Chernobyl Diaries

Originaltitel: Chernobyl Diaries (USA 2011)
Regie: Bradley Parker
Drehbuch: Oren Peli, Carey Van Dyke u. Shane Van Dyke
Kamera: Morten Søborg
Musik: Diego Stocco
Darsteller: Jonathan Sadowski (Paul), Olivia Taylor Dudley (Natalie), Jesse McCartney (Chris), Devin Kelley (Amanda), Dimitri Diatchenko (Uri), Nathan Phillips (Michael), Ingrid Bolsø Berdal (Zoe) u. a.
Label/Vertrieb: Warner Home Video
Erscheinungsdatum: 26.10.2012
EAN: 5051890118134 (DVD)/5051890118110 (Blu-ray)
Bildformat: 16 : 9 (1,85 : 1, anamorph)
Audio: Dolby Digital 5.1 (Deutsch, Englisch)
Untertitel: Deutsch, Englisch
DVD-Typ: 1 x DVD-9 (Regionalcode: 2)
Länge: 82 min. (Blu-ray: 86 min.)
FSK: 16

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Das geschieht:

Während einer ausgedehnten Europa-Reise besuchen Chris, seine Verlobte Natalie und deren Freundin Amanda Chris‘ älteren Bruder Paul, der sich im ukrainischen Kiew angesiedelt hat. Weil er seinen Gästen etwas Besonderes bieten will, heuert Paul den auf „Extrem-Tourismus“ spezialisierten Ex-Soldaten Uri an. Dieser organisiert verbotene aber lukrative Besichtigungstouren in die Stadt Pripyat. Kaum 100 Kilometer von Kiew entfernt lebten dort bis 1986 mehr als 50000 Menschen buchstäblich im Schatten des Atomkraftwerks Tschernobyl. Nachdem einer der Reaktoren kollabiert war, wurde Pripyat binnen weniger Stunden geräumt. Die Einwohner mussten ihr Hab und Gut in den verstrahlten Heimen lassen, sodass Pripyat als Mischung aus Museum und Geisterstadt zurückblieb.

Neben den vier US-Amerikanern nehmen auch der Australier Michael und seine Freundin Zoe an der Expedition teil. An Bord von Uris steinaltem Kleinbus geht es heimlich in die Sperrzone. Mutierte Fische, staubige Wohnungen und der Blick auf die nicht allzu fernen Türme von Tschernobyl sorgen bei unseren gutsaturierten Schock-Touristen für den erhofften Real-Grusel, der indes in echten Schrecken umschlägt, als Uri feststellt, dass man seinen Bus lahmgelegt hat. Niemand weiß, dass die Gruppe in Pripyat unterwegs ist. Weder Funkgerät noch Handys funktionieren.

Die Nacht bricht an, und verwilderte, hungrige Hunde kommen aus ihren Schlupfwinkeln. Sie attackieren Chris und verletzten ihn schwer. Uri verschwindet spurlos. Während Natalie bei Chris im Bus bleibt, macht sich der Rest der Gruppe auf die Suche nach Uri, der allein die Gegend kennt. Als man ihn in einem Keller findet, ist er allerdings nicht mehr in der Lage, seinen Gästeführerpflichten nachzukommen. Unsere Abenteuer-Urlauber stecken fest. Schlimmer noch: Sie müssen feststellen, dass sich nicht nur wilde Hunde in Pripyat breitgemacht haben. Da gibt es noch andere, üblere, schlauere Schreckensgestalten, die ungeduldig auf die nächste Nacht warten, um die Neuankömmlinge auf unvergessliche Weise zu begrüßen …

Film mit Vorbelastung

„Chernobyl Diaries“ trägt als Film zumindest in einem Punkt schwer an einer Last, die unverdient ist: Hinter dem Projekt steht als Produzent und Drehbuch-Mitautor Oren Peli, der in der Filmwelt zum Messias aufgestiegen ist, seit es ihm 2007 gelang, mit dem für ein Taschengeld finanzierten Gruselfilm „Paranormal Activity“ weltweit knapp 200 Mio. Dollar einzuspielen sowie ein „PA“-Franchise zu begründen, das 2012 bereits in die vierte Runde geht. Selbstverständlich blicken Kritiker und Zuschauer (in dieser Reihenfolge) seither mit Argusaugen auf jedes neue Werk des Meisters, der zwischen überteuerter Mainstream-Langeweile und Billig-Trash einen goldenen Mittelweg gefunden zu haben schien.

