Als im Londoner Eastend die Toten auferstehen, schließen sich Bankräuber mit den Insassen eines Altenheims zusammen, um sich durch die Zombie-Horden in Sicherheit durchzuschlagen … – Der Humor dieser Horror-Komödie beschränkt sich leider auf die absurde Ausgangssituation; vor allem in der zweiten Filmhälfte sprechen witzarm vor allem die Waffen: Schade, denn einige verdiente Veteranen des britischen Films spielen noch einmal grandios auf; sie hätten ein besseres Drehbuch verdient.

 Das geschieht:

Die Brüder Andy und Terry Macguire sind zwei typische Gewächse des Londoner Eastends. Hier geht es rau aber herzlich zu, das Gesetz gilt als Richtlinie, die ständig auf ihre Dehnbarkeitsgrenzen getestet wird. Nachdem ihre Eltern als glücklose Gauner von der Polizei erschossen wurden, übernahm ihr Großvater die Aufzucht von Andy und Terry. Ray Macguire ist ein stahlharter Hund, der sich auch im Alter keine Unverschämtheiten gefallen lässt. Dennoch lieben die Brüder ihn, und sie sehen ihn regelmäßig, denn sie fahren Essen für das Altenheim aus, in dem Ray bescheiden aber angenehm und unter Freunden untergekommen ist.

Doch das Heim soll geschlossen, seine Bewohner sollen auf andere Einrichtungen verteilt werden. Obwohl Ray sich ungerührt gibt, wissen seine Enkel, dass ihm der Umzug zu schaffen macht. Da sie selbst weder mit Vermögen noch mit Intelligenz gesegnet sind, beschließen sie, das notwendige Geld für eine Sanierung des Heims durch einen Bankraub zu erwirtschaften. Cousine Kate, Kumpel Davey und der psychisch instabile „Mental Mickey“ schließen sich ihnen an.

Der Coup gerät aus dem Ruder, die Polizei kreist die Bank ein. Doch als das Quintett – inzwischen verstärkt durch die Geiseln Emma und Clive – einen Ausfall versucht, finden man die Belagerer tot und angefressen vor: Aus einer verfluchter Friedhofsgruft sind Zombies gestiegen, die nun in der Stadt ihr Unwesen treiben.

Inmitten des ausbrechenden Chaos‘ versuchen unsere Räuber nicht nur, ihre Beute in Sicherheit zu bringen. Sie müssen auch mit den widerspenstigen Geiseln und dem zunehmend überschnappenden Mickey fertigwerden. Zudem wollen Andy, Terry und Kate Großvater Ray retten, der sich mit seinen Gefährten in der Küche des Altenheims verbarrikadiert hat und auf Rettung wartet. So beginnt eine ereignisreiche und gefährliche Odyssee durch das von Untoten verheerte Eastend …

Eine gute Idee = ein guter Film?

Viele gute Filme sind einer einzigen Idee entsprungen. Ohnehin heißt es in Hollywood, dass ein erfolgreicher Plot auf der Rückseite einer Streichholzschachtel Platz findet. Es muss halt ein wirklich guter Einfall sein, der die kreativen Säfte der Beteiligten zum Fließen bringt. Wenn es klappt, freut sich das Publikum über schräge Unterhaltung, die womöglich in die Filmgeschichte eingeht.

Dass die Zahl solcher Glückskinder allerdings selten ist, gerät darüber schnell in Vergessenheit. Dummerweise beschränkt sich der Einfallsreichtum manchmal auf die Idee, die in der Umsetzung auf der Strecke bleibt. „Cockneys vs. Zombies“ fällt in diese Kategorie, wie der Leser nach obiger Einleitung vermutlich schon geahnt (oder befürchtet) hat.

Auf die eine Seite stellen Regisseur und Vorgaben-Lieferant Matthias Hoene und seine Drehbuchautoren James Moran und Lucas Roche eine Bevölkerungsgruppe, die sich nicht im Schmelztiegel der Londoner Bürgerschaft auflösen wollte. Die Wahl fiel auf die „Cockneys“, die im seit jeher schäbigen Eastend ihrer Stadt leben und aufgrund gewisser Eigenarten gern von den ‚besseren‘ Bürgern verspottet werden. Cockneys gelten als dumm und dreist, großmäulig aber kleinhirnig. Sie trinken viel und prügeln gern, sind quasi von Geburt an kleinkriminell und sprechen ein Kauderwelsch, das nur Ihresgleichen verstehen.

Was ist eigentlich komisch?

