Catacombs
Unter der Erde lauert der Tod

Originaltitel: Catacombs (USA 2007)
Regie u. Drehbuch: Tomm Coker, David Elliot
Kamera: Maxime Alexandre
Schnitt: Josh Rifkin
Darsteller: Shannyn Sossamon (Victoria), Alecia “Pink” Moore (Carolyn), Emil Hostina (Henri), Sandi Dragoi (Liaves), Mihai Stanescu (Jean Michele), Cabral Ibacka (Hugo), Radu Andrei Micu (Nico), Cain Manoli (Leon), DJ Kosta (DJ), Marcello Cobzarju, Marinela Chelaru, Catalin Rotaru (Zollbeamte), Tomm Coker (Dr. Giggles), Ashleigh Rains (Sofi), John Gloria (Bocksmann) uva.
Vertrieb: Universum Film
Erscheinungsdatum: 05.05.2008 (DVD)
EAN: 0886970399890
Bildformat: 16 : 9 (1,85 : 1   anamorph)
Audio: Dolby Digital 5.1 (Deutsch, Englisch)
Untertitel: keine
DVD-Typ: 1 x DVD-9 (Regionalcode: 2)
Länge: 88 min.
FSK: 16

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Das geschieht:

Es ist verboten, politisch unkorrekt und ein bisschen gefährlich: Mehr braucht es nicht, um die Pariser Jugend in Scharen zu jenen Rave-Partys zu locken, die in den düsteren Katakomben der Stadt organisiert werden. Dort ruhen tief unter der Erde die Gebeine von sechs Millionen Menschen und geben die morbide Kulisse für ausschweifende Festlichkeiten.

Mitten drin: Carolyn, eine US-amerikanische Studentin, die angeblich an der Sorbonne ihre Vorlesungen hört, sich aber vor allem als exzessive Partymaus einen Namen gemacht hat. Gerade hat sie Besuch von ihrer jüngeren, psychisch labilen Schwester Victoria, die in Paris ein wenig ‚lockerer‘ werden soll. Als Einstieg in ihr neues Leben dient ausgerechnet der Abstieg in die Katakomben, denn ein neuer Rave steht an.

Ungern schließt Victoria sich ihrer dominanten Schwester an, zumal die degenerierten Europäer es gar zu wüst treiben (u. a. Nacktbaden in einer Katakomben-Grotte!). Deshalb will sie heim, doch sie hat nicht gut zugehört, als Carolyn sie über die Ausdehnung der Grabkavernen aufklärte: Viele hundert Kilometer und auf mehreren Ebenen ziehen sich Gänge, Stollen und Hallen unter der Erde hin. Folgerichtig verläuft Victoria sich.

Woran sie sich bald erinnert, ist die gruselige Geschichte, die ihr Carolyns französische Freunde erzählten: Eine Sekte von Teufelsanbetern habe sich in den Katakomben mit der Zucht eines völlig verderbten Anti-Christen versucht und sei erfolgreich gewesen; das mit einem Ziegenschädel maskierte Wesen schleiche mordlüstern durch die Dunkelheit, wo es denen auflauere, die vom Wege abkommen. Zu diesen Pechvögeln gehört nun auch Victoria, und siehe da: Sie vernimmt heftiges Schnaufen, und im Licht der spuckenden Fackel zeichnet sich an der Wand der Schatten von Bockshörnern ab …

Was halt Gruseliges in Höhlen geschehen kann

Gilt es als Spoiler, wenn ich nunmehr ‚verrate‘, dass sich eine turbulente Jagd durch Knochenhöhlen, verlassene Kellergewölbe, Bunkerschächte sowie ein Abstecher in die Kloaken anschließen? Anderseits: Was sollte denn sonst geschehen? Falls etwa wirklich jemand Originalität und Überraschungen von diesem Film erwartet, genügt die Sichtung des Trailers, der dieser DVD dankenswerterweise zweisprachig aufgebrannt wurde.

Wenn das Monster nicht gerade im Bild ist, verlässt sich das Drehbuch auf die üblichen Labyrinth-Klischees: Dauernd läuft unsere Heldin im Kreis, verheddert sich in spitzen Gegenständen, stürzt in Ekliges, verliert ihre Lampe (mehrfach!), wird von Ratten und Fledermäusen erschreckt, schreit wie am Spieß und bemüht sich – von handgeführter Wackel-Kamera und trügerischen Schattenspielen weidlich unterstützt – die absolute Dämlichkeit der Story vergessen zu lassen.

