Deadwater

Originaltitel: Deadwater/Black Ops (USA 2008)
Regie: Rebel Wan (= Roel Reiné)
Drehbuch: Ethan Wiley u. Roel Reiné
Kamera: Roel Reiné
Schnitt: Radu Ion u. Bayard Stryker
Musik: Joseph Bauer
Darsteller: Lance Henriksen (John Willets), Gary Stretch (Colin Willets), Katherine Randolph (Traci Leonard), Robert Pike Daniel (Slab), D. C. Douglas (Grubman), Jim Hanks (Buford), Matthew Alan (McCloskey), Richard Jenik (Ricks), Lee Majodoub (Fahdawi/Khalil), Grant Mathis (Gunther Neumann), James Russo (Combs), Tom McCafferty (Jackson), Daniel Louis Rivas (Swanson), Jonathan Espolin (Alberts) uva.
Label: Tiberius Film
Vertrieb: Sunfilm Entertainment
Erscheinungsdatum: 07.05.2010 (Leih-DVD) bzw. 04.06.2010 (Kauf-DVD)
EAN: 4041658223669
Bildformat: 16 : 9 (1,85 : 1, anamorph)
Audio: DTS 5.1 (Deutsch), Dolby Digital 5.1 (Deutsch, Englisch)
Untertitel: Englisch
DVD-Typ: 1 x DVD-9 (Regionalcode: 2)
Länge: 89 min.
FSK: 18

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Das geschieht:

Sechs Monate vor der Pensionierung wird Colonel John Willets auf einen brisanten Einsatz geschickt: Der militärische US-Geheimdienst hat den Kontakt zu einem Schiff im Persischen Golf verloren, auf dem „Black Ops“, also ’schwarze‘, d. h. verdeckte und heimliche Operationen stattfinden. Aktuell wurden Informationen aus einem hochrangigen irakischen Terroristen gefoltert. Willets und seine Männer sollen feststellen, was an Bord geschehen ist. Als der alte Haudegen hört, dass Sohn Colin auf dem Schiff dient, macht er sich umgehend auf den Weg, obwohl er ahnt, dass man ihm etwas verschweigt: Was treiben die beiden Militär-Wissenschaftler Grubman und Leonard, die mit seltsamen Instrumenten nach elektromagnetischen Feldern suchen?

Als die Spezial-Einheit das Schiff erreicht, findet es die Besatzung mit bloßen Händen in Stücke gerissen und daher meist tot vor. Nur vier Überlebende gibt es, zu denen Colin Willets gehört. Gesehen hat niemand, wer so grässlich hauste oder die Leichen der ‚Verhörspezialisten‘ zu einem dekorativen Hakenkreuz-Muster auslegte. Der Verursacher macht sich aber bald den Neuankömmlingen bemerkbar, indem er auch sie niederzumetzeln beginnt. An Bord gestrandet und somit der unbekannten Macht ausgeliefert, müssen Vater und Sohn Willets erst feststellen, was Grubman und Leonard schon wissen: An Bord gibt es keinen Terroristen. Stattdessen haust auf dem uralten Schiff der Geist eines einst von Nazi-Wissenschaftlern erschaffenen Super-Soldaten, dessen Geheimnisse der US-Geheimdienst gern in Erfahrung bringen würde, um selbst die Produktion von Killer-Marionetten aufnehmen zu können.

Doch der zum Gespenst gewordene Gunther Neumann hat längst seinen Abschied genommen. Er murkst nun ohne Rücksicht auf Rasse und Herkunft alle Pechvögel ab, die ihm in die Quere kommen. Für Colonel Willets und seine Truppe beginnt deshalb eine lange Geisternacht, deren Morgendämmerung möglicherweise niemand mehr erleben wird …

