Crimson PeakObwohl sie geisterhaft gewarnt wurde, fällt Edith 1901 auf einen mörderischen Heiratsschwindler herein, folgt ihm ahnungslos in dessen einsames Haus und gerät dort sowohl unter weitere Geister als auch in Lebensgefahr … – Gewollt klassische (aber auch ) altmodische Mischung aus Liebes- und Geistergeschichte, die an das ‚europäische‘ Frühwerk von Guillermo del Toro anknüpft aber inhaltlich wenig bietet, sondern primär durch formale Opulenz beeindruckt: ein Fest für die Augen, während das Hirn sich mit Diät begnügen muss.

Das geschieht:

Im Winter des Jahres 1901 verliebt sich Edith, Tochter des reich gewordenen Bauunternehmers Cushing aus Buffalo im US-Staat New York, in den aus England in die USA gekommenen Erfinder Sir Thomas Sharpe, dem nur der Adelstitel, seine Schwester Lucille und der verfallende Familienstammsitz Allerdale Hall geblieben ist. Vergeblich versucht Sharpe den alten Cushing zu überreden, in die Entwicklung eines Dampfbaggers zu investieren. Das Gerät soll die zum Erliegen gekommene Förderung eines wertvollen Erzes ermöglichen, das in den blutroten Tonlehm unter dem besagten Stammsitzes steckt.

Kurz darauf ist Cushing tot; offenbar kam er bei einem unglücklichen Sturz uns Leben. Edith nimmt Sharpes Antrag an und folgt ihm nach England; ihren beträchtlichen US-Besitz lässt sie liquidieren, um sich das Geld in die neue Heimat nachschicken zu lassen. Damit ist Edith den Geschwistern Sharpe in die Falle gegangen, obwohl sie gewarnt war: Edith verfügt über das zweite Gesicht und kann Geister sehen. Ihre verstorbene Mutter erscheint ihr und warnt sie inbrünstig (aber unklar) vor „Crimson Peak“.

Zu spät erfährt Edith, dass so die Einheimischen Allerdale Hall nennen. Das uralte, riesige Gebäude ruht schwankend und knarrend auf dem rotlehmigen Untergrund, in dem es langsam versinkt. Weit und breit gibt es keine Nachbarn. Edith ist den Geschwistern buchstäblich ausgeliefert. Dass diese ihren Tod planen, sobald das Cushing-Vermögen auf dem Sharpe-Konto eingetroffen ist, wird Edith klar, nachdem gleich mehrere übel zugerichtete Geister sie heimsuchen und warnen: Die Sharpes haben nicht zum ersten Mal eine reiche, familienlose Frau in ihr Heim gelockt, um sich ihr Vermögen anzueignen. Auch Edith scheint ihnen chancenlos ausgeliefert zu sein, aber im fernen Buffalo hat ein alter Verehrer, der Arzt Alan McMichael, Verdacht geschöpft und eilt ihr über den Atlantik zur Hilfe …

Der Stier scheint müde zu sein

Guillermo del Toro gehört zu den nicht gerade zahlreichen Regisseuren, deren Werke der Phantastik-Freund nicht nur aber vor allem zur Kenntnis nimmt. Was del Toro verfilmt, war dabei lange nebensächlich, da er die Kunst beherrschte, eine spannende Geschichte zu erzählen. Darüber hinaus verfügte del Toro über das Talent, die Handlung geradezu rauschhaft zu bebildern. Vor allem in „Pans Labyrinth“ gelangen ihm 2006 Bilder einer mystischen, ebenso poetischen wie erschreckenden Qualität, die nicht von dieser Welt zu sein schienen.

Doch mit ebendiesem „Pan“ hatte del Toro den Gipfel erreicht. Es folgten „Hellboy 2“ und „Pacific Rim“ – handwerklich grandioses, unglaublich teures und dummes Popkorn-Kino, mainstream-weichgespült, kindisch und peinlich. Hinzu kam das von del Toro mitkonzipierte TV-Projekt „The Strain“, das ebenfalls gut verpackte Routinen bot, während sich die Verfilmung der drei „Hobbit“-Filme, in die del Toro jahrelange Arbeit gesteckt hatte, zerschlug.

