Das Grauen

Originaltitel: The Changeling (Kanada 1980)
Regie: Peter Medak
Drehbuch: William Gray u. Diana Maddox (nach einer Story von Russell Hunter)
Kamera: John Coquillon
Schnitt: Lilla Pedersen
Musik: Rick Wilkins
Darsteller: George C. Scott (John Russell), Trish Van Devere (Claire Norman), Melvyn Douglas (Senator Carmichael), Jean Marsh (Joanna Russell), John Colicos (Captain DeWitt), Barry Morse (Dr. Pemberton), Madeleine Thornton-Sherwood (Mrs. Norman), Helen Burns (Leah Harmon), C. M. Gampel (Mr. Tuttle), James B. Douglas (Eugene Carmichael), Voldi Way (Joseph Carmichael) u. a.
Label/Vertrieb: Studiocanal
Erscheinungsdatum: 18.06.02 (DVD)
EAN: 4006680027180 (DVD)
Bildformat: 16 : 9 (1,85 : 1, anamorph)
Audio: Dolby Digital 2.0 Mono (Deutsch, Italienisch, Spanisch), Dolby Digital 2.0 Stereo (Englisch)
Untertitel: Deutsch, Englisch, Italienisch, Niederländisch, Portugiesisch, Spanisch
DVD-Typ: 1 x DVD-9 (Regionalcode: 2)
Länge: 102 min.
FSK: 16


Titel bei eBook.de (DVD)

Titel bei Amazon.de (DVD)

Das geschieht:

Komponist John Russell, der durch einen Unfall Frau und Tochter verloren hat, versucht im US-Staat Washington den Neuanfang. In Seattle übernimmt er eine Stelle als Universitätsdozent. Privat möchte er wieder komponieren und sucht ein ruhiges Heim. Claire Norman von der Historischen Gesellschaft der Stadt vermittelt ihm ein abgelegenes, schon lange leer stehendes Haus, das Russell trotz der absurd vielen Räume zusagt. Er lebt sich ein, die Muse Polyhymnia küsst ihn wieder, und Claire plant sich ihr jenseits des Klaviers bald anzuschließen.

Allerdings geht es nachts unangenehm laut in dem alten Gemäuer um. Es pocht, eine Stimme wispert und klagt. Russell glaubt an die Erscheinung seiner Tochter, doch als er den Geräuschen folgt, stößt er auf eine vernagelte Tür und ein Geheimzimmer, in dem vor vielen Jahren ein Kind gelebt hat. Er lässt er sich auf eine Séance ein, in deren Verlauf der Geist seinen Namen offenbart: Joseph Carmichael.

Diese Information sorgt für helle Aufregung, denn die Carmichaels gehören zur High Society der Stadt; das Oberhaupt der Familie – ebenfalls Joseph mit Vornamen – ist sogar Senator. Ursprünglich gehörte den Carmichaels das Haus, in dem nun Russell lebt. Sie sind ausgezogen, als Joseph im Alter von neun Jahren nach einem schweren Unfall in ein europäisches Sanatorium eingeliefert wurde.

Wer ist jener „Joseph“, der in dem Haus umgeht? Russell und Claire stellen Nachforschungen an. Sie kommen einem Komplott auf die Spur, das Eugene Carmichael, Josephs Vater, vor über sieben Jahrzehnten eingefädelt hat, um seiner Familie ererbtes Geld und Macht zu bewahren. Selbst vor einem Mord ist er nicht zurückgeschreckt. Nie hat jemand die Wahrheit erfahren, die Senator Carmichael zumindest ahnt. Joseph, der Geist, fordert Gerechtigkeit, sogar Rache, und Russell soll sein Sprachrohr sein. Als dieser erkennt, wie weit Joseph gehen will, sträubt er sich und fordert daraufhin einen wahrhaft unheimlichen Zorn herauf …

Heim ist, wo auch der Horror ist

Das Handlungskonzept vom alten Haus, in dem ein Geist haust, stellt einen der Grundpfeiler der Phantastik dar. Der Mensch hat ihn schon früh gesetzt; vielleicht erzählte man sich schon in den Steinzeithöhlen Geistergeschichten. Denken wir an das alte Sprichwort vom Heim als Burg: Hier legt man die Waffen nieder, entspannt sich – und wird verwundbar. Die Vorstellung, genau dann & dort aufs Korn genommen zu werden, wo man sich sicher fühlt, ist erschreckend genug. Setzt man zusätzlich Feinde voraus, die sich um Gräben, Wände und verschlossene Türen nicht scheren sowie in der Dunkelheit heimisch und unsichtbar sind, steigert sich der Schrecken zur buchstäblichen Todesangst.

