Die Wahl einer unbekannten Abkürzung führt die Durchschnittsfamilie Harrington erst in die Irre und dann in die Gewalt einer unbekannten Macht, die es mörderisch auf sie abgesehen hat … – Seine spannende, konsequent entwickelte Handlung und die exzellente Besetzung machen diesen minimalistischen Psycho-Horrorfilm zu einer kleine Perle seines Genre, woran nicht einmal die wenig überraschende Auflösung viel ändern kann.

Das geschieht:

Seit 20 Jahren verbringt Gebrauchtwagenverkäufer Frank Harrington das Weihnachtsfest mit der Familie bei den Verwandten seiner Frau. Die Fahrt dorthin ist weit, die Gemütslage düster, denn Frank macht aus seiner Unlust keinen Hehl. Richard, der wüst pubertierende Sohn, heizt die gereizte Stimmung weiter auf, indem er Billy piesackt, den Verlobten seiner Schwester Marion, der die Harringtons dieses Mal begleitet. Marion, eine Psychologin in Ausbildung, hat sich bisher noch nicht getraut Billy zu gestehen, dass sie ihn verlassen wird.

Irgendwann verlässt Frank die vertraute Schnellstraße. Die erhoffte Abkürzung erweist sich als schnurgerader, schier endloser Weg, der auf beiden Seiten von dichtem Wald gesäumt wird. Die monotone Fahrt lässt ihn am Steuer einnicken; es kommt beinahe zu einem Frontalzusammenstoß mit einem anderen Auto. Der Schock lässt die gerade noch einmal Davongekommenen halten, streiten – und eine ganz in Weiß gekleidete junge Frau bemerken, die mit einem Baby auf dem Arm zwischen den Bäumen auftaucht. Sie steht unter Schock und spricht kein Wort. Die Harringtons beschließen, die Polizei zu benachrichtigen. Da in dieser Einöde Handys keinen Empfang haben, sucht man eine Waldhüterhütte mit einem Festanschluss.

Billy, der die mysteriöse Frau hütet, erkundigt sich nach dem Baby. Dem gehe es gut, antwortet die Frau plötzlich, denn es sei tot. Kurze Zeit später hören die Harringtons Billys Schreie. Als sie zum Wagen zurücklaufen, ist Billy verschwunden. Marion sieht ihn kurz darauf im Heck eines uralten Leichenwagens verzweifelt um Hilfe winken. Frank nimmt die Verfolgung auf, doch Billy ist tot – in Stücke zerrissen liegt er auf der Straße.

Panik macht sich unter den Harringtons breit. Frank versucht das Ende der Straße zu erreichen, das einfach nicht kommen will. Die Frau in Weiß erscheint erneut und fordert ein weiteres Opfer. Die Zeit scheint stehen geblieben zu sein. Zorn verwandelt sich in Wahn und nackte Angst. Die Harringtons bleiben völlig allein auf der Straße. Jeder Stopp endet in einer blutigen Katastrophe. Die Fahrt wird zur wilden Flucht, doch was sie jagt und tötet, können die Harringtons nicht abschütteln …

Richtige Ursache sorgt für große Wirkung

Wenn man weiß, welche Geschichte man erzählen möchte, ist großer Aufwand kein Muss – eine Tatsache, die in Hollywood seit jeher weitgehend unbekannt ist. Vor allem der Phantastische Film scheint heute ohne CGI-Overkill nicht mehr stattfinden zu können. Dass es auch ohne manipulative aber leere Bilderräusche, sondern mit guten Ideen geht, beweisen uns Jean-Baptiste Andrea und Fabrice Canepa, die Drehbuchautoren und Regisseure von „Dead End“.

