Collapse of the Living Dead

Originaltitel: Collapse (USA 2010)
Regie: Jason Bolinger u. Mike Saunders
Drehbuch: Mike Saunders
Kamera: Jenny Stolte
Schnitt: Jason Bolinger u. Mike Saunders
Musik: Jason Bolinger u. Vincent Gillioz
Darsteller: Chris Mulkey (Robert Morgan), Karen Landry (Molly Morgan), Travis Slade Reinders (Will Morgan), Linnea Quigley (Mrs. Bell), Angela Dezen (Dana), Michael Cornelison (Dr. McFarland), Clint Curtis (Sheriff Rhodes), Mike Tweeton (Hank), Ray H. Thompson (Mr. Linn), Justin Marxen (Edgar Hennenlotter), Ethan Henry (Deputy Cooper), Troy Hollatz (Bob) uva.
Label: Savoy-Film
Vertrieb: Intergroove Media GmbH
Erscheinungsdatum: 15.12.2011 (Verleih-DVD) bzw. 27.01.2012 (Kauf-DVD/Blu-ray)
EAN: 807297083897 (DVD) bzw. 807297083996 (Blu-ray)
Bildformat: 16 : 9 (1,85 : 1, anamorph)
Audio: Dolby Digital 5.1 (Deutsch, Englisch)
Untertitel: keine
DVD-Typ: 1 x DVD-9 (Regionalcode: 2)
Länge: 88 min. (Blu-ray: 91 min.)
FSK: 18


Titel bei Amazon.de (DVD)

Titel bei Amazon.de (Blu-ray)

Das geschieht:

Um die Morgans steht es schlecht. Vater Chris, Mutter Molly und Sohn Travis bewohnen und bewirtschaften eine kleine Farm im US-Mittelwesten. Vor einem halben Jahr starb die Tochter, was Molly an den Rand des Wahnsinns trieb, der seither mit schweren Medikamenten nur mühsam in Schach gehalten wird. Travis hasst die niedergedrückte Stimmung auf der Farm und meidet die Schule. Verzweifelt versucht Robert die Familie zusammenzuhalten.

Schon damit überfordert, sitzt ihm auch die Bank im Nacken. Die Wirtschaftskrise hat längst die Provinz erreicht. Die Morgans stehen so tief in der Kreide, dass eine Zwangsräumung droht – eine Ankündigung, die Robert vor Molly und Travis geheim gehalten hat. Nun kündigt noch Knecht Hank, der schon lange keinen Lohn mehr bekam. Das Kartenhaus steht vor dem Einsturz.

Doch als ein Scherge der Bank auf der Morgan-Farm erscheint, will er kein Geld, sondern Menschenfleisch: In der 15 Meilen entfernten Stadt – und offenbar nicht nur dort – ist eine Zombie-Seuche ausgebrochen. Travis wird gebissen und von Robert vorsichtshalber isoliert, während er sich mit Karen im Haupthaus der Farm verbarrikadiert.

Die Stromversorgung fällt aus, die Vorräte gehen zur Neige. Da Hilfe von außen nicht kommt, will Robert in die zombieverseuchte Stadt fahren, um Nachschub zu organisieren. Er plündert den wohlgefüllten Waffenschrank, was sich auszahlt, denn in der Tat lauern die Untoten überall. Robert schießt um sich und kann trotzdem nur knapp entkommen. Hastig tritt er den Rückzug auf die Farm an, während ein breiter Strom von Zombies ihm folgt – oder ist alles ganz anders? Hat es einen Grund, dass die wenigen Überlebenden, auf die Robert stößt, so seltsam reagieren und mehr Angst vor ihm als vor den Untoten zu haben scheinen …?

Ein Pfund Fleisch aus des Farmers Körper

Wie bespricht man einen Film, den eine einzige aber zugegeben originelle Idee vor dem verdienten Absinken in die Tiefen des Trash-Tümpels bewahrt, ohne genau diese Idee unerwähnt zu lassen? Faktisch ist es zumindest diesem Rezensenten unmöglich, womit er freilich nicht allein steht: In jeder längeren Besprechung von „Collapse“ wird die Spoiler-Katze aus dem Sack gelassen.

Wenigstens kann man sich dabei auf den Regisseur und Drehbuchautor berufen, der die Handlung bereits in der zweiten Filmhälfte ‚kippen‘ lässt und damit nicht erst bis zum Finale wartet. Zudem leidet „Collapse“ nicht unter der Enthüllung, was einerseits für besagte Idee spricht, andererseits jedoch damit zu begründen ist, dass dieser Film trotz seines besonderen Ansatzes kümmerlich geraten ist. Der Einfall ist gut, die Umsetzung ist es nicht.