Shannyn Sossamon sei Dank, dass dies hin und wieder geschieht (s. u.), doch dem ob seiner Unglaubwürdigkeit zu hellen Wutausbrüchen reizenden und auch noch miserabel in Szene gesetzten Finaltwist bleibt auch sie ausgeliefert. (Immerhin gibt es einen ‚Schluss nach dem Schluss‘, und der besänftigt, weil jeder Hohlkopf bekommt, was er verdient.)

Eine Kulisse zum Niederknien

Die Katakomben von Paris: das größte Beinhaus der Menschheitsgeschichte. Paris ist eine uralte und seit jeher große Stadt. Über Jahrhunderte begruben die Bürger ihre Toten auf den innerstädtisch gelegenen Friedhöfen ihrer Pfarrkirchen. Ende des 18. Jahrhunderts quollen diese buchstäblich über: Die Erde war „verwesungsmüde“ (ein tolles Wort, das ich während meiner Recherchen aufgespürt habe) und nahm keine neuen Leichen mehr auf, die deshalb auf den Straßen ‚gelagert‘ wurden, wo sie erwartungsgemäß keinen erfreulichen Anblick boten.

In ihrer Not beschlossen die Behörden, die Stadtfriedhöfe aufzulassen und die Leichen vollständig zu exhumieren – sechs Millionen Leichen! Glücklicherweise besteht der Untergrund von Paris aus einem Gewirr teilweise riesiger Stollen: Viele hundert Jahre brach man den Stein, aus dem die Kirchen, Häuser und Mauern der Stadt errichtet wurden, einfach an Ort und Stelle aus dem Boden, den man dabei über 300 km unterhöhlte. Diese unterirdischen Kavernen waren ideal als Beinhaus geeignet.

Über mehrere Jahrzehnte zog sich das gruselige Projekt hin. Die Totengräber wurden von künstlerischem Ehrgeiz gepackt und stapelten die Knochen zu dekorativen Skulpturen riesigen Ausmaßes. Tafeln mit frommen Sinnsprüchen wurden angebracht, kurz: Eine eigene Totenstadt entstand, die an eine vorgeschichtliche Kultstätte erinnert.

Ein Totenhaus als Magnet für die Lebenden

Bis auf den heutigen Tag ist das Labyrinth der Katakomben nicht vollständig erforscht. Viele Gänge sind eingestürzt oder einsturzgefährdet. Teile der Anlage sind erschlossen und können besichtigt werden. Die meisten Bereiche bleiben jedoch abgesperrt; ein Betreten ist nicht nur wegen der damit verbundenen Gefahren, sondern auch aufgrund der gebotenen Friedhofsruhe streng verboten.

Gerade deshalb ziehen die Katakomben ungebetene Gäste magisch an. Die heimlichen Partys sind keine Erfindung der Drehbuchautoren, sondern finden tatsächlich statt – dies ist die Rechtfertigung für den berühmten Satz „Nach einer wahren Begebenheit“, der auch den Vorspann von „Catacombs“ ziert.

Die Realität der Katakomben schlägt jede erdachte Kulisse. Als Besucher ist man sprachlos, wenn man durch diese irrwitzige Totenwelt wandert. Einen Film hier spielen zu lassen, war eigentlich überfällig. Das Problem ist freilich, dass die Behörden es auch heute gar nicht gern sehen, wenn zwischen echten Gebeinen ein Horrorfilm gedreht werden soll. Nur die ‚oberirdisch‘ gedrehten Filmsequenzen spielen deshalb im echten Paris. Die Katakomben wurden im rumänischen Bukarest nachgebaut. In den ehemaligen „Ostblock“ weichen Filmproduktionen, die mit dem Geld knausern müssen, heute gern aus, weil in den dortigen Studios Profis arbeiten, die kostengünstig Unglaubliches leisten. Die Bauten für „Catacombs“ sind bemerkenswert und als solche nur zu identifizieren, wenn – wie in der „B-Roll“ sichtbar – grelles Scheinwerferlicht auf sie fällt. Ansonsten überzeugen sie in jeder Sekunde und stellen (neben Shannyn Sossamon; s. u.) die eigentliche Attraktion dieses Films dar.

