DeathgasmVersehentlich rufen jugendliche Heavy-Metal-Musiker einen Höllendämon auf die Erde. Verfolgt von dessen Schergen und einer Bande verrückter Okkultisten versuchen sie eher dilettantisch als planvoll den Weltuntergang zu verhindern … – Krawall-Kiwi-Splatter, der mit viel Liebe zum (lustvoll übertriebenen) blutigen Detail die dürftige, holprig erzählte Story und das allmähliche Zerfasern des anfangs funktionstüchtigen Doppelstrangs aus Horror und Humor halbwegs ausgleicht.

Das geschieht:

Greypoint ist ein Nest irgendwo auf der Insel Neuseeland. Nachdem seine Mutter ins Irrenhaus gesteckt wurde, landet Pechvogel Brodie als eingefleischter Heavy-Metal-Fan nicht nur hier, wo die Provinzler ihn entweder auslachen oder verprügeln, sondern auch bei Onkel Albert und Tante Mary, zwei fundamentalistischen Christen, die ihn ständig zu ‚bekehren‘ versuchen. Auch in der Schule bleibt Brodie ein Außenseiter, der nur die ebenfalls ausgestoßenen Nerds Dion und Giles seine Freunde nennen kann. Das Blatt scheint sich zu wenden, als Brodie den Hardcore-Metaller Zakk kennenlernt. Mit Giles und Dion gründen sie die Band „Deathgasm“, deren Musik hauptsächlich wegen der Talentgrenzen der meisten Mitglieder unverwechselbar klingt.

Eines Tages entdeckt Zakk, dass sich der legendäre HM-Musiker Rikki Daggers in Greypoint versteckt. Ihm waren vor Jahren schwarzmagische Umtriebe unterstellt worden. Tatsächlich ist es Daggers gelungen, eine uralte Formel in Notenform an sich zu bringen: Spielt man sie, beschwört dies den Dämonen Aeon herauf, der denen, die sich um unterwerfen, unendliche Macht verspricht.

Für den geschurigelten Brodie ist die Verlockung zu groß. Als er und Zakk die Formel in ihren Besitz bringen können, wird sie von „Deathgasm“ musikalisch umgesetzt. Die Folgen sind verheerend: In Hörweite verwandelt sich jeder Bewohner des Ortes in einen Dämon. Um 3 Uhr in der Nacht wird Aeon aus der Hölle steigen. Verzweifelt bemüht sich die Band – verstärkt durch die hübsche Medina -, dies zu verhindern.

Doch nicht nur die Dämonen wollen dem einen Riegel vorschieben. Die Dämonenanbeterin Shanna will an Aeons Seite rücken. Mit ihrer Bande mörderischer Akolythen macht sie sich auf nach Greypoint, wo sie sich die Spur des „Deathgasm“-Quintetts setzt. Zur besagten Nachtstunde kommt es im Haus des hässlich verstorbenen (aber keineswegs toten) Daggers zu einem Duell zwischen „Deathgasm“, Shanna und Aeon, das die Mehrheit der dabei Anwesenden nicht überleben wird …

(Filmischer) Triumph des Außenseiters

Niemand ist auf dieser Welt einsamer als ein Jugendlicher, der gegen den Strom der Gruppe schwimmen will oder muss. Der Kampf um Anerkennung und Status ist gnadenlos, denn von ihm hängt auch ab, ob in diesem Alter begehrte Früchte geerntet werden können. Nach Ansicht und Auskunft Hollywoods garantiert dies für männliche Teenies in erster Linie Sex mit der High-School-Schönheit, die aber traditionell bzw. klischeebedingt mit dem Kapitän der Football-Mannschaft ‚geht‘. (Andere Sportarten sind möglich aber nicht so geschätzt und anerkannt.)

Grundsätzlich besser scheint es auf der Rückseite unseres Planeten nicht zu sein. Als Heavy-Metal-Fan wird Brodie in einen Topf mit Rollenspiel-Nerds wie Dion (riesige Hornbrille) und Giles (dick, Idiotenfrisur) geworfen. Regisseur und Drehbuchautor Jason Lei Howden weiß nach eigener Auskunft (siehe bzw. höre den Audiokommentar) genau, wie Brodie sich fühlt, da er diesen als Alter Ego nach persönlicher Vergangenheit gestaltete. Mit viel Humor, in den sich dennoch ein deutliches Maß Bitterkeit mischt, zeigt uns Howden einen jungen Mann, der in der Musik ein Ventil für sein trauriges Familienleben (Vater verschwunden, Mutter verrückt) gefunden hat. Leider ist es dort, wohin es ihn verschlägt, nicht die Musik, die der Mehrheit gefällt.