Diese elementare Furcht sorgt dafür, dass eine eigentlich immer gleiche Geschichte ihre Wirkung bewahren konnte. Eine wichtige Voraussetzung zur effektvollen Vermittlung ist die Schaffung einer Schnittstelle zwischen dem Leser (hier: Zuschauer) und dem armen Teufel, der in ein Geisterhaus geraten ist. In „Das Grauen“ lässt die Wirkung nicht auf sich warten: Wir sind oft mit John Russell und dem Geist im alten Carmichael-Haus allein.

Eine gute Geistergeschichte benötigt Anlaufzeit. Jedes Spukhaus ist zunächst harmlos. Das Carmichael-Haus wirkt innen durchaus gemütlich, auch wenn es riesig ist und an der Beleuchtung gespart wurde. Alte Häuser geben Geräusche von sich, sodass anfängliche Seltsamkeiten von John Russell als Täuschung abgetan werden.

Gute Zeiten für Geister

Welcher Zuschauer hat sich nicht schon über Geschichten geärgert, in denen der Geist hartnäckig nur dem Helden oder der Heldin erschien, der oder die deshalb einen Zweifrontenkampf führen musste: gegen den Spuk und gegen die Zwangsjacke in den Händen notorisch begriffsstutziger Mitmenschen. Solche Spielchen bleiben uns in diesem Film erspart. Wenn Joseph umgeht, registriert dies jeder, der im Haus ist. Das Spuk-Phänomen wird ernstgenommen. Irgendwann tritt sogar ein Wissenschaftler auf, der Russell (und dem Zuschauer) einen Schnellkurs in Sachen Parapsychologie erteilt.

Darin spiegelt sich die Gegenwart dieses Films wider, der 1979 entstand. Die 1970er Jahre waren eine Blütezeit der ‚ernsthaften‘ Parapsychologie, der in Deutschland sogar ein Lehrstuhl an einer echten Universität (Freiburg) eingerichtet wurde. Neue naturwissenschaftliche Erkenntnisse über das menschliche Gehirn und die Entwicklung einer Technik, die der Forschung Wege in neue Welten öffnete, schienen auch den Blick in das „unentdeckte Land“ jenseits des Todes zu ermöglichen. Dies war ein Trugschluss, wie sich bald herausstellte, aber der Hightech-Ghostbuster blieb immerhin der Populärkultur erhalten.

Es fehlt denn auch nicht der Hinweis, dass diese Geschichte „auf Tatsachen beruht“. Russell Ellis Hunter, der die Vorlage für das Drehbuch schrieb, behauptete, Ähnliches wie John Russell erlebt zu haben, als er in Denver (US-Staat Colorado) in der Henry Treat Rogers Mansion wohnte. („Das Grauen“ entstand übrigens nicht in einem echten Haus. Die Innenräume wurden im Studio errichtet. Für die Außenaufnahmen baute man die Fassade der Carmichael-Villa in Originalgröße, weshalb die finalen Brandszenen ohne Spezialeffekte und sehr effektvoll gedreht werden konnten.)

Handlung ohne Sättigungsbeilagen

Da er Skepsis als Stilmittel weitgehend ausblendet, kann sich Regisseur Peter Medak stärker auf die eigentliche Geschichte konzentrieren. Er verstärkt dies durch den Verzicht auf die genreübliche aber lästige Love-Story; dass sich John und Claire näherkommen, fließt gänzlich nebenbei ein. Im Zentrum steht das Rätsel: Was ist im Jahre 1909 im dem Haus geschehen, und auf welche Weise ist die Familie Carmichael darin verwickelt?

