schamane Kheetseen), Eddie Izzard (Prosit), Colm Meaney (Jimmy McClure), Jan Kounen (Billy) uva.
Label: Ufa Home Entertainment
Vertrieb: Universum Film
Erscheinungsdatum: 14.03.2005 (DVD)
EAN: 0828765956291 (DVD)
Bildformat: 16 : 9 (2,35 : 1, anamorph)
Audio: Dolby Digital 5.1 (Deutsch, Englisch)
Untertitel: Englisch, Deutsch für Hörgeschädigte
DVD-Typ: 1 x DVD-9 (Regionalcode: 2)
Länge: 119 min.
FSK: 12

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Das geschieht:

Michael Blueberry wird von seinem Vater in den Wilden Westen geschickt, wo ein Mann aus ihm werden soll. Stattdessen gerät er an den psychotischen Revolvermann Blount, der ihm eine Kugel in die Schulter schießt. Blueberry flüchtet in die Wildnis, wo ihn ein freundlicher Schamane der Chiricuahua-Apachen aufliest, heilt und ihm Asyl im Stamm gewährt. Dort wird er zum Verdruss des jungen Runi, mit dem Blueberry ständig konkurriert, in allerlei indianische Mysterien eingeweiht.

Als der Schamane stirbt, kehrt Blueberry in die Zivilisation zurück und wird Sheriff in einer kleinen Stadt. Den Kontakt zu den Indianern hält er aufrecht, was die Bürger (und Runi) mit Misstrauen betrachten. Aber Blueberry geht inzwischen meisterhaft mit dem Revolver um. Als selbsternannter Hüter ‚seines‘ Stammes konnte er so bisher verhindern, dass Goldsucher die Heiligen Berge der Chiricuahuas entweihen.

Jetzt hat der Glücksritter Prosit eine alte Karte gestohlen, die exakt dort reiche Schätze verzeichnet. Er versucht vergeblich, die Städter zum Krieg gegen die Indianer aufzuhetzen. Stattdessen nimmt ihm der reiche Farmer Sullivan die Karte ab. Dann taucht Prosits Spießgeselle auf: Es ist Blount, der Sullivan niederschießt, die Karte raubt und Blueberry schwer verletzt, bevor er sich mit Prosit, einigen rauen Burschen und üblen Absichten zu den Heiligen Bergen aufmacht.

Zusammen mit seinem Hilfssheriff und dem inzwischen selbst zum Schamanen aufgestiegenen Runi folgt ihm Blueberry. An anderer Stelle stellt Sullivans Tochter Maria einen Rachetrupp zusammen. Alle Beteiligten treffen – so nicht fiesen Hinterhalten oder zornigen Indianern zum Opfer gefallen – in einer uralten Bestattungshöhle aufeinander, wo sich Blount als dämonischer Abgesandter der Hölle zu erkennen gibt. In einem Reich zwischen Leben und Tod bricht ein gewaltfreier aber erbarmungsloser Kampf aus …

Ein Western der sehr ungewöhnlichen Art

1963 schufen Jean-Michel Charlier (1924-1989) und Jean Giraud (geb. 1938) die Figur des Soldaten, Gesetzeshüters und Glücksritters Blueberry. Sie wird nicht nur bis heute fortgesetzt, sondern hat sich in vier Serienstränge gegliedert, die von Giraud und anderen Zeichnern und Szenaristen gestaltet werden. „Blueberry“ gilt als Meisterwerk der „Graphic Novel“ und wird (nicht nur) in Frankreich als Begründung für die Erhebung des Comics zur „Neunten Kunst“ hervorgehoben. Wie es sich auch und gerade für ‚grafische Literatur‘ gehört, ist Blueberry kein Held, sondern ein rebellischer Zweifler mit ausgeprägten existenzialistischen Charakterzügen. Seine Erlebnisse folgen nicht immer den Gesetzen der Logik; Blueberrys Abenteuer sind auch Reisen ins eigene Ich.

In vielen Jahrzehnten ist ein eigenständiger Blueberry-Kosmos entstanden. Für den Filmfreund ist dessen Unkenntnis nicht hinderlich. „Blueberry und der Fluch der Dämonen“ knüpft nur (sehr) lose an die Comic-Vorlage an. Für Regisseur Jan Kounen stehen Mystik und Stimmung im Vordergrund. Schnell löst er sich vom Serien-Vorbild und erzählt eine Geschichte, die sich der bekannten Figuren nur zu bedienen scheint, um ein Blueberry-interessiertes Publikum zu locken – eine Rechnung, die buchstäblich nicht aufging: 37 Mio. Euro soll „Blueberry und der Fluch der Dämonen“ laut „International Movie Database“ gekostet haben; eine Summe, die der Film im Kino nicht einspielen konnte.