„Greypoint“ ist nicht nur ein Name, sondern ein Programm: Dieses Nest ist in der Tat grau. Vor allem intellektuell gibt es hier weder Reize noch Förderung. Zu allem Überfluss sind Brodies Pflegeeltern eisenharte Christen der gänzlich freudlosen und akzeptanzfreien Art. Schlimmer noch: Sie sind Heuchler, wie Howden hämisch enthüllt, als auf der Suche nach einer Waffe in einer Kiste voller „Kirchen-Kram“ Sexspielzeuge zum Vorschein kommen. Ausgerechnet Brodies Cousin ist Anführer der spießigen Rohlinge, die ihm und seinen Kumpels in der Schule einheizen. Die Lehrer sind keine Hilfe; ausgebrannt und interessefrei ziehen sie ihre Unterrichtsroutinen durch.

Braindead 2.0

Mit Brodie ist der Zuschauer erleichtert, als mit Zakk endlich ein Geistesverwandter erscheint, der zudem nicht die andere Wange hinhält, wenn auf ihn eingeprügelt wird. Allerdings und ohnehin verschiebt sich nun der Grundtenor unserer Geschichte. Hatten bisher Humor und sogar Ironie (im Spiel mit jenen Vorurteilen, mit denen die Schwermetaller konfrontiert werden) die Oberhand, macht sich nun der Horror breit. Weiterhin bleibt es ‚komisch‘, doch die Gags gewinnen eine spezielle ‚Qualität‘: Sie werden rüde und kreisen nicht nur um Blut, sondern ausgiebig auch um andere Körperflüssigkeiten und -inhalte.

Im Interview hat Howden mehrfach deutlich gemacht, dass „Deathgasm“ als „Kiwi-Splatter“ konzipiert war. Der Fan des eher ruppigen Horrorfilms fällt bei diesem Doppelwort sofort die Zombie-Schlachtplatte „Braindead“ ein, die Peter Jackson – später Schöpfer der Trilogien um den „Herrn der Ringe“ und den „Hobbit“ – 1993 servierte. Nicht nur in Deutschland geradezu hysterisch von der Zensur verfolgt, gelang Jackson ein Blutbad, das ehrgeizige Filmemacher seit vielen Jahren übertreffen wollen. Gelungen ist es nie; auch Howden kann den Irrwitz der Vorlage nur ansatzweise erreichen, obwohl man ihm Bemühen und Einfallsreichtum nicht absprechen darf.

Hier wird nicht abgeblendet, wenn Äxte, Kettensägen oder Samurai-Schwerter zum Einsatz kommen. In einer ersten Version wurde „Deathgasm“ bereits 2013 präsentiert. Der Film gefiel so gut, dass Howden Geld bekam und in die Produktion zurückkehren konnte. Die Effekte wurden überarbeitet und aufgewertet. Zwar blieben der Großteil der Metzeleien Handarbeit, doch CGI-Effekte sorgten einerseits für blutige Glaubwürdigkeit, während andererseits die offensichtliche Brutalität überzeichnet und ins Absurde gezogen wurde.

Sind ja nur Dämonen …

Dies war wichtig, da auf diese Weise die genannte Zensur beschwichtigt werden konnte. Sie unterscheidet mit jener Scheinheiligkeit, die ihr grundsätzlicher Wesenszug ist, zwischen der Zerlegung von „Menschen“ und „Dämonen“ oder „Zombies“: Zwar stecken unter den Masken ebenfalls Menschen, doch diese dürfen ausgebeint und zerhäckselt werden; wer als Filmemacher auf Nummer Sicher gehen möchte, lässt sie dabei grün oder gelb bluten.

Hierzulande ging die Rechnung auf. Obwohl Howden ziemlich heftig zur Sache geht – eine Kettensäge wird u. a. dort hineingestoßen, wohin die Sonne niemals scheint, ein Zombie-Gemächt mit dem Rasenkantenschneider püriert -, durfte „Deathgasm“ ungeschnitten das deutsche Publikum erfreuen: Ist ja nur Spaß, den sogar die Tugendwächter erkennen!

Dummheit ist dagegen leider kein Grund, die Schere zu schwingen. Deshalb bleiben uns auch Howdens Bockschüsse erhalten. „Trash“ ist ohne Grob-Sex und Fäkalien offenbar undenkbar. Zumindest in den USA dürfte „Deathgasm“ direkt in den Olymp ‚unanständigen‘ und damit irgendwie anarchistischen Prust-Humors aufgestiegen sein, weil a) blanke Frauenbrüste und b) Dildos zu sehen sind. Mit denen schlagen unsere Helden ebenso angewidert wie heftig auf sie attackierende Dämonen ein; der Höhepunkt wird erreicht, als Brodie der untoten Tante Mary zwei rotierende Dildos mit Macht durch die Ohren bis ins Hirn bohrt, was diese ebenso zuverlässig wie einen Zombie tötet. Hier wird deutlich, womit das angepeilte Publikum gelockt wird: Spaß um jeden Preis heißt die Devise, womit zugleich Kritikern der Wind aus den Segeln genommen werden soll: Ihr dürft nicht meckern, weil ihr von ‚richtigem‘ Unsinn und Albernheiten weder Ahnung noch einen Sinn dafür habt.