Da „dreist & dumm“ heutzutage mit „amüsant & einträglich“ gleichgesetzt wird, gibt es unzählige Komödien, in denen sich IQ-freie Tölpel so blamieren, dass selbst (bzw. vor allem) geringfügig weniger begriffsstutzige Zuschauer sich über sie lustig machen können. Eventuell tatsächlich existierende kulturelle Besonderheiten werden vergröbert und übertrieben; „die Cockneys“ werden bei Hoene zu einer Art Indianerstamm, dessen Reservat das Eastend ist.

Also sind die jungen Cockneys dumme aber immerhin familientreue Weicheier (männlich) bzw. taff und hübsch (weiblich), während die Alten vielleicht eine Gehhilfe benutzen aber ansonsten weder körperliche noch geistige Schwäche zeigen. Alle Greise haben selbstverständlich im II. Weltkrieg gedient oder waren Gangster, sodass sie mit großkalibrigen Waffen nicht nur vertraut sind, sondern ihr Auftauchen freudig begrüßen. Die Frauen flirten auch im hohen Alter noch wie vor einem halben Jahrhundert, und gemeinsam bietet man den Repräsentanten der städtischen Behörden trotzig die Stirn.

Dummerweise geht zumindest den deutschen Zuschauern viel vom tatsächlichen Witz dieser Komödie verloren. Die Synchronisation ebnet die Cockney-Sprache, die alles andere als eine englische Variante dümmlichen Döner-Deutsches ist, gnadenlos ein. Das geht so weit, dass Zorn über eine Figur aufkommt, die sich ausschließlich in Reimen äußert. Ist dies jener Humor, der Alzheimer und die Folgen für komisch hält? Doch im O-Ton entpuppt sich dieser Darsteller als Meister des „Cockney Rhyming Slang“, einer Art Geheimsprache, in der das Wort, das eigentlich gemeint ist, durch einen im Zusammenhang gänzlich unpassenden Ausdruck ersetzt wird, der sich auf das ursprüngliche Wort reimt. Nur das Wissen einer verschworenen Gruppe um die Mechanismen dieses Slangs ermöglicht eine Kommunikation, die den Außenstehenden gleichermaßen verwirrt wie fasziniert.

Shauns Schatten reicht weit

Nun treffen diese Cockneys auf Zombies. Nach kurzer Zeit wissen wir, dass auch dieser ungewöhnliche Menschenschlag kaum komödiantische Funken aus den Untoten schlagen kann. Letztere bleiben, was sie sind: schlurfende, hässliche Kannibalen, die nur durch einen Schuss in oder Schlag auf den Kopf zur endgültigen Ruhe gebettet werden können. Folgerichtig reiht sich nun Kill-Gag an Kill-Gag. Zombies werden mit der Heckenschere geköpft, mit dem Doppeldeckerbus überfahren, sogar Handgranaten kommen zum Einsatz. Darüber hinaus wird aus allen Rohren gefeuert. Als den Autoren gar nichts einfällt, öffnen sie Mental Mickey Waffencontainer. Der Inhalt wird bestaunt,  den Zuschauern dabei vorgeführt und anschließend zum Einsatz gebracht. Zombies werden einzeln oder gruppenweise zerlöchert und zerfetzt

Das soll offensichtlich lustig sein, ist es aber selten, weil Hoene und seine Autoren nicht schaffen, was Edgar Wright und Simon Pegg 2004 so genial gelang: Auch in „Shaun of the Dead“ waren die Zombies einfach Zombies und doch urkomisch, weil ihr Untod leicht aber präzise parodiert wurde. Außerdem gingen diese Szenen unterstützend in eine stringente Handlung ein. Hoene & Co. haben dagegen nur ihre Ausgangsidee und keine Ahnung, wie sie daraus eine Geschichte machen sollen. Stattdessen reihen sie wie gesagt ihre Scherze und sind dabei ohne jenes Timing, das für das Funktionieren von Humor so wichtig ist. (Der Regisseur versucht uns im Interview weiszumachen, er habe ohnehin keine Zombie-Komödie, sondern ein Zombie-Adventure im Sinn gehabt.)

Eine ähnlich zweifelhafte Steigerung des Humorfaktors ist es, moderne Schnellfeuerwaffen in Rentnerhände zu spielen. Man könnte meinen, Hoene habe Honor Blackman nur deshalb engagiert, um sie noch einmal eine Maschinenpistole so schneidig zusammensetzen zu lassen, wie sie es 1962-64 (vor Emma Peel) als Catherine Gale an der Seite von John Steed in „The Avengers“ („Mit Schirm, Charme und Melone“) beherrschte.

