cloverfield

Eine Gruppe junger Partygäste gerät in die Attacke eines landtauglichen Seeungeheuers, als dieses den New Yorker Stadtteil Manhattan attackiert. Auf ihrer Flucht geraten sie zwischen das Monster und das aus allen Rohren feuernde US-Militär und erleben den Untergang der Millionenmetropole … – Die klassische und mit Klischees durchsetzte Story wird als (künstlich) verwackeltes, schlecht belichtetes „Homemovie“ präsentiert und wirkt als Ausschnitt eines mysteriösen, aber in seiner Gesamtheit nie erläuterten Geschehens außerordentlich spannend.

Das geschieht:

Bevor Rob Hawkins, noch jung an Jahren aber beruflich bereits sehr erfolgreich, am nächsten Morgen New York verlässt und nach Japan fliegt, um dort eine neue Stelle anzutreten, richten ihm Bruder Jason und Beinahe-Schwägerin Lily eine Abschiedsparty aus. Der tumbe Hud soll das Ereignis mit der Digitalkamera als Erinnerung festhalten. Rob ist gerührt aber auch schockiert, als seine Freundin Beth mit einem neuen Lover auftaucht. Die Party droht im Streit zu enden, als plötzlich eine gewaltige Explosion das Gebäude erzittern und den Strom ausfallen lässt.

Die Gäste verlassen fluchtartig das Haus, geraten aber wie ihre ratlosen Mitbürger vom Regen in die Traufe, als neben ihnen auf der Straße der vom Rumpf getrennte und kilometerweit geschleuderte Kopf der Freiheitsstatue einschlägt. Ein halbwegs geordneter Rückzug aus Manhattan setzt ein, der in wilde Panik umschlägt, als der Urheber der Zerstörungen schemenhaft sichtbar wird: Ein gigantisches Ungeheuer tobt durch die Straßen, richtet gewaltige Verheerungen an und tötet jeden Menschen, dessen es habhaft werden kann.

Auch Jason wird sein Opfer, als das Geschöpf die Brooklyn Bridge zerschmettert, über die er und die Freunde Manhattan verlassen wollten. Geschockt und ratlos kehren die Überlebenden um, als Rob über Handy einen Hilferuf von Beth erhält: Sie liegt verletzt in ihrer Wohnung und kann sich nicht befreien. Aller Vernunft zum Trotz beschließt Rob, Beth zu retten. Lily, Hud sowie Freundin Marlena schließen sich an. Während das Monster tobt und das Militär aufzieht, um es mit immer großkalibrigeren Waffen zu beschießen, taumeln die Freunde durch eine Stadt im Ausnahmezustand. Feuer und Zerstörung behindern sie, und immer wieder kreuzt das Ungetüm ihren Weg, bis es zur allerletzten Konfrontation kommt …

Das Monsters neue Kleider

Klingt diese Story nicht sehr bekannt? Dies könnte auch die Inhaltsangabe zum Filmklassiker „The Beast from 20.000 Fanthoms“ (dt. „Panik in New York“) aus dem Jahre 1953 sein, in dem der Drehbuchautor einen prähistorischen „Rhedosaurus“ aus den Atlantikfluten springen & in der genannten Stadt wüten lässt. In der Tat bereichert „Cloverfield“ das Genre des Phantastischen Films um keine einzige originäre oder gar originelle Idee – es ist alles schon dagewesen und wird nicht selten szenengetreu wiederholt.

Wenn dieser Film dennoch für Furore sorgen konnte, geht das einerseits auf geschicktes Marketing und andererseits auf die Entscheidung zurück, mit der Erwartungshaltung des Publikums zu spielen. „Cloverfield“ wurde im Vorfeld mit allen viralen Mitteln beworben, die das Medium Internet ermöglicht; dies wurde ergänzt durch eine Serie von Trailern, die zusammenhanglose aber aufregende Bildfetzen zeigten und sich ansonsten weitgehend darüber ausschwiegen, dass hier ein Film angekündigt wurde.

