Dead Set

Originaltitel: Dead Set (GB 2008)
Regie: Yann Damange
Drehbuch: Charlie Brooker
Kamera: Tat Radcliffe
Schnitt: Chris Wyatt
Musik: Dan Jones
Darsteller: Jaime Winstone (Kelly), Riz Ahmed (Riq), Adam Deacon (Space), Andy Nyman (Patrick Goad), Warren Brown (Marky), Beth Cordingly (Veronica), Kathleen McDermott (Pippa), Kevin Eldon (Joplin), Raj Ghatak (Grayson), Chizzy Akudolu (Angel), Liz May Brice (Alex Bryson), Elyes Gabel (Danny) Davina McCall uva.
Label/Vertrieb: Sony Pictures Home Entertainment
Erscheinungsdatum: 27.09.2012
EAN: 4030521728981 (DVD) bzw. 4030521728998 (Blu-ray)
Bildformat: 16 : 9 (1,78 : 1, anamorph)
Audio: Dolby Digital 5.1 (Deutsch, Englisch)
Untertitel: Deutsch
DVD-Typ: 2 x DVD-9 (Regionalcode: 2)
Länge: 142 min. (Episode 1: 45 min., Ep. 2: 23 min., Ep. 3: 24 min., Ep. 4: 24 min., Ep. 5: 26 min.)
FSK: 18

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Das geschieht:

Die aktuelle Staffel der britischen „Big-Brother“-Show sorgt hinter den Kulissen für das gewohnte Chaos, das Patrick Goad, der skrupellose und arrogante Produzent, genüsslich zelebriert. Er sitzt seinem Team ständig im Nacken, weshalb das Ende der Menschheit auf dem ohnehin gut abgeriegelten Gelände zunächst unbemerkt bleibt: Weltweit stehen die Toten auf und fallen als Zombies über die Lebenden her. Wer gebissen wurde, schließt sich dem fauligen Heer an, das binnen kurzer Zeit jeglichen Widerstand überrannt hat.

Als man im „Big-Brother“-Mikrokosmos endlich aufmerksam wird, ist es zu spät. Die Zombies sind bereits im Gebäude und metzeln die meisten Mitarbeiter nieder. Ausgerechnet innerhalb des von der Außenwelt isolierten Kandidaten-Hauses ist man ahnungslos und wundert sich höchstens über das Ausbleiben entwürdigender ‚Aufgaben‘. Die Praktikantin Kelly, die sich zu ihnen flüchten kann, halten die geistig ohnehin leistungsschwachen Kandidaten für eine Schauspielerin.

Bis sie endlich begriffen haben, sind einige von ihnen bereits tot. Fluchtversuche schlagen fehl, denn ‚draußen‘ lauern die Zombies. Also schaltet man sie innerhalb des zuschauerfest konstruierten Zauns um das Studio aus und wartet auf Hilfe, die allerdings nicht kommen wird, wie Kellys Freund Riq berichtet, der sich auf das Gelände retten kann.

Der ebenfalls überlebende Patrick schenkt dem keinen Glauben. Er will mit einem Kleinbus durch die Reihen der Untoten brechen und flüchten. Dass er dafür das Tor öffnen muss, das allein die Zombies daran hindert, endgültig das Studio zu stürmen, ist ihm gleichgültig. Zwar können Kelly und ihre Gefährten Patrick zunächst gefangen setzen, doch er verbündet sich mit dem charakterschwachen Joplin. Der Fluchtversuch scheitert nicht nur spektakulär – er führt zu dem befürchteten Generalangriff der Zombies …

