Sechs Männer aus Südkorea auf dem Weg durch die südpolaren Eiswüste: Unter der Führung des charismatischen Expeditionsleiters Choe Do-hyung wollen sein Assistent Kim Min-jae, der Navigator Lee Young-min, der Kommunikationsspezialist Kim Seong-hoon, der Elektronikexperte Seo Jae-kyung und der Koch Yang Geung-chan den legendären „Pol der Unzulänglichkeit“ erreichen, jenen Punkt, der im Landesinneren am weitesten von allen Küsten entfernt ist. Nur einmal hat ihn 1958 ein sowjetisches Forscherteam erreicht, denn er trägt seinen Namen aus gutem Grund: 1.700 km müssen durch zum Teil schwieriges Gelände und natürlich bei eisigen Temperaturen zurückgelegt werden.

Nach gelungenem Auftakt steht die Expedition bald unter einem Unstern. Die Männer entdecken eine Markierung im Eis und darunter ein Buch. Es ist das Journal einer britischen Expedition, die sich bereits 1922 auf die Suche nach dem Pol der Unzulänglichkeit begeben hat. Die meisten Seiten lassen sich nicht mehr lesen, doch seltsame Zeichnungen deuten ein ungutes Schicksal an. Auch das koreanische Team wird vom Unglück verfolgt. Ein Mann wird krank und geht in der Eiswüste verloren. Die Kameraden stoßen bei der Suche nicht auf ihn, sondern auf eine Leiche der britischen Vorgänger.

Choe Do-hyung überredet seine Kameraden, die Expedition fortzusetzen. Er verhält sich zusehends irrationaler und sabotiert die Funkverbindung zum Basislager. Wenig später verschuldet Choe Do-hyung heimlich aber im vollen Wissen um sein Handeln den Tod eines weiteren Mannes. Erneut verweigert er die Rückkehr. In seinem Wahn glaubt er an, nur am Pol der Unzulänglichkeit Erlösung von persönlicher Seelennot zu finden. Seine Begleiter beginnen sich vor ihm zu fürchten. Zudem beginnen unheimliche Erscheinungen die Expedition heimzusuchen. Immer wieder stoßen die Koreaner auf die Spuren der britischen Forscher, die genau wie sie einem grausamen Verderben entgegen zogen, bis die eisige Falle endgültig zuschnappte …

Noch eine Reise ins Herz der Finsternis

Asiatisches Kopf-Kino erreicht den europäischen Filmfreund in der Regel im Rahmen mehr oder weniger elitärer Festivals oder in den Nachtvorstellungen öffentlich-rechtlicher Fernsehprogramme. Auf dem Videomarkt landen solche Filme höchstens unter ferner liefen. Offensichtlich war auch dieses Label ratlos, wie man „Das Phantom aus dem Eis“ bewerben sollte. Zwar gibt es Elemente der trivialen Unterhaltung, die durch ein beachtliches Budget, das nicht nur aufwendige Kulissen, sondern auch bemerkenswerte Spezialeffekte ermöglichte, betont werden, doch darüber hinaus bietet „Das Phantom …“ multipel deutbare Filmkunst, wie sie selbst der strengste Cineast nicht diffuser wünschen kann.

In seinem ersten Langfilm macht Regisseur und Drehbuch-Mitautor Yim Pil-Sung vieles richtig und das Wichtigste falsch. Wer „Das Phantom …“ zwei lange Stunden bis zum Ende angesehen hat, versteht diese Aussage sofort. Wer sich dieser Herausforderung lieber entziehen möchte, sei hier wie folgt aufgeklärt, was deprimierend simpel ist, was nicht einmal der erwähnte Cineast leugnen könnte: Yim Pil-Sung findet den sicheren Kurs zwischen den Welten nicht. „Das Phantom …“ ist weder Mystery- noch Psycho-Thriller, sondern eine unausgegorene und mit Mysterien überfrachtete Mischung, die – allerdings auch eine Leistung – niemanden zufriedenzustellen vermag.

Weites Land und enge Schädel

Grundsätzlich wird durchaus offenbar, was Yim Pil-Sung vorschwebt: Er möchte die schier unendliche Weite der Antarktis mit dem „inner space“ in den Hirnschädeln seiner Figuren kontrastieren. Sie bewegen sich nur scheinbar durch eine unberührte und grenzenlose Welt, denn sie schleppen außer ihrem Marschgepäck auch die unbewältigten Konflikte ihres Alltagslebens mit sich. Alle flüchten sie vor Problemen und Herausforderungen, die in Korea auf sie warten. Wirklich zurück will im Grunde niemand, denn eine Heimat haben diese Männer nicht. Stattdessen ziehen sie seit Jahren durch die Einöden dieser Welt.

