Damned by Dawn

Originaltitel: Damned by Dawn (Australien 2009)
Regie u. Drehbuch: Brett Anstey
Kamera: Reg Spoon
Schnitt: Dave Redman
Musik: Phil Lambert u. Scott McIntyre
Darsteller: Renee Willner (Claire), Dawn Klingberg (Nana), Danny Alder (Paul), Peter Stratford (Bill), Taryn Eva (Jennifer), Mark Taylor (Simmo), Bridget Neval (Banshee), Nina Nicols, Trent Schwarz (Geister)
Label/Vertrieb: I-ON New Media
Erscheinungsdatum: 05.01.2012
EAN: 4260034634039 (DVD) bzw. 4260034634046 (Blu-ray)
Bildformat: 16 : 9 (1,85 : 1, anamorph)
Audio: Dolby Digital 5.1 (Deutsch, Englisch)
Untertitel: keine
DVD-Typ: 1 x DVD-9 (Regionalcode: 2)
Länge: 81 min.
FSK: 18

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Das geschieht:

Nach langer Abwesenheit kehrt Claire O’Neil auf die einsam irgendwo im australischen Bundesstaates Victoria gelegene Farm ihrer Familie zurück. Begleitet wird sie von ihrem Bräutigam Paul, den sie dem verwitweten Vater Bill, der jüngeren, noch daheim lebenden Schwester Jennifer und vor allem der geliebten Großmutter Nana vorstellen möchte.

Claire wurde von Bill informiert, dass es mit Nana zu Ende geht. Die alte Frau möchte die Enkelin vor ihrem Tod unbedingt noch einmal sehen, denn sie hat ihr etwas mitzuteilen: Stirbt ein O’Neil, taucht am Totenbett die „Banshee“ auf, eine Todesfee, die mit lauten Schreien das Sterben beklagt. Sie darf dabei keinesfalls gestört, die Leiche muss anschließend eingeäschert werden; eine Urne händigt Nana der Enkeltochter, die für die Einhaltung der Prozedur sorgen soll, vorsorglich aus.

Als es in der folgenden Nacht so weit ist, macht Claire jedoch falsch, was falsch zu machen ist. Beim zugegeben furchterregenden Anblick der Banshee bricht sie in Panik aus und will Nana nicht sterben lassen. Als die Geisterkreatur auf dem Balkon steht und schreiend ihrem Job nachgeht, stößt Claire sie kurzerhand über die Brüstung. Zwar wird die Banshee bei der Landung von einem Zaunpfahl aufgespießt, was eine Fee allerdings nicht umbringen kann. In größtem Zorn stößt die Banshee nun eine andere Art Schrei aus, der die Toten aus den Gräbern lockt.

Leider steht das O’Neil-Anwesen auf dem Gelände einer alten Mine. Hier sind viele Arbeiter umgekommen und vor Ort begraben worden. Jetzt erstehen sie als miserabel getrickste CGI-Skelette auf und schweben im Auftrag der Banshee den O’Neils hinterher: Erst deren vollständige Ausrottung kann die Fee beschwichtigen. Für Bill, seine Töchter, Schwiegersohn in spe Paul und den trotteligen Simmo, der just die liebliche Jen besucht, ist Flucht unmöglich. Sie müssen sich den wandelnden Leichen stellen, was erwartungsgemäß seinen Blutzoll fordert …

Krakeelende Geister, die wir riefen

1986 fanden sich in Australien einige enthusiastische Fans zusammen. Sie liebten die SF- und Horrorfilme der 1950er und 60er Jahre, fanden aber auch Geschmack am Splatter der späteren Jahrzehnte. Vor allem wollten sie, die sich „The Amazing Krypto Bros.” nannten, selbst filmen und dabei die guten, alten Zeiten neu aufleben lassen. Zunächst geschah dies im eingeschränkten Rahmen der damaligen Technik. Mit den Jahren und beflügelt durch die digitale Revolution wuchs der Ehrgeiz. Einige „Brüder“ wollten ‚richtige‘ Filme drehen.

Unter ihnen war und ist Brett Anstey der bisher Erfolgreichste. 2004 legte er sein Gesellenstück vor: „Galactic Spitballs“ ist eine fünfzehnminütige, schwarzweiße SF-Komödie, die nicht nur komisch ist, sondern auch durch erstaunliche Trickeffekte beeindruckt, denn die „Krypto Brothers“ können finanziell keine großen, nicht einmal kleine Sprünge machen, was ihren Eifer offensichtlich nicht mindert: Nach „Galactic Spitballs“ war Anstey bereit für einen Spielfilm! Die nächsten drei Jahre vergingen über ausgiebigen Vorbereitungsarbeiten, wobei die stets bei 0 AU$ verlaufende Budgetgrenze zu berücksichtigen war.

