CannibalsVier Freunde suchen im Dschungel Neuguineas einen vor Jahrzehnten verschollenen Millionärssohn und stoßen dabei auf Kannibalen, die eigene Pläne mit ihren Besuchern haben … – Kuriose Hommage an die kruden Kannibalen-Filme der 1970er und 80er Jahre. Grausiges wird durch den konsequenten Einsatz der subjektiven Kamera verfremdet bzw. nur als Ergebnis gezeigt. Die Stimmung leidet unter Bildern, die wie in einem gut gepflegten Tropenpark entstanden wirken: „Cannibals“ ist ein filmisches Experiment, das zeitweilig interessant gescheitert ist.

Das geschieht:

Mandy, Lebensgefährte Colby, Mandys Jugendfreundin Bijou und deren neuer Freund Mikey planen mit einem besonderen Coup zu Geld zu kommen: Sie begeben sich auf die Suche nach Michael Rockefeller, der 1961 im Südwesten der Tropeninsel Neuguinea nach einem Schiffbruch spurlos verschwand. Weil Michael nicht nur Abkömmling einer der reichsten und berühmtesten Familien der Welt, sondern auch ein Sohn des US-Vize-Präsidenten Nelson Rockefeller war, erregte das Rätsel um sein Schicksal die Medien rund um den Globus. Wer es lösen könnte, kann selbst mehr als vier Jahrzehnte später mit viel Geld rechnen, das die Abenteurer gern einstreichen möchten.

Die Expedition steht indes unter einem Unstern. Neuguinea ist im 21. Jahrhundert ein gefährlicher Ort. Gangsterbanden lauern auf den Straßen, während der Westteil der Insel diktatorisch von Indonesien ‚regiert‘ wird. Das Militär liebt keine Touristen; vor allem Amerikaner sind unbeliebt, wie Mikey zu seinem Leidwesen erfahren muss. Als das Quartett endlich jenen Fluss erreicht, an dessen Ufer der angeblich noch quicklebendige Rockefeller kürzlich gesichtet wurde, zerstreitet man sich, wobei vor allem Mikey sich als undisziplinierter Kotzbrocken erweist. Bijou hält zu ihm, als der Konflikt eskaliert: Mikey hat aus der Begräbnisstätte eines einheimischen Stammes einen Schädel als ‚Souvenir‘ entwendet.

Nach einer letzten Auseinandersetzung stehlen Mikey und Bijou den Proviant der Gruppe und setzen sich mit einem Floß ab. Wutentbrannt folgen ihnen Colby und Mandy, doch die Strafe hat die Diebe längst ereilt: Das Grab enthielt die Gebeine von Kannibalenkriegern, die nun empört (und hungrig) Jagd auf die Frevler machen. Gar Schreckliches tun sie Mikey und Bijou an, und sie sind strikte Anhänger des Prinzips „Mitgefangen-Mitgehangen“, wie Colby und Mandy erfahren müssen, als sie kurz darauf auf der Bildfläche erscheinen …

Im Gedärm der Filmgeschichte

Nachdem seit einigen Jahren der harte, blutige Horrorfilm wieder auf der Erfolgsspur liegt und die großen, fiesen Slasher-Klassiker neu verfilmt werden, war es nur eine Frage der Zeit, bis auch im Bodensatz der Filmhistorie gerührt wurdel Dabei kam eines der sicherlich schmuddeligste Kapitel zum Vorschein kam: der Kannibalen-Horror. Vor allem das italienische „Exploitation“-Kino der 1970er und 80er Jahre vermischte auf unnachahmliche Weise explizite Gewalt und Gräuel-Sex, bis ihm Gesetz und Zensur schließlich den Garaus machten.

Der ganz drastische Ekel darf in unserer politisch korrekten Gegenwart natürlich (noch) nicht wieder heraufbeschworen werden. Zudem ist „Cannibals“ eine australisch-US-amerikanische Co-Produktion und hält sich deshalb mit dem Sex zurück; möchte man wohlwollend urteilen, hat die Filmindustrie inzwischen vielleicht auch dazugelernt und wiederholt nicht jeden Fehler der Vergangenheit.

Die Handlung von „Cannibals“ beschränkt sich nicht auf Gore & Guts. Die Szenen echten und dann drastisch dargestellten Grauens währen oft nur Sekunden, und sie zeigen stets nur das Ergebnis von Gewalttaten, nicht aber deren Vollzug: Dem Zuschauer obliegt es, das aus dem Off dringende Schreien und Stöhnen im eigenen Kopf zu bebildern, was bekanntlich die beste Methode ist, ihn und sie nachhaltig in Angst und Schrecken zu versetzen. (Eine hübsch-hässliche Hommage an den berüchtigten italienischen Klassiker „Cannibal Holocaust“ [dt. „Nackt und zerfleischt“] von Ruggero Deodato [1979] kann sich Regisseur Hensleigh aber nicht verkneifen, als er uns Bijou am Spieß präsentiert.)