Filme für jene, die es gar nicht mehr graust

Manchmal sticht auch und gerade den erfahrenen und an Leid gewöhnten Kritiker der Hafer. Er greift dann nicht versehentlich, sondern gezielt zu einem bisher nicht gesehenen Film, obwohl er eher weiß als ahnt, dass ihn keine anderthalb Sternstunden der Unterhaltung erwarten. Was dann bleibt, ist die Hoffnung auf einen Film aus jener Nische, die dem unfreiwilligen Humor vorbehalten ist. Mit dem Label „Trash“ wird gekennzeichnet, was so komplett missraten ist, dass es wieder lustig wirkt. Ganz wichtig – dies sei deshalb wiederholt – ist der Aspekt des ungewollten Scheiterns. Vor und hinter der Kamera haben stattdessen geistig zurechnungsfähige Männer und Frauen auch in unserem Fall geglaubt (oder wenigstens gehofft), sie könnten mit „Deadwater“ ihrem Publikum spannend die Zeit vertreiben.

Stattdessen gelingt es ihnen nur, einen Schritt auszulassen und besagtes Publikum zu vertreiben. Man muss wahrlich hart im Nehmen sein, um dieses Fiasko bis zu den Erlösung markierenden Schlusstiteln durchzustehen. Auf dem langen, steinigen Weg gibt es hin und wieder kleine Belohnungen, wenn das Drehbuch mit Wendungen überrascht, die unter die Kategorie Abstrakte Kunst fallen könnten. Eine medizinische Diagnose für das, was Ethan Wiley und „total filmmaker“ Roel Reiné (Drehbuch, Kamera, Produktion und – unter kryptischem Pseudonym – auch Regisseur) sich hier aus den Hirnen wrangen, könnte freilich auch „Delirierender Schwachsinn“ lauten.

Geister gehen zur See

Zu diesem Film gibt es kein „Making of“. Wir erfahren deshalb nicht, welcher Teufel Reiné einst wohin ritt, um ihm die ‚Ideen‘ für „Deadwater“ einzugeben. Der Weg muss ihn aber in den Hafen von San Pedro, Kalifornien, geführt haben, wo an einem Pier die „SS Lane Victory“ dümpelt. Das 1945 vom Stapel gelaufene, knapp 140 m lange Frachtschiff transportierte Nachschub für die im Pazifik-Krieg gegen die Japaner kämpfenden US-Truppen und kehrte sowohl im Korea- als auch im Vietnamkrieg in asiatische Gewässer zurück, bevor es 1970 außer Dienst gestellt und ab 1988 in ein schwimmendes Militär-Museum verwandelt wurde. Seitdem ist das alte, aber gut in seinem annähernd originalgetreuen Zustand erhaltene Gefährt bereits mehrfach für Hollywood in den Einsatz gegangen; so durfte die „Lane Victory“ 1997 das Kielwasser von James Camerons digitaler „Titanic“ doubeln.

Konsequent haben Reiné & Whiley ihr Drehbuch der Kulisse angepasst, denn „Deadwater“ spielt bis auf wenige Minuten zu Beginn und am Ende ausschließlich an Bord des schwimmenden Schlachtrosses. Dies allein war kein Grund für das Scheitern des daraus resultierenden Machwerks; Schiffe eignen sich hervorragend als Schauplatz spukiger Ereignisse. Sie sind groß, voller düsterer Ecken und Winkel, und sie bilden einen Mikrokosmos mit fester Grenze: Auf hoher See führt die Flucht von einem verwunschenen Schiff mit ziemlicher Sicherheit in einen nassen Tod.

Patchwork des Blöden & Billigen

Wie man den Kampf gegen ozeanische Phantome effektvoll umsetzt, belegen u. a. Filme wie „Ghost Ship“ (2002) oder „Triangle – Die Angst kommt in Wellen“ (2009). Obwohl es mächtig umgeht, sind dies keine geistvollen Werke, sondern Produkte, die der geplanten Unterhaltung dienen. Diese stellt sich immerhin ein, was „Deadwater“ nicht für sich beanspruchen kann. Hier gelang Reiné nur ein neuerliches „Death Ship“ (1980; dt. „Das Todesschiff“), wobei diese peinliche Grusel-Klamotte hier noch aus einem zweiten Grund erwähnt wird: Auch Regisseur Alvin Rakoff setzte 1980 auf das Nazi-Blatt.