Genuss aus unerwarteter Quelle

Möchte man die Worte „Fernsehen“, „Unterhaltung“ und „Qualität“ in einen Zusammenhang bringen, darf man nicht nach Deutschland schauen. Eine Produktion wie „Dead Set“ wäre hierzulande selbst für einen Pay-TV-Sender so unvorstellbar, dass allein die Vorstellung trauriges Gelächter auslöst. Auch die von der Kritik gern hochgelobten US-Kabelsender haben dieses Mal das Nachsehen. Zumindest im Horror-Genre ist ihnen so etwas wie „Dead Set“ in den letzten Jahren oder überhaupt trotz üppiger Budgets nicht gelungen. Dabei bot die Ausgangssituation kaum Hoffnung auf ein Highlight: „Zeppotron“, die Gesellschaft, die „Dead Set“ für den Pay-TV-Sender E4 realisierte, gehört zur „Endemol“-Gruppe, die neben anderem TV-Müll auch „Big Brother“ verursacht.

Manchmal ist Mist jedoch sogar im Fernsehen nicht das Ergebnis, sondern der Dünger, der ein echtes Spitzenprodukt aufkeimen lässt. Drehbuchautor Charlie Brooker sah die ihm auferlegten Limitierungen als Herausforderung, die er glänzend meisterte, weil er das Potenzial sah, das bereits in der Idee liegt, hirn- und auch sonst untote Zombies über das hirnlose Publikum einer grenzdebilen Billig-Show herfallen zu lassen.

Diese Parallele wird gut erkannt und für zahlreiche böse Witze genutzt. Nicht einmal die Betroffenen grenzen sich dabei aus: Teile von „Dead Set“ entstanden in den Originalkulissen von „Big Brother“, Moderatorin Davina McCall, die zum Zombie mutiert, führt tatsächlich IQ-schwache BB-Kandidaten quotenstark vor, und mehrere Ex-Häftlinge dürfen sich mit Gastauftritten in Erinnerung bringen.

Das wirklich klägliche Ende der Welt

Überhaupt macht Brooker, der von Regisseur Yann Damange spurstark unterstützt wird, stets die Menschenverachtung deutlich, die typisch für das Fernsehen à la „Big Brother“ ist. Hinter den Kulissen macht sich die Crew lustig über die tumben Tröpfe, die für die Show manipuliert und deren Persönlichkeiten verbogen werden, ohne dass sie davon in der senderseits verordneten Container-Haft etwas ahnen.

Das Mitleid hält sich allerdings in Grenzen, da die Kandidaten wussten, worauf sie sich eingelassen haben. Sie könnten höchstens von der Dimension der Verlogenheit überrascht werden, die sie ansonsten in der Hoffnung unterstützen, ‚berühmt‘ zu werden und dem Proleten-Sumpf zu entsteigen, in dem sie sich bisher suhlten. Also drehen sie kräftig selbst mit an der Schraube, streiten sich vor den Kameras, zeigen Haut und geben sich möglichst unkonventionell, um nicht ‚herausgewählt‘ und zurück in die Anonymität geworfen zu werden.

Eine weitere Ironie des Schicksals (bzw. des Drehbuchs) will es, dass ausgerechnet das „BB“-Lager zur Zuflucht wird: Was allzu frenetische Fans der Sendung fernhält, taugt auch, um hungrige Zombies in Schach zu halten. Die „zuschauersicheren“ Zäune halten, und das „BB“-Haus selbst ist dank Solar-Anlage und Gewächshaus autark. So kommt es, dass nicht die Tüchtigen, sondern die Dummen überleben.

Widerspruch schafft Unterhaltung

Ein quasi dokumentarisch sachlicher Grundton durchzieht die gesamte Handlung. Dabei imponiert nicht nur die Konsequenz, mit der Brooker & Damange dies durchhalten, sondern auch der Verzicht auf alle ‚Sättigungsbeilagen‘, die normalerweise in TV-Serien einfließen. Man kann dies sehr schön im Vergleich mit „The Walking Dead“, der zwei Jahren nach „Dead Set“ auf Sendung gegangenen US-Erfolgsserie, sehen, die ebenfalls nach einer Zombie-Apokalypse spielt. Was die Drastik der dargestellten Gräuel angeht, übertrifft „The Walking Dead“ sogar die meisten Kinofilme. Doch zwischenzeitlich wird immer wieder auf ‚menschliche‘ Probleme umgeblendet. Auch oder gerade im Angesicht des Untergangs werden „social values“ sowie Familienwerte beschworen.