Der ‚frühe‘ del Toro, der außer Pan Meisterwerke wie „Cronos“ (1992), „El espinazo del diablo“ (2001; dt. „Das Rückgrat des Teufels“) und „Hellboy“ (2004) präsentiert hatte, trat zuletzt als Drehbuchautor des Films „Don’t Be Afraid of the Dark“ (2010) auf, den jedoch Troy Nixey in Szene setzte (von dem seither niemand mehr etwas gehört bzw. gesehen hat). Auch die Zukunft wirkt eher düster: Fortsetzungen von „Hellboy“ und „Pacific Rim“ sind angekündigt.

Liebe & Tod – das dramatische Duo

„Crimson Peak“ ist ein Relikt aus del Toros filmischer Vorzeit. Eine erste Fassung des Drehbuches entstand bereits nach „Pan“. In den folgenden Jahren erfuhr es zahlreiche Veränderungen, ohne dabei für del Toro an Faszination zu verlieren. Dabei wusste er um die grundsätzliche Problematik des Stoffes: Hier wird weder eine Liebes- noch eine Geistergeschichte erzählt, sondern eine Mischung aus beidem.

„Crimson Peak“ würde ein kostenintensiver Film werden. Zwar flossen letztlich ‚nur‘ 55 Mio. Dollar in die Produktion, was angesichts der Aufwendungen für einen modernen Blockbuster beinahe Kleingeld ist. Dennoch sollte bzw. musste sich „Crimson Peak“ an der Kasse bewähren, was durch eine entsprechende Werbekampagne unterstützt wurde. Marketing-Strategen schätzen jedoch eindeutige Ware. In ihren Augen war „Crimson Peak“ weder Fleisch noch Fisch. Man entschloss sich, an eher handfesten del-Toro-Grusel anzuknüpfen und „Crimson Peak“ als Horrorfilm anzupreisen. Das ist er zwar auch aber eben nicht nur oder vor allem. Nichtsdestotrotz schlug sich der Film auch wirtschaftlich wacker und spielte zumindest abzüglich der Marketing-Kosten einen ansehnlichen Profit ein.

Tatsächlich war ein durchaus kopfstarkes Publikum sowohl bereit als auch fähig, eine doppelzügige Handlung zu verfolgen und Gefallen daran zu finden. „Crimson Peak“ ist kein Splatter-Film für pubertierende, IQ-schwache Party-Tiere, wie sich Hollywood die Zuschauer des Horror-Kinos verstellt. Gleichzeitig verkneift sich del Toro den bodentiefen Griff in den Schmalztopf: „Crimson Peak“ erzählt einerseits eine intensive „love story“, die jedoch andererseits in eine Handlung eingebunden wird, die eindeutig jenseits abseits genretypischer Abläufe einzuordnen ist und sich zu einer „gothic romance“ fügt.

Dramatik fürs Auge

Del Toro kennt und liebt die geschriebene und verfilmte Phantastik. Er zitiert gern und gelungen, ohne sich dabei von Kritikerlob oder -verdammnis beeinflussen zu lassen. Dieses Mal orientierte er sich u. a. an Mario Bava (1914-1980), dessen oft sehr triviale Gruselfilme durch ausgeklügelte visuelle Effekte aufgewertet wurden. Vor allem sein Einsatz von Farben hat viele Nachfolger inspiriert. Guillermo del Toro teilt Bavas Talent für eindrucksvolle Bilder sowie leider auch die Schwächen jener Autoren, mit denen Bava oft zusammenarbeiten musste.