Das konnte nur schiefgehen; es war nur eine Frage der Zeit. Da Peli nach „Paranormal Activity“ keinen Film mehr inszenierte und sich erst 2013 mit „Area 51“ wieder als Regisseur den Wölfen stellen wird, mussten sich diese darauf beschränken, seine Aktivitäten als Produzent und vor allem Autor zu kritisieren. Dies geschah bereits ausgiebig im Zusammenhang mit „Paranormal Activity“, Teil 2 und 3, und so erging es Peli auch dieses Mal. Dabei ist „Chernobyl Diaries“ gar nicht einmal schlecht geraten. Ohne überzogene Erwartungshaltung sorgt dieser Film für soliden Durchschnitts-Horror in interessanten Kulissen. Das ist – zumal im Genre – bekanntlich keine Selbstverständlichkeit.

Horror-Hausmannskost

Natürlich entschuldigt dies nicht die zahlreichen Routinen und Klischees, die durchaus zu Recht moniert wurden. Die Story ist in gewisser Weise klassisch: Eine kleine Gruppe reist dorthin, wo es gefährlich ist, und strandet dort. Niemand wird zur Rettung herbeieilen, stattdessen umzingeln nur schattenhaft erkennbare aber heimtückische Gestalten das Lager, in dem ausgiebig gezankt und sich gegenseitig die Schuld an der Situation zugeschoben wird. Dann ereilt ein unschöner Tod den ersten Darsteller, worauf sich eine wilde, gern durch den exzessiven Einsatz der Wackelkamera dramatisch verstärkte Flucht anschließt, in deren Verlauf die Gruppe weitere Federn bzw. Mitglieder tot zurücklassen muss.

Bradley Parker, der seine Brötchen bisher damit verdiente, Hollywood-Blockbuster wie „Fight Club“, „Red Planet“ oder „xXx – Triple X“ durch CGI-Effekte eindrucksvoller zu gestalten, reißt in seinem Regie-Debüt wahrlich keine Bäume aus. Wie sollte er auch, wenn gleich drei Drehbuch-Autoren außerstande sind, ihm eine dazu geeignete Vorlage zu liefern? Parker selbst zieht sich durch sauberes Handwerk leidlich aus der Affäre. „Chernobyl Diaries“ ist dort, wo das Licht eine Sichtung gestattet, ein ansprechend gestalteter Film. Gedreht wurde nicht vor Ort, da man die Darsteller schwerlich in die Nähe des weiterhin glosenden Tschernobyl-Ground-Zeros hätte locken können. Nach dem Ende des realen aber wider Erwarten nicht siegreichen Sozialismus‘ findet man aber auch in Serbien ganze Häuserblocks, die von ihren Bewohnern aufgegeben wurden – dies nicht aufgrund radioaktiver Strahlung, sondern weil in diesen Plattenbauten wohl tatsächlich nur Mutanten leben wollten. Nachträglich ‚entfärbte‘ Filmbilder sorgen für einen betongrauen, unwirtlichen Look, der die Trostlosigkeit einer entvölkerten Stadt eindrucksvoll unterstreicht.

Parker weiß, wie man Spannung generiert. Dass die Story in ihrer zweiten Hälfte zunehmend ins Leere zu laufen bzw. sich in einer düsteren Verfolgungsjagd durch endlose Gänge und labyrinthische Kelleranlagen zu erschöpfen beginnt, darf er wieder auf das Drehbuch schieben. Es war ebenfalls die Autoren-Trias, die beschloss, den Zuschauer buchstäblich im Dunkeln über die unbarmherzigen Verfolger zu lassen. Dabei wurde die Auflösung so früh und gleichzeitig plump vorbereitet, dass selbst der dümmste Zuschauer weiß, dass in Pripyat verbliebene und durch die Strahlung zu Monstern mutierte Bürger ihr Unwesen treiben.

Reisen bildet, aber fremd ist gefährlich

Dort heizen sie immerhin denen ein, die ein solches Schicksal verdienen. Man darf davon ausgehen, dass weder Peli noch Parker die Mutanten-Falle absichtlich hinter sechs echte Unsympathen zufallen ließen. Doch genau diesen Eindruck drängt sich zumindest dem europäischen Zuschauer auf. Das liegt nicht unbedingt an dem Drang, sich einen spannenden Nachmittag dort zu machen, wo eine ganze Stadt zugrundeging; die menschliche Neugier ist neutral und in diesem Fall verständlich.

Allerdings wähnten sich primär der spießige Chris, die anhängliche Natalie sowie die just entliebte Amanda, schon vorher im Feindesland. Die Warnungen durch Lehrfilme wie „Hostel“ 1 und 2 haben sie dennoch ignoriert: Meide das Ausland, meide den Osten, bleibe daheim in den USA! Man fragt sich, wieso unsere drei Abenteuer-Urlauber die sicheren USA überhaupt verlassen haben, wenn sie schon in helle Panik geraten, weil ihnen in der Altstadt von Kiew drei betrunkene aber nicht gerade brandgefährliche Einheimische begegnen.