Doch die antarktische Eiswüste ist der denkbar schlechteste Ort für damit verbundene Grübeleien. Yim Pil-Sung hat die ideale ohne Ablenkungen gefunden: Für Auge und Geist gibt es nur weißen Schnee und blauen Himmel. Die Sonne steht im polaren ‚Sommer‘ 24 Stunden am Himmel; es wird niemals hell, das Hirn kommt nicht wirklich zur Ruhe. Die Männer schuften und schwitzen, aber es gibt weder Tag und Nacht noch Wegmarken, die einen Fortschritt sichtbar machen. Sie schleppen, essen und schlafen, während sie auf der Stelle zu treten scheinen und viel Zeit bleibt, sich Gedanken zu machen.

Erste Risse zeigen sich in der Gemeinschaft, die auf Gedeih und Verderb aufeinander angewiesen ist. Persönliche Eigenheiten werden zum Prüfstein, wie Yim Pil-Sung in einer gelungenen Szene verdeutlicht, als ein ein- oder ausgeschaltetes Radio beinahe zur Prügelei zwischen Kim Min-jae und Lee Young-min führt – eine absurde Konfrontation, die beide Männer mit voller Absicht eskalieren lassen.

Der Geist gibt nach

Als Anfang vom Ende erweist sich der anfangs unbemerkte psychische Zusammenbruch des Expeditionsleiters. Choe Do-hyung hat aus seiner Sicht gute Gründe, die Antarktis nicht mehr zu verlassen. Nach und nach enthüllt sich seine private Tragödie. Dennoch folgen ihm seine Gefährten, bis es zu spät ist: Die asiatische Mentalität zementiert einen Gehorsam, der wider besseres Wissen erhalten bleibt. Ein uralter Expeditions-Kodex unterstreicht diese Gefolgschaftstreue noch.

Mit dem geistigen Verfall und den daraus resultierenden Folgen könnte Yim Pil-Sung seine Geschichte spannend gestalten. Er zieht jedoch eine mystische Ebene ein: Im Eis spukt es offenbar. Dass es nicht mit rechten Dingen zugeht, belegen Phänomene, die definitiv nicht nur den Wahnvorstellungen der gepeinigten Männer entspringen, sondern ‚real‘ sind.

Dazu zählt vor allem die koreanische Expedition als ‚Spiegelung‘ des britischen Unternehmens. Yim Pil-Sung investiert viel Mühe in die Betonung der Parallelen. Nicht grundlos spielt der blutige Höhepunkt in dem alten Lager der Briten, das wie ein polares Spukschloss gestaltet ist. Hier vollendet sich das Verhängnis der gegenwärtigen Expedition.

L’art pour l’art oder künstlerischer Amoklauf?

Womit das Geschehen keineswegs schließt. Es folgt ein Epilog, der sich gänzlich von Sinnfragen freimacht. Der polare Sommer schlägt plötzlich in tiefe Nacht um, in der die beiden Überlebenden – oder sind es schon Geister? – eine ebenso tief- wie unsinnige Diskussion führen. Als dann tatsächlich das Ende kommt, scheint es eine weitere Tragödien-Schleife anzudeuten: Das verhängnisvolle Tagebuch wartet im Eis auf die nächste Expedition.

Zurück bleiben zu viele Fragen. Den Zuschauer zu fordern, ihm sogar Antworten vorzuenthalten ist das Recht des Filmemachers. Er muss dabei freilich das rechte Maß finden: Bleibt er allzu rätselhaft, keimt im Publikum schnell der Verdacht auf, er habe selbst keine Ahnung gehabt, wie er das angerichtete Chaos auflösen könnte.

„Das Phantom …“ hinterlässt genau diesen Eindruck. Es können wie schon erwähnt nicht ausschließlich Halluzinationen sein, die den Männern zu schaffen machen. Wer oder was hinterlässt die kreisrunden, tief ins Eis hinunter führenden Löcher? Welche Kreatur liegt am Grund der Eisspalte begraben? Was ist das für eine weiße Gestalt, die manchmal am Bildrand auftaucht? Wie gelang es den Briten vor 80 Jahren, so tief im Landesinneren gleich mehrere Großgebäude aus Holz zu errichten? Warum werden diese ausgerechnet dann vom Sturm zerstört, als die Koreaner sich dort aufhalten?

Völlig überflüssig wirken zudem einige Blenden ins Basislager, wo die hübsche Yoo-jin das Funkgerät hütet. Yim Pil-Sung sprengt ohne Erfordernis die Isolation, die er zuvor sorgfältig um sein polares Sextett inszeniert hat. Die Außenwelt hat in dieser Geschichte nichts zu suchen.

Kammerspiel in unendlicher Weite

Obwohl dieser Film in der Grenzenlosigkeit der Antarktis spielt, ist „Das Phantom …“ ein Kammerspiel. Zwar zeigt die Kamera die Männer immer wieder aus der Ferne, um ihre Verlorenheit zu unterstreichen. Die Handlung konzentriert sich jedoch auf die sechs Figuren. Da Yim Pil-Sung auf Action weitgehend verzichtet, liegt es in der Verantwortung der Schauspieler, den Zerfall der Gruppe buchstäblich darzustellen.