Halluzinogene Historie

Der Zuschauer wird durchaus aber leider nachträglich gewarnt: Als die Schlusstitel laufen, liest man dort nicht „Regie: Jan Kounen“, sondern „A Jan Kounen Session“. Genau dies ist „Blueberry“: der Trip eines Autors und Regisseurs, der sein Interesse an indianischen Riten und drogenunterstützter Bewusstseinserweiterung als Anlass (oder Vorwand) für einen sehr seltsamen und sehr misslungenen Film genommen hat.

Aus „Blueberry“ wurde eine Art „2001“ im Wilden Westen. Doch Jan Kounen ist nicht Stanley Kubrick. Nur die Spezialeffekte sind seit 1968 besser geworden. Während Kubrick sein visuelles Feuerwerk in den Rahmen einer Science-Fiction-Geschichte integrieren konnte, gelingt Kounen diese Einheit nicht. „Blueberry“ will einerseits innovativ sein und ist andererseits ein schrecklich banales Garn um Schuld, Verantwortung und Sühne. Zwar müht sich Kounen, dies durch eine künstlich komplizierte Struktur zu verschleiern, doch es schimmert unter den grandiosen Luftbildern, den Blicken durch Adleraugen oder den fraktalen Drogenräuschen viel zu deutlich durch. Spätestens wenn die Handlung die Heiligen Berge erreicht, fühlt sich der deutsche Zuschauer zusehends an die Karl-May-Filme der 1960er Jahre erinnert. Rina und Blueberry übernehmen die Rollen von Winnetou und Old Shatterhand. (Allerdings entstand „Blueberry“ an Originalschauplätzen in Mexiko.)

Kounen würde diesen Vergleich sicherlich ablehnen und wohl eher den Vergleich mit Alexandro Jodorowsky begrüßen. In der Tat erinnert „Blueberry“ an surreale Filme wie „El Topo“ (1970) oder „Montana Sacra – Der heilige Berg“ (1973). Auch Tarsem Singh („The Cell“, „The Fall“) oder Darren Aranofsky („The Fountain“) kommen einem in den Sinn. Wie diese Regisseure arbeitet Kounen mit Chiffren und Symbolen, sucht nach Bildern und Tönen abseits des Film-Mainstreams, will im Kopf des Zuschauers etwas in Bewegung setzen. Dabei ist Kounen wie schon angesprochen davon überzeugt, dass Schamanen sich Zugang zu elementarem, uraltem, im zivilisierten Geist verschütteten und irgendwie ‚geheimen‘ Wissen verschaffen können. Dies zu vermitteln ist ihm so wichtig, dass er sogar den echten Zauberpriester Kestenbetsa vom Amazonas einfliegen, als Apachen verkleiden und einen authentischen Zeremoniengesang anstimmen ließ.

Im Weste(r)n nichts Neues

Grundsätzlich ist es keine Überraschung: Das Zwischenreich der Geister und Dämonen entpuppt sich als Spiegelung sehr zwischenmenschlicher Konflikte. Dass diese ziemlich verzerrt wirken, mag an der Methode ihrer Beschwörung liegen: Um ihnen zu begegnen, muss man allerlei seltsame Pflanzen und Pilze durch Tabakspfeifen jagen bzw. zu einem offensichtlich schauerlich schmeckenden Getränk vergären lassen. Ketzerische Realisten mögen einwenden, dass man Sterne auch nach dem Genuss einer Flasche guten Weins sehen kann. Solchen Flaschengeistern fehlt indes die höhere Weihe: Es müssen edle, weise Medizinmänner (oder -frauen) aus ethnologisch reinem Anbau sein, die solche x-dimensionalen Streifzüge unternehmen.

Jan Kounen ist ein Jünger. Paradoxerweise meint er, die wahre Lehre durch einen Overkill modernster Spezialeffekte einem breiten Publikum vermitteln zu können. Die Bocksprünge eines durch Drogen befeuerten Hirns lassen sich jedoch nur bedingt auf diese Weise nachzeichnen. Stillschweigend setzt Kounen möglicherweise voraus, dass sich der Zuschauer während der Vorstellung durch eigene Rauschmittel in einen aufnahmebereiten Zustand versetzt. Sollte dem nicht so sein, kann man seine Bemühungen getrost als gescheitert ansehen. Die digital und kostspielig erzeugten Delirien sind hübsch und verwirrend anzuschauen, ohne dabei zu beeindrucken – kein Wunder, da auch sie sehr profan sind: Dämonen produzieren düstere Wolken und hässliche Ungeheuer, während ‚reine‘ Seelen hell leuchten. Dazwischen tummeln sich fraktale und dreidimensional die Leinwand flutende Muster, bis dem Zuschauer die Augen brennen und der Kopf zu dröhnen beginnt (obwohl ständig jene meditative Entspannungsmusik dudelt, die hier den Soundtrack ersetzt).