Fühlt man sich sicher, macht man sich gern über die rückständigen Russen lustig. Selbst in einem Land, das definitiv nicht westlichen Standards gerecht werden kann, verlangen unsere Urlauber das narrensicher organisierte, reibungslos ablaufende Abenteuer. Dass Uri in dieser Hinsicht vielleicht nicht der richtige Ansprechpartner ist, wird ignoriert. Trotzdem beklagt man sich bitter, sobald der Karren im radioaktiven Dreck von Pripyat feststeckt.

Anspruch an falscher Stelle

Die durchweg flachen, sich in Klischees erschöpfenden Figurenzeichnungen provozieren die Gleichgültigkeit des Zuschauers, der um die Protagonisten nie bangt, sondern darauf wartet, dass und wie es die Nächste oder den Nächsten erwischt. Leider bleibt uns selbst dieser Unterhaltungsfaktor verwehrt, weil die zweite Filmhälfte in stygischer Dunkelheit spielt. Auf diese Weise soll die Spannung geschürt werden: Wenn du nichts sehen kannst, ist die Gefahr allgegenwärtig!

Freilich kämpft der Zuschauer eher gegen die Übelkeit, die ihm Morten Søborgs entfesselte Kamera beschert. „Chernobyl Diaries“ ist keineswegs ein „Found-Footage“-Film. Daher fragt man sich, wieso die Kamera plötzlich die subjektive Sicht der Flüchtenden übernimmt. Schließlich hielt sie sich zuvor gern ein wenig abseits und arbeitete mit der erschreckenden Weite der verwüsteten Stadtlandschaft. Die Enttäuschung über diesen Film basiert auch aus seiner besseren ersten Hälfte. Trotz aller Routinen ist ein Spannungsbogen da. Dummerweise läuft er als Bauruine über den Filmminuten 40 bis 82 aus.

Das Versprechen einer durch den Schauplatz definierten Gruselstory hilft immerhin, die unbeholfenen Bemühungen um Charaktertiefe zu überspielen. Da wird grob ein Konflikt zwischen den Brüdern Paul und Chris angedeutet, oder es kommt zum schmalzig im Angesicht des Todes zelebrierten Heiratsantrag (Chris an Natalie). Für die Handlung ist dies unwichtig. Chris bleibt ein Langweiler, Paul ein „American-Pie“-Hohlkopf, Natalie eine vor allem blonde Nervensäge, Amanda die ‚erwachsene‘ Spaßbremse. Michael und Zoe sind überhaupt nur als Mutanten-Futter an Bord. Ausgerechnet der angeblich zwielichtige Uri wirkt authentisch als unternehmungslustiger Russe im kapitalistischen Frühling.

Im Trüben gefischt

„Tschernobyl“ ist als Ort des Geschehens nur eine auswechselbare Chiffre. Das Wort macht sich gut im Titel, doch mit der Katastrophe von 1986 und ihren Folgen hat die Handlung keine echten Berührungspunkte. Die Geschichte könnte sich genauso an jedem anderen einsamen Ort dieser Erde abspielen – und das hat sie auch schon, wie jeder Horror-Freund bestätigen kann, der sich in der Filmgeschichte nur ein wenig auskennt.

Nicht einmal auf einschlägige Effekte darf er sich freuen, obwohl die Story Splatter geradezu fordert. Peli und Parker wollten die Kunst der Andeutung ihren Zauber wirken lassen. Es fehlt aber das Wissen, wie und wann man ihn beschwören kann bzw. muss. „Chernobyl Diaries“ könnte ein wenig drastische Grobheit gut brauchen. Für den Zuschauer ist das angestrengte Starren in die Dunkelheit kein Ersatz für Gruselspannung, wenn sich diese auch sonst nicht einstellen will.

„Chernobyl Diaries“ ist letztlich kein schlechter, sondern ein enttäuschender Film, weil er unter seinen Möglichkeiten bleibt. Schraubt man seine Erwartungen herunter, bleibt auf jeden Fall eine zwar nie originelle aber rasante, selten wirklich langweilige Horror-Action-Geschichte, die konsequent düster (und hoffentlich ohne Andeutung einer Fortsetzung) ausgeht. Man hat sich schon oft deutlich schlechter unterhalten – und Orin Peli ist auch nur ein Mensch.

DVD-Features

Hintergrund-Material zum Film gibt es durchaus; man findet beispielsweise eine „B-Roll“ mit Aufnahmen von den Dreharbeiten im Internet. Aufgespielt wurde der deutschen Fassung jedoch nichts, selbst die Blu-ray bleibt ohne Beiwerk. Dabei wäre es interessant, Näheres über die Diskussion zu erfahren, die sich um „Chernobyl Diaries“ entspann, nachdem diverse Gutmenschen die politische nicht korrekte Nutzung eines realen Unglücks für schnöde Unterhaltung monierten. Die Produzenten gossen in ihrer Gegenargumentation erst recht Öl in ein Feuer, das kostenfrei aber pressewirksam für die üblichen, d. h. um sich selbst kreisenden Scharmützel sorgte.

[md]


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