Triumph des Klischees (und der Langeweile)

Dass „Cannibals“ – auf dem „Fantasy Filmfest“ 2007 als inoffizielles Remake des Deodato-Streifens gehandelt – kein Gewalt-Porno-Trash wurde, garantierten Regisseur und Drehbuchautor Jonathan Hensleigh, der Drehbücher für Hollywood-Blockbuster wie „Stirb langsam – Jetzt erst recht“, „Jumanji“ oder „Armageddon“ schrieb, und Gale Ann Hurd, die Klassiker wie „Aliens“ und „Terminator II“ (und III) produzierte: Namen, die man nicht unbedingt mit einem Film wie diesem in Verbindung bringt.

Hensleigh begann erst Anfang der 2000er Jahre selbst zu inszenieren; ihm fehlt bis heute ein Erfolg, nach dem man ihn ‚richtige‘ Hollywood-Filme mit großem Budget drehen ließe. „Cannibals“ ist deshalb ein B-Movie, das mit wenig Geld aber mit (allerdings ebenfalls wenigen …) Ideen entstand. Ob die funktionieren, steht freilich auf einem anderen Blatt.

Die Hauptkritik muss sich zweifellos gegen die Entscheidung richten, „Cannibals“ im Stil einer Dokumentation umzusetzen. Scheinbar drehen unsere vier Reisenden den Film mit den beiden Kameras, die sie mit in den Dschungel nehmen. Daraus resultiert eine eigenwillige Darbietung, die das scheinbar Provisorische in den Mittelpunkt rückt. Szenensprünge, das Fehlen verbindender Sequenzen und natürlich ‚Fehler‘ in Schärfe und Beleuchtung wirken zwar plausibel (und drücken die Kosten), stellen aber gleichzeitig Anforderungen an die Zuschauer, die diese möglicherweise nicht erfüllen können oder möchten. Über die Frage, ob das Prinzip der „Found-Footage“-‚Dokumentation‘ sich nicht längst und dauerhaft erledigt hat, müsste gleichfalls diskutiert werden.

Selbst dumme Fragen bleiben ohne Antworten

Die ‚unvollendete‘ Struktur soll möglicherweise auch diverse Schwächen der Story übertünchen. Da „Cannibals“ quasi von den Darstellern gefilmt wurde und von ihnen aus nahe liegenden Gründen nicht fertig gestellt oder montiert werden konnte, bleiben viele Fragen offen, die in einem ‚normalen‘ Film beantwortet werden müssten. Wie kommen Mandy, Colby, Mikey und Bijou, die offensichtlich über keine Reichtümer verfügen, an das prächtige Boot, mit dem sie von den Fidschi-Inseln nach Neuguinea segeln? Überhaupt: Auf welche Weise finanzieren sie ihre Expedition? Warum sind sie, die sich ausgiebig über Michael Rockefeller und die Umstände seines Verschwindens und möglichen Sichtens informiert haben, völlig ohne Kenntnis des Gebiets, in dem sie suchen? Wieso heuern sie keinen ortkundigen Führer an?

Gleichfalls beeinträchtigt es die Glaubwürdigkeit des Geschehens sehr, dass unser Quartett sich im Dschungel benimmt wie während einem Nachmittagsausflug zum Baggersee. Nie teilt sich die angebliche Bedrohung der Landschaft mit. Neuguinea wirkt wie ein gepflegter Tropenpark – das Wasser ist klar, die Pflanzen grün und saftig. Tiere scheint es nicht zu geben. Anscheinend ist es völlig ungefährlich, betrunken und bekifft oder verkatert durchs Unterholz zu torkeln, wie Mikey und Bijou es uns demonstrieren.

Die Kannibalen wirken folgerichtig nicht Angst einflößend, sondern wie das, was sie sind: nackte Statisten, die mit hellem Lehm eingestrichen wurden und ulkige Hüte tragen. Hensleigh zeigt sie uns im hellen Sonnenlicht; als gesichtslose Bedrohung im Halbdunkel wäre ihr Auftritt wirkungsvoller. Hält sich der Regisseur daran, ändert sich die Stimmung schlagartig.

Am Anspruch verhoben

Als nach dem erwarteten bösen Ende (und einem netten, wenn auch voraussehbaren Schlussgag) abgeblendet wird, bleibt das Publikum ratlos zurück. War das den Aufwand und die Zeit wert? Momente der Spannung sind vorhanden, die Schauspieler leisten ausgezeichnete Arbeit, der Aufhänger ist gut gewählt: Die Rockefeller-Story ist real, der Mythos ebenfalls. Aber irgendetwas fehlt, und es resultiert aus dem Entschluss, „Cannibals“ nicht verfremdet als Film zu erzählen, sondern sie als reales Dokument darzustellen. Die Wirklichkeit ist – das lernen wir daraus – für manche Geschichte keine geeignete Basis.