„Seltsam“ ist nicht zwangsläufig „künstlerisch“

Auch wenn Blueberry keinen Drogenwein trinkt oder Dämonen jagt, bewegt er sich durch eine sonderbare Welt. Sein Westen ist ebenfalls wild aber niemals historisch oder realistisch. Was wir sehen, ist stets eine Nummer zu groß, zu schräg und zu effektvoll, um wahr zu sein. Die Figuren bewegen sich hart an der Kante zur Karikatur. Die Poleposition übernimmt der ebenso spielfreudige wie experimentierfreudige Hollywood-Veteran Ernest Borgnine als 87-jähriger ‚Sheriff‘, der seinen Job im Rollstuhl (und geschoben von seinem geistig derangierten Sohn) ausübt.

Was zu der Frage führt, ob die von Kounen angeheuerten Darsteller jemals das Drehbuch von „Blueberry“ gelesen haben. Oder trauten sie sich nicht nachzufragen? Jedenfalls mimen sie Western-Figuren nach Vorschrift. Sie hatten ohnehin keine Chance. In dem wirbelbunten Durcheinander verschwinden gestandene Mimen wie Juliette Lewis, Michael Madsen oder Colm Meaney spurlos. Lewis kann dieses Rollenkorsett nicht einmal durch den vollen Körpereinsatz einer (nur im europäischen Kino so explizit möglichen) „full-frontal“-Nacktszene sprengen. Selbst Vincent Cassel, der sich als Blueberry sichtlich um Figurentiefe bemüht, ist vor allem notorisch seelenvoll, raucht Kette und trägt einen schwarzen Hut.

Auf diese Weise schleppt sich die Handlung zwischen den Visionen bedeutungsschwer aber lahm voran. Das zwischen Revolverhelden übliche Final-Duell findet erwartungsgemäß im Traumland statt und wird durch Synapsenschüsse aus dem Hinterhalt des Kleinhirns entschieden. Das ist zwar erneut sehr bunt dargeboten, kann eine ordentliche Schießerei freilich nicht ersetzen. Wenigstens die Darsteller in ihren Rollen sind zufrieden, die Heiligen Berge bleiben unbesetzt, und alle lieben sich (oder sind tot). Der Zuschauer allerdings ist sauer: Wozu das ganze Brimborium, die Western-Kulisse, die pseudo-authentischen Ritentümelei? Dieser Film ist ein eindrucksvolles Monument der Ratlosigkeit, der an sein Publikum weitergibt, was seine Produzenten früh erkennen mussten: Dies ist ein böser Trip!

DVD-Features

Bisher ist „Blueberry und der Fluch der Dämonen“ nur als DVD erschienen. Angesichts der großartigen Luft- und Landschaftsaufnahmen sowie aufgrund des Breitwandformats wünscht man sich (ausnahmsweise) eine Blu-ray-Veröffentlichung. Dazu wird es wohl nicht kommen, da dieser Film die in ihn gesetzten Erwartungen nicht nur künstlerisch, sondern vor allem auch ökonomisch nicht erfüllen konnte. (In den USA wurde der Bezug zur Comic-Serie – die dort kaum jemand kennt – gekappt, der Film in „Renegade“ und Blueberry in „Mike Donovan“ umbenannt; der verzweifelte Versuch, „Blueberry“ als ‚normalen‘ Western zu verkaufen, scheiterte.)

Die Extras umfassen neben dem internationaler Trailer ein „Making Of“, das nur 20 Minuten läuft und auch nicht hilfreich ist, dem Hauptfilm einen inhaltlichen Sinn abzuringen, minutenkurze ‚Interviews‘ mit Vincent Cassel, Michael Madsen, Juliette Lewis und Jan Kounen, wenig aussagekräftige Impressionen von der Arbeit an den Spezialeffekten sowie eine zweiminütige (!) ‚Einführung‘ in die Blueberry-Legende – Kommentar wohl überflüssig.

[md]

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