Das Haus der Geheimnisse

Originaltitel: Derrière les murs (Frankreich 2011)
Regie u. Drehbuch: Julien Lacombe u. Pascal Sid
Kamera: Nicolas Massart
Schnitt: Richard Marizy
Musik: David Reyes
Darsteller: Laetitia Casta (Suzanne), Thierry Neuvic (Philippe), Jacques Bonnaffé (Paul), Roger Dumas (Vater Francis), Anne Benoît (Catherine Luciac), Anne Loiret (Yvonne), Emma Ninucci (Valentine), Charline Paul (Mireille), Mathilde Tolleron (Joséphine) u. a.
Label/Vertrieb: Universum Film
Erscheinungsdatum: 11.05.2012
EAN: 0886919176599 (DVD)/0886919176698 (Blu-ray/3D)
Bildformat: 16 : 9 (1,85 : 1, anamorph)
Audio: Dolby Digital 5.1 (Deutsch, Französisch)
Untertitel: keine
DVD-Typ: 1 x DVD-9 (Regionalcode: 2)
Länge: 83 min. (Blu-ray: 86 min.)
FSK: 12

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Das geschieht:

Die junge Erfolgs-Schriftstellerin Suzanne hat es im Paris der beginnenden 1920er Jahre tüchtig krachen lassen. Partys, Männer und Alkohol ließen ihr zunehmend weniger Zeit für die Arbeit, bis Suzannes Verleger der Kragen platzte. Er drehte seiner Autorin den Geldhahn zu und stellte ihr ein Ultimatum: Zieh aufs Land und schreibe wieder!

Wohl oder übel fügt sich Suzanne. In der Auvergne findet sie ein etwas heruntergekommenes aber schönes, wenn auch für eine Person viel zu großes Haus. Die Bewohner des nahen Dorfes mustern die mondäne Stadtfrau misstrauisch. Nur Bürgermeister Paul, der per Heirat mit einem Besen geschlagen wurde, verguckt sich umgehend in die schöne Zugezogene.

In dem riesigen Haus beginnt Suzanne zu halluzinieren. Aus Paris hat sie sich ihre Vorliebe für den giftgrünen Absinth bewahrt, den sie zusätzlich mit Laudanum anzureichern pflegt. Der Geist ihrer früh verstorbenen Tochter scheint Suzanne heimzusuchen. Auch mit dem Schreiben will es nicht klappen, bis Suzanne im Keller hinter einer Ziegelwand den Eingang zu einer unterirdischen Höhle entdeckt, in deren Mitte ein uralter Brunnen steht. Hier beginnt Suzanne wie besessen auf ihre Schreibmaschine einzuhämmern.

Bald schließt die einsame Frau Freundschaft mit der Waisen Valentine, die unter dem Schreckensregiment ihrer lieblosen Tante leidet. Suzanne gibt dem Mädchen Privatstunden und schenkt ihm ein Kleid der Tochter. Der Schock ist deshalb heftig, als Valentine eines Tages spurlos verschwindet. Die Dorfbewohner machen Suzanne bzw. das Haus verantwortlich, denn dort hat sich vor Jahren eine sorgfältig vertuschte Tragödie ereignet. Nur der junge Philippe stellt sich auf Suzannes Seite. Er rekonstruiert die hässliche Wahrheit, während es in dem alten Haus nächtlich zunehmend turbulenter zugeht …

Grusel statt Grauen

Oft habe ich im Zusammenhang mit der Geistergeschichte über deren ‚literarischen Wert‘ sinniert. Er wird ihr von der hehren Kunstkritik – die reine Unterhaltung gar nicht schätzt – nur unter bestimmten Umständen zugebilligt. Dabei steht nicht der Spuk als Manifestation eines quasi lebendigen Nach-Todes, sondern die Psyche des heimgesuchten Menschen im Mittelpunkt. Spuk und Wahn müssen sich unmerklich mischen. Der wagemutige Autor überlässt die Interpretation dem Leser, sein vorsichtiger Kollege enthüllt eine gänzlich rationale Auflösung.

Die Film-Neulinge Julien Lacombe und Pascal Sid gehören zu denen, die den Kuchen sowohl essen als auch ihn behalten möchten. Sie versuchen, gänzlich auf Nummer Sicher zu gehen, was allerdings auch nicht ohne Risiko ist. „Das Haus der Geheimnisse“ ist ein gutes und gleichzeitig trauriges Beispiel: Statt Rätselspannung und Tragik verbreitet dieser Film anderthalb Stunden Langeweile.

