Dead Snow
Eins, Zwei, Die!

Originaltitel: Død snø (Norwegen 2009)
Regie: Tommy Wirkola
Drehbuch: Stig Frode Henriksen u. Tommy Wirkola
Kamera: Matthew Bradley Weston
Schnitt: Martin Stoltz
Musik: Christian Wibe
Darsteller: Lasse Valdal (Vegard), Jenny Skavlan (Chris), Jeppe Laursen (Erlend), Vegar Hoel (Martin), Evy Kasseth Røsten (Liv), Charlotte Frogner (Hanna), Stig Frode Henriksen (Roy), Bjørn Sundquist (Wintercamper), Ane Dahl Torp (Sara), Ørjan Gamst (Oberst Herzog) uva.
Label: Splendid Entertainment
Vertrieb: WVG Medien
Erscheinungsdatum: 23.10.2009 (DVD, DVD Limited Edition u. Blu-ray)
EAN: 4013549873925 (DVD) bzw. 4013549973922 (DVD Limited Edition) bzw. 4013549273923 (Blu-ray)
Bildformat: 16 : 9 (1,85 : 1, anamorph)
Audio: Dolby Digital 5.1 (Deutsch, Norwegisch)
Untertitel: Deutsch, Niederländisch
DVD-Typ: 1 x DVD-9 (Regionalcode: 2)
Länge: 88 min. (Blu-ray: 92 min.)
FSK: 18

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Das geschieht:

Fünf geistig recht unbedarfte aber fröhliche Medizinstudenten planen einen Kurzurlaub in der winterlichen Berglandschaft Norwegens. In einer schmucken Blockhütte wollen sie sich mit Sara, Tochter der Eigentümer, treffen; diese möchte sich sportlich betätigen und auf Skiern kommen. Doch als ihre Freunde die Hütte erreichen, ist Sara nicht da, denn sie wurde von Zombies gejagt und gefressen: Seit dem Ende des II. Weltkriegs lauern SS-Oberst Herzog und seine Männer auf Menschenfleisch. Die nazideutschen Besatzer wurden von der norwegischen Bevölkerung 1945 in die Berge gejagt. Dort sind sie zwar gestorben, dann aber wiederauferstanden.

Den historisch belegten Teil dieser Geschichte hören die Studenten von einem alten Wanderer, der in ihrer Hütte eine Pause einlegt. Verständlicherweise schenken sie ihm wenig Glauben, obwohl inzwischen die Sorge um Sara wächst. Deshalb macht sich Vegard am nächsten Morgen mit dem Schneemobil in die Berge auf, wo er seine Freundin suchen will. Dabei entdeckt er zufällig jene Höhle, in der Herzog und seine Untoten sich eingenistet haben. Das Lager ist nicht unbewacht, sodass Vegard bald weiß, dass die Geschichte des Wanderers kein Ammenmärchen war …

In der folgenden Nacht schwärmen Herzogs Zombies aus. Sie haben Beutefleisch gerochen. Chris ist die erste, die im Plumpsklo bei der Hütte ein grässliches Ende findet. Der dicke Erlend fällt den Zombies später in die gierigen Klauen. Da haben die Überlebenden allerdings längst begriffen, was vorgeht. Sie verbarrikadieren sich bis zum Morgen in der Hütte. Leider meiden Zombies anders als Vampire nicht das Sonnenlicht. Die Gefahr bleibt präsent. Die vier Überlebenden beschließen, sich zu trennen und hoffen, dass wenigstens einer Gruppe die Flucht gelingt. Doch Herzogs faulige Truppe durchschaut den Trick. Nun bleibt nur, sich den Zombies zu stellen. Ein gnadenloses Gemetzel bricht los, das auf beiden Seiten seine Opfer fordert …

Eine ungewöhnliche Lektion in neuerer Geschichte

Was wäre die Unterhaltung bloß ohne die Nazis? Gemeint sind nicht die historischen, banal bösen Erfüllungsgehilfen eines kriminellen Systems, sondern jene Popanze, die – von der Realität gelöst – trivialkulturell aus ihnen gemacht wurden. Diese Nazis sind nicht vor allem, sondern ausschließlich böse; böse in einem plakativen Sinne, d. h. böse wie einst in Hollywood die Indianer, die Japaner, die Sowjets oder die Außerirdischen: Figuren, auf die sich Negatives so gut projizieren lässt, dass selbst in der Verfremdung wenige stilisierte Elemente genügen, um im Leser oder Zuschauer die gewünschten Emotionen zu wecken.