Brooker & Damange machen es besser. Sie haben knapp zweieinhalb Stunden Sendezeit zur Verfügung, die sie nicht mit Sentimentalitäten und Kitsch vergeuden. „Dead Set“ ist Stress und Spannung ohne Pausen. Reflexionen bleiben kurz und dem Geschehen untergeordnet. Dass die Zombies allgegenwärtig sind, gerät dem Zuschauer niemals aus dem Gedächtnis, weil gerade der niedliche Hund vom Sohn der weiblichen Heldin krank geworden ist – einer der billigen Tricks, mit denen gern TV-Sendezeit geschunden wird, für die keine Spezialeffekte erforderlich sind.

„Dead Set“ ist purer Terror. Selbst wenn die Handlung hin und wieder das “BB”-Gelände verlässt, bleibt die Gesamtsituation ungewiss. Hier gibt es keine Widerstandsnester, in denen kampflustige Überlebende auf ihre Gelegenheit warten. Ebenfalls abwesend sind fundamentalistische Sektenführer, marodierende Räuberbanden, feindselige Nachbardörfler u. a. Pappkameraden, die Klischee-Mief verströmen. Was sonst breit ausgewalzt wird, ist in „Dead Set“ binnen kurzer Zeit geschehen und abgehakt. Dafür sorgen nicht zuletzt Zombies, die nicht träge schlurfen, sondern wieselflink rennen und springen.

Falsche Zeit für Heldentum

Die ‚Helden‘ passen in dieses Konzept: Es gibt sie nicht. Auch in der Krise wachsen die Protagonisten nicht über sich selbst hinaus, umgekehrt bleiben sie der Selbstsucht, Feigheit und Dummheit ihrer Gefährten hilflos ausgeliefert. Wie sollte es auch anders sein in einem Umfeld, das von Trash-Fabrikanten und Hohlköpfen dominiert wird?

Höchstens Kelly kann Profil gewinnen. Zur Vorzeige-Frau macht sie das nicht; wenn die Handlung einsetzt, hat sie gerade ihren langjährigen Lebenspartner betrogen, der zwar ein naiver Hasenfuß aber immerhin nett ist. Wenn es überhaupt jemanden gibt, der sich der Ausnahmesituation gewachsen zeigt, ist dies die energische Alex, die prompt ein besonders trauriges Ende nimmt. Die Lauten und Rücksichtslosen setzen sich durch. Sie instrumentalisieren die Schwachen und lassen sie im Stich. Andy Nyman liefert als Drecksack Patrick Goad eine Paradeleistung. Man muss ihn fast schon wieder für seine Wesensstärke lieben: Patrick ist und bleibt bis zuletzt ein Schwein!

Freilich stehen ihm seine ‚Opfer‘ nicht nach. Man zankt sich und zieht übereinander her, als müsse man sich noch immer vor der Kamera produzieren. Allerdings kann beleidigtes Handeln im Reich der Untoten katastrophale Folgen haben: Nicht der Rauswurf ist die Folge, sondern der Tod. Dies können die Ex-Kandidaten einfach nicht realisieren, oder sie neigen zur Übertreibung: Als Patrick ausbrechen will, sperrt man ihn im Bad ein und berät, was man mit ihm anstellen soll. Fast hat man seinen Tod schon beschlossen, da erhebt die brave Kelly Einspruch: Es genüge völlig, Patrick beide Knöchel zu brechen …

Deutliche Worte und entsprechende Taten

Das beschränkte Budget erforderte vom Regisseur einigen Einfallsreichtum, um die hoch gesteckten Ziele zu erreichen. „Dead Set“ wurde als Mini-Serie konzipiert: Einer 45-minütigen Auftakt-Episode folgten vier knapp halbstündige Folgen. Die TV-Dramaturgie konnte passend zum Handlungsrahmen übernommen werden. Für umfangreiche Außenkulissen war kein Geld da, und die beachtlichen Zombie-Scharen rekrutierte man unter Horror-Fans und Studenten, die sich mit dem Spaß an der Teilnahme zufriedengaben.