Im Interview erörtert das Drehbuch- und Regie-Duo ausgiebig, was ihnen vorschwebte. Sie lieben den leisen Grusel und nicht den Horror. Der europäische Film hat gerade in den letzten Jahren einige gelungene Filme dieser Art hervorgebracht. „El Orfanato“ (dt. „Das Waisenhaus“) war 2007 ein nahezu perfektes Beispiel, wie man Spannung und Schrecken durch Andeutungen und die kunstvolle Täuschung des Zuschauers erzeugt.

Die Schatten der Vergangenheit

Die Ausgangssituation ist noch gleichermaßen klassisch wie vielversprechend. Eine sichtlich aus ihrem gewohnten Leben gerissene Frau verschlägt es auf das Land. Dort will sie Abstand von dem Trubel gewinnen, der ihr in der Stadt über den Kopf gewachsen ist. Natürlich gelingt der Neubeginn nicht, denn es ist eine alte aber selten beherzigte Weisheit, dass unbewältigte Probleme dem Menschen folgen. Ein Ortswechsel allein bringt keine Besserung.

Die Doppelzügigkeit der Handlung setzt ein, wenn wir einerseits beobachten, wie Suzanne ihrer Gier nach hochprozentigem Alkohol und Rauschgift nachgibt, während andererseits in den endlosen Raumfluchten eines schon tagsüber wie ein Spukhaus wirkenden Gebäudes Seltsames geschieht.

Damit setzen sich Lacombe & Sid zwischen die Stühle. Der Zuschauer ist bereits verärgert durch eine allzu ausführliche Einleitung, die mit den späteren Schauplätzen vertraut machen soll. Nun fällt auf, dass zwischen Wahn und Wirklichkeit kein Gleichgewicht besteht. Zwar lässt sich zum Teil erkennen, was Suzanne sich nur einbilden mag. Gleichzeitig präsentieren Lacombe & Sid echte Rätsel, die nie eine Erklärung oder gar eine Auflösung finden.

In erster Linie betrifft dies die unterirdische Höhle, die möglicherweise ein vorchristlicher Kultplatz mit Opferstätte darstellen soll. Dort überfällt so etwas wie eine dunkle Muse unsere Schriftstellerin, die buchstäblich in Trance Blatt um Blatt mit morbider Lyrik füllt. Tatsächlich spielt die Höhle keine handlungsrelevante Rolle. Sie ist da und sieht unheimlich aus. Darin erschöpft sich offenbar ihr Zweck.

Der Riss in der Wahrnehmung

Ein weiteres und beachtliches Problem ist die Zeichnung der Hauptfigur. Suzanne ist dem Zuschauer herzlich gleichgültig. Möglicherweise war Laetitia Casta mit der Rolle schlicht überfordert, möglicherweise sollte sie Suzanne auch als wortkarge, verschlossene, irrationale Person spielen. Das gelingt ihr allerdings ausgezeichnet. Ständig mit einem Zigarillo im oder einem Glas Absinth am Mund, sieht Suzanne erst Gespenster und dann Ratten, die in Schwärmen durch die Räume wuseln. Dahinter steckt sicherlich eine symbolische Bedeutung, die mit Suzannes geistigem Verfall in Zusammenhang steht. Den muss man sich aber nachträglich erschließen. Lacombe & Sid gelingt es nicht, ihn filmisch zu vermitteln.

Ebenfalls ein krachender Schuss in den Ofen ist die ‚Erklärung‘, wieso Suzannes Villa als Spukhaus gilt. Sie soll an dieser Stelle verschwiegen bleiben. Unbedingt erwähnt werden muss jedoch, dass Lacombe & Sid im letzten Filmdrittel einen dritten Handlungsstrang beginnen: Philippe, den Suzanne urplötzlich in ihr Bett gezogen hat, ohne dass dem so etwas wie eine Romanze voranging, beginnt die Geschichte des Hauses zu recherchieren. Er fördert eine Tragödie zutage, die mit der eigentlichen Handlung in keinerlei Zusammenhang steht.