Auch heutzutage und In „Dead Snow“ finden wir diese Elemente wieder: Stahlhelm (inzwischen retrospektiv zusätzlich negativ aufgeladen durch George Lucas, der Darth Vaders Stormtroopers mit einer Variation dieser Kopfbedeckung ausstattete), Hakenkreuz-Flagge und -Armbinde, bodenlanger SS-Ledermantel, Schaftstiefel und Totenkopf-Emblem. Diese Attribute reichen völlig aus, um sogar faulig aufgequollenen Zombies eine Identität zu verleihen.

Die echten Nazis waren übrigens tatsächlich fünf Jahre die selbst ernannten Herren von Norwegen. Was der finster gestimmte Wanderer unseren unwissenden Urlaubern erzählt, stimmt grob mit der geschichtlichen Realität der Jahre 1940 bis 1945 überein. Der SS-Super-Nazi Herzog ist zwar eine dramaturgische Zugabe, aber er spiegelt eine hässliche Seite dieser Vergangenheit wider, denn die Deutschen machten sich auch in Norwegen zahlreicher Kriegsverbrechen schuldig.

Das Übliche bitte …

Damit endet die Geschichtsstunde. Die Nazis in Norwegens Berglandschaft sind ‚erklärt‘, die eigentliche Geschichte nimmt ihren Lauf. Sie lässt leider die belebende Wirkung frischer Winterluft vermissen. Tommy Wirkola und Stig Frode Henriksen kommen uns mit üblichem, dumpf abgestandenem Horror-Mief. Manisch aufgekratztes, partysüchtiges und selbstverständlich dauergeiles Jungvolk quartiert sich in einer Hütte ein, die wunderbar isoliert in der Wildnis steht. Es gibt keinen Handy-Empfang aber ein windschiefes Lokushäuschen, das ein gutes Stück vom Hauptgebäude entfernt steht: Der erfahrene Filmfreund kann bereits aus der Topografie dieser Kulisse auf zukünftige Geschehnisse schließen. Leider wird er Recht behalten.

Die großartige Landschaft versöhnt mit der altbackenen Story. Wirkola drehte im äußersten Nordosten Norwegens in der Finnmark sowie im nordnorwegischen Troms. Auch in der erderwärmten Gegenwart sind dies schneesichere Gebiete, denn Wirkola dient die Winterlandschaft als tragendes Element seiner Geschichte. Die Dreharbeiten waren kein Zuckerschlecken, doch der Erfolg gibt dem Regisseur Recht: „Dead Snow“ bietet Horror nicht in engen Billig-Kulissen, sondern unter freiem Himmel, in glasklaren Bildern und unter ironischer Brechung sämtlicher Klischees, die eine solche Winteridylle normalerweise heraufbeschwört.

Spaß muss und soll hier sein

„Dead Snow“ beginnt gruselig und bleibt es bis etwa zur Filmhälfte. Schon vorher schleichen sich erste Späße ein, aber erst dann nimmt das Parodistische zu, um im absurden Finale seinen Höhepunkt zu erreichen. Die Mischung ist heikel, und sie misslingt. Wirkola ist zu unsicher auf dem schmalen Grat zwischen Ernst und Humor. Wohl den besten Stand hat er in den ersten Minuten, als er Sara von den Zombies zu den klassischen Klängen der ersten Peer-Gynt-Suite von Edvard Grieg (1843-1907) durch den Bergwald jagen lässt; der Zuschauer ist verblüfft – dies auch deshalb, weil die Szene gerade durch den grotesken Kontrast so ausgezeichnet funktioniert.

Später wird der Witz mehrfach grob, um auch das weniger kunstbeflissene Publikum zum Lachen (oder Grölen) zu bringen. Das Plumpsklosett (bzw. sein Inhalt) spielt dabei eine zentrale Rolle, und auch der tumbe Erlend pflegt seine Liebe zum Fäkalhumor. Ebenfalls geschmacklos aber unterhaltsam einfallsreich werden die Scherze, als die Zombies zur Attacke übergehen. Die blassen Darsteller gewinnen an Profil und Farbe (es dominiert blutrot …), wenn sie von Dümmlingen zu Zombie-Killern mutieren.