Darstellerleistungen und -routinen

Ihr Name fand bereits zweimal lobende Erwähnung: Shannyn Sossamon ist eines der Pfunde, mit denen die Regisseure Coker & Elliot wuchern können, was ziemlich paradox ist, weil Sossamon zu den Frauen gehört, bei denen man jeden Knochen zählen kann. In dem zierlichen Persönchen steckt indes eine gute Schauspielerin. Wenn man sie im Interview sieht, glaubt man kaum, dass Sossamon identisch mit der überzeugend zerbrechlichen, psychisch derangierten, von Hysterie und Panik regierten Victoria ist. Sossamon ist eine ruhige, sehr bestimmt über ihre Rolle sprechende Frau, in der deutlich der Profi erkennbar wird. Darüber hinaus ist sie eine aparte Erscheinung: eine leicht herbe Schönheit mit ‚Gesicht‘, d. h. kein silikonverstärktes Retorten-Girlie.

Dass Alecia Moore eher als Popstar „Pink“ bekannt ist, wird von ihr selbst mit keiner Silbe erwähnt; sie weiß gut um ihre schauspielerische Unerfahrenheit. Moore wurde nach Auskunft des Regisseurs engagiert, weil sie so ‚authentisch‘ sei. Die Rolle der taffen großen Schwester (Moore ist fast ein Jahr jünger als Shannyn Sossamon alias Victoria …) füllt sie deshalb aus, indem sie ist, wie sie angeblich ist.

Viel Schaden kann Moore nicht anrichten, weil sie im Vor- und im Nachspann zwar an zweiter Stelle genannt wird, doch auf der Leinwand vergleichsweise kurz und meist in Partylaune zu sehen ist. Im „Making of“ sorgt sie für Erheiterung, wenn man sie in offenbar verworfenen Szenen sieht, wie sie mit stummfilmhaft verzerrter Miene z. B. Erstaunen zu mimen versucht. Aber sie macht ihre Sache gut, wenn man ihr nichts abfordert, das sie überfordert. Nicht grundlos geben Sänger/innen ihr Schauspieldebüt gern in Horrorfilmen.

Vorurteile und Lächerliches

Was sind diese Europäer – halt, nicht nur Europäer, sondern auch noch Franzosen! – doch für dekadente Ferkel! Sie hausen in zigeunerhaft dekorierten Bruchbuden, feiern Orgien (s. o.: Nacktbaden!) zwischen Totenschädeln, trinken verbotenen Absinth, ziehen gierig und ohne sich dabei zu verstecken an Zigaretten, tanzen topless (auch die Mädchen!) und richten zu allem Überfluss auch noch zwei amerikanische Maiden zu Grunde! Die Erwachsenen sind nicht besser; schon am Flughafen wird die arme Victoria von den Zollbeamten gedemütigt und verspottet, weil sie die Heidensprache ihres Gastlandes nicht versteht.

Dabei spielen in diesem Film kaum Franzosen mit. Gedreht wurde in englischer bzw. amerikanischer Sprache. Da in US-amerikanischen Ohren alle Ausländer gleich klingen – nämlich unverständlich –, ist in diesem Punkt Authentizität überflüssig und kann durch Ökonomie ersetzt werden: „Catacombs“ wurde nicht nur in Bukarest gedreht, sondern auch mit rumänischen Darstellern besetzt, die ein Französisch sprechen, das die gallischen Gebeine in den Katakomben eigentlich zornentbrannt aufspringen lassen müsste. Meist werden sie indes gezwungen, ‚englisch‘ radebrechen, damit Victoria (in Vertretung des Zielpublikums) sie verstehen kann. Die deutsche Synchronisation ist in diesem Punkt … nennen wir es erheiternd, da dies die gesündere Reaktion ist.

DVD-Features

Eher lieblos als zahlreich wurden der „Catacombs“-DVD einige Features aufgespielt. Da haben wir zunächst den Trailer in US-amerikanischer und deutscher Sprache, der wieder einmal einen spannenden Film suggeriert, den wir leider nicht sehen werden.

Das „Making of“ nennt sich hier „B-Roll“, weil einfach diverse Szenen von den Dreharbeiten kommentarlos hintereinander gezeigt werden. Von Hintergrundinformation kann keine Rede sein, aber immerhin ist es interessant zu beobachten, wie trist die Katakomben-Kulisse wirkt, wenn sie nicht durch Licht & Schatten konturiert wird.

Stolze neun Interviews darf sich der Zuschauer anhören, doch manches lässt dem Sprechenden gerade mal die Zeit für einen einzigen Satz. Wirklich Wissenswertes weiß ohnehin kaum jemand zu sagen. Die am Film Beteiligten schleimen sich gegenseitig mächtig ein und bemühen sich überzeugend zu wirken, wenn sie „Catacombs“ als „ganz anderen“ Horrorfilm bezeichnen.

[md]

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