Crazy Eights

Originaltitel: Crazy Eights (USA 2006)
Regie: James K. Jones
Drehbuch: Dan DeLuca, James K. Jones u. Ji-un Kwon
Kamera: Stephen Lyons
Schnitt: James K. Jones u. Ji-un Kwon
Musik: Olivier Glissant, Chuck Hammer u. Nick Nolan
Darsteller: Dina Meyer (Jennifer Jones), George Newbern (Lyle Dey), Traci Lords (Gina Conte), Dan DeLuca (Wayne Morrison), Frank Whaley (Brent Sykes), Gabrielle Anwar (Beth Patterson), Michael Gabel (Dr. Pike), Karen Beriss (Karen) u. a.
Label u. Vertrieb: Ascot Elite Home Entertainment (www.ascot-elite.de)
Erscheinungsdatum: 04.12.2008 (Leih-DVD) bzw. 11.12.2008 (Kauf-DVD)
EAN: 4048317351411 (Leih- u. Kauf-DVD)
Bildformat: 16 : 9 (2,35 : 1   anamorph)
Audio: Dolby Digital 5.1 (Deutsch, Englisch)
Untertitel: Deutsch
DVD-Typ: 1 x DVD-9 (Regionalcode: 2)
Länge: 77 min.
FSK: keine Jugendfreigabe

Das geschieht:

Seit sie vor zwanzig Jahren an einem fragwürdigen medizinischen Experiment teilnehmen mussten, werden sieben Freunde von Erinnerungslücken und seltsamen Visionen heimgesucht. Aus der Flut erschreckender Bilder kristallisiert sich der Geist eines kleinen Mädchens heraus, das die „Crazy Eights“, wie sie sich nennen, wütend zu verfolgen scheint. Alle Freunde sind psychisch angeschlagen oder in ärztlicher Behandlung. Nun hat sich Rex sogar umgebracht – er hatte nach dem Rätsel ihrer verlorenen Kindheit geforscht und mehr herausgefunden, als er verkraften konnte.

In der Hoffnung, dass seine Freunde stärker sind, hat er ihnen eine Landkarte hinterlassen, die sie in das US-Südstaatennest Entonburg führt. Dort wartet in einer alten Scheune die „Zeitkapsel“, eine Truhe, in der die „Crazy Eights“ einst ihnen wichtige Besitztümer aufbewahrten. Gerührt betrachten die Sechs den Inhalt, unter dem allerdings das Skelett eines kleinen Mädchens zum Vorschein kommt: Karen gehörte ebenfalls zu den „Crazy Eight“, doch hatten ihre Freunde bis jetzt die Erinnerung an sie verloren.

Verloren oder verdrängt? Wie starb Karen? Schreckerfüllt flüchten die Freunde. Sie verfahren sich und stranden in der Wildnis. In einem großen Haus suchen sie nach Hilfe. Es entpuppt sich als leerstehende Nervenheilanstalt. Als die Sechs das Gebäude betreten, schließt sich die Tür hinter ihnen. Sämtliche Fenstern sind durch Stahlgitter gesichert. Im Labyrinth vermodernder Räume hat man sich schnell verlaufen. Aus Ärger wird Nervosität und dann Angst, als die Eingeschlossenen erkennen, dass sie nicht allein in dem riesigen Bau sind: Man hat sie absichtlich hierhergelockt und isoliert. Jemand hat noch eine alte Rechnung zu begleichen. Der Schlüssel zur Lösung dieses Dramas liegt in der Vergangenheit, an die sich die Sechs aus gutem Grund nicht erinnern möchten. Nun müssen sie es, und das schnell, denn ihr Verfolger ist mörderisch zornig …

Viel Atmosphäre aber wenig Spannung

Das Fundament für einen kleinen aber feinen, d. h. fiesen und unterhaltsamen Grusel-Thriller ist durchaus vorhanden: Der Plot rankt sich endlich einmal nicht um eine Gruppe hollywoodhübscher aber grenzdebiler Teenys, denen ein maskierter Schlächter mit Axt & Kettensäger hinterher ist, sondern erzählt eine düstere und doppelschichtige Geschichte um ein Rätsel der Vergangenheit, dessen Auflösung mit unerwarteten Nebeneffekten einhergeht.