Die Handlung wird zur Schnitzeljagd auf Indizien und Beweise. Dabei bricht Medak mit weiteren, angeblich bindenden Film-Regeln. Der Zuschauer erwartet, dass sich das Geschehen auf das Carmichael-Haus konzentriert oder sogar beschränkt. Stattdessen verlässt die Handlung zwischenzeitlich diesen Ort und verlagert sich auf eine ehemalige Farm an gänzlich anderer Stelle. Sogar neue Figuren werden eingeführt. Dies ist der Story und einer Logik geschuldet, die sich eher an der Realität als an der Dramaturgie orientiert.

Anno 1979 und damit tief in der analogen Vergangenheit war die Visualisierung eines ‚glaubhaften‘ Gespenstes schwierig. Medak machte aus der Not eine Tugend und erinnerte sich daran, dass ein guter Geist nur ansatzweise sichtbar ist. Man muss oder sollte ihn gar nicht deutlich sehen, sondern eher ahnen. Also schlüpft die ungemein wendige Kamera von John Coquillon in die Rolle des Joseph und gleitet scheinbar schwerelos durch Räume und Wände.

Zeit ist (für Geister) relativ

Wie logisch ist diese Geschichte? Der Realist wird zu Recht auf zahlreiche Löcher hinweisen, auf freilich oft Teil der Handlung sind. Erneut nimmt Medak primär die Story ernst: Hier strickt kein Mastermind seit Jahrzehnten an einem genialen Racheplan. Der Geist war einst ein neunjähriges Kind – und das ist Joseph geblieben. Im Tod ist er keineswegs erwachsen geworden. Folgerichtig setzt er dort an, wo er 1909 aufgeben musste, weil jene, die er zur Rechenschaft ziehen wollte, das Haus verließen, an das er offensichtlich gebunden ist.

Deshalb ist es nicht unlogisch sondern tragisch, dass sich Josephs Vergeltung nun gegen seinen alt gewordenen ‚Bruder‘ richtet, der im Grunde selbst ein Opfer von Eugene Carmichael ist (der anscheinend reich und friedlich in seinem Bett starb). Joseph versteht dies nicht, oder es ist ihm egal, weil er kein Empfinden für die Zeit hat, die seither verstrichen ist.

Russell misslingt es, Joseph begreiflich zu machen, dass er auf wahre Gerechtigkeit nicht hoffen darf. Auch in der Zeichnung dieser Rolle weicht „Das Grauen“ vom Horror-Standard ab: Russell will helfen, aber er lässt sich weder unter Druck setzen noch als Instrument der Rache missbrauchen. Als Joseph dies merkt, richtet sich sein Zorn auch gegen Russell. Ohnehin trägt Joseph den Sieg davon: Ohne zu wissen, was er anrichtet, bahnt Russell dem Geist einen Weg zum verhassten Wechselbalg.

Ein Mann mit Charakter

Obwohl Emotionen eine große Rolle spielen, mag „Das Grauen“ vielen Zuschauern zwar gruselig-spannend aber sachlich erscheinen. Es liegt wohl an der vollständigen Abwesenheit einer Zutat, die im Film allzu selbstverständlich geworden ist: „Das Grauen“ erzählt eine Geschichte ohne Sentimentalitäten. So ist John Russell ein verletzter aber nicht gebrochener Mann. Er trauert um seine Familie, hat jedoch privat und beruflich wieder Lebensmut gefasst, sogar eine neue Beziehung bahnt sich an. Russell ist kein Opfer: Als der korrupte Captain DeWitt auftaucht, um ihn im Auftrag von Senator Carmichael einzuschüchtern, wirft Russell ihn aus dem Haus. Wenn es im Haus knarrt und flüstert, geht Russell dem auf den Grund. Er zieht nicht aus, sondern stellt sich bewusst einem Phänomen, das ihn ängstigt aber nie in Panik versetzt.

George C. Scott (1927-1999) ist eine Idealbesetzung für diese Rolle. Er nahm die Schauspielerei bitterernst und wurde vor und hinter der Kamera wegen seines Eigensinns und seines Perfektionismus‘ (sowie seines Jähzorns) gefürchtet. In die Filmgeschichte ist er u. a. deshalb eingegangen, weil er auf offener Bühne die Annahme des „Oscars“ verweigerte, der ihm (in jeder Hinsicht zu Recht) 1971 für die Hauptrolle im Film „Patton“ überreicht werden sollte: Scott lehnte den Wettbewerb unter Schauspielern als unseriös ab.

