Dark Was the NightEine lebendig gewordene Sagengestalt fällt über eine US-Kleinstadt her; trotz seiner privaten Sorgen gibt der Sheriff sein Bestes, die Kreatur auszuschalten … – Nur unfreiwillig schauerliche, von Klischees dominierte Gruselmär, der eine jederzeit bekannte Handlung, schlecht gezeichnete Figuren und miserable Spezialeffekte ein (für den Zuschauer) grausames Ende bereiten.

Das geschieht:

Maiden Woods, ein Städtchen im Hinterland des US-Staates New York, zählt gerade 243 Seelen. Die Männer tragen Vollbärte, Flinten und Flanellhemden, die Frauen halten sich im Hintergrund. Für Ordnung sorgen notfalls Sheriff Paul Shields und sein henkelohriger Deputy Donny Saunders. Allerdings ist Shields angeschlagen, seit vor sechs Monaten sein jüngerer Sohn Tim bei einem Unfall umkam, für den der Sheriff sich die Schuld gibt. Gattin Susan hat ihn mit Zweitsohn Adam verlassen, weil sie es nicht mehr ertrug, wie sich Paul in Selbstvorwürfen zerfleischt.

Eher automatisch versieht Shields seinen Dienst, was bisher kein Problem darstellt, da es in Maiden Woods friedlich zugeht. Höchstens der reizbare Pferdezüchter Ron ist lästig, da er behauptet, man habe ihm eines seiner Tiere gestohlen. Da der Sheriff keine Spuren findet, schenkt er Ron keinen Glauben. Kurz darauf sorgt eine seltsame Fährte für echten Ärger: Anscheinend sprang eine zweibeinige Kreatur mit Hufen statt Füßen durch die Straßen der Stadt. Shields und Saunders folgen der Spur in den Wald, wo diese plötzlich endet.

Shields glaubt an einen dummen Streich und lacht über die Munkeleien diverser Dörfler, die eine alte Legende ausgegraben haben, nach der in den tiefen Wäldern der Wendigo, ein Geistwesen, lebt, das mit gewaltigen Kräften ausgestattet ist und sogar fliegen kann. Wer ihm begegnet, ist verloren und wird – falls überhaupt – in Stücke gerissen in den Wipfeln hoher Bäume gefunden.

So entdeckt man zwei Jäger, die zur Beute wurden. Der Sheriff beginnt zu zweifeln, denn es mehren sich die Zeichen für eine übernatürliche Präsenz: Das Wild und die Vögel flüchten aus dem Wald, eine Gruppe von Holzfällern findet ein böses Ende. Zu allem Überfluss naht eine Sturmfront. Die meisten Dorfbewohner verlassen Maiden Wood, doch einige bleiben. Shields ist inzwischen schlauer: Er wurde in seinem eigenen Haus von der Kreatur attackiert, die sich nun auf den Weg in den Ort macht, um dort nach Beute zu suchen …

Haben wir etwa ein Klischee vergessen?

Alles meinten es gut, und doch ist das Ergebnis ihrer Bemühungen ein Graus: Was für einen Gruselfilm zunächst verheißungsvoll klingt, markiert hier eine Enttäuschung in jeder Hinsicht. Schon der pompöse aber nichtssagende Titel schürt eine gewisse Voreingenommenheit. Die erste Viertelstunde des Films vergeht mit der hektischen Betätigung der TV-Fernbedienung: Das Bild ist farblos, Landschaft und Gesichter sind gleichermaßen grau. Hin und wieder stechen Details rot oder blau hervor. Es dauert, bis der Zuschauer merkt, dass er das Opfer künstlerischer Willkür ist: Der Bildqualität liegt kein technischer Defekt zugrunde. Regisseur Jack Heller wollte den grauen Brei. Er soll winterliche Trostlosigkeit verbreiten, in der sich die seelische Öde der Hauptfiguren widerspiegelt.

Kameramann Ryan Samul bekam eine „Red-One“-Kinokamera überreicht, deren Funktionsspektrum ihn möglicherweise überforderte. Eventuell saß der Pfuscher auch in der digitalen Nachbearbeitung. Unabhängig davon ist besagter Zuschauer der Dumme – und sauer: Wer auch immer auf die Idee kam, „Dark Was the Night“ quasi optisch zu kastrieren, hat diesem Film einen Bärendienst erwiesen.

