Das Grab der Ligeia

Originaltitel: Edgar Allan Poe’s Ligeia (USA 2009)
Regie: Michael Staininger
Drehbuch: John Shirley
Kamera: Chris Benson
Schnitt: Danny Saphire u. Michal Shemesh
Musik: Patrick Cassidy u. Michael Edwards
Darsteller: Wes Bentley (Jonathan Merrick), Kaitlin Doubleday (Rowena), Sofya Skya (Ligeia Romanova), Michael Madsen (George), Eric Roberts (Vaslov), Cary-Hiroyuki Tagawa (Len Burris), Mackenzie Rosman (Loreli), Joel Lewis (Eddie), Christa Campbell (Mrs. Burris), Jeff Most (Priester) u. a.
Label: Splendid Film
Vertrieb: WVG Medien Gmbh
Erscheinungsdatum: 07.05.2010 (Leih-DVD) bzw. 21.05.2010 (Kauf-DVD u. Blu-ray)
EAN: 4013549874465 (Kauf-DVD) bzw. 4013549274463 (Kauf-Blu-ray)
Bildformat: 16 : 9 (2,35 : 1, anamorph)
Audio: DTS-HD 5.1 (Deutsch, Englisch)
Untertitel: Deutsch, Holländisch
DVD-Typ: 1 x DVD-9 (Regionalcode: 2)
Länge: 86 min. (Blu-ray: 90 min.)
FSK: 16

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Das geschieht:

Ligeia Romanov entstammt einem russischen Hexengeschlecht, dessen Angehörige sich der Suche nach dem ewigen Leben verschrieben haben. Im Augenblick des Todes entweicht die Seele dem Körper und verliert sich in der Unendlichkeit. Hier setzt Ligeia an; sie sucht nach einer Möglichkeit, die flüchtige Seele zu ‚fangen‘ und zu ‚speichern‘. In einem letzten Schritt soll die Seele einen neuen Menschenkörper übernehmen und den eigentlichen Eigentümer daraus vertreiben.

Die Zeit drängt, denn auch Ligeia leidet unter jener Krankheit, die alle weiblichen Romanovs jung dahinrafft. Sie studiert in den USA, während sie heimlich ihren eigentlichen Forschungen nachgeht. Bei der Beschaffung menschlicher Versuchskaninchen und der anschließenden Beseitigung der Leichen hilft Prolet Eddie, der ihrem Liebeszauber verfallen ist.

Den spinnt Ligeia aktuell um Professor Jonathan Merrick, einen renommierten Universitätsdozenten, der erfreulich jung, gutaussehend und vor allem reich ist: Ligeia will in den Familienstammsitz am Schwarzen Meer zurück, den die Romanovs aus Geldmangel aufgeben mussten. Zwar ist Merrick mit der blonden Rowena verlobt, doch davon lässt sich eine Hexe nicht aufhalten. Ligeia zieht Jonathan in ihrem Bann, bis er Rowena verlässt, sie heiratet und mit ihr nach Russland geht, wo er seiner Gattin das Stammschloss kauft.

Dort vollendet Ligeia ihre Versuche, aber ihre Kräfte schwinden, während Jonathan allmählich zur Besinnung kommt. Der neugierige Haushofmeister kommt Ligeia auf die Schliche, und die vom verlassenen Eddie informierte Rowena will um Jonathan kämpfen. Ligeia wird zum Handeln gezwungen. Inzwischen kann sie ihre Seele nach Belieben wandern lassen, und diese Fähigkeit nutzt sie, um sich der lästigen Eindringlinge zu erwehren …

Wenn du dich nicht mehr wehren kannst …

Armer Edgar! Zwar war er als Schriftsteller und Dichter ein Genie, doch sein Leben verlief tragisch und oft unglücklich; es währte nur 40 Jahre und endete mysteriös aber elend. Erst als Poe tot war und seine Bewunderer nicht mehr durch seine (offensichtlich schwierige) Gegenwart stören konnte, gelangte sein Werk allmählich zu jenem Ruhm, den es verdient.

Poe ist eine verlockende aber harte Nuss – ein Autor, der mit Worten umging wie ein Chirurg mit dem Skalpell. Zwar gilt er (u. a.) als Großmeister der Phantastik, doch auch hier geht sein Werk weit über den banalen Buh-Grusel hinaus. Poe hatte erkannt, dass der wahre Schrecken im Menschenhirn lauert bzw. dort ausgebrütet wird. Aus dieser Erkenntnis speiste sich eine wahre Flut ‚psychologisch‘ fundierter Gruselgeschichten, denn Poe lag völlig richtig.