Könner produzieren Qualität

Die Rolle der Historikerin Claire Norman übernahm Trish Van Devere, Scotts Ehefrau und selbst eine renommierte Schauspielerin. Sie ist nicht mehr jung, wie überhaupt Teenies in diesem Film ohne Bedeutung sind: „Das Grauen“ ist – man wagt es heutzutage kaum mehr niederzuschreiben – ein Film für ein erwachsenes Publikum. Leider gibt es für Van Devere keine echte Daseinsberechtigung in dieser Geschichte. Deshalb leistet sich Medak die einzige echte Schwäche des Films: Sehr genretypisch aber ohne echten Grund lässt er Claire kurz vor dem Finale allein ins Haus geraten. Dort wird sie von einem führerlosen Rollstuhl (!) über drei Stockwerke gejagt und soll dabei Panik mimen, wo sie sich wohl eher das Lachen verbeißen musste.

Für die kleine aber prägnante und wichtige Rolle des Senators Carmichael konnte Medak Melvyn Douglas (1901-1981) engagieren. Dieser war ein Repräsentant der „Goldenen Ära“ Hollywoods vor dem II. Weltkrieg – u. a. hatte er dreimal mit Greta Garbo gedreht –, dem es gelungen war, auch im „New- Hollywood“-Kino der 1970er Jahre präsent zu bleiben; für seinen Auftritt in „Being There“ (dt. „Willkommen Mr. Chance“) hatte er 1979 einen zweiten „Oscar“ gewonnen, bevor er für „Das Grauen“ nach Kanada reiste.

Auch hinter der Kamera sorgten Meister ihrer Fächer für ein intensives Filmerlebnis. Die Kamera von John Coquillon wurde bereits lobend erwähnt. Musik spielt in „Das Grauen“ eine wichtige Rolle; Rick Wilkins komponierte sie (in Vertretung von John Russell), und Peter Medak, ein ungemein agiler Regisseur, der auf eine Jahrzehnte währende Laufbahn in Film und Fernsehen zurückblicken kann, wusste sie wirkungsvoll einzusetzen.

Manche Effekte sind natürlich altmodisch bzw. abgedroschen. Dennoch belegt „Das Grauen“ eindrucksstark eine ‚andere‘ Phantastik, die in den 1970er Jahren bewährte Hollywood-Handwerkskunst mit aktuellen Themen zu verbinden wusste. „Das Grauen“ hat nicht das Kaliber von „Das Omen“ oder „Der Exorzist“, gehört aber in die Reihe dieser gelungenen und modernen Horrorfilms und kann diesen Status auch im 21. Jahrhundert unter Beweis stellen.

DVD-Features

Zunächst einmal sollte sich der Grusel-Freund über die Tatsache freuen, dass dieser Film trotz seines Alters nicht nur im deutschen Handel erhältlich ist, sondern auch ungekürzt und in ausgezeichneter Bildqualität auf die DVD – eine Blu-ray-Fassung gibt es nicht – gebrannt wurde. Akustisch ist der Film altersbedingt ein wenig schwach auf der Brust.

Die Extras sind bescheiden; 1979 produzierte man noch nicht für jeden Film „Making-ofs“ und andere Features. Immerhin gibt es einen sehr informativen Audiokommentar von Regisseur Peter Medak. Dazu kommt eine vierminütig ablaufende Fotogalerie.

Kurzkritik für Ungeduldige: Ein Komponist mietet ahnungslos ein Geisterhaus; das dort hausende Phantom macht ihm zum Handlanger einer Rache, die in einem vor vielen Jahren begangenen Mord wurzelt … – Keine Effekt-Kaskaden, keine Blutfontänen, keine Scheußlichkeiten, stattdessen Grusel-Atmosphäre, gediegene Bilder und richtige Schauspieler: Der Zuschauer ängstigt sich zeitlos und effektvoll, wenn er sich auf die Geschichte einlässt und Kritik nicht an seltsamer Kleidung oder altmodischen Automobilen festmacht.

[md]

Titel bei eBook.de (DVD)

Titel bei Amazon.de (DVD)