Die alte Garde gibt noch einmal alles

Das meist laue Geschehen stimmt generell dort traurig, wo man einige altgediente und wunderbare britische Schauspieler lässig ihre Klischeerollen abspulen sieht. Vor allem Alan Ford beeindruckt durch eine Lebhaftigkeit, die sein Alter – zum Zeitpunkt der Dreharbeiten war er bereits über 75 – Lügen straft. Aber auch weniger kregele Veteranen wie Richard Briers – der hier seine letzte Filmrolle spielte – sind stets präsent. Aus ihrer Gebrechlichkeit machen sie keinen Hehl. In besseren Szenen wird sie einfallsreich und sarkastisch ins Geschehen integriert, in der zweiten Hälfte wird stattdessen – s. o. – scharf geschossen.

Viel Geld stand der Produktion offenkundig nicht zur Verfügung. Im Eastend spielt diese Geschichte auch deshalb, weil es dort rezessionsbedingt große Industriebrachen gibt, die sich in zombieverseuchte Straßenzüge umrüsten lassen. In der Ferne erheben sich die bekannten Wolkenkratzer, sodass man gleichzeitig günstig zeigen kann, dass man in London ist.

Die Zahl der Zombies hält sich in Grenzen, ihr Make-up ist recht dezent, was verzeihlich ist, da der Untod gerade erst zu grassieren beginnt. Mehr Mühe gab man sich bei den Metzel-Szenen, auf die Zombiefans stets besonders kritisch ihre Augen richten. Hier gibt es wenig zu monieren. Blut, Fleischfetzen und Eingeweide sind ausgiebig zu bewundern. Nur selten versauen übertriebene CGI-Blutfontänen den Eindruck sauberen Horror-Handwerks.

Das Finale gerät dagegen völlig aus dem Lot. Sentimentalität soll es richten, gerinnt aber zu purem, schwülstigen Pathos, wenn Ray sich opferlustig zwischen die Untoten wirft oder die Cockney-Rentner zum Kreuzzug gegen die Zombies aufrufen, die sie (wie weiland die Normannen oder die Nazis?) aus ‚ihrem‘ Eastend vertreiben wollen. Egal ob Horror-Komödie oder Horror-Abenteuer: „Cockneys vs. Zombies“ bleibt ein Versprechen, das nie wirklich eingelöst wird und glücklicherweise endet, bevor Unterhaltungskurve endgültig zur Geraden abflacht.

DVD-Features

Die Extras gaukeln wieder einmal eine Informationsfülle vor, die sie nicht besitzen. Diverse entfernte und erweiterte Szenen vermisst man nicht wirklich; es ist nur bedingt komisch, Mental Mickey dabei zu beobachten, wie er einer lästigen alten Lady die Nase mit einem Kopfstoß bricht. (Im Hauptfilm blieb ja jene ulkige Szene erhalten, in der Mickey ein Zombie-Baby zu Brei schlägt.)

„Hinter den Kulissen“ oder in der „Zombie-Schule“ gibt es ebenfalls wenig zu sehen. Man lernt immerhin, wie ein Zombie zu schlurfen und den Kopf hängen zu lassen und sieht viele Bilder glücklicher Statisten, denen es gelungen ist, wenigstens untot zum Film zu kommen.

Ein Abfallprodukt der „Zombies-vs.-Cockneys“-Facebook-Seite ist eine Fragerunde mit Regisseur Matthias Hoene, der außerdem ein Interview gibt. Einen echten Blick hinter die Kulissen bietet ein Vergleich zwischen vier Minuten Storyboard und der auf dieser Grundlage umgesetzten Szene. Selbstverständlich ist auch der Trailer (deutsch und englisch) enthalten.

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Cockneys vs. Zombies
Originaltitel: Cockneys vs. Zombies (GB 2012)
Regie: Matthias Hoene
Drehbuch: James Moran u. Lucas Roche
Kamera: Daniel Bronks
Schnitt: Neil Farrell u. John Palmer
Musik: Jody Jenkins
Darsteller: Harry Treadaway (Andy Macguire), Rasmus Hardiker (Terry Macguire), Michelle Ryan (Katy), Alan Ford (Ray Macguire), Honor Blackman (Peggy), Georgia King (Emma), Jack Doolan (Davey Tuppence), Ashley „Bashy“ Thomas (Mental Mickey), Dudley Sutton (Eric),  Georgina Hale (Doreen), Tony Selby (Daryl), Richard Briers (Hamish), Tony Gardner (Clive) u. a.
Label/Vertrieb: Studiocanal
Erscheinungsdatum: 07.03.2013
EAN: 4006680065441 (DVD)/4006680065458 (Blu-ray)
Bildformat: 16 : 9 (2,35 : 1, anamorph)
Audio: Dolby Digital 5.1 (Deutsch, Englisch)
Untertitel: Deutsch
DVD-Typ: 1 x DVD-9 (Regionalcode: 2)
Länge: 85 min. (Blu-ray: 88 min.)
FSK: 18

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