Die Kulisse: eine Straße, die durch einen endlosen Wald führt, was uns mehrfach in eindrucksvollen ‚Luftaufnahmen‘ (künstlich kreiert aber überzeugend) demonstriert wird. An einer Stelle steht eine einfache Holzhütte – und das war’s auch schon: „Dead End“ ist ein Kammerspiel auf Rädern, denn die meiste Zeit richtet sich die Kamera auf das Innere des Autos, in dem die Familie Harrington ihrem Verhängnis davonzufahren versucht.

Kaum zu glauben, aber es funktioniert: „Dead End“ ist höllisch spannend, obwohl das, was allgemein „Action“ genannt wird, kaum vorkommt. Sie würde auch stören, denn diese Geschichte gehorcht anderen Regeln. Unsicherheit ist das entscheidende Wort; sie erfasst und beherrscht die Harringtons, und sie springt auf die Zuschauer über. Wir bleiben stets bei den Figuren. Hintergrundinformationen werden ihnen wie uns vorenthalten. Was geschieht, überrascht und erschreckt uns genauso wie die verirrten Reisenden.

Das Vergnügen getäuscht zu werden

Theoretisch jedenfalls, denn praktisch weiß zumindest der erfahrene Horrorfreund, wie sich dieses Rätsel auflösen wird. Es gibt halt nichts Neues mehr in der Filmwelt; die Variation des Bekannten wird zur Herausforderung. Andrea & Canepa spielen mit offenen Karten; wer die Augen offen hält, erkennt die Hinweise auf das tatsächliche Geschehen. Gleichzeitig nutzt das Filmemacher-Duo sein Recht, das Publikum abzulenken und zu verwirren.

Bis zum Finale halten sie die Fäden fest und energisch in den Händen. Mit beeindruckender Ökonomie spinnen sie ihr Garn. Andrea & Canepa gönnen sich sogar den Luxus, auf Splattereffekte weitgehend zu verzichten. Das ist vermutlich dem schmalen Budget geschuldet, doch es gehört sicherlich auch zum Konzept, dass z. B. nie die verstümmelten Leichen der Opfer gezeigt werden, sondern die Schrecklichkeit des Anblicks sich in den Gesichtern und Reaktionen der Überlebenden spiegelt. Die Phantasie des Zuschauers erledigt solcherart in Gang gesetzt zuverlässig den Rest.

Es gehört seitens des Regisseurs schon Selbstbewusstsein sowie das Wissen um die Fähigkeiten der Darsteller dazu, dies zu riskieren. In diesem Punkt haben Andrea & Canepa entweder bemerkenswertes Glück gehabt oder ein glückliches Händchen bewiesen. „Dead End“ gehört zu den seltenen Horrorfilmen, die sich nicht auf Masken und Effekte verlassen. Die Schauspieler tragen diese Geschichte, und sie leisten großartige Arbeit.

Echte Schauspieler am gruseligen Werk

Schon aus dem Drehbuch muss die Qualität des Plots ersichtlich gewesen sein; wie sonst hätten die jungen Debütanten Andrea & Canepa Schauspieler wie Ray Wise oder Lin Shaye für sich gewinnen können? Beide gehören nicht zu den Stars von Hollywood, doch sie sind fähige, seit Jahrzehnten gut beschäftigte Darsteller, die besser bezahlte Filmeinsätze gewohnt sind. Doch sie treten in „Dead End“ auf, und im Zusammenspiel mit den übrigen Darstellern mimen sie die perfekte US-amerikanische Durchschnittsfamilie.

Bekanntlich ist das Schmachten in der Hölle nicht annähernd so schrecklich wie das Familienleben. Die Unvereinbarkeit von Menschen, die durch ihre Abstammung aneinandergekettet sind, ist Ausgangspunkt von Krisen, gegen die sich die Bedrohung durch Gespenster vergleichsweise harmlos ausnimmt. Auch im Familiengefüge der Harringtons kracht es sichtlich. Dabei wurden die eigentlichen Probleme bisher verschwiegen und verdrängt. Nur so konnte die Familie überhaupt existieren. Unter dem Stress, in eine geisterhafte Nebenwelt verschlagen worden zu sein, zerbrechen die Schutz- und Frustbarrieren, die sich jeder Harrington sorgfältig errichtet hat. Zeitweise gerät die Bedrohung von außen darüber völlig in Vergessenheit; vom Tod bedroht, rechnen die Harringtons miteinander ab. Das ist meisterhafte Schauspielkunst, die absolut glaubhaft wirkt.