Es krachen die morschen Knochen …

Wirkola und Henriksen sind sichtlich Fans der ‚klassischen‘ Zombie-Filme. Gemeint sind damit nicht nur die Werke der Romero-Schule, sondern auch jene Sumpfblüten des Horrors, die dem italienischen Exploitation-Kino der 1970er und 80er Jahre entsprossen. Hinzu kommt eine tiefe Verbeugung vor dem frühen Peter Jackson. Film-Nerd Erlend erinnert auf seinem Shirt daran, dass dieser nicht immer der „Herr der Ringe“ war, sondern seine Karriere mit einigen krassen Horror-Spektakeln startete; eine Phase, die 1992 mit „Braindead“ ihr Ende und ihren Höhepunkt fand. In dem legendären Finale – der Held richtet (außer in Deutschland; hier ist „Braindead“ ungekürzt seit 1995 verboten) mit einem Rasenmäher das gewaltigste Blutbad der Filmgeschichte an – fanden Wirkola und Henriksen viel Inspiration, als sich Martin und Roy den Zombies mit Kettensäge und Vorschlaghammer stellen. Romero kommt wieder zum Zug, als der unglückliche Vegard ganz buchstäblich in Stücke gerissen wird, und als Pechvogel Martin zur Kettensäge greift, um sich den durch Zombiebiss infizierten Arm zu amputieren, ist auch Sam Raimi mit „Evil Dead II“ (1987, dt. „Tanz der Teufel II“) an Bord.

Als persönliche Note treiben Autor und Regisseur derbe Scherze mit Menschendärmen und anderen Organen. Dabei bleiben sie ihrem Credo treu: Die Kamera hält immer direkt drauf! Da sich ein Großteil der Ereignisse an einem sonnenstrahlenden Wintertag auf blendendweißem Schnee abspielt, lässt „Dead Snow“ in Sachen Gore & Splatter an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig. Freilich setzt Wirkola so stark auf den Faktor Übertreibung, dass sogar die deutsche Zensur (nennen wir sie so, obwohl sie offiziell ja nicht mehr existiert) begriff und das wilde Treiben ungeschoren ließ.

Zombies mit seltsamen Eigenschaften

Dass der Spaß am vordergründigen Schock wichtiger ist als die Furcht, die mordende Zombies verbreiten könnten, belegt die Machart der Spezialeffekte: Sie sind gut, denn hier trieben keine Amateure und Hobbyfilmer ihr Unwesen, sondern Profis. Dennoch sind sie als Tricks deutlich zu erkennen, denn Wirkola ignoriert die Naturgesetze, wenn er damit hübsch-hässliche Bilder erzielen kann. So erweisen sich die ungeschlachten und bärenstarken Zombies im Nahkampf als bemerkenswert mürbe. Schon mit einem gutgezielten Stiefeltritt lässt sich ihr Schädel in Matsch verwandeln, während sie gleichzeitig die spektakulärsten Stürze schadlos überstehen.

Überraschend hoch ist der Blutgehalt dieser Untoten. Schon dass sie bluten, wenn man sie sticht, ist bemerkenswert. Andererseits atmen diese Zombies ja auch. Das müssen sie, weil unter der Maske überaus lebendige Darsteller stecken, die nicht durch die eisige Schneelandschaft laufen können, ohne dabei deutlich sichtbare Atemwolken auszustoßen. Wenig genretypisch ist schließlich auch die Tatsache, dass diese Zombies umgebracht werden können, ohne dafür durch den Kopf geschossen zu werden.

Drehbuch-Tücken & Lücken

Logik ist ohnehin kein Primärmerkmal dieses Films. Eine Parodie muss nicht logisch sein. Verstöße sollten jedoch überzeichnet und dadurch herausgestellt werden, was ihre Absurdität unterstreicht und sie erst richtig komisch wirken lässt. Wirkola weiß und beherzigt es, weshalb sich die echten Fehler leicht identifizieren lassen. So sind die Zombies zwar grauhäutig und ordentlich angerottet, ihre Uniformen jedoch nur ein wenig staubig und die Winter-Tarnumhänge sogar blendendweiß – erstaunlich, wenn man sieht, in welchem schlammigen Loch Herzogs Horde haust. Der nazideutsche Soldat sorgt sich offenbar auch nach seinem Tod um ein gepflegtes Äußeres …

Selbstverständlich haben mehr als sechzig feuchte Winter den Waffen der untoten Soldaten nichts anhaben können. Die Munition zündet prächtig, das von Vegard ‚beschlagnahmte‘ Maschinengewehr oder eine versehentlich entsicherte Handgranate funktionieren einwandfrei. Das ist Qualität „Made in Germany“!

Unterm Strich ist „Dead Snow“ cineastisch kein großer Wurf. Seine Hauptmission – die unbeschwerte Unterhaltung eines für Filme dieser Art offenen Publikums – erfüllt er dank der absurden, konsequent durchgezogenen Story, der entsprechenden Effekte, diverser fieser Scherze sowie einer durchweg überdurchschnittlichen handwerklichen Qualität ausgezeichnet.

DVD-Features

Traurig aber wahr: Gerade dieser interessante Film blieb ohne Zusatzmaterial. Selbst die pompös angekündigte „Limited Edition“ unterscheidet sich von der Normalausgabe nur dadurch, dass sie in einem Metalpak steckt, auf welchem das hässliche aber vorgeschriebene FSK-Logo leicht entfernbar ist.

[md]

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