Botched 2011Ein glückloser Einbrecher fällt mit seinen unfähigen Komplizen und diversen Geiseln einem übergeschnappten Serienkiller in die Hände; dieser fasst freudig die Gelegenheit und verschiedene Pechvögel buchstäblich beim Schopf … – Bizarre Splatter-Komödie, die zwar nach einem Drehbuch voller Löcher und deutlich kostengünstig entstand, aber durch die unbändig aufspielende Schauspielerschar und bitterbösen Humor der ganz schwarzen Art trotzdem gut unterhält.

Das geschieht:

Weil Pechvogel Ritchie Donovan aufgrund einer Kette unglücklicher Zufälle einen spektakulären Diamantenraub vermasselt hat, schickt ihn sein russischer Boss Groznyi nach Moskau, wo er aus dem Penthaus eines bestimmten Hochhauses ein Kreuz stehlen soll, das einst Zar Iwan dem Schrecklichen gehörte. Leider stellt er ihm dafür den tumben Peter und seinen debilen Bruder Yuri als Komplizen zur Seite. Der Raub gelingt zwar, doch Peter erschießt dabei eine Frau.

Die Kabine des Fahrstuhls, mit dem die Diebe und einige unbeteiligte Hausgäste gen Erdgeschoss fahren, stoppt in einer sorgfältig geheim gehaltenen Etage. Ritchie, Peter und Yuri wähnen sich in einer Falle und nehmen aufgeregt die übrigen Passagiere der Fahrstuhlkabine als Geiseln: die frömmlerische Sonya und ihre Betschwestern Helena und Katarina, den feigen Möchtegern-Reporter Dmitri, den ängstlichen Angestellten Alex, die schöne Karrierefrau Anna sowie Sicherheitsmann Boris, die Schande der russischen Armee. Als eine unbekannte Stimme die Freilassung einer Geisel fordert, geben die Kidnapper nach – und müssen erleben, dass dieser der Kopf abgetrennt wird. Das Trio ist Regen in die Traufe = in das von der Außenwelt abgeschlossene ‚Spielfeld‘ eines wahnsinnigen Killers geraten, der in der Maske Iwans des Schrecklichen durch die Gänge schleicht, seine Opfer erst grausam tötet und anschließend häutet.

Die Grenze zwischen Gangstern und Geiseln verschwimmt, denn nun sitzt man im selben Boot. Das fördert nicht den notwendigen Zusammenhalt, es herrscht akute Uneinigkeit. Ständig werden die Seiten gewechselt, bilden sich brüchige Allianzen, die sogleich wieder zerfallen und sich neu bilden. Unter den Geiseln befindet sich zudem jemand, der sehr genau weiß, was sich auf dieser geheimen Etage abspielt, und dem irren Killer zuarbeitet. Der Mörder hat tückische Todesfallen installiert, und dann ist da noch eine freche Ratte, die vor allem den jähzornigen Peter schier in den Wahnsinn treibt …

Pech ist jederzeit steigerungsfähig

Die Tücke des Objekts ist nicht nur im Film ein beliebter Plott-Anker. Murphy’s Gesetz – was schief gehen kann, wird schief gehen – greift überall. Diese Erkenntnis muss man nur ein wenig übertreiben, wenn man sie in wie in unserem Fall zur Grundlage einer aberwitzigen Story macht. „Botched“ lässt sich vielleicht am besten mit „verpfuscht“ übersetzen. Das kommt der Handlung einerseits nahe, geht aber andererseits in die falsche Richtung. Zumindest Ritchie versucht ja stets, das Richtige zu tun. Seine Pläne sind wohl durchdacht, sein Vorgehen ist effektiv. Es sind unkalkulierbare Begebenheiten, die ihn zu Fall bringen.

Als Einleitung sehen wir Ritchie und einen Kumpan beim Diamantenraub – ein „caper“ voller Eleganz und ohne Gewalt, was die schwerelos wirkende Kamera angenehm unterstreicht. Alles geht gut, entspannt rollt man im schweren Fluchtwagen über von der Sonne beschienene französische Straßen – bis ein Hund den Weg kreuzt und die erste Kettenreaktion absurder Einzelereignisse in Gang setzt, die „Botched“ zukünftig prägen werden. Nun ist Ritchie seinem Boss Groznyi, einem vertierten russischen Mafiaboss, einen ‚Gefallen‘ schuldig. Dass ihn dies vor besondere Herausforderungen stellen wird, erkennen wir schon daran, dass Groznyis Leibwächter in schadenfrohes Gelächter ausbrechen, als sie hören, wohin es gehen wird: nach Moskau.