Die Neugier des Menschen wird vor allem durch das geweckt, was man ihm (scheinbar) vorenthalten möchte. Was ging da unter dem Decknamen „Cloverfield“ vor? Der Boden war gut bereitet, als der Film schließlich in die Kinos kam – gut genug jedenfalls, um den Erfolg zu gewährleisten, obwohl Kritik und Zuschauerschaft umgehend in begeisterte Zustimmung oder harsche Ablehnung verfielen. Denn sogar die einzige spektakuläre Idee, das Geschehen ausschließlich als digitale Aufzeichnung dessen wiederzugeben, was die Flüchtigen während ihrer Odyssee aufnehmen, war bereits 2008 ein alter Hut. Immer wieder gibt und gab es Filme, die ihre Geschichte aus der subjektiven ‚Sicht‘ der Kamera erzählten. Mit spektakulärem Erfolg geschah dies vor „Cloverfield“ 1999 mit „The Blair Witch Project“.

Aus dem Blickwinkel eines einäugigen Beobachters

Einerseits ist Neugier das ausschlaggebende Instrument. Wird andererseits während der wilden Flucht vor einem gefräßigen Monster gefilmt, fällt das Ergebnis verständlicherweise konfus aus. Auf Belichtung, Bildschärfe oder die Suche nach einem möglichst einträglichen Kamerawinkel kann da nicht geachtet werden. So bildet „Cloverfield“ ein wüstes Geflimmer bewegter Bilder, die man am besten als Produkt einer Achterbahnfahrt beschreibt; nicht ohne Grund standen in zahlreichen US-Kinos Warnschilder, die vor dem optisch anstrengenden Filmerlebnis „Cloverfield“ quasi warnten (und für noch mehr Neugier sorgten).

Das ‚Blickfeld‘ einer Kamera ist vergleichsweise eng. Der Mensch verfügt über ein 180-Grad-Sichtfeld und eine natürliche Anti-Wackel-Automatik, die ihn selbst im größten Getümmel buchstäblich den Überblick behalten lässt. Damit kann sogar die Kameratechnik des 21. Jahrhunderts nicht mithalten. „Cloverfield“ ist deshalb ein Zusammenschnitt undeutlicher Szenen, die dem Zuschauer nicht hirngerecht serviert werden, sondern die er sich im eigenen Kopf zu einem möglichst geschlossenen Gesamtbild zusammensetzen muss. Dies ist eine ziemlich anstrengende aber auch spannende Herausforderung. Normalerweise wird man als Zuschauer nicht zur aktiven ‚Mitarbeit‘ gezwungen. Nicht jeder spielt gern mit, wie die Ablehnung von „Cloverfield“ verdeutlicht.

So hart Augen und Hirn indes arbeiten, es gibt keine hundertprozentige Klärung der Ereignisse. „Cloverfield“ lässt viel Raum für eigenständige Schlüsse und Deutungen. Das Internet dokumentiert dies in zahlreichen Foren, in denen ratlose Zuschauer über offene Fragen diskutieren. Das schließt die Natur des „Cloverfield“-Ungetüms ausdrücklich ein. Im Film taucht es nur in ‚Ausschnitten‘ oder verwaschenen Ganzkörper-Ansichten auf und wirkt dadurch umso unheimlicher. Diesen Eindruck sollte man sich bewahren, denn inzwischen gibt es das Fledermaus-Krabben-Vieh als Spielzeugfigur, die an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig lässt und jegliche Vorstellungskraft ad absurdum führt.

Unzulänglichkeit ist übrigens harte Arbeit. Wer glaubt, man habe „Cloverfield“ tatsächlich mit einer normalen Digicam gefilmt, irrt gewaltig: Keine dieser Kameras könnte ein Bild erzeugen, das sich auf Kinoleinwandgröße ‚aufblasen‘ ließe. Also wurde moderne Hightech eingesetzt und das lupenreine Ergebnis anschließend mit weiterer Hightech ‚verschlimmbessert‘, bis der gewünschte Effekt erreicht war.

Das abrupte Ende der Normalität

In dem einen Moment beobachtet man eine langweilige Party durchschnittlicher Twentysomethings, im nächsten beginnt ein opferreicher Kampf ums Überleben: „Cloverfield“ ist ein Film, der auch an die Schauspieler erhöhte Anforderungen stellte. Die grobkörnige Verwaschenheit des Bildes ist anders als vielleicht gedacht kein Schutz, hinter dem sich spielschwache Darsteller verbergen können. Stattdessen müssen sie sich bemühen, in einem optischen Blitzgewitter glaubhaft zu wirken.

