Burning Bright – Tödliche Gefahr

Originaltitel: Burning Bright (USA 2010)
Regie: Carlos Brooks
Drehbuch: Christine Coyle Johnson u. Julie Prendiville Roux
Kamera: Michael McDonough
Schnitt: Miklos Wright
Musik: Zack Ryan
Darsteller: Briana Evigan (Kelly Taylor), Garret Dillahunt (Johnny Gaveneau), Charlie Tahan (Tom Taylor), Peggy Sheffield (Doctor Orsi), Mary Rachel Dudley (Catherine Taylor), Tom Nowicki (Sheriff), Meat Loaf (Howie) u. a.
Label/Vertrieb: Sony Pictures Home Entertainment
Erscheinungsdatum: 13.01.2011 (Kauf-DVD)
EAN: 4030521721623 (Kauf-DVD)
Bildformat: 16 : 9 (1,85 : 1, anamorph)
Audio: Dolby Digital 5.1 (Deutsch, Englisch)
Untertitel: keine
DVD-Typ: 1 x DVD-9 (Regionalcode: 2)
Länge: 86 min.
FSK: 16

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Das geschieht:

Seit die Mutter sich umgebracht hat, ist Kelly Taylor verantwortlich für ihren jüngeren und autistischen Bruder Tom, denn Stiefvater Johnny hat sich nie für die Geschwister interessiert. Derzeit will er auf dem von seiner Frau geerbten Grundstück einen privaten Safaripark errichten. Das Gelände liegt abgelegen in einem der Südstaaten der USA. Was die Exoten vor dem Frieren bewahrt, muss mit witterungsbedingten Unbilden bezahlt werden: Im Sommer suchen Wirbelstürme die Gegend heim. Gerade erst musste Johnny Handwerker anheuern, die Türen und Fenster des Taylorschen Anwesens mit dicken Holzplatten hurrikanfest abdecken.

Kelly ist abgelenkt. Eigentlich wollte sie Tom in einem Heim abliefern. Dort sollte er zukünftig leben, während sie an der Universität studiert. Doch Johnny hat das Familienkonto geplündert und einen Tiger gekauft. Zu diesem Zeitpunkt weiß Kelly noch nicht, dass der schuftige Stiefvater außerdem hohe Lebensversicherungen auf sie und ihren Bruder abgeschlossen hat. Johnny war deshalb sehr daran gelegen, einen Tiger zu erwerben, der bereits durch Blutgier unangenehm aufgefallen ist. Er lässt die Katze zudem hungern, während er Kelly notdürftig beschwichtigt.

Am nächsten Morgen lässt Johnny den übellaunigen Tiger in das Haus. Sämtliche Ausgänge sind verriegelt und verrammelt. Der Sturm hat Telefon-, Handy- und Internetverbindungen unterbrochen. Niemand wird in absehbarer Zeit bei den Taylors nach dem Rechten sehen. Johnny sitzt in der Dorfkneipe, um abzuwarten und sich ein Alibi zu verschaffen.

Als Kelly erwacht, stellt sie ihre Gefangenschaft zunächst verblüfft fest. Kurz darauf entdeckt sie den Tiger – und dieser sie. Ein wilder Kampf in dem fest verschlossenen Haus bricht los. Dass Tom die Flucht als unwillkommene Störung seines autistischen Tagesablaufs ignoriert, sorgt für weitere Spannungen, während draußen der Sturm immer stärker bläst …

„Tyger, tyger, burning bright / In the forests of the night”

1794 veröffentlichte der Dichter William Blake (1757-1827) „The Tyger“. Es umfasst nur 24 Zeilen und gehört dennoch zu den berühmtesten Gedichten der englischen Poesie, wurde Zeile für Zeile, Wort für Wort, Buchstabe für Buchstabe interpretiert und immer wieder zitiert. Auch in den USA des 21. Jahrhunderts kennen es die Zeitgenossen offenbar noch. Wieso sonst würde ausgerechnet ein Hollywood-B-Movie einen Titel übernehmen, der in keiner Weise ankündigt, was den Zuschauer in den nächsten 90 Minuten erwartet?

Wohl noch erstaunlicher ist, dass „Burning Bright“ ungeachtet der trivialen bzw. primär unterhaltenden Handlung ein grundsätzliches Element der literarischen Vorlage entschlossen aufgreift: Blake stellte sich (und seinen Lesern) 1794 die Frage, was Gott sich gedacht haben mag, als er nicht nur einen perfekten Jäger, den Tiger, schuf, sondern auch und gleichzeitig das friedliche Lamm. Den „Tyger“ stellte er zeitgemäß als erbarmungslose Bestie dar, die er in Satzbau, Wortwahl und Sprachduktus virtuos zum Leben erweckte.