Gunther Neumann, der Geister-Spion aus Hitlers Labor-Retorten, ist unbestreitbar das schimmelige Sahnehäubchen auf dem Mistberg, den Wiley & Reiné auftürmen. Bis ihn ein Ghostbuster-Kommando des militärischen Geheimdienstes in seinem Schlupfwinkel aufstöbert – auch ein Gespenst braucht offenbar einen ruhigen Winkel, in dem es nach Feierabend Nazi-Musik und Hitler-Reden im Radio (!) lauscht -, ereignen sich auch im Diesseits mehr als genug Fragwürdigkeiten.

So schlecht geht es dem US-Militär beispielsweise sicherlich nicht, dass es ausgerechnet ein  vor sechs Jahrzehnten vom Stapel gelaufenes Museumsschiff ausmotten, in den Persischen Golf schicken und hoffen müsste, dass der uralte Kahn überhaupt dort ankommt – und falls doch, würde man wahrscheinlich die Ausstellungsräume mit ihren Vitrinen und Fotowänden räumen. (Was die „U.S. Merchant Marine Veterans of World War II“, denen heute die „Lane Victory“ untersteht, dem Filmteam anscheinend nicht erlaubt hat, weshalb das Bordmuseum kurzerhand in die Handlung integriert wurde.) Oder wollen sich die Verhör-Spezialisten zwischen anstrengenden Folter-Sitzungen historisch bilden und intellektuell entspannen?

Wieso muss sich das Geschehen überhaupt in der Golfregion abspielen? Eine Spezialeinheit könnte auch in US-Gewässern ein Geisterschiff entern. Einmal mehr sucht Reiné sein Heil in Klischees: Die US-Präsenz im Nahen Osten liefert Reizthemen, auf die sich nicht nur kritische Journalisten, sondern auch fixe Film-Fabrikanten stützen können. Ob Reiné wohl so weit gehen würde, „Deadwater“ als Kritik an den staatlich sanktionierten Menschenrechtsverletzungen der USA zu deklarieren? Ein „schwimmendes Abu-Ghuraib“ wird das alte Schiff in Anspielung auf die sorgfältig im Ausland verborgenen gehaltenen Folter-Camps der US-Geheimdienste genannt – reine Augenwischerei, die immerhin den sandig-braunen Schleier begründet, der über sämtliche Szenen gelegt wird, die bei Tage spielen. (Tatsächlich sollen auf diese Weise Qualitätsunterschiede zwischen gedrehten und Archivaufnahmen übertüncht werden.)

Quo vadis, Lance Henriksen?

Über die Darsteller in „Deadwater“ muss bis auf zwei Ausnahmen kein Wort verloren werden. Sie rekrutieren sich aus dem Heer der TV-No-Names, die in Hollywood mächtig um jede Rolle strampeln müssen und deshalb nicht wählerisch sein können. Anders als die Zuschauer kannten sie das Drehbuch, denn sie leisten Dienst nach Vorschrift hart an der Grenze zur Arbeitsverweigerung, was man ihnen nachsieht, da auch die besten Schauspieler der Welt „Deadwater“ zu keinem besseren Film machen könnten.

In Ansätzen beweist dies Lance Henriksen, ein Veteran seiner Zunft, den man eine tragische Gestalt nennen könnte. In zahlreichen Kino- und Fernsehfilmen hat er sein Talent unter Beweis gestellt. Gleichzeitig lässt er sich für Streifen anheuern, die den Tatbestand der Publikumsverdummung gleich mehrfach erfüllen. Mindestens fünf Filme pro Jahr dreht Henriksen. Anscheinend entscheidet er nicht zwischen Angeboten, sondern nimmt sie einfach an und bringt die Jobs hinter sich. Auf diese Weise hat Henriksen sich unfreiwillig zum Trash-Indikator entwickelt: Sein Name über einem Filmtitel stimmt misstrauisch. Solche ‚Prominenz‘ ist selten; ähnlich verdächtig sind beispielsweise Filme, in denen Corbin Bernsen oder David Carradine selig mitspielen.