Freilich würde auch Bildbrillanz nur bedingt über eine Handlung hinwegtrösten, die ohne den geringsten Hauch von Ironie ausschließlich Klischee an Klischee reiht und dies nahtlos in die Figurenzeichnung überlappen lässt. Regisseur Heller und Autor Tyler Hisel konnten sich nicht einmal darauf einigen, welche Geschichte sie erzählten wollen: Geht es um eine Familie in der Krise oder um eine Kleinstadt, die von einem Waldmonster heimgesucht wird? Diese beiden Handlungsstränge bleiben getrennt und finden nie wirklich zusammen. Soll heißen: Dass Sheriff Shields mit seiner Trauer und um seine Familie kämpft, hat mit dem Wendigo rein gar nichts zu tun.

Künstlerisch wertvoll oder nur langweilig?

Völlig unnötig steigern sich Heller und seine Darsteller daher in ein Drama hinein, das die Zuschauer so kalt lässt wie den Wendigo der Winter. Endlose Minuten vergehen, während Paul und Susan Eheprobleme diskutieren oder ihrem drehbuchbedingt extrem begriffsstutzigen Sohn ‚erklären, wieso Eltern sich gleichzeitig lieben und trennen können, und dabei Phrase an Phrase hängen. Gern zeigt Heller auch Paul, der auf seinem Bett sitzt und sich wie in Zeitlupe erhebt, um damit zu demonstrieren, wie tief er in der Seele getroffen ist. Wer noch immer nicht verstanden hat, hört geisterhaftes Kinderlachen und sieht den toten Tim um die Ecken huschen: Paul dreht langsam durch!

So quält sich das Geschehen wie durch kalten Haferschleim voran. Erneut geht viel Filmzeit verloren, weil Paul in seinem Polizei-SUV durch Maiden Woods kurvt, wo ihn die Einwohner vorwurfsvoll mit Blicken durchbohren und sich ansonsten wie Schafe zusammendrängen: In diesem Nest wohnen Hinterwäldler, die zur Abwechslung nicht hinterhältig, sondern ängstlich bis jenseits der Grenze zur Lächerlichkeit sind.

Wenn Susan, Adam und die Dörfler gerade nicht nerven, sitzt da noch Deputy Saunders am Tresen einer holzgetäfelten Spelunke und lässt sich von bösen Erinnerungen an seine Zeit als Cop in der Großstadt piesacken. Auch davon wollen wir nichts wissen, sondern warten auf das Monster.

Das (CGI-) Ding im Wald

Bis es sich endlich blicken lässt, vergeht eine gefühlte Ewigkeit. Heller verwechselt dies mit dem Anfachen einer Spannungs- und Erwartungshandlung. Da er abermals nur mit blassen Abklatschen arbeitet, sorgt er stattdessen für Verdruss. Wie viele skeptische Polizeibeamte müssen denn noch mit einer funzligen Taschenlampe durch einen nächtlichen Wald stolpern, in dem es ‚unheimlich‘ knackt und knistert? Selbstverständlich blicken wir zunächst durch die Augen des Untiers, wenn es sich Holzfäller-Proleten oder Hillbilly-Jäger schnappt. Später schieben sich klobige Hufe ins Bild, die dem armen Vieh wahrscheinlich einen Hüftschaden verursacht haben; kein Wunder, dass es so biestig ist!

Zu schlechter Letzt zeigt uns Heller den Wendigo in ganzer CGI-Pracht. Es gibt durchaus Vorstellungen über die Gestalt dieses mythischen Wesens, das u. a. in der Folklore nordamerikanischer Ureinwohner eine Rolle spielte. Besonders häufig gleicht es einem dürren Wolf mit bodenlangen Affenarmen, und so lässt es auch Heller auftreten. Leider sorgten entweder Talentarmut oder Budgetbeschränkungen (oder beides) für eine unglückliche Inkarnation; dieser angeblich so flinke Wendigo wirkt tatsächlich ungemein unbeholfen.