Regisseur Carlos Brooks kann dies in seinem Film nur ansatzweise aufgreifen. Der Nachspann bietet dann – wiederum niemals aufdringlich – eine Visualisierung von Blakes Gedicht, wobei Kelly Taylor die Rolle des Lammes übernimmt. Deutlicher als bisher wird die Diskrepanz zwischen Jäger und Opfer verdeutlicht: Der Tiger ist eine Naturgewalt, der Kelly – zumal durch einen Tropensturm und die Sorge um den Bruder zusätzlich gehandicapt – eigentlich nicht gewachsen ist.

Maus mit der Katze in der Falle

Freilich setzte die Realität einer direkten Gegenüberstellung von Mensch und Großkatze Grenzen. Während Briana Evigan den literarischen Subtext berücksichtigen konnte, dürften Katie, Schicka und Kismet – diese drei Tiger lösten sich vor der Kamera in der Rolle des bösen Menschenfressers ab – dieser Herausforderung nicht gewachsen sein. Zwar geht „Burning Bright“ in der Konfrontation zwischen den Arten – der Tricktechnik sei Dank – ein erstaunliches Stück weiter als ältere ‚Tierfilme‘. Tiger können trotzdem nicht schauspielern. Deshalb sehen wir ziemlich oft zwar eine Raubkatze im Inneren eines Hauses, aber eben eine Raubkatze, die neugierig oder ein bisschen verwirrt aber keinesfalls hungrig oder wütend ist.

Hier konnten Brooks, sein Team und seine Darsteller ansetzen und eingreifen. „Burning Bright“ beschränkt sich weder auf das simple Abbilden des Geschehens noch auf (digitale) Spezialeffekte, die nachträglich richten sollen, was die Wirklichkeit nicht hergibt. Die Kamera selbst ist im guten, alten Hollywood-Stil vor Ort und im Studio ständig in Bewegung. Jetzt zeigt sie Kelly und Tom oder den Tiger, im nächsten Moment übernimmt sie eine dieser Rollen, und wir ‚sind‘ beispielsweise Kelly, die ihren Kopf Zentimeter für Zentimeter aus einer Deckung streckt, um nach dem Tiger auszuspähen. Dann wieder sehen wir Kelly und Tom durch die Augen ihres Jägers.

Wo ist wer gerade? Diese Frage ist lebenswichtig, die daraus resultierende Ungewissheit spannender als jene Momente, in denen es zur direkten Konfrontation kommt. Mensch gegen Bestie – Geist gegen Körper: Auf dieses elementare Niveau läuft die Handlung hinaus. Obwohl sie sich im Inneren eines Hauses abspielt, greift sie die uralte, im „Reptilhirn“ des Menschen durchaus noch präsente Erinnerung an Zeiten auf, in denen solche Kämpfe auf Leben und Tod in freier Natur stattfanden.

Auf den Kern reduziert aber unterhaltsam

Solche wuchtigen Hintersinnigkeiten werden dem ‚nur‘ am eigentlichen Geschehen interessierten Zuschauer nie unter die Nase gerieben. „Burning Bright“ ist ganz sicher kein existenzielles Drama, sondern ein gutes, d. h. schnörkelfrei inszeniertes, spannendes und rasantes B-Movie. Die Weichen sind schnell gestellt; man sollte in den ersten, scheinbar ereignisarmen Minuten auf Handlungen und Worte achten. Oft werden sie später buchstäblich lebenswichtig.

Wie überlebt man die Konfrontation mit einem Tier, das für die Jagd praktisch geschaffen wurde? Die Drehbuchautoren Johnson und Roux achten darauf, es selten zur direkten Konfrontation kommen zu lassen. Kelly könnte sie nur unter Missachtung jenes realistischen Tenors gewinnen, mit dem „Burning Bright“ unterlegt ist. So bleibt der Tiger Jäger, und seine Opfer verwenden ihren Verstand darauf, ihm zu entkommen.

Aus dem Inneren des zur Außenwelt verschlossenen Hauses wurden sorgfältig sämtliche Instrumenten und Waffen entfernt, mit denen ein Tiger außer Gefecht gesetzt werden könnte. Dass Fleischmesser oder ein Revolver dazu keinesfalls taugen, führt uns Brooks deutlich vor Augen. In diesem Film gibt es keine Hintertürchen, keine Wunderwaffen, keine Mutation der Heldin zur katzenkillenden Amazone.

„Looked Room Action Mystery“

„Burning Bright“ ist über die meiste Laufzeit ein Kammerspiel mit zwei (menschlichen) Darstellern. Während Charlie Tahan vor allem mimisch reduziert den jugendlichen Autisten gibt, muss Briana Evigan jederzeit nicht nur körperlich präsent sein. Brooks hat mit ihr eine gute Wahl getroffen. Evigan ist eine junge, hübsche und schlanke aber nicht zerbrechliche Frau ‚von nebenan‘. Sie überzeugt, wenn sie die Nase voll hat von der ständigen Fürsorge für ihren Bruder, sie überzeugt, wenn sie ihrem aalglatten Stiefvater zunächst nicht gewachsen ist, und sie überzeugt, wenn sie sich mit Fingern und Zehen in die glatte Innenwand eines Wäscheschachtes krallt, weil unter ihr ein Tiger brüllt und mit der Tatze nach ihr angelt.