Das heißt: Das Schauspiel muss auf den jeweiligen ‚Blick‘ der Kamera abgestimmt werden, und die wirbelt durch die Luft, liegt schräg auf dem Boden, schneidet Köpfe ab. Gesichtszüge können nur erahnt werden, Gefühle durch Stimme und Körperhaltung ausgedrückt werden. Den Darstellern gelingt es, sogar T. J. Miller ist als Hud stets präsent, obwohl wir ihn, der die Kamera hält, nur selten selbst im Bild sehen.

Große Namen wird man in der Darstellerliste nicht finden. Bei einem Budget von 25 Mio. Dollar war dies weder möglich noch erwünscht, da gerade die ‚Anonymität‘ der Schauspieler den Zuschauern ermöglicht, sich mit ihnen zu identifizieren: Was dort auf der Leinwand geschieht, könnte auch mir und meinen Freunden zustoßen!

Eine darüber hinaus gehende Bedeutung sollte man „Cloverfield“ übrigens nicht unterstellen. Da das Monster in New York umgeht, lag nicht nur in den USA der Gedanke an einen allegorischen ‚Kommentar‘ zum 9/11-Desaster von 2001 nahe. Diese Interpretation wird im Film nie forciert, auch in diesem Punkt dürfen sich Publikum und Kritiker eigene Gedanken machen. Letztlich ist „Cloverfield“ ein spannender Horrorfilm, nicht mehr, nicht weniger.

DVD-Features

Weil in Sachen ‚fiktiver Berichterstattung‘ nicht gespart wurde, gibt es eine Menge mehr oder weniger interessanter Features, die auf die „Cloverfield“-DVD gepresst werden konnten. Außer dem obligatorischen (und marktschreierischen) „Making of“ gibt es einige entfernte Szenen sowie alternative Enden, die anzuschauen dem Filmfreund stets Freude bereiten, weil es etwas über die Genese des endgültigen Werks erzählt. Dazu gibt es einen Audiokommentar von Regisseur Matt Reeves, der zwar ein wenig zu überzeugt von der Originalität des Konzepts ist aber natürlich mit Zusatzinfos nicht geizt.

Im Vorfeld gab es eine damals noch neuartige und viel diskutierte virale Werbeaktion, in deren Rahmen diverse Als-ob-Websites ins Netz gestellt wurden, die mit mysteriösen Nachrichten, Texten und Bildern neugierig auf den Film machen sollten. Diverse Figuren hatten sogar eigene „MySpace“-Seiten.

P. S.: Obwohl „Cloverfield“ mehr als 170 Mio. Dollar einspielte, gab es bisher keine Fortsetzung, sondern stattdessen zwei Filme, die offenbar im selben ‚Universum‘ spielen: „10 Cloverfield Lane“ (2016) und „God Particle“ (2017).

Copyright © 2016 by Michael Drewniok, all rights reserved

Cloverfield – Etwas hat uns entdeckt
Originaltitel: Cloverfield (USA 2008)
Regie: Matt Reeves
Drehbuch: Drew Goddard
Kamera: Michael Bonvillain
Schnitt: Kevin Stitt
Darsteller: Jessica Lucas (Lily Ford), T. J. Miller (Hudson ‚Hud‘ Platt), Michael Stahl-David (Rob Hawkins), Mike Vogel (Jason Hawkins), Lizzy Caplan (Marlena Diamond), Odette Yustman (Beth McIntyre), Margot Farley (Jenn), Theo Rossi (Antonio), Brian Klugman (Charlie), Kelvin Yu (Clark), Liza Lapira (Heather), Lili Mirojnick (Lei), Ben Feldman (Travis) u. a.
Label/Vertrieb: Paramount Home Entertainment
Erscheinungsdatum: 22.08.2008 (DVD)/06.10.2008 (Blue-ray)
EAN: 4010884534689 (DVD) bzw. 4010884254686 (Blue-ray)
Bildformat: 16 : 9 (1,78 : 1; anamorph)
Audio: Dolby Digital 5.1 (Deutsch, Englisch, Türkisch)
Untertitel: Deutsch, Englisch, Türkisch
DVD-Typ: 1 x DVD-9 (Regionalcode: 2)
Länge: 81 min. (Blu-ray: 85 min.)
FSK: 12

Titel bei Amazon.de (DVD)
Titel bei Amazon.de (Blu-ray)

10 Cloverfield Lane

Scouts vs. Zombies – Handbuch zur Zombie-Apokalypse

The Cabin in the Woods

Zombieland