Bleiben wir noch bei der Idee: Die Feindschaft zwischen Bank und Farmer ist in den USA nicht nur historisch, sondern geradezu klassisch. Sie geht primär auf die Weltwirtschaftskrise der 1930er Jahre zurück, als finanziell ruinierte Farmer ihre Heime und Äcker verloren, weil sie den Banken vorgeschossene Kredite nicht zurückzahlen konnten. Erst das daraus resultierende Elend und drohende Unruhen führten dazu, dass in den USA wenigstens ansatzweise ein Sozialstaat eingerichtet wurde. Die Erinnerung an den arbeitsfaulen, herzlosen Banker im weißen Hemd und Anzug, der mit dem Sheriff kommt, um den Farmer und seine Familie zu vertreiben, blieb jedoch präsent.

Der Schock geht tief, denn auch für Robert Morgan ist seine Farm nicht nur Arbeitsplatz, sondern die eigene, von den Vorfahren seit gefühlten Urzeiten bearbeitete Scholle. Deshalb fühlt er sich wie Shakespeares Antonio, dem im „Kaufmann von Venedig“ der Geldverleiher Shylock ein Pfund Fleisch aus dem Körper schneiden will, als er in Zahlungsverzug gerät.

Die Farm: Heimat, Festung – Gefängnis

Zur empfundenen Gnadenlosigkeit der Bank, die um der Bilanz willen Existenzen vernichtet, kommt die Bedrohung der Familie. „Vom gefällten Baum machen alle Kleinholz“, lautet ein amerikanisches Sprichwort. Genauso sieht es Robert: Er hat beinahe alles verloren, sogar eine Tochter ist ihm gestorben. Verliert er die Farm, hat er als auch Ehemann und Vater endgültig versagt. Diese Haltung ist ihm unerträglich und erzeugt jenen Stress, der ihn schon längst hat in den Wahnsinn abgleiten lassen, als die Filmhandlung einsetzt.

Saunders ist zuzugestehen, dass er die diesbezügliche Fährte zwar legt, gleichzeitig aber geschickt verwischt. Mollys Labilität hat einen unvermuteten Grund, und Roberts Beharren gegenüber dem Arzt, dem Sheriff oder dem Banker, dass daheim „alles in Ordnung“ sei, bekommt erst schleichend und dann immer schneller einen unguten Unterton: Da liegt mehr im Argen als Trauer, allgemeine Sprachlosigkeit oder Geldnot.

Doch die Morgan-Farm gleicht einem Schiff, und Robert ist der Kapitän. Sein Wort ist Gesetz. Schwierigkeiten werden innerhalb der Familie geklärt, nach außen wird geschwiegen. Die räumliche Entfernung zur Stadt steigert die Isolation, die seit jeher zur idealen Brutstätte für Irrsinn werden kann

Die Welt wird im Wahnsinn verständlich

Irgendwann muss die überstrapazierte Psyche zerbrechen. Robert interpretiert die Welt, die sich gegen ihn verschworen hat, auf eine bizarre aber ihm leichter begreifbare Weise um: Seine Feinde verwandeln sich von Blutsaugern in Menschenfresser. Gegen sie kann er wehren, denn wie es sich für den Nachfahren von Pionieren gehört, rosten zwar Traktor und Familienlimousine, nicht aber die in eindrucksvoller Zahl gesammelten und gut gepflegten Handfeuerwaffen und Schrotflinten. Im 21. Jahrhundert ist ein Indianerüberfall zwar unwahrscheinlich, doch Robert ist bereit!

Dass man ihm den Zerfall seines Geistes abnimmt, liegt vor allem am Darsteller Chris Mulkey. Er gehört zu jenen viel beschäftigten Mimen, die jährlich bis zu sechs Rollen annehmen, dabei weder TV-Routine noch B- und C-Movies scheuen und in der Regel trotzdem grundsolide Arbeit abliefern. Mit seinem von Pockennarben gezeichneten Gesicht eignet sich Mulkey gut als Parade-Bösewicht, den er deshalb oft gibt. Dieser Schublade entschlüpft er offensichtlich gern.

Das Regie-Duo Bolinger & Saunders konnte nicht nur Mulkey, sondern auch seine tatsächliche Ehefrau Karen Landry anheuern. Sie tragen das Drama darstellerisch, wobei es ihnen gelingt, die ‚Drehung‘ zu vermitteln, die erforderlich ist, um das Geschehen, das wir zunächst nur aus Roberts Sicht verfolgen, in die Realität zu überführen, in der Molly sich als womöglich stärkerer Teil des Paares erweist.