Auf diese Weise ist Philippe immerhin aus dem Weg, wenn Lacombe & Sid Suzanne endgültig in den Wahn abdriften lassen. Dies geschieht so platt und stimmungslos, dass auch die hoch auflodernden Final-Flammen den Schaden nicht mehr wettmachen können. Was als Tragödie einer nicht bewältigten und sich verselbstständigenden Schuld traurig stimmen sollte, lässt völlig gleichgültig.

Aufwand ohne Wirkung

Aus schwer nachvollziehbaren (und im Making-of keineswegs schlüssig erläuterten) Gründen wurde „Das Haus der Geheimnisse“ der erste französische Gruselfilm, der mit der 3D-Kamera gedreht wurde. Damit wird das relativ hohe Budget von 3,7 Mio. Euro verständlich, das sich im Film ansonsten kaum niederschlägt. Gedreht wurde in zwei der historischen Provinzen des Landes: Die Region Poitou-Charentes liegt im Westen, die Auvergne in Zentralfrankreich. In dem winzigen Flecken Blassac im Department Haute-Loire entstanden die Dorf-Szenen. Kameramann Nicolas Massart glänzt mit wunderschönen Aufnahmen, von denen die nächtliche Suche der mit Fackeln bewehrten Dörfler eine besondere Erwähnung verdient. Dreidimensional dürften diese landschaftlichen Schauwerte noch besser zur Geltung kommen. Womöglich erfüllen sie dann ihren eigentlichen Zweck: Land und Leute dienen als Spiegel oder Brennglas, der oder das Suzannes Fremd- und Verlorenheit noch verstärkt.

Die anfängliche Idylle entpuppt sich – auch dies ist längst ein Klischee – als Hort rückständiger Spießigkeit. Fremd ist in diesem Umfeld immer gleich verdächtig. Zusammenhalt wird höchstens als Pöbel demonstriert; schließlich dringen die Dörfler mit Fackeln und Mistgabel auf Suzanne ein. So ist es einst auch Frankensteins Ungeheuer immer wieder ergangen (wobei die Parallele sicherlich zufällig ist).

Darstellerisch lassen sich keine Glanzlichter erkennen. Laetitia Casta wirkt eher hölzern als verloren, die Dorfbewohner und allen voran der geile Bürgermeister sind weniger bedrohlich als unfreiwillig komisch. Thierry Neuvic als Philippe wird irgendwie ins Geschehen geworfen, wo er höchstens die Aufgabe erfüllt, Suzannes Einsamkeit zu unterstreichen. Außerdem muss sie jemandem (und damit uns, dem Publikum) über ihre traurige Vergangenheit aufklären; dass sie sich den Dorfmenschen nicht anvertrauen mag, ist keine Überraschung.

So schleppt sich die Geschichte mit ein wenig (schlecht inszeniertem) Hokuspokus aber ohne Höhepunkt einem Ende entgegen, das von der Ratlosigkeit seiner Erfinder kündet. Dass es nicht happy ist, sorgt nicht für den gewünschten Nachdruck. „Das Haus der Geheimnisse“ hat keine Geheimnisse: DAS ist es, was dem Zuschauer im Gedächtnis bleibt – dies sowie die Namen Julien Lacombe und Pascal Sid, die uns die Zeit gestohlen haben.

DVD-Features

Beinahe eine Stunde währt das „Making-of“. Es ist wie der Film ‚europäisch‘ und erschöpft sich nicht in einem wild geschnittenen Wirbel aus Film- und Interview-Schnipseln, die reichlich mit Eigenlob und Werbung versetzt werden. Stattdessen dominieren lange Einstellungen, die Zeit lassen zu erfassen, was uns da erklärt werden soll. Wer den Film schon gesehen hat, wird die Differenz zwischen Anspruch und filmischer Wirklichkeit allerdings rasch bemerken. Kluge Menschen haben sich viel gedacht aber keine echte Ahnung gehabt, wie sich dies glaubwürdig oder gar spannend umsetzen lässt.

Kurzinfo für Ungeduldige: Eine geistig angeschlagene Schriftstellerin zieht sich aufs Land zurück. In dem angemieteten Haus geht es nachts um, während draußen junge Mädchen verschwinden. Die Dörfler zücken Fackeln und Mistgabeln, während die Autorin dem Wahnsinn verfällt … – Ebenso dürr wie diese Skizze läuft die Geschichte tatsächlich ab; der anvisierte Mystery-Touch verpufft spurlos, die Auflösung ist lahm. Nur die Bilder können überzeugen: anderthalb Stunden gepflegter Langeweile.

[md]

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