Die Komödie nimmt ihren tiefschwarzen Verlauf. Das von Kit Ryan und seinen Drehbuchautoren vermittelte Russlandbild ist ganz und gar nicht politisch korrekt, sondern bedient sich hemmungslos und sehr geschickt der unzähligen Klischees, die man mit dem ‚neuen Osten‘ verbindet. In Moskau ist es kalt und grau, die Menschen sehen finster drein und benehmen sich wie Wilde. Selbstverständlich ist die untergegangene Sowjetunion weiterhin präsent, und sie wird effektvoll ergänzt durch ein aktuelles Russland, das von der Mafia beherrscht wird. Eine Folter- und Mordetage in einem Hochhaus wirkt in dieser Umgebung keineswegs ungewöhnlich.

Das Vergnügen fliegender Körperteile

Diese Kulisse hat außerdem den Vorteil sehr kostengünstig zu sein. Bis auf wenige Außenaufnahmen findet die Handlung in kahlen Gängen und verkommenen Räumen statt. Aufwand wird an anderer Stelle getrieben: „Botched“ ist eine Splatter-Komödie; hier spritzt das Blut und fliegen die Körperteile. Trotzdem ist der Film ab 16 Jahren freigegeben – ein deutlicher Hinweis darauf, dass sogar die Zensoren das Konzept dieses Films erkannten: Hier ist rein gar nichts Ernst gemeint. (Andererseits hat das noch keinen Schnippler von seinem bösen Werk abgehalten, und hier geht es – ich wiederhole es – wirklich hart zur Sache! Hat da etwa jemand nicht aufgepasst? Dann weiter so!)

„Komödie“ ist in unserem Fall übrigens ein Begriff, der einer näheren Erläuterung bedarf. Die Story an sich ist nicht komisch, und originell ist sie erst recht nicht. Auch die liebevollen Schlachtplatten könnten das nicht ausgleichen. Es sind die wunderbar gecasteten und großartig spielenden Darsteller, die „Botched“ tragen. Wo sich der Regisseur nicht auf sie verlässt, sondern z. B. Slapstick inszenieren will, landet er regelmäßig auf dem Bauch. Zur völligen Realitäts-Ferne von „Botched“ gehört wohl auch, dass die Russen sämtlich von englischen und irischen Schauspielern verkörpert werden. Sie sollen keine realen Bewohner Russlands darstellen, sondern parodieren Klischees. Das macht den eigentlichen Reiz der Handlung aus. Alle Schauspieler leisten tolle Arbeit, aber manche Rollen sind besonders dankbar.

Spiel mit dem Klischee

Da ist beispielsweise Peter, den Jamie Foreman als ‚typisch‘ russischen Kantschädel mit niedriger Stirn und öligem Haarschopf gibt. Peter ist eine Seele von Mensch; selbst wenn er gerade jemanden ermordet hat oder eine Schandtat plant, wirkt er durch seine Unberechenbarkeit gleichzeitig komisch und furchterregend. In Russland gilt ein Menschenleben nichts, und deshalb kann Peter nicht begreifen, dass Ritchie seine Gewalttaten missbilligt.

Russell Smith ist der stockblöde Yuri, der sich über einen Mord genauso aufregen kann wie über den Verlust seines Sandwiches. Er ist nicht nur Peter ein Klotz am Bein und sorgt durch seinen Hang, sich auf die Seite der Geiseln zu schlagen, ständig für Schwierigkeiten. Geoff Bell mimt Boris, der als Soldat angeblich auf allen Schlachtfeldern Russlands mitgemischt hat, bis man ihn wegen „Mobbing, Kannibalismus und homosexueller Vergewaltigung – ist aber alles gelogen!“ auf die Straße setzte. Boris ist nun Wachmann und lebt in der Krise auf, denn endlich kann er anwenden, was man ihn gelehrt hat: wie man Sprüche klopft, seine Kameraden verheizt und sich selbst im Hintergrund hält. Geoff Bells Darstellung gehört zu den Höhepunkten von „Botched“, weil er es versteht, gleichzeitig schamlos zu chargieren und dabei völlig ernst zu bleiben.