Sparpotenzial sah Regisseur und Autor Anstey offensichtlich beim Drehbuch. Dem Geist der „Krypto Brothers“ treu bleibend, orientierte er sich diesbezüglich an einem verehrten Vorbild. 1981 bastelte in den USA der junge Sam Raimi an seinem Horror-Debüt, das er „The Evil Dead“ nannte. Wer diesen Streifen kennt – was in Deutschland nach dem Willen diverser Rechtsorgane & Tugendbolde viele Jahre schwierig war –, wird die ‚Anspielungen‘ gut verstehen.

Um dennoch ein wenig Abwechslung ins gruselige Getümmel zu bringen, suchte Anstey nach einer noch nicht gar zu ausgelaugten Spukgestalt. Die Banshee heult zwar eigentlich nur in Irland, aber zumindest eine dieser Geisterfrauen scheint mit den O’Neils nach Australien ausgewandert zu sein. Das nennt man Pflichtbewusstsein!

Geisterjagd mit Hindernissen

Der wahre Zauber von „Damned by Dawn“ entfaltet sich nur im Zusammenhang mit dem „Making Of“, das glücklicherweise zum Hauptfilm aufgebrannt wurde. 55 Minuten währt dieser in jeder Beziehung erhellende und vor allem ehrliche Blick hinter die Kulissen einer Produktion, die das Chaos als Dauerzustand und Herausforderung begreifen musste. Glücklicherweise kam eine halbwegs fachkundige und vor allem lernwillige Crew zusammen, die vor und hinter der Kamera durch begeisterungs- sowie leidensfähige Spezialisten und echte Schauspieler unterstützt wurden. Gemeinsam stürzte man sich kopfüber in das Abenteuer „guerilla filmmaking“.

Da Wunder auf dieser Welt eher selten sind, ist verständlich, dass dem kein cineastisches Meisterwerk entsprang. Vorbildlich ist „Damned by Dawn“ höchstens, wenn es um den Beweis jener Theorie geht, dass Zeit relativ ist: Gerade 81 Minuten dauert dieser Film, doch sie kommen dem Zuschauer wie viele, viele Stunden vor! Leider hatte Anstey nur Einfälle, die vermutlich einen weiteren guten Kurzfilm ergeben hätten. Diese Fragmente musste er nachträglich verknüpfen sowie längen. Dabei bediente er sich aus einem offensichtlich reichen Fundus der Aufnahmen rennender Darsteller. Sie laufen durch den Wald, über Wiesen, durch eine Höhle und gern auch wieder zurück, schleichen mit der Flinte im Anschlag schier ewig ums Haus und durch einen riesigen Stall (der völlig leer steht: seltsame ‚Farm‘!) und bringen „Damned by Dawn“ auf diese Weise nicht nur auf die gewünschte Mindestlänge, sondern lassen im Publikum eine Ahnung aufsteigen, dass es den Filmtitel auch auf sich beziehen könnte.

Oma ist an allem schuld!

Dabei hätte sich der mörderische Ärger vermeiden lassen, wäre Nana nicht so mundfaul gewesen! Kein einziges Mal kommt ihr zu Lebzeiten das Wort „Banshee“ über die Lippen. Auch der Enkelin ein sorgfältig geführtes Buch mit entsprechenden Aufzeichnungen zu überreichen, kommt ihr nie in den Sinn. Nicht einmal die Urne für ihre Asche kann Nana direkt überreichen; sie hat sie Claire vor Wochen mit der Post geschickt! Folglich ist Claire schlicht unzureichend informiert, als in finsterer Gewitternacht eine Geisterfrau schreiend & mit blutenden Augen in Nanas Schlafzimmer erscheint.

Für Entschuldigungen haben Banshees ohrenscheinlich kein Verständnis. Obwohl später deutlich wird, dass der Geist kräftig genug ist, die O’Neils im Alleingang aufzumischen, brüllt sie nach den Toten. Leider hören sie nur Leichen, die per Gratis-Software zusammengestümpert wurden. Dichteste Nebelschwaden können ihr jämmerliches Design nie verbergen. Aus unerfindlichen Gründen tragen sie Uniform: eine fetzige bzw. fetzenreiche Kutte, zu der eine Sense gehört, mit der diese Zombiegeister ihre Opfer malträtieren.

Fliegen können sie auch. Trotzdem ist es möglich, sie mit einem gutgezielten Kopfschuss vom Himmel zu holen. Fährt man sie mit dem Auto an, zerfallen sie zu Grütze. (Wenigstens ist Anstey hier konsequent, denn schließlich konnte Claire sogar die Todesfee mit einem Arschtritt vom Balkon stürzen.) Zu schlechter Letzt kreischen die kreisenden Sensenmänner genauso wie die Banshee, weshalb man sich wundert, wie oft sie sich trotzdem unbemerkt an ihre Opfer heranschleichen können.