„Crimson Peak“ ist reich an grandiosen Effekten und Symbolen aber arm an Überraschungen. Del Toro liegt eine originelle Story fern. Er setzt auf bekannte Handlungsmuster, denen er durch Bildopulenz Leben einhauchen möchte – ein Prinzip, dem ein weiterer italienischer Altmeister huldigt: Dario Argento. Dies gelingt freilich nur bedingt. Natürlich stehen dem Zuschauer Augen und Mund offen, wenn sich das Geschehen ins Innere von Allerdale Hall verlagert. Die in Originalgröße erbaute Kulisse ist ein Meisterwerk schwülstig übersteigerter, malerisch verrottender, geschmackloser Pracht. Gewaltige Raumfluchten wechseln mit engen Kammern und verbauten Gängen; durch das undichte Dach fallen tote Blätter und Schneeflocken; aus geborstenen Bodenplatten quillt der blutrote Lehm: In diesem ‚Heim‘, das eher Mausoleum oder eine englische Version von Poes Haus Usher ist, MUSS es spuken!

Das ist in der Tat so, obwohl es Edith ist, die den Spuk mitbringt bzw. ihn als solchen zur Kenntnis nimmt. Thomas und Lucille Sharpe scheinen jedenfalls bisher keine Probleme mit den Geistern ihrer Opfer gehabt zu haben. Die tauchen sporadisch auf und dringen lange nicht mit ihren Warnungen zu Edith durch – kein Wunder, erscheinen sie doch so, wie sie aktuell in ihren heimlichen Gräbern verrotten. Außerdem scheint man im Leben nach dem Tod die direkte Rede zu verlernen: Wo einige klare Worte die Lage klären könnten, stöhnen und heulen diese Geister nur oder ringen sich höchstens einige Äußerungen ab, die alles oder gar nichts bedeuten können. So ist es ganz und gar nicht überraschend, dass Edith die Unkereien ihrer toten Mutter erst begreift, als sie allein und isoliert in Allerdale Hall ihren Peinigern ausgesetzt ist.

Liebe durchkreuzt Pläne

Dank ausgiebiger Vorbereitung wusste del Toro recht früh, welche Schauspieler er engagieren wollte. Er hatte Glück und musste nur auf einen Wunschkandidaten verzichten: Eigentlich sollte Benedict Cumberbatch („Sherlock“) Thomas Sharpe mimen. Tom Huddleston ist jedoch kein bloßer Ersatz, sondern als hin- und hergerissener Gattinnenmörder/Liebhaber ebenso tückisch wie von bisher unbekannten Gefühlen überwältigt.

Dass sich Sir Thomas in die junge Edith Cushing verliebt, ist der Darstellerin Mia Wasikowska geschuldet. Ohne Feminismus in eine Ära zu transportieren, der dieser weitgehend fremd war, gelingen del Toro und Wasikowska die Figur einer Frau, die ihren eigenen Weg geht und in der Krise nicht fragwürdig zur Kriegerin mutiert, sondern ohnehin in ihr schlummernde Kräfte entdeckt und einsetzt.

Die zweite starke sowie wirklich böse Frau verkörpert Jessica Chastain. Eigentlich war sie für die Rolle der Edith Cushing vorgesehen, bat aber nach der Lektüre des Drehbuchs um eine Umbesetzung: Lucille Sharpe schien Chastain die interessantere Figur zu sein. Aus ihrer Rolle holte sie alles heraus. Schon lange bevor sich herausstellt, dass Lucille die treibende Kraft des auch sonst ‚unnatürlich‘ verbundenen Geschwister-Duos ist, strahlt sie eine Bedrohlichkeit aus, die durch die enthüllte Wahrheit sogar weit übertroffen wird.