Die „Frau in Weiß“ scheint im „Dead End“-Geschehen zunächst fehl am Platz zu sein. Sie ist eindeutig ein Gespenst, das auf Rache sinnt. Dafür hat sie sehr gute Gründe, die sich uns – die Harringtons sind zu diesem Zeitpunkt fast ausgetilgt – erst nachträglich erschließen. Plötzlich wird die Verknüpfung von Mystery und Horror plausibel.

Ende gut – nicht ganz so gut

Weiter oben wurde bereits angedeutet, dass die Auflösung der Geschichte leider nicht das Wasser reichen kann. Den Darstellern ist das nicht anzulasten. Ausgerechnet im Finale schien Andrea & Canepa das Vertrauen zu verlassen. Sie wussten offensichtlich genau, dass die Lösung – die hier zum Wohle der Leser, die sich „Dead End“ noch anschauen möchten, verschwiegen wird – an sich zwar ‚logisch‘ ist, aber keine echte Überraschung darstellt. Sie lassen sich auf einen Irrweg führen, präsentieren einen Twist, der verblüffen soll. Leider verrät sie um eines billigen Aha-Effekts die ausgeklügelte „Dead-End“-Story.

Es kommt noch schlimmer: Nachdem die Endtitel bereits gelaufen sind, gibt es eine zweite ‚Überraschung‘, die erneut die ausbalancierte Logik der Handlung aushebelt. Andrea & Canepa hätten ihrer Geschichte vertrauen und sie entsprechend ausklingen lassen sollen. Originalität kann nicht erzwungen werden, und der Versuch beeinträchtigt leider den positiven Eindruck, den diese Reise in die Hölle insgesamt hinterlässt.

DVD-Features

„Dead End“ ist ein ‚kleiner‘ Film, was ihn in den Augen des Studios höchstens für ein Nischenpublikum interessant macht. Einen deutschen Kino-Einsatz hat es deshalb nie gegeben, auch die DVD wurde recht stiefmütterlich betreut. Bild und Ton des Hauptfilms geben zur Klage keinerlei Anlass, was natürlich freut. Gespart wurde indes an den Features, die sich auf den (US-) Kino-Trailer zum Film, ein immerhin halbstündiges Making-of und diverse „Deleted Scenes“ beschränken.

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Dead End
Originaltitel: Dead End (Frankreich/USA 2003)
Regie u. Drehbuch: Jean-Baptiste Andrea u. Fabrice Canepa
Kamera: Alexander Buono
Schnitt: Antoine Vareille
Musik: Greg De Belles
Darsteller: Ray Wise (Frank Harrington), Lin Shaye (Laura Harrington), Mick Cain (Richard Harrington), Alexandra Holden (Marion Harrington), Billy Asher (Brad Miller), Amber Smith (Frau in Weiß), Steve Valentin (Mann in Schwarz/„Sammler“), Karen S. Gregan (Dr. Marcott), Sharon Madden (Krankenschwester), Jimmy Skaggs, Clement Blake (Straßenarbeiter)
Label: Kinowelt Home Entertainment
Erscheinungsdatum: 07.09.2004
EAN: 4006680030227
Bildformat: 16 : 9 (1,85 : 1 – anamorph)
Audio: Dolby Digital 5.1 (Deutsch u. Englisch)
Untertitel: Deutsch
DVD-Typ: 1 x DVD-9 (Regionalcode: 2)
Länge: 80 min.
FSK: 16

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