Dem Anspruch seines Filmes entsprechend hätte es Heller besser bei Andeutungen belassen. Immerhin drängt die endlich anwesende Bestie den Psycho-Schwulst in den Hintergrund. Aus „Dark Was the Night“ wird ein Gruselfilm. Zu unserem Pech setzt der Regisseur auch diesen in den Sand. Mit einigen Dumm-Dörflern – zu denen sich selbstverständlich Weib und Sohn des Sheriffs gesellen – verbarrikadiert sich Shields in der Kirche von Maiden Woods. Im Brustton der Überzeugung behauptet er die Bunkertauglichkeit des Gebäudes, während er vor einem der gewaltigen Glasfenster steht. Nur er wundert sich vermutlich, als die Kreatur sich problemlos Einlass verschafft.

Finales Drama oder Gnadenschuss für die Handlung?

Man muss Heller zugestehen, dass er den Finalkampf spannend gestalten möchte. Dörfler, Gattin und Sohn werden in einen Kellerraum unter dem Kirchenschiff abgeschoben. Dann machen sich Shields und Saunders mit gezückten Knarren daran, dem in der Dunkelheit grummelnden Unhold das Lebenslicht auszublasen.

Man kann davon ausgehen, dass Heller unfreiwillig demonstriert, was in einem solchen Fall alles schieflaufen kann. Die Spannung bleibt auf der Strecke, während erneut ein millionenfach ausgeleiertes Duell seinen Gang geht. Also bleibt Buddy Saunders ausgeknockt auf der Strecke, sodass Shields – Nomen est Omen – letztlich allein zwischen dem Monster und der im Kirchenkeller bibbernden Gemeinde steht.

Es wäre kein Spoiler zu erwähnen, wie diese Auseinandersetzung endet. Ausgesprochen werden muss auf jeden Fall, dass Heller die ‚Realität‘ der Handlung einem an sich dämlichen Final-Gag opfert, der im Kontext erstaunlicherweise Sinn ergibt: Auch ein blindes Regie-Huhn findet manchmal ein Körnchen Logik. Damit endet dieses Filmprojekt  für Heller glücklicher als für die von ihm geheuerte Darstellerschar. Vor allem Kevin Durand reibt sich sichtlich in dem Bemühen auf, seiner stereotypen Figur Leben einzuhauchen. Vergeblich, und die Strafe ist hart: Jammer-Gattin und Klammer-Sohn sinken dem kampfzerbeulten Sheriff zurück in die Arme. Regisseur Heller und Autor Hisel dürfen uns ungebeutelt zukünftig weiterhin Film- und Lebenszeit stehlen.

DVD-Features

„Dark Was the Night“ ist ein Film ohne Unterhaltungsqualitäten. Dem deutschen Label war dies offensichtlich bekannt, denn Extras außer dem Trailer wird der Zuschauer weder finden noch vermissen.

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Dark Was the Night – Die Wurzeln des Bösen
Originaltitel: Dark Was the Night (USA 2015)
Regie: Jack Heller
Drehbuch: Tyler Hisel
Kamera: Ryan Samul
Schnitt: Timothy Donovan
Musik: Darren Morze
Darsteller: Kevin Durand (Sheriff Paul Shields), Lukas Haas (Deputy Donny Saunders), Bianca Kajlich (Susan Shields), Ethan Khusidman (Adam Shields), Nick Damici (Earl Lerner), Sabina Gadecki (Claire), Billy Paterson (Ron), Charles Parshley (Kyle), Steve Agee (Vorarbeiter) u. a.
Label/Vertrieb: Eurovideo Medien
Erscheinungsdatum: 21.04.2016
EAN: 4009750227794 (DVD)/4009750301937 (Blu-ray)
Bildformat: 16 : 9 (2,40 : 1, anamorph)
Audio: Dolby Digital 5.1 (Deutsch, Englisch)
Untertitel: Deutsch
DVD-Typ: 1 x DVD-9 (Regionalcode: 2)
Länge: 95 min. (Blu-ray: 98 min.)
FSK: 16

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