Die Prämisse wird dem Zuschauer in einem Prolog vermittelt: Angeblich wurden in diversen Instituten in den Südstaaten der USA zwischen 1954 und 1976 illegale Verhaltensforschungen an mehr als 600 Kindern vorgenommen. Die ‚Untersuchungen‘ schlossen Gehirnwäsche und operative Eingriffe ein und generierten dauerhaft traumatisierte Menschen; ein Skandal, der sorgfältig vertuscht wurde.

Die Handlung konzentriert sich auf sechs Männer und Frauen, die von ihrer Vergangenheit eingeholt werden, welche – und dies ist der Haken – einen dunklen Fleck aufweist, der sie von Opfern zu Tätern werden ließ. Dafür wird ihnen nun die Rechnung präsentiert – oder leiden sie ‚nur‘ unter andressierten Störungen, die sich als Visionen und Flashbacks manifestieren?

Wirklichkeit oder Wahn? Diese Ambivalenz teilt sich dem Zuschauer zunächst mit und lässt die Frage aufkommen, ob es in der alten Irrenanstalt wirklich spukt oder ob jemand aus dem Sextett der Besucher hinter den – womöglich ebenfalls eingebildeten – Attacken steckt. Die Antwort ist leider die falsche: Der Geist ist echt, hässlich und böse, das alte Spiel von den 10 kleinen Negerlein (oder Jägermeistern, falls dies politisch korrekter klingt) kann beginnen.

Drehbuch als Sammlung logischer Löcher

Was uns zu den unerfreulichen Aspekten dieses Films bringt, die allzu deutlich überwiegen. Nachdem Regisseur James K. Jones seinen Drehort gefunden hatte, meinte der Autor James K. Jones offenbar auf ein schlüssiges Drehbuch verzichten zu können. Die phasenweisen Leerläufe der Handlung lassen dem Zuschauer viel zu viel Zeit, sich dessen nur zu bewusst zu werden. Horrorfilme sind nicht für ihre logische Handlung bekannt. Für allzu dumm sollte das Publikum freilich auch nicht verkauft werden:

– Geister können bösartig sein, was normalerweise begründet ist. In unserem Fall hat die arme Karen keinen echten Grund für ihren Zorn. Sie wurde nicht absichtlich getötet, und ihre Freunde sind nicht die für ihr Ende eigentlich Verantwortlichen. Wieso ist sie trotzdem so sauer – und uneinsichtig?

– Wie ist es möglich, dass die „Crazy Eights“ Freunde sind, obwohl sie sich an ihre Jugendjahre, in der diese Freundschaft entstand, überhaupt nicht erinnern? In diesem Zusammenhang: Sie nennen sich die „Crazy Eights“, obwohl sie sich als Erwachsene stets nur zu siebt trafen. Kam da niemand jemals ins Grübeln? (Oder spielt der Titel auf das Kartenspiel „Crazy Eights“ an, das von höchstens sieben Personen gespielt werden kann?)

– Was sind das eigentlich für „Versuche“, die an den Kindern vorgenommen wurden? Keine Eltern dieser Welt hätten ihre Sprösslinge einem Mann wie Dr. Pike überlassen, dem das Prädikat „mad scientist“ quasi ins Gesicht gestempelt steht und dessen ‚Pfleger‘ die Vertrauenswürdigkeit mittelalterlicher Folterknechte ausströmen.

– Was soll das abrupte Ende? Eine logische (oder wenigstens zufriedenstellende) Auflösung gibt es nicht, was in der Regel künstlerisch gemeint ist. In diesem Fall scheint einfach das Geld ausgegangen zu sein. (Ein nachsichtiger Kritiker mag andererseits loben, dass Jones seine lendenlahme Mär nicht noch weiter auswalzte.)

Diese Liste kann problemlos fortgesetzt werden. obwohl sie schon in ihrer Kurzfassung das Scheitern dieses Films erklärt. Als sich Jones zwischen Schein und Realität entscheidet, verwandelt sich „Crazy Eights“ in einen dilettantischen Splatter. Jetzt geht es nur noch um die Frage, wie es die Mitglieder der schmelzenden Schar erwischen wird. Das geschieht denkbar unspektakulär, wozu die Zensur wieder einmal ihr Scherflein beiträgt: Obwohl „Crazy Eights“ keine Jugendfreigabe besitzt, wurde an den schon ursprünglich recht milden Gewaltszenen offensichtlich herumgeschnitten. Das Ergebnis könnte problemlos ab 16 Jahren freigegeben werden, was einen zusätzlichen pädagogischen Effekt mit sich brächte: Jugendliches Publikum würde erzürnt Filme wie diesen zukünftig meiden. Schade, dass Zensoren ausschließlich mit der Schere arbeiten, während ihnen für feingeistige Menschenmanipulation jegliches Gespür fehlt …