Song Kang-ho, Yu Ji-tae und Park Hee-soon sind die drei Hauptfiguren. Sie sind aktiv, während die zuverlässig aufspielenden Yun Je-moon, Choe Deok-moon und Kim Kyung-ik primär die Opferrollen übernehmen. Vor allem Song Kang-ho, der auch einem westlichen Publikum durch Rollen in Filmen wie „Lady Vengeance“ (2005) oder „The Host“ (2006) bekannt sein könnte, vermag den Weg vom allseits geachteten Anführer zum kontrollierten, gemeingefährlichen Irren überzeugend zu mimen. Yu Ji-tae kämpft mit der Konvention, die ihn zur Gefolgschaft verpflichtet, während Park Hee-soon den Intellektuellen verkörpert, der in eine Situation gerät, die mit Fachwissen und Beherrschung nicht zu meistern ist.

Sehr angenehm empfindet der westliche Zuschauer die beinahe gänzliche Abwesenheit jenes exaltierten Stils, in dem im asiatischen Kino intensive Gefühle weniger ausgedrückt als theatralisch herausgeschrien werden. Hier bleiben Emotionen meist angedeutet und jederzeit glaubhaft.

Die Landschaft ist ein integraler Bestandteil dieser Geschichte. Der Purist mag bemängeln, dass die Schneehänge jener neuseeländischen Höhenzüge, die für „Das Phantom …“ die Antarktis doubeln, mit der originalen Topografie wenig zu tun haben. Doch um Originaltreue geht es in diesem Film nicht, sondern um den Eindruck absoluter Verlassenheit. Den weiß Kameramann Chung Chung-hoon mit eindringlichen Bildern heraufzubeschwören. Komponist Kenji Kawai unterstützt ihn mit einem sorgfältig auf das musikalische Minimum reduzierten Score.

Außer Spesen wenig gewesen

Trotz seiner Schauwerte, der interessanten Story und der engagierten Darsteller hinterlässt „Das Phantom“ einen zwiespältigen Eindruck. Der Film ist lang und wird mit zunehmender Dauer langweilig. Statt die Spannungsschraube anzuziehen, sorgt der Regisseur für Verwirrung. Falls er seinem Publikum damit die zunehmende Verwirrung seiner Figuren mitteilen möchte, übertreibt er es. Frustration ist kein Gefühl, das den Gemütszustand eines Zuschauers dominieren sollte!

Damit steht das europäische Publikum übrigens nicht allein. Weder in Korea noch anderswo in Asien wurde „Das Phantom …“ ein Erfolg an den Kinokassen. Angesichts der beachtlichen Kosten war dies eine herbe Enttäuschung. Yim Pil-Sung ließ sich dadurch nicht irre machen und drehte 2007 „Henjel gwa Geuretel“, seine sehr spezielle Version des Märchens „Hänsel & Gretel“. Damit endete seine Laufbahn als Regisseur vorläufig.

DVD-Features

Ausgerechnet dieser Film, der interpretatorischer Hinweise seines Regisseurs und Autors so dringend bedarf, bleibt (zumindest in der deutschen Fassung) ohne Zusatzmaterial. So bleibt abschließend nur, über die Bild- und Tonqualitäten dieser DVD zu schwärmen, die in voller (Breitwand-) Pracht auf einem diagonalstarken Fernsehgerät zur Geltung kommen.

[md]

Titel bei Libri.de (DVD)

Das Phantom aus dem Eis – Antarctic Journey

Originaltitel: Namgeuk-ilgi (Südkorea 2005)
Regie: Yim Pil-Sung
Drehbuch: Bong Joon-ho u. Yim Pil-Sung
Kamera: Chung Chung-hoon
Schnitt: Kim Sun-min
Musik: Kenji Kawai
Darsteller: Song Kang-ho (Choe Do-hyung), Yu Ji-tae (Kim Min-jae), Park Hee-soon (Lee Young-min), Yun Je-moon (Kim Seong-hoon), Choe Deok-moon (Seo Jae-kyung), Kim Kyung-ik (Yang Geun-chan), Kang Hye-jeong Kang (Yoo-jin)
Label/Vertrieb: e-m-s new media
Erscheinungsdatum: 16.10.2008 (DVD)
EAN: 4020974164863 (DVD)
Bildformat: 16 : 9 (2,35 : 1, anamorph)
Audio: Dolby Digital 5.1 (Deutsch, Koreanisch)
Untertitel: Deutsch
DVD-Typ: 1 x DVD-9 (Regionalcode: 2)
Länge: 115 min.
FSK: 16

Titel bei Libri.de (DVD)

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