Comedown

Originaltitel: Comedown (GB 2012)
Regie: Menhaj Huda
Drehbuch: Steven Kendall
Kamera: Trevor Forrest
Schnitt: Adrian Murray
Musik: Theo Green
Darsteller: Jacob Anderson (Lloyd), Sophie Stuckey (Jemma), Adam Deacon (Jason), Jessica Barden (Kelly), Calum McNab (Gary), Duane Henry (Colin), Geoff Bell (Ray Grady), Shizzio (Shaf), Naga (Naz) u. a.
Label: Label: Capelight Pictures
Erscheinungsdatum: 19.07.2013
EAN: 4042564142884 (DVD)/4042564142891 (Blu-ray)
Bildformat: 16 : 9 (1,85 : 1, anamorph)
Audio: Dolby Digital 5.1 (Deutsch, Englisch)
Untertitel: Deutsch
DVD-Typ: 1 x DVD-9 (Regionalcode: 2)
Länge: 90 min. (Blu-ray: 94 min.)
FSK: 18

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Das geschieht:

Drei Monate hat Lloyd im Knast gesessen und nun genug von der ziellosen „Boyz-in-the-Hood“-Romantik seiner Jugendjahre. Freundin Jemma erwartet zudem ein Kind, weshalb Lloyd ernsthaft versucht erwachsen zu werden. Damit erregt er Zorn und Neid seines ohnehin jähzornigen „Bro‘s“ Jason, der sich als Hood-Boss gefällt und es gar nicht gern sieht, wenn einer seiner Kumpels Anstalten macht, das Getto hinter sich zu lassen, wozu er zu dumm und zu faul ist.

Auf einen kleinkriminellen Job lässt sich Lloyd dennoch ein: Für den Betreiber eines Piratensenders sollen er und seine Freunde eine Antenne auf dem Dach des Mercy-Point-Hochhauses aufstellen. Dieses heruntergekommene Gebäude kennen Lloyd, Jemma, Jason, Kelly, Gary und Colin nur zu gut, denn hier sind sie aufgewachsen, hier haben sie sich kennengelernt. Schon vor Jahren wurde das inzwischen endgültig baufällige Haus geräumt, es soll bald abgerissen werden.

In der Nacht verschafft sich das Sextett mit der Drahtschere Zugang zum Gelände. Mit Bier und Drogen gut versorgt, möchte man die Gelegenheit nutzen, in einer der leer stehenden Wohnungen des Obergeschosses eine Party zu feiern. Lloyd und Jemma schließen sich um der alten Zeiten willen eher widerwillig an.

Nachdem die Antenne steht, geht es bald hoch her. Jason, Kelly, Gary und Colin dröhnen sich zu, während es Lloyd gelingt, Jemma so zu verärgern, dass sie die Partyzone verlässt und kurz darauf verschwunden ist. Es dauert seine Zeit, bis den Restgefährten dämmert, dass sie nicht allein im Mercy Point sind. Hofft man zunächst auf eine zünftige Schlägerei mit einer Konkurrenz-Gang, deutet der Fund einer ersten Leiche ein ernstes Problem an: Ein wahnsinniger Killer hat das Haus zu seinem Heim ernannt, das vor Eindringlingen geschützt werden muss – um jeden Preis! Überall hat der Unhold Fallen aufgestellt und Schlupfwinkel eingerichtet. Die Jagd beginnt. Flucht ist unmöglich, zumal Lloyd darauf besteht, nach Jemma zu suchen, die – vielleicht – noch lebt …

Harte Jungs & taffe Mädels

Bekanntlich ist auch der Film Moden unterworfen. Hat ein Streifen Publikum gewonnen, gibt es sogleich Trittbrettfahrer, die sich die besten Ideen herausklauben, um sie in eine nie eigene, sondern vorsichtig abgewandelte Parallelhandlung umzusetzen. Das Vorbild darf dabei nicht gar zu offensichtlich plagiiert werden, soll aber gleichzeitig nicht allzu weit außer Sicht geraten, da Filmemacher, die sich lieber ‚inspirieren‘ lassen, in der Regel gut wissen, wieso sie es nicht mit eigenen Einfällen versuchen.