Spaß ist wichtiger als Wissen (oder Geld)

Dem Nachwuchs wird im No-Budget-Horrorfilm gern eine Chance geboten. Ältere Darsteller bevorzugen dagegen ein festes Honorar. Anstey hatte Glück; zwar sind seine ‚Schauspieler“ bis auf Dawn Klingberg und Peter Stratford Laien bzw. Anfänger, aber sie schlagen sich wacker. In diesem Punkt unterstützt sie das Drehbuch: Die mimische Reflexion der Erlebten ist nicht erforderlich. Anstey konzentriert sich auf die Erzählung einer Horrorgeschichte. Untertöne gibt es nicht. Atmosphäre wird durch ‚schaurige‘ Kulissen erzeugt, Spannung durch den bewährten „Buh!“-Effekt erzwungen.

Da „Damned by Dawn“ nie vorgibt, etwas anderes als vordergründig zu sein, ist dem Kritiker ein Bannstrahl aus der Hand geschlagen. Ungeachtet der schauerlichen inhaltlichen und formalen Fehler ist dieser Film mehr als eine unfreiwillige Geduldsprobe. („Wer hält den Ärger länger aus?“) Man ahnt zumindest, was Anstey vorschwebte.

Als ‚Hommage‘ sollte „Damned by Dawn“ jedoch mehr als die Wiederholung geliebter Horror-Effekte der Vergangenheit bieten. Faktisch wirken die nicht-digitalen Effekte wie vor Jahrzehnten entstanden. In diesem Punkt ist das Gros der Zuschauer allerdings anspruchsvoll geworden: 1981 durfte Raimi stümpern, weil es anders gar nicht ging. 2009 wäre dies möglich und wird vom Publikum durchaus erwartet. Deshalb geht es gar nicht, wie in einem deutschen Dilettanten-drehen-am-Wochenende-im-Wald-hinter-der-Müllkippe-einen-Horrorfilm Fleischabfälle plus Kakerlaken aus einem ‚aufgeschlitzten‘ Plastik-Zombiebauch fallen zu lassen! Somit bietet dieser Film – dessen Titel die Banshee netterweise auf eine Schranktür schreibt; wer weiß den Grund? – Unterhaltung nur auf bescheidenem Niveau und für langmütige Zuschauer.

DVD-Features

Das „Making Of“ entschädigt für vieles; es erklärt sogar die bescheidene Bildqualität des Hauptfilms: Zwar hatten Anstey & Co. eigens im kalten, feuchten Winter gedreht, weil sie auf stimmungsvollen Gratis-Nebel hofften. Die Klimaerwärmung spart aber Australien nicht aus, weshalb Wiesen und Wälder gruselfeindlich grün und die Lüfte klar blieben. Also wurde der Film nachträglich ‚bearbeitet‘ und des Guten dabei deutlich zu viel getan. Sämtliche Farben wurden herausgezogen; sogar das Blut sieht meist grau aus.

Generell haben sich alle Beteiligten förmlich in Stücke gerissen; dies gilt vor allem für den wagemutigen Feierabend-Stuntman, der sich als Banshee verkleidet kopfüber aus dem ersten Stock auf eine wacklige Konstruktion aus fünf im Möbelmarkt erstandene Matratzen und einigen aus dem Papiermüll geklaubte Kartons stürzt; seine größte Sorge ist es, nach einem knochenbrechenden Scheitern kostümiert als Banshee ins Krankenhaus eingeliefert zu werden …

Erstaunliche Ehrlichkeit dominiert die Interviews, die eher den Geschichten überlebender Kriegsteilnehmer gleichen. So musste Peter Stratford gedoubelt werden, weil er nur gehen aber partout nicht laufen konnte; ließ die Crew den einzigen Elektrogenerator beinahe über eine Felsklippe stürzen; konnten die Darsteller sich das Lachen nicht verkneifen, weil sie Todesangst mimen sollten, während auf dem Nachbargrundstück Kirchenhymen gesungen wurden. Angesichts solcher in Hollywood sicher seltener Erlebnisse versteht man den Stolz, mit dem alle Beteiligten auf ihre Arbeit zurückblicken, deren Fehler sie kennen und akzeptieren. Nach oben ist immer Luft, vielleicht ist es einer der „Krypto Brothers“, denen ein weiterer „Iron Sky“ gelingt!

Zum Film gibt es eine recht inhaltsreiche Website.

Was die „Amazing Krypto Bros.“ sonst treiben, lässt sich hier verfolgen.

[md]

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