Das Jenseits im Nacken

Zu den weniger gelungenen Entscheidungen gehört del Toros missverständliche Interpretation des „Geistes“. Nicht nur Ediths Mutter, sondern auch die anderen auftretenden Phantome sind keineswegs feindlich. Dies würde neben Edith aber auch kein Zuschauer vermuten, wenn er (oder sie) verfolgt, wie diese Geister faulig & fauchend aus dem Fußboden erheben, durch geschlossene Türen schweben oder anderweitig für Schrecken sorgen. Gleich zwei bewährte Kreaturen-Darsteller – Doug Jones war u. a. zweimal Abe Sapien in den „Hellboy“-Filmen, Javier Botet die schauerlich mutierte Niña Medeiros in allen vier spanischen „[REC]“-Folgen – sorgen für einschlägigen Grusel, der allerdings durch allzu offensichtliche CGI-Unterstützung konterkariert wird.

Überhaupt bleibt ein strukturelles Problem ungelöst: „Crimson Peak“ würde auch ohne übersinnliche Einflüsse als reine Mordintrige funktionieren. Womöglich hätte dies ein Verschwinden beträchtlicher Längen vor allem im US-Teil der Handlung zur (angenehmen) Folge. Es gibt diverse gut gefilmte und hübsch anzuschauende aber überflüssige Nebenstränge. So springt del Toro aus der durch Wind und Wetter isolierten Allerdale Hall mehrfach ins viele Tausend Kilometer entfernte Buffalo, um dort Dr. McMichael dabei zu beobachten, wie er den Sharpes auf die Schliche kommt. Dadurch entweicht viel jener Spannung, die del Toro durch Ediths Ausgeliefertsein in England erzeugen möchte.

Das Finale ist dramatisch, künstlich und trotzdem spannend: Übertreibung ist ein Stilelement „gotischen“ Schreckens und kann wohldosiert gut wirken. Unter den Schlusstiteln setzt die Geschichte sich fort und findet nach dem schaurigen auch einen versöhnlichen Ausklang. Auf nachhaltigen Schrecken oder schaumige Liebesdelirien sollte man nicht hoffen. Stattdessen bietet „Crimson Peak“ eine intensive „love story“ mit gepflegten Grusel-Elementen, Atmosphäre und Bildkulissen, die begeistern. Für einen Film von Guillermo del Toro mag dies aus Kritikersicht substanziell nicht genug sein. Nichtsdestotrotz ist „Crimson Peak“ ein Werk, das man gesehen (und genossen) haben sollte, was durch die Bild- und Tonqualität sowie durch echte Synchronsprecher unterstützt wird.

DVD-Features

Die Extras der DVD-Ausgabe beschränken sich auf einige später geschnittene Szenen. Wer weitere Features über die Entstehung dieses Filmes wünscht, muss zur Blu-ray greifen.

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Crimson Peak
Originaltitel: Crimson Peak (USA/Kanada 2015)
Regie: Guillermo del Toro
Drehbuch: Guillermo del Toro u. Matthew Robbins
Kamera: Dan Laustsen
Schnitt: Bernat Vilaplana
Musik: Fernando Velázquez
Darsteller: Mia Wasikowska (Edith Cushing), Jessica Chastain (Lady Lucille Sharpe), Tom Hiddleston (Sir Thomas Sharpe), Charlie Hunnam (Dr. Alan McMichael), Jim Beaver (Carter Cushing), Burn Gorman (Mr. Holly), Leslie Hope (Mrs. McMichael), Sofia Wells (Edith als Mädchen), Doug Jones (Geist von Ediths Mutter u. Lady Sharpe), Javier Botet (Geist von Margaret McDermott, Pamela Upton u. Enola Sciotti) u. a.
Label/Vertrieb: Universal Pictures Germany
Erscheinungsdatum: 25.02.2016
EAN: 5053083064129 (DVD)/5053083064105 (Blu-ray)/5053083064310 (Blu-ray/Limited Edition = Steelbook)
Bildformat: 16 : 9 (1,85 : 1, anamorph)
Audio: Dolby Digital 5.1 (Deutsch, Englisch, Italienisch, Türkisch)
Untertitel: Deutsch, Englisch, Italienisch, Türkisch
DVD-Typ: 1 x DVD-9 (Regionalcode: 2)
Länge: 114 min. (Blu-ray: 118 min.)
FSK: 16

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