Nachdem „Attack the Block“ 2011 erfolgreich vorgegeben hatte, wie man die pseudo-archaisch in Stämme gegliederten „Hood“-Proleten der Neuzeit in gruselige Aktivitäten verwickelt, dauerte es nicht lange, bis Streifen wie „Citadel“, „Tower Block“ oder eben „Comedown“ den Faden aufgriffen. Der schmale Streifen jenes Lichts, das man mit ‚Originalität‘ gleichsetzen kann, fällt dabei primär auf die Figurenzeichnung: Hier sucht das Böse nicht die übliche Gruppe harmlos-geiler College-Kids heim, sondern legt sich mit hartgesottenen Getto-Gewächsen an, weshalb auch unser Hochhaus-Killer u. a. ein Ohr einbüßt, bis er die weder unschuldige noch wehrlose Kelly endlich unter Kontrolle bekommt.

Die Neo-Stämme bieten ihren Mitgliedern jenen Zusammenhalt und Schutz, den sie in einer Gesellschaft, die sie ausgegrenzt hat, vermissen. Das Phänomen ist soziologisch relevant, was uns hier aber nicht interessieren muss. Wichtiger ist dies: Die „hoodz“ bieten der Unterhaltungsindustrie einen Pool exotischer, aggressiver, hauptsächlich über unflätige Schimpfworte kommunizierende Figuren, die sich wunderbar trivialisieren lassen. Das Ergebnis sind in der Regel piratenähnliche Getto-Karikaturen, ohne die beispielsweise der US-amerikanische Fernseh-Krimi verloren wäre.

Flachköpfe im Hochhaus

Regisseur Menhaj Huda hatte bereits 2006 in „Streets of London – Kidulthood“ seinem Interesse für die diskriminierten Minderheiten Londons Ausdruck verliehen und dies 2011 in „Everywhere and Nowhere“ wieder aufgegriffen. In beiden Filmen war er den Problemen einer Sub-Gesellschaft, die unbedingte Treue zur „hood“ über familiäre und freundschaftliche Bindungen oder das Gesetz stellt, unterhaltsam aber ernsthaft begegnet.

Das vertraute Milieu wollte Huda offensichtlich nicht verlassen. Aufgrund der zweifellos existierenden Vorkenntnisse ist es doppelt rätselhaft, wieso er in „Comedown“ ausschließlich Klischee-Kidz von der Kette lässt. Vor allem Adam Deacon ist als Jason keine tickende Zeitbombe oder eine tragische Loser-Gestalt, sondern eine Witzfigur, über deren „Hey-Bro!“-Manierismen man nur lachen kann.

Überhaupt könnte man ein Spiel daraus zu machen, die Zuschauer nach derjenigen Figur zu befragen, die es zuerst erwischen sollte. Sehr wahrscheinlich wird – eine Präferenz für Jason darf erwartet werden – jeder Name fallen. In der Tat sind die harten Jungs & Mädels ausschließlich nervig. Das schließt Jemma und Lloyd ausdrücklich ein, denn nichts langweilt stärker als ein plump gezeichneter Saulus auf dem Weg zum Paulus. Wir interessieren uns auch nicht für Lloyds Bemühungen, seiner heranwachsenden Familie ein Heim zu schaffen. Sie haben in einem Film wie „Comedown“ nichts zu suchen. Huda hätte sich entscheiden müssen: Will ich mit einem Slasher unterhalten oder mit einer weiteren Unterschichten-Studie an Herzen rühren?

Keine Gnade im Mercy Point

Auch als Slasher versagt „Comedown“ auf ganzer Linie. Am Plot liegt es nicht: Ein isoliertes Hochhaus ist die ideale Stätte für Verfolgungsjagden und Showdowns. Es erhebt sich mitten in der Stadt und ist dennoch abgeschnitten – ein Punkt, den Huda oft betont, indem er das Mercy-Point-Gebäude still und dunkel über das hellerleuchtete London aufragen lässt. (Der Effekt leidet darunter, dass es jederzeit als CGI-‚Bauwerk‘ erkennbar ist.)

Innen ist es jedoch nicht nur dunkel, weil der Strom abgestellt wurde. Die thermische Energie sämtlicher Hauptfigur-Hirne würde in der Addition nicht einmal die modernste Leuchtdiode zum Glühen bringen. Also rennt man kopf- und planlos durch Gänge und Treppenschächte, sobald klar wird, dass ein Unbekannter Verstöße gegen die Hausordnung sehr nachdrücklich ahndet. Hin und wieder überkommt jemanden ein Anflug von Kampfgeist, der in der nächsten Szene wieder vergessen ist. Selbstverständlich funktionieren im Mercy Point die Handys nicht. Hilferufe verhallen ungehört. Dass man beispielsweise in der Nähe eines Fensters ein Signalfeuer entzünden könnte, gehört zu den Einfällen, die außerhalb enger Grips-Grenzen stattfinden.