Nicht nur die Psyche wird fadenscheinig

Damit endet leider die kurze Liste der Pluspunkte. Saunders, der auch als Regisseur und Autor stolz seinen in Kindertagen erhaltenen Spitznamen „Insane Mike“ konserviert, mag wohl ein Querdenker sein. Ein Unterhaltungstalent ist er dagegen nicht. Nur Robert und Molly Morgan schrieb er profilstarke Rollen auf die Leiber, auch dabei geizte er nicht mit Klischees, die Mulkey und Landry ausbügeln müssen.

Für routinierte Schauspieler war ansonsten kein Geld mehr da. Ausgerechnet zwei verdiente Veteranen des billigen Gruselfilms (Linnea Quigley,  Michael Cornelison) versteckte Saunders in überflüssigen Nebenrollen. Stattdessen stellte er Anfänger und Laiendarsteller en masse ein. „Collapse“ entstand u. a. in der Kleinstadt West Branch, US-Staat Iowa, deren filmbegeisterte Bürger sich gleich im Familienbund als Zombies verpflichten ließen. Sie schlurfen durch das Bild, wie sie es im Kino gesehen haben, und unter der dünnen Schminke wird deutlich, dass sie sich das Grinsen kaum verbeißen können.

Grundsätzlich bringt Saunders die beiden Handlungsstränge nicht zusammen. Vor allem im Zombie-Teil gehen nur  dreibeinige Pferde mit ihm durch. Er vernachlässigt den Zwischenton, sondern wähnt sich in einem ‚richtigen‘ Horrorfilm. Dies führt zu den üblichen Mustern und sorgt für mindestens tausendfach (und oft besser) gesehene Halsbisse und Kopfschüsse. Wo dem Effektzauberer mehr als die tagesüblichen zwei Budget-Dollar in die Hände gerieten, ließ er seinem Ehrgeiz freien Lauf und kreierte echte Splatter-Szenen, die in dem ansonsten amateurhaften Streifen unvorteilhaft auffallen.

Farmer-Grusel als Bauern-Theater

Denn Anfänger wähnt man jederzeit am Werk. Begeisterung ist kein Ersatz für Talent oder handwerkliches Geschick. Die Dialoge sind dürftig oder dumm. Der Kameramann scheint mit dem Boden verwachsen zu sein, der Cutter nur einen Arm zu haben. Mit-Regisseur Bolinger versucht sich auch am Soundtrack; einen Job, den er erst recht nicht meistert. Das Drehbuch schlägt der Logik seltsame Schnippchen: Wieso ist die Stadt zunächst zombieleer, als Robert dort erscheint? Halten die Untoten ein kollektives Nickerchen, während sie auf Besucher = Frischfleisch warten? Ohnehin scheinen sie bei Bedarf aus dem Boden zu wachsen.

Zombietum macht sich bei Saunders in erster Linie durch zerfetzte Kleider bemerkbar. Alle Zombies sind sorgfältig und auf eine Weise zerlumpt, die absolut ratlos in der Frage lässt, wie sie schon nach wenigen untoten Stunden in diesen Zustand geraten konnten. Sie jagen ohnehin kaum Angst ein; aufgrund des sorgfältig beachteten Schlurfgangs sind diese Kreaturen so langsam, dass ihre Opfer ihnen ostentativ und ewig den Rücken zudrehen müssen, damit sie erwischt werden können. Des Zuschauers Blutdruck steigt dabei nur, weil er den betreffenden Darsteller – meist den armen Chris Mulkey – gehetzt nach links und rechts aber demonstrativ nie nach hinten blicken sieht: Spannungsaufbau unterscheidet sich offensichtlich vom Versuch, sein Publikum für dumm zu verkaufen.

Auf dilettantische Weise schleppt sich die Handlung voran. Die finale Auflösung ist zumindest konsequent und recht grimmig, kann aber für die anderthalb Stunden Lebenszeit nicht ersetzen, deren Verlust den Zuschauer weitaus stärker schmerzt als jeder Zombiebiss.

DVD-Features

Die ‚Ausstattung‘ von DVD (und Blu-ray) unterstreicht, dass „Collapse“ zum Auswurf der Filmgeschichte gehört: Mit Trailer und Bildergalerie wird man abgespeist.

Unschuldig sind „Insane Mike“ & Co. übrigens am selten dämlichen deutschen Titel des Films: Was soll denn ein „Collapse of the Living Dead“ sein? „Collapse“ gibt im Original knapp, präzise und unheilverkündend die Richtung der Geschichte vor. Das „… of the Living Dead“ belegt den dreisten Versuch, hierzulande zwar für debil gehaltene aber solvente Zuschauer/Käufer an die Zombie-Angel zu nehmen. Wer sich auf typischen Därme-raus-Horror gefreut hat, dürfte solche Manipulation anschließend mit einer Ächtung des verantwortlichen Labels und seiner Filme ahnden.

[md]

Titel bei Amazon.de (DVD)

Titel bei Amazon.de (Blu-ray)