Einen Erzähler dieses Kalibers konnte und kann der Film nicht ignorieren. Immer wieder wurden Poes Geschichten in Drehbücher verwandelt. Ein grundsätzliches Problem zeichnete sich schnell ab: Poe-Storys sind relativ handlungsarm, während zumindest der Unterhaltungsfilm von der Handlung lebt. Dieser Widerspruch lässt sich lösen, wobei Einfallsreichtum, Mut und Dreistigkeit die besten Früchte tragen, wie Regisseur Roger Corman mit acht Poe-Filmen belegte, die er inhaltlich grell und formal knallbunt aber den Geist der Vorlagen in das 20. Jahrhundert transportierend zwischen 1961 und 1964 inszenierte.

Mit  einer Version von „Ligeia“ schloss Corman seine Poe-Serie ab. Wie Michael Steininger sah er sich mit einer besonders schwierigen Vorlage konfrontiert. Poe schrieb „Ligeia“ 1838 als kontextstarke Geschichte, die für das Medium Film nur bedingt adaptiert werden konnte bzw. intensiv umgearbeitet werden musste.

Was dieses Mal schiefging

Nur selten gelingt dieser Balanceakt, zumal es eine weitere Schwierigkeiten zu berücksichtigen gilt: Die Mehrheit der Zuschauer interessiert sich kaum für Poes literarischen Ruhm, sondern erwartet einen Film, der hintergründig sein darf aber vor allem unterhaltsam sein soll. Leider scheint Poe in jedem Regisseur den verhinderten Literaten zu wecken. Die meisten Verfilmungen künden vom Ehrgeiz, die zwischen den Zeilen anklingenden Intentionen Poes sowie die fiebrig-intensive Atmosphäre seiner Erzählungen zu bewahren und in entsprechende Bilder umzusetzen.

Michael Staininger will ebenfalls auf Poes Spuren wandeln. Immerhin hat er sich wortgewaltige Schützenhilfe geholt: Das Drehbuch verfasste John Shirley, der nicht nur in der literarischen Science Fiction und im Horror markante Spuren hinterließ, sondern sich auch in der Filmindustrie einen Namen machte. Shirley versteht seinen Job. Die Reduktion der „Ligeia“-Vorlage auf eine konventionelle Gruselgeschichte ist womöglich sein Werk. Demnach läge die eigentliche ‚Schuld‘ für das Scheitern des Films in der Tat beim Regisseur, der unbedingt den Poe-Faktor erzwingen wollte.

Den versucht Staininger mit Stilmitteln in den Griff zu bekommen, die inflationär zum Einsatz kommen. Aus Leibeskräften wird düster gefiltert. Gern verkürzt der Regisseur Handlungssequenzen durch ruckartiges Zoomen oder blitzartige Schnittfolgen. Diese Methode kommt auch zum Einsatz, um Träume oder Visionen unwirklicher zu gestalten. Wenn alle Stricke reißen, stellt Staininger Sofya Skya als Ligeia im Walle-Walle-Gewand in die Ruinen einer Burg und lässt die Windmaschine anwerfen.

Gut kommen nach Ansicht des Regisseurs auch krächzende Raben, denn 1845 hatte Poe in „The Raven“ abermals einen Fall romantischen Liebeswahnsinns in grandiose Verse gegossen. Weniger gefallen würde Staininger vermutlich der Hinweis auf den eher trivialen britischen Horrorfilm „The Asphyx“ (1973), an den sich „Das Grab der Ligeia“ stärker anlehnt als an die Poe-Geschichte.

Ehrgeiz und Wirklichkeit

Vielleicht hätte Staininger mit dem Prinzip Übertreibung keinen Schiffbruch erlitten, wäre ihm ein Budget anvertraut worden, mit dem er seine Visionen auf die Spitze hätte treiben können. Stattdessen ist „Das Grab der Ligeia“ eine typische „Independent“-Produktion, was immer auch mit „Geldmangel“ zu übersetzen ist. Schon die Geografie des Geschehens spiegelt dies wider: „Das Grab der Ligeia“ entstand kostengünstig auf der ukrainischen Krim, weshalb Ligeia Russin ist und das schlossähnliche Heim ihrer Familie sich an den Gestaden des Schwarzen Meeres erhebt. (Außerdem half diese Herkunft bei der Bemäntelung der Tatsache, dass Sofya Skya zum Zeitpunkt der Dreharbeiten kaum der amerikanischen Sprache mächtig war und ihre Rolle lautmalerisch ausfüllte.)