Nur auf diese Weise ist es freilich möglich, den Bodycount in halbwegs unterhaltsame Höhen zu treiben. Der gnadenlose Killer kann es in Sachen Dummheit leicht mit unseren Anti-Helden aufnehmen. Wie es ihm gelungen ist, sich unerkannt eine Art Festung im Mercy Point einzurichten, klammert Drehbuch-Autor Steven Kendall klug und vorsichtshalber aus. Ohnehin taugt dieser Killer nicht als Schreckgespenst. Sobald das (dürftige) Geheimnis seiner Herkunft (und seines Zorns) gelüftet ist, löst sich auch sein Rest-Charisma in Nichts auf. Deshalb ist die ‚schockierende‘ Final-Szene, die womöglich eine Fortsetzung androht, ein Doppelschuss in den sprichwörtlichen Ofen.

Gras, Pillen & Vogelfutter

Hin und wieder wird es garstig: Huda & Kendall ist durchaus bewusst, dass in einem Slasher gemetzelt werden muss. Ersatzweise versucht er es zwischenzeitlich auch mit einem Spannungsaufbau, der eher auf Atmosphäre und Andeutungen setzt. Das eine bleibt so kraftlos wie das andere. Für die richtige „Saw“-Stimmung fehlten Bereitschaft und fiese Ideen. Geht es doch mit Filettiermesser, Flammenwerfer oder Nagelpistole konkret zur Sache, blendet die Kamera schnell wieder weg.

In dem wirren Katz-und-Maus-Spiel vergisst das Publikum womöglich, lästige Fragen wie diese zu stellen: Wieso entführt der Killer Jemma, während er mit ihren Gefährten kurzen Prozess macht? Sie dient ihm keineswegs als Lockmittel, sondern höchstens als Zuschauerin, die sich stellvertretend für uns seine Schandtaten ansehen (und tüchtig dabei quieken) muss. Was der Schurke mit den ganzen Innereien treibt, die er manchen Opfern aus den Körpern schneidet, bleibt sein Geheimnis. Brät er sie sich zum Abendbrot oder schwenkt er sie nur unter krächzendem Lachen über Jemmas Käfig, um auf diese Weise den Quiek-Faktor zu erhöhen?

Wie es sich für einen (Horror-) Film mit ‚Anspruch‘ gehört, endet auch „Comedown“ tragisch, was hier mit „abgedroschen“ oder „lächerlich‘ übersetzt werden kann. Dass es der Polizei nicht gelingt, einen x-fachen Massenmord zu rekonstruieren, weil es dem schwer verletzten Bösewicht irgendwie gelungen ist, sämtliche Spuren zu verwischen, ist einfach albern. Beleidigt wird der Zuschauer, wenn das Gesetz die Bluttaten deshalb flugs dem gegenbeweislosen Lloyd anhängt; Jemma, die ihn entlasten könnte, ist laut Drehbuch wahnsinnig geworden und hat die Erinnerungen an die Ereignisse im Mercy Point aus ihrem Gedächtnis getilgt. Die Zuschauer beneiden sie um diese Gunst des Schicksals.

DVD-Features

Zum obligatorischen „Making of“ (22 min.), das eher wie ein überlanger Trailer wirkt, kommen drei Interviews mit Manhaj Huda, Jacob Anderson (Lloyd), Adam Deacon (Jason) und Jessica Barden (Kelly). Sie alle haben viel Lobenswertes übereinander zu sagen. Regisseur Huda greift zusätzlich mächtig in die Tasten, um die soziokulturellen Aspekte seines Horror-Dramas zu betonen, falls sie etwa jemand noch nicht zur Kenntnis genommen hat.

Selbstverständlich gibt es einen Kinotrailer, der uns einen Film ankündigt, den wir viel lieber gesehen hätten als „Comedown“.

Kurzinfo für Ungeduldige: Sechs Gang-Proleten feiern Party in einem verlassenen Hochhaus, in das sich auch ein irrsinniger Killer eingenistet hat, der den Eindringlingen mit allerlei scharfen und spitzen Instrumenten nachstellt … – Der Versuch, dem Slasher-Genre buchstäblich Größe oder wenigstens Höhe zu geben, scheitert an allzu bekannten Klischees, notorischer Unlogik und Darstellern, die eher schlecht als recht vorgeben, „Getto-Kids“ zu sein.

[md]

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