Stephen Dorff übernimmt in „Botched“ so etwas wie die Rolle von Zeppo Marx: Er ist der einzige ‚normale‘ Mensch in einer Schar gemeingefährlicher Irrer. Ständig fragt sich Ritchie, wie er, obwohl so smart, in dieses Schlamassel geraten konnte und wie er es lebendig verlassen kann. Er ist derjenige, der zumindest ansatzweise einen Plan hat, den seine unberechenbaren Gefährten indes sogleich sabotieren. Ritchie ist der geborene Pechvogel, und daran wird sich auch nach seinem halbwegs glücklichen Entkommen nichts ändern.

Mensch siegt über Story

Mit Jaime Murray ist ein glücklicher Besetzungsgriff gelungen. Sie ist zumindest in England für ihre offenherzigen = kleiderlosen Film- und Fernsehauftritte bekannt und beliebt. Als ansehnliche Anna ist sie der Fels in der Brandung, selbst wenn sie zwischendurch eines Ohres verlustig geht, und legt dabei eine gehörige Portion Selbstironie an den Tag.

Was in einem ‚normalen‘ Thriller die übliche weibliche Rolle gewesen wäre, teilen sich Zak Maguire (Alex) und Hugh O’Conor (Dmitry). Sie sind die Angsthasen, die ständig gerettet werden müssen und stets versagen, wenn ihre Unterstützung gebraucht wird. Anders als Boris geben sie nicht einmal vor über Mut zu verfügen. Erst als man Dmitri allzu sehr in die Enge jagt, entwickelt er plötzlich Widerstandsgeist – um damit erst recht in Schwierigkeiten zu geraten.

Auch der Rest des Ensembles kann sich sehen lassen. Die Darsteller tragen keine Schuld daran, dass sie das Drehbuch eindeutig zu lange durch die Gänge irren lässt. Vor allem im letzten Drittel geht der Story die Puste aus. Jetzt wird deutlich, dass „Botched“ vor allem eine Nummernrevue mit gelungenen Szenen ist, während die Handlung nur den Rahmen bietet. Deshalb ist u. a. das Ende zwar happy aber nicht gerade logisch: Wieso sollte ausgerechnet die erfolgreiche Anna mit einem Unglücksmenschen wie Ritchie durchbrennen? Dennoch reicht es für einen unterhaltsamen, schrägen Filmabend.

DVD-Features

2007 erschien auch eine Steelbox-Edition, die neben dem Hauptfilm ein Making-of, diverse Interviews mit Schauspielern und Crewmitgliedern, „deleted scenes“ sowie eine Fotogalerie enthält. Diese Rezension basiert allerdings auf einer Neu-Auflage der DVD, die nichts dergleichen bietet.

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Botched – Heute schon Pech gehabt?
Originaltitel: Botched (GB 2007)
Regie: Kit Ryan
Drehbuch: Derek Boyle, Eamon Friel u. Raymond Friel
Kamera: Bryan Loftus
Schnitt: Jeremy Gibbs
Darsteller: Stephen Dorff (Ritchie Donovan), Jaime Murray (Anna), Sean Pertwee (Groznyi), Jamie Foreman (Peter), Russell Smith (Yuri), Geoff Bell (Boris), Zak Maguire (Alex), Hugh O’Conor (Dmitry), Gene Rooney (Katerina), Norma Sheahan (Helena), Igor Chistol, Greg Jeloudov, Edward Baker-Duly (Killer), David Heap (Auktionator), Alan Smyth (Hugo) u. a.
Label: Legend Films International
Vertrieb: EuroVideo
Erscheinungsdatum: 10.11.2011 (DVD)
EAN: 4009750203422 (DVD)
Bildformat: 16 : 9 (1,78 : 1 anamorph)
Audio: DTS 5.1 (Deutsch), Dolby Digital 5.1 (Deutsch, Englisch)
Untertitel: Deutsch, Englisch
DVD-Typ: 1 x DVD-9 (Regionalcode: 2)
Länge: 91 min.
FSK: 16

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