Auch in den USA – hier vor allem in St.  Louis – wurden Szenen realisiert. Entstanden ist ein seltsamer Mischmasch von Handlungsorten, die realiter auf verschiedenen Hälften des Erdballs liegen, während es im Film den Anschein hat, als könne man sie mit dem Bus anfahren. Das daraus resultierende Orientierungsproblem begleitet uns durch den gesamten Film.

Erstaunlicherweise entfällt ein sonst in Filmen dieser Preisklasse akutes Problem: In Sachen Tricktechnik greift Staininger nie nach den Sternen. Wer auf bildmächtige Spezialeffekte wartet, wird eine zusätzliche Enttäuschung erleben. Im „Ligeia“-Konzept begleiten sie die Handlung, statt sie zu bestimmen. Unter dieser Voraussetzung leisteten die Tricktechniker saubere Arbeit. Wenn Bilder wie die Totale des Romanov-Schlosses künstlich wirken, so ist dies Absicht; sie sollen den somnambulen Eindruck des Geschehens unterstreichen.

An den Darstellern lag es nicht

Wie Ligeia kann offenbar auch Staininger Bannkräfte freisetzen, denn es gelang ihm, für wenig Geld eine ansehnliche Besetzung zu rekrutieren. A-Stars sind natürlich nicht an Bord, aber eine Gruppe bewährter Veteranen und begabter Nachwuchsmimen legt sich mächtig ins Zeug. Sofya Skya verkörpert die schöne, böse, verzweifelte Ligeia überzeugend. Leider werden ihre dunkle Stimme und der gut zur Rolle passende russische Akzent durch die Synchronisation eingeebnet.

Viele Gesichter wird der Zuschauer wiedererkennen – und manchmal überrascht sein; so gibt Martial-Arts-Finsterling Cary-Hiroyuki Tagawa einen distinguierten Universitäts-Dekan. Einen präsenzstarken Vollblut-Schauspieler wie Michael Madsen in die kleine und blasse Rolle von Rowenas Vater zu stecken, ist kontraproduktive Verschwendung. Und welcher Teufel Staininger geritten hat, Eric Roberts als russischen Hausverwalter auftreten zu lassen, weiß wohl nur Ligeia; auf der Suche nach der Fehlbesetzung des Jahres wird man um ihn jedenfalls kaum herumkommen.

So reiht sich „Das Grab der Ligeia“ in die Reihe jener Poe-Verfilmungen ein, die vom Fluch des Hauses Usher erfasst wurden. Auch dieser Streifen wird in jenem Zelluloid-Sumpf versinken, aus dessen Tiefen ihn nur noch eine dunkle Macht wieder zerren kann: das Privatfernsehen. Irgendwann um Mitternacht werden wir Ligeia & Co dort wiedersehen; möge bis dahin noch viel Wasser durch das Schwarze Meer fließen!

DVD-Features

„Das Grab der Ligeia“ ist kein für den schnellen Verbrauch gedrehtes TV-Filmchen. Vor und hinter der Kamera versuchten die Beteiligten trotz der schmalen Mittel großes und Poe-würdiges Kino. Über eine halbe Stunde dürfen sie sich in einem „Making of“ dazu äußern. Dabei reden sie sich freilich um Kopf und Kragen, denn je länger sie zu Wort kommen, desto lockerer versuchen sie sich u. a. in der Interpretation von Poes Werken, was sie eindeutig besser den Fachleuten überlassen sollten. Überzeugender wirken Schilderungen von der Kriegsfront einer unabhängigen Film-Produktion, bei der weder Crew noch Schauspieler auf Rosen gebettet sind. Eric Roberts erklärt offen, dass sein Spiel einen Freundschaftsdienst darstelle und er außerdem arbeitssüchtig sei.

Zu den Extras gehören auch sechs gedrehte aber aus dem Film getilgte Szenen; man muss Cutter und Regisseur sechsmal zur richtigen Entscheidung gratulieren, wünscht sich aber, sie seien mit der Schere noch rigoroser zu Werke gegangen.

Zum Film gibt es eine simpel strukturierte aber schön gestaltete Website.

[md]

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