Wo der Spaß ein Ende hat

Pech gehabt, denn der Kritiker kann dieses Prinzip erkennen und akzeptieren und trotzdem ein Misslingen feststellen, wenn er auf Schwachstellen stößt, über die „Deathgasm“-Fans offenbar lieber schweigen. Dazu gehört ein Handlungsbogen, der sich kaum über Bodenhöhe erhebt und lange vor dem tatsächlichen Filmende ausschwingt. Spätestens als feststeht, dass Ober-Dämon Aeon die Hölle verlassen wird, schlägt Howden einen Kurs ein, der zwar weiterhin Gags aber keine Überraschungen mehr bietet. Stattdessen dringt man in einen Schuppen ein, um dort Gartenwerkwerkzeuge zu Mordinstrumenten umzubauen. Die Ergebnisse kennen wir aus ähnlich gelagerten Trash-Granaten, weshalb wir ebenfalls wissen, dass diese Pseudo-Waffen in der finalen Krise zuverlässig versagen werden.

Trotz der Geldspritze fällt der Höhepunkt – natürlich der Kampf mit Aeon – recht dürftig aus. Wie so oft wird viel geredet und wenig gehandelt, um Filmzeit zu schinden. Wirklich zu sagen haben sich Dämon und Menschen wenig. Andererseits sondern sämtliche Darsteller vor allem Phrasen ab; vor allen in den Kampfpausen werden viel zu oft und quälend lange pathetische Freundschaftsschwüre geleistet. Die Effekte und „der Spaß“ stehen im Vordergrund, während nicht nur die Story, sondern auch die schauspielerischen Leistungen nebensächlich bleiben. Über die Darsteller kann und soll deshalb an dieser Stelle kein Urteil gefällt werden. Selbst Milo Cawthorne und James Blake und vor allem Kimberley Crossman mögen zwar Hauptrollen spielen, doch die von ihnen verkörperten Figuren sind uns gleichgültig wie die beiden Sidekicks Dion und Giles, die einem mageren Gag geopfert und verheizt werden.

So soll es wohl auch sein, denn schon der gewaltige Bodycount, der „Deathgasm“ auszeichnet, verhindert echtes Zuschauerinteresse. Im Gedächtnis bleibt höchstens Tim Foley als ebenso schuftiger wie verdrehter Vadin, der aber nach wenigen Auftritten von der ungleich langweiligeren Delaney Tabron ausgeschaltet wird, die trotz final blankgezogener Brüste keinen Eindruck hinterlässt. In Greypoint kehrt nach Aeons Rücksturz in die Hölle folgen- und problemlos wieder Ruhe ein. Doch der Erfolg von „Deathgasm“ beschwört einen viel gefährlicheren Dämon namens „Fortsetzung“ herauf: Auf Wiedersehen und (vielleicht) -lachen in „Goremageddon“!

DVD-Features

Da man befürchten musste, statt eines echten „Making of“ mit der üblichen Pseudo-Werbung belästigt zu werden, ist die Abwesenheit dieses Features kein Verlust. Der Audiokommentar des Regisseurs ist da die bessere Option, obwohl angesichts des Kiwi-Akzents Untertitel hilfreich wären. Ansonsten gibt es nur den Trailer (Deutsch und Englisch) zu sehen.

Zum Film gibt es diese Website.

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Deathgasm
Originaltitel: Deathgasm (Neuseeland 2015)
Regie u. Drehbuch: Jason Lei Howden
Kamera: Simon Raby
Schnitt: Jeff Hurrell
Musik: Chris van de Geer u. Joost Langeveld
Darsteller: Milo Cawthorne (Brodie), James Blake (Zakk), Kimberley Crossman (Medina), Sam Berkley (Dion), Daniel Cresswell (Giles), Nick Hoskins-Smith (David), Colin Moy (Onkel Albert), Jodie Rimmer (Tante Mary), Delaney Tabron (Shanna), Stephen Ure (Rikki Daggers), Tim Foley (Vadin), Erroll Shand (Byron), Kate Elliott (Abigail), Aaron McGregor (Terry), Andrew Laing (Aeon) u. a.
Label: Tiberius Film
Vertrieb: Sunfilm Entertainment
Erscheinungsdatum: 04.02.2016
EAN: 4041658320313 (DVD)/4041658390316 (Blu-ray)/4041658370318 (3D-Blu-ray)/4041658380317 (Mediabook)
Bildformat: 16 : 9 (2,35 : 1, anamorph)
Audio: DTS 5.1 (Deutsch), Dolby Digital 5.1 (Deutsch, Englisch), Dolby Digital 2.0 (Audiokommentar)
Untertitel: Deutsch
DVD-Typ: 1 x DVD-9 (Regionalcode: 2)
Länge: 83 min. (Blu-ray: 86 min.)
FSK: 18

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