Sie brauchten das Geld …

„Crazy Eights“ ist ein ‚ernsthafter‘ Thriller. Das zeigt sich u. a. an der Tatsache, dass seine 77 Minuten absolut blankbusenfreie Zone bleiben. Auch sonst können die Darsteller sich nicht nur ertragen, sondern sehen lassen. Jones engagierte keine hoffnungsvollen Jungstars oder gar Amateure, sondern griff auf Kino- und TV-Profis zurück, die trotz noch jugendlichen Alters auf lange Filmografien auch außerhalb der Phantastik und schauspielerisches Vermögen verweisen können. Wenn sie oft statisch wirken oder irritierendes Verhalten an den Tag legen, liegt das eher am Drehbuch, das ihnen wenig Stütze bietet.

Aus dem Ensemble ragt niemand positiv oder negativ heraus; man liefert Dienst nach Vorschrift. Insgesamt wirken die Schauspieler (und hier primär Tracy Lords) zu alt für ihre Rollen; Jones hätte die Ereignisse in Entonburg besser dreißig Jahre in die Vergangenheit zurückverlegt.

Soliden Durchschnitt bietet auch das Team hinter der Kamera. Stephen Lyons richtete das Objektiv nicht einfach grob in die Richtung der Darsteller, sondern bemühte sich um Atmosphäre, indem er die Bilder ihrer Farbe beraubt, für dramatische Licht- und Schatteneffekte sorgt oder mit der Körnigkeit des Filmmaterials arbeitet. Das wirkt jedoch oft nur bemüht, verfehlt den gewünschten Effekt und sorgt für Verdruss und Kopfweh beim Betrachter.

Die mumienhafte Karen – sei sie nur ‚echt‘ oder ein Produkt der Einbildung – verdient eine lobende Erwähnung: Sie bleibt im Schatten und wird nur andeutungsweise gezeigt, was ihrer schrecklichen Erscheinung zuträglich ist.

Ein Ort realen Schreckens

Das überaus niedrige Budget wird durch die grandiosen Kulissen zumindest optisch ausgeglichen: „Crazy Eights“ entstand an einem Ort, der auch ohne Geister Furcht einflößt. Das „Crownsville State Hospital“ wurde 1910 unter dem Namen „Hospital for the Negro Insane“ im US-Staat Maryland gegründet; die braven Bürger von Baltimore wünschten eine solche Einrichtung nicht in ihrer schönen Stadt zu sehen. Auch die spätere Geschichte blieb unerfreulich. Die Sterblichkeitsrate der Patienten war hoch, der medizinische Standard niedrig. In den 1950er Jahren galt die Lobotomie als besonders geeignete ‚Behandlungsmethode‘.

Ab 1962 praktizierte das „State Hospital“ keine Rassentrennung bei der Aufnahme von Patienten mehr. Die Einrichtung erwies sich allmählich als nicht mehr zeitgemäß, eine Sanierung war zu teuer. Der gewaltige Gebäudekomplex wurde nach und nach aufgegeben, das Hospital 2004 endgültig geschlossen. Seitdem steht es leer – das ideale Ambiente für Filme wie „Crazy Eights“. (Wer sich selbst davon überzeugen möchte, sei auf die Website http://www.forgottenphotography.com/crownsville hingewiesen; hier lassen sich viele Außen- und Innenfotos des Hospitals anschauen, die der Zuschauer oft wiedererkennen wird.)

DVD-Features

Filme wie dieser müssen hierzulande quasi unbeworben laufen. Sie sind nicht teuer in Einkauf und Bearbeitung (wie die unterirdische Synchronisation beweist), und damit dies so bleibt, werden keine Extras außer den unvermeidlichen Werbetrailern für andere DVD-Filme (die hier ob der Verheißung eines everesthohen Trash-Faktors aber das Anschauen lohnen) aufgespielt.

Verzichtet wird in Deutschland außerdem auf den Hinweis, dass „Crazy Eights“ zu den „8 Films to Die for“ des „After Dark Horrorfest“ 2007 gehörte – ein ohnehin fragwürdiges Prädikat, da sich diese Streifen nur selten durch Originalität oder wenigstens Qualität auszeichnen.

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