Das Problem entsteht übrigens gar nicht, wenn wir den deutschen Titel ignorieren – das sollte man generell so halten -, und uns ins Gedächtnis rufen, dass der Film im Original „Welcome to the Jungle“ heißt. Es geht um den Dschungel, der unsere vier Reisenden verschlingt. Die Kannibalen geben ihnen den Rest, aber sie sind dennoch nur ein Faktor von vielen, der das Ende bringen. Der eigentliche Keim des Verderbens liegt in den Figuren selbst; sie bringen ihre ungelösten Konflikte an einen Ort mit, der solche ‚Importe‘ nicht duldet, weil seine Bewohner eigenen Regeln unterliegen, die zu beachten sind, ob man dies nun will oder nicht.

Das Spiel in einer ‚Dokumentation‘ fordert Darsteller doppelt: sie müssen in ihre Rollen schlüpfen, ohne dabei Rollen zu spielen. Stattdessen sollen sie ganz normale Alltagsmenschen verkörpern. Schauspiel zerstört das Bild abgefilmter ‚Realität‘, wenn es dieser nicht angeglichen wird. Regisseur und Drehbuchautor Hensleigh hatte das Glück, vier junge Darsteller zu finden, die diesen Balanceakt meistern.

Gänzlich falsche Entscheidungen mit Folgen

Sandy Gardiner, Callard Harris, Nick Richey und Veronica Sywak mimen junge Menschen Anfang 20, die erfreulicherweise keine Hollywood-Teenies sind. Sie müssen deshalb nicht als brünstige Hohlköpfe durch den Dschungel tollen, sondern wirken in ihren Rollen authentisch, obwohl sie keineswegs fehlerfrei sind. Zunächst scheinen Bijou und vor allem Mikey die Störenfriede zu sein, weil sie sich jeder Disziplin entziehen und ihre Expedition als Vergnügungstour betrachten, die sie mit Alkohol und Drogen aufwerten wollen. Mandy und Colby wirken vernünftig. Bei näherer Betrachtung stellt sich heraus, dass Bijou sehr recht hat, wenn sie ihnen Kontrollzwang und Humorlosigkeit vorwirft.

Hensleigh nimmt sich die Zeit, seine vier Hauptdarsteller ausführlich einzuführen und vorzustellen. Wir haben die Möglichkeit, uns unser eigenes Bild zu machen, und erkennen: Hier gibt es keine Guten oder Bösen, sondern nur vier Menschen, die keine echte Vorstellung davon haben, worauf sie sich einlassen, und die sich in eine Krise bringen, die sie überfordert. Stück für Stück zerbricht der Dschungel die angebliche Kameradschaft, die anfänglich demonstriert wird, und legt den Kern des jeweiligen Charakters bloß. Der ist leider zu weich für diese grüne Welt und wird folgerichtig verspeist.

Der Zerfall der Gruppe ist spannend zu beobachten und gut gespielt. Hier wird abermals deutlich, dass „Cannibals“ nicht nur ein auf den Schauwert getrimmter Horrorfilm ist. Hensleigh interessiert das Phänomen der Gruppendynamik. Seine Schauspieler halten auch hier mit. Ihnen ist kein Vorwurf zu machen, dass „Cannibals“ – der Gag sei mir gestattet – weder Fisch noch Fleisch geworden ist.

DVD-Features

Bis auf den Trailer gibt es keine Extras.

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Cannibals – Welcome to the Jungle
Originaltitel: Welcome to the Jungle (Australien 2007)
Regie u. Drehbuch: Jonathan Hensleigh
Kamera: Jonathan Hensleigh u. John Leonetti
Schnitt: John Leonetti
Darsteller: Sandy Gardiner (Mandy), Callard Harris (Colby), Nick Richey (Mikey), Veronica Sywak (Bijou), Robert Atiyava (Stammesältester), Andre Tandjung, Tom Wong (indonesische Grenzposten), Richard Morris, Carmen Alexis (Missionare), Patrick Kiem (australischer Wanderarbeiter), Del Roy (alter Mann/Michael Rockefeller?) u. a.
Label: Galileo Medien AG
Erscheinungsdatum: 27.11.2007 (DVD)
EAN: 4260090985083 (DVD)
Bildformat: 16 : 9 (1,80 : 1 anamorph)
Audio: Dolby Digital 5.1 (Deutsch, Englisch)
Untertitel: Deutsch
DVD-Typ: 1 x DVD-9 (Regionalcode: 2)
Länge: 79 min.
FSK: 18

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