Dabei leistet Henrikson stets solide Arbeit. „Deadwater“ ist da keine Ausnahme. An Henriksen scheinen die Zumutungen des Drehbuches, die lächerlichen ‚Dialoge‘ und sogar die Tatsache, das er als knapp 70-jähriger mit pechschwarz gefärbtem Resthaar einen beinharten Elite-Soldaten mimen muss, einfach abzugleiten. Er ist präsent und macht deutlich, wieso man ihn gern anheuert: Er ist sein Geld wert.

Weniger Glück hat die arme Katherine Randolph, die es als einzige Darstellerin in die „Deadwater“-Crew verschlug. Als solche besteht ihre Front-Kampfmontur aus einem bauchfreien Tank-Top. Randolph übernimmt auch die heilige Pflicht einer echten B-Movie-Heroine, indem sie sich in einer für die Handlung nutzfreien Dusch-Szene oben ohne präsentiert; die Armut der Produktion wird auch darin deutlich, dass Reiné sich nur eine Darstellerin ohne Silikonverstärkungen leisten konnte.

Filmarbeit als Kriegseinsatz

„Deadwater“ gehört zu den Filmen, deren Entstehung man mit dem Ausdruck „guerilla film making“ beschreibt: Es gibt kein eigentliches Budget, das eine ’normale‘ Dreharbeit ermöglicht. Stattdessen teilt sich das Team hinter der Kamera möglichst viele Aufgaben. Hart am Rand der Selbstausbeutung und oft genug jenseits davon fabriziert man auf diese Weise Werke in der Tradition eines Ed Wood, jr.: Durch die rosarote Brille betrachtet sehen die Film-Guerillas einen tollen Film, während den nüchternen Zuschauern nur Flickwerk, Notlösungen und Pfusch in die Augen stechen.

Regisseur Roel Reiné benötigte nur 350.000 Dollar und 15 Drehtage, um seine Vision Gestalt annehmen zu lassen. Er trieb diese (nicht nur) in Hollywood lächerliche Summe auf, schrieb das Drehbuch und saß hinter der Kamera. Der in den Niederlanden geborene Reiné, der im Fernsehen seines Heimatlandes das Film-Handwerk erlernte, ist die Arbeit ohne Geld und Geist gewohnt. Er verdingt sich für Krawall-Filme wie „Adrenaline“ oder „Pistol Whipped“, in denen einschlägig bekannten Haudrauf-Mimen wie Steven Seagal, Danny Trejo oder Ving Rhames ihr Unwesen treiben; für Lance Henrikson ist Reiné inzwischen so etwas wie ein Hausregisseur geworden.

„Deadwater“ reiht sich damit nahtlos in Reinés Gesamtwerk ein. In den USA erlitt der Regisseur-Autor-Kameramann-Produzent mit seinem Streifen übrigens Schiffbruch. Aus „Deadwater“ wurde nach zehnminütiger Kürzung „Black Ops“. Dieser Titel erscheint statt „Deadwater“ auch im Vor- und Nachspann – eine Schlamperei, die nicht mehr erschüttern kann. Eines schlimmeren Vergehens machte sich das deutsche Label schuldig, als es Synchronsprecher engagierte, denen offenbar Seilschlingen um die Hälse gelegt und diese langsam zugezogen wurden, um den aus unbekanntem Grund gewünschten, d. h. nöligen, gepressten, ausdruckslosen Sprechton zu gewährleisten.

DVD-Features

Diejenigen, denen wir verdanken, dass „Deadwater“ über uns kam, indem sie sie dieses Machwerk entweder produzierten oder später in DVD-Form auf den Weltmarkt warfen, wagten nicht, allzu fest auf die Langmut ihrer Kundschaft zu setzen. Deshalb sparten sie nicht nur beim Hauptfilm. „Deadwater“ erscheint nur als DVD, nicht als Blu-ray, was heutzutage durchaus ungewöhnlich ist. Außerdem gibt es keine Extras, sondern nur den Hauptfilm. Hat man den gesehen, versteht man aber, wieso sämtliche Beteiligten lieber im Schutz ihrer Rollen verborgen bleiben, statt sich durch ein „Making of“ zu outen.

[md]

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