Die finanziellen Beschränkungen sieht man „Dead Set“ niemals an. Das gilt vor allem für die elementar wichtigen Horror-Szenen, die an blutiger Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig lassen. Hier wird gebissen, gefressen und zerstückelt, dass dem Zuschauer Hören & Sehen manchmal lieber vergehen sollte. Der Genre-Experte wird sich über diverse, deftig-explizite Hommagen an George A. Romero, den Großmeister des Zombie-Horrors, freuen.

Vor der Kamera fand ein Ensemble zusammen, das ebenfalls erfreulich fern US-typischer, d. h. absolut künstlicher Durchschnittlichkeit ist. Diese Figuren wirken tatsächlich wie aus dem Leben gegriffen und deshalb gänzlich vom Weltuntergang überfordert. Sie alle haben trotz des hohen Handlungstempos starke Szenen, die (wenn nicht geistige, so) durchaus seelische Tiefen erkennbar machen. Doch der Mensch ist ein wankelmütiges Wesen, weshalb Momente des Zusammenhaltes glaubhaft von Schwächen aller Art abgelöst werden. Dem tragen Regisseur und Autor mit einem Finale Rechnung, das in seiner grandiosen wie grausamen Logik einen elementaren Grundsatz negiert: Immer die Hintertür für eine lukrative Fortsetzung offenlassen! Dies wäre auch hier zwar möglich, doch könnte eine solche Serie kaum „Dead Set“ heißen.

Man kann also auch im Fernsehen aufhören, wenn es am schönsten ist. Zwar muss man sich dann etwas Neues einfallen lassen, statt Erfolgreiches zu melken, bis es bar jedes Innendrucks zusammenfällt, schafft aber etwas Abgeschlossenes, wunderbar Rundes, das ein rundum zufriedenes, weil gut unterhaltenes und dabei nicht für dumm verkauftes Publikum zurücklässt. (Tipp: Nicht vom miserablen Billig-Cover abschrecken lassen!)

DVD-Features

In Deutschland erscheint die DVD-Ausgabe von „Dead Set“ als Doppel-Set. Scheibe 1 beinhaltet die Folgen 1-3, Scheibe 2 die Episoden 4 und 5 sowie eine Scheinfülle interessanter Extras, die sich als minutenkurze Featurettes entpuppen.

Trotzdem gibt es interessante Blicke auf und hinter die Kulissen. Gedreht wurde nicht auf dem ‚richtigen‘ „Big-Brother“-Gelände, das man auf einer aufgelassenen Militärbasis nachbaute. Die ‚offiziellen‘ BB-Szenen – hier vor allem Pippas Rauswahl – entstanden im Rahmen ‚echter‘ Spektakel-Shows, die außerhalb des Kandidaten-Hauses inszeniert wurden.

Regisseur Yann Demange, Autor Charlie Brooker und diverse Schauspieler kommen zu Wort. Es gibt eine Führung durch das „Dead Set“ und hier durch das BB-Haus. Die Trickspezialisten lassen sich in die Karten blicken und zeigen Unmengen zerfetzter Leichenteile. Ihr Stolz ist verständlich, wenn man weiß, unter welchem Druck sie arbeiten mussten, wie beispielsweise das Massenschminken der Zombie-Statisten belegt. Von Interesse sind selbstverständlich auch sieben aus der Serie entfernte Szenen.

Zur Serie gibt es eine eigene Website.

[md]

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