Selbstverständlich bietet „Burning Bright“ das Klischee von der Heldin, die in der Krise reift, Entscheidungen trifft und Verantwortung übernimmt. Auch Evigan kann solche Routinen nicht überspielen, aber sie macht sie erträglich. Dies gilt auch für ihr Outfit: ‚Zufällig‘ trägt sie nur ein knappes Top und kurze Shorts, als seltsame Geräusche sie aus dem Badezimmer locken; auf der Flucht vor dem Tiger bleibt ihr später verständlicherweise keine Zeit zum Umzuziehen. Immerhin verstärkt solche Textilarmut den Eindruck verletzlicher Unterlegenheit.

In der Rolle des lumpigen Stiefvaters leistet Garret Dillahunt einen guten Job. Er ist kein eiskalter Killer, sondern ein Egoist, der zum Gelegenheitsmörder wird und sich dabei sehr leid tut. Als eine Art Bote des Teufels fungiert – ohne im Vor- oder Abspann genannt zu werden – Marvin Lee Aday alias „Meat Loaf“. Seit mehr als drei Jahrzehnten ist er nicht nur Sänger, sondern auch Schauspieler; ein fleißiger und durchaus talentierter Mann, der hier den fiesen, gerade in seiner Ruhe besonders bedrohlich wirkenden und Johnny sogleich durchschauenden Tiger-Verkäufer gibt, der die eigentliche Handlung ins Rollen bringt.

Sparen aber nicht knausern

Sicherlich ist „Burning Bright“ kein ‚teurer‘ Film à la „Avatar“ oder „Inception“. Auf der anderen Seite ist dies keine dieser Billig-Produktionen, mit denen z. B. die Mockbuster der Firma „Asylum“ ihr Publikum vergraulen. Hier wurde Geld nicht nur effizient in die Hand genommen, es stand außerdem in ausreichender Menge zur Verfügung. „Burning Bright“ belegt jederzeit sauberes Filmhandwerk.

Paradoxerweise wird dies vor allem dort – nicht – sichtbar, wo (überwiegend klassische) Filmtricks zum Einsatz kamen. Die Handlung spielt während eines Hurrikans, und mit dem werden wir überzeugend konfrontiert, als es Kelly zwischenzeitlich kurz gelingt, das Haus zu verlassen. Wesentlich härter mussten die Effektkünstler arbeiten, um die Darsteller dem Tiger dicht auf die Haut rücken zu lassen, ohne dabei zu offenbaren, dass Mensch und Tier während ihrer Szenen die Kulisse gar nicht teilten. Unmöglich dürfte es sicher auch sein, einen Tiger dazu zu bringen, durch eine Glasscheibe zu springen. Diese und andere optische Herausforderungen wurden zufriedenstellend gemeistert.

Wem diese Besprechung bisher zu enthusiastisch klang, kann vielleicht damit besänftigt werden, dass die Handlungslogik nicht thematisiert wurde. Unter diesen Aspekt ließe sich eine lange Liste ernüchternder Fragwürdigkeiten anschließen. (Wieso frisst der Tiger alle von Kelly mit Beruhigungspillen gespickten Hackfleischbällchen und wird trotzdem niemals müde? Ist ein Tiger schlau genug, gezielt ein Handy mit der Pranke zu zerdrücken? Welche Lebensversicherung würde glauben, dass gleich zwei Klienten von einem Tiger gefressen wurden?)

Auch das etwas abrupte, wenig spektakuläre (oder gerade deshalb überraschende?) Ende enttäuscht; hier ragt der bisher so stilsicher aufgebaute Spannungsbogen plötzlich ins Leere. Dessen ungeachtet gehört „Burning Bright“ zu jenen kurzweiligen Filmen, die mit und trotz ihrer Drehbuchlücken und -Bocksprünge gut genug funktionieren, um solche Kritik ignorieren zu lassen.

DVD-Features

In dem Wissen, welcher Filmmüll heutzutage auf Blu-ray gepresst wird, ist es doppelt schändlich, dass „Burning Bright“ nur als DVD erscheint. Bild und Ton sind gut, die Ausstattung bleibt karg. Es gibt nicht einmal Untertitel und natürlich keinen Audiokommentar, obwohl dieser Film ahnen lässt, dass Carlos Brooks uns Interessantes zu sagen hätte.

Die Extras beschränken sich auf ein ca. zehnminütiges „Making Of“, das zwischen den wie üblich aussageschwachen und werbungsstarken ‚Interviews‘ einige Bilder von den Dreharbeiten zeigt. Wesentlich interessanter aber ebenso kurz ist die Featurette „Forces of Nature“, die von den Schwierigkeiten berichtet, nervöse Schauspieler und dickköpfige Tiger so vor die Kamera zu bringen, dass die einen nicht gefressen werden und die anderen wenigstens manchmal tun, was ihnen angeordnet wird.

Außerdem liest Briana Evigan uns Blakes Gedicht vom „Tyger“ vor.

[md]

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