Delictum – Im Namen des Herrn

Originaltitel: No-Do (Spanien 2009)
Regie u. Drehbuch: Elio Quiroga
Kamera: Juan Carlos Gómez
Schnitt: Luis Sánchez-Gijón
Musik: Alfons Conde
Darsteller: Ana Torrent (Francesca), Francisco Boira (Pedro), Héctor Colomé (Pater Miguel), María Alfonsa Rosso (Blanca), Miriam Cepa (Rosa), Rocío Muñoz (Jean), Francisco Casares (Gabriel) uva.
Label/Vertrieb: Eurovideo Home Entertainment
Erscheinungsdatum: 03.12.2009 (Kauf-DVD)
EAN: 4009750243732 (Kauf-DVD)
Bildformat: 16 : 9 (2,35 : 1, anamorph)
Audio: Dolby Digital 5.1 (Deutsch), Dolby Digital 2.0 (Spanisch)
Untertitel: Deutsch
DVD-Typ: 1 x DVD-9 (Regionalcode: 2)
Länge: 94 min.
FSK: 16

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Das geschieht:

Obwohl zehn Jahre seit dem Unfalltod der Tochter Rosa vergangen sind, ist Ärztin Francesca psychisch weiterhin labil. Gatte Pedro schlägt vier Monate nach der Geburt eines gesunden Sohnes einen Neuanfang vor. Weitab der Stadt und deshalb fern aller Hektik mietet die Familie ein ehemaliges Schulhaus.

Zunächst lebt sich Francesca ein, obwohl sie Pedro weiterhin verschweigt, dass sie mit ihrer toten Tochter spricht, die der Mutter in Gestalt eines inzwischen zehnjährigen Mädchens erscheint. In der Nacht beginnt es im Haus umzugehen. Fußtrappeln, Gelächter und die Schatten dreier Kinder jagen Francesca Angst ein, während der wie ein Bär schlafende Pedro genretypisch das Getöse überhört und seine Frau in den Wahn zurücksinken sieht.

Ohne von diesen Ereignissen zu wissen, gerät an anderer Stätte der Jesuit Pater Miguel an Foto- und Filmdokumente, die auf das Wirken einer bösen Macht in dem alten Schulhaus hinweisen. Vor sechs Jahrzehnten hat sich hier eine von den kirchlichen Betreibern sorgfältig vertuschte Tragödie ereignet. Drei Schülerinnen, denen angeblich die Muttergottes erschien, und ein Kameramann, der dies für den staatlichen Filmdienst „No-Do“ dokumentieren sollte, verschwanden spurlos. Blanca, die Ehefrau des Kameramanns, fiel in ein Koma, aus dem sie erst jetzt erwacht. Sie wird von Erinnerungen und Visionen an die Ereignisse von 1947 gepeinigt.

Miguel, der im Auftrag des Vatikans angebliche Wundererscheinungen überprüft, erkennt die Gefahr, in der Pedro und seine Familie schweben. Die Kirche will sie ihrem Schicksal überlassen, denn sie hat sich damals die Hände nicht nur schmutzig, sondern auch blutig gemacht. Miguel stellt sich Pedro und Francesca zur Seite. Unterstützt von der verwirrten Blanca, beginnen sie das Geheimnis des Hauses zu lüften – und wecken damit dessen unheimlichen Bewohner …

Die Macht der Manipulation

Der dem nicht-spanischen Zuschauer rätselhafte Originaltitel „No-Do“ erinnert an ein ebenso ehrgeiziges wie düsteres Kapitel der iberischen Filmgeschichte. „No-Do“ ist die Abkürzung für „Noticiarios y Documentales“ und bezeichnet eine staatliche Einrichtung, die sich vorgeblich der Aufgabe widmete, historische aber auch alltägliche Ereignisse filmisch zu dokumentieren, aufzubereiten und wochenschauähnlich in die Kinos zu bringen. Sie wurde 1942 gegründet und bestand bis 1981, womit ihre Existenz zeitlich mit dem faschistischen Regime des „Caudillo“ („Führers“) Franco (1892-1975) korrespondierte. In der Tat war die „No-Do“ auch ein Instrument der staatlichen Propaganda. Das aufgezeichnete Material wurde systemkonform geschnitten und kommentiert, also im Dienst des Regimes verfälscht. (Wie dies perfektioniert wurde, zeigt uns Quiroga eindrucksvoll in einer dem Hauptfilm angehängten Coda; er präsentiert uns, die wir die dafür verwendeten Szenen aus ganz anderen Zusammenhängen kennen, einen entsprechend präparierten Film im „No-Do“-Stil.)

Elio Quiroga geht nur einen Schritt weiter, wenn er die „No-Do“ mit der katholischen Kirche Spaniens zusammenarbeiten lässt. Diese hatte bereits in der Vergangenheit im Namen der „Heiligen Inquisition“ schrecklich in Spanien gewütet und später keine Probleme damit, eng mit der Franco-Diktatur, die sie dafür mit Privilegien und Geld belohnte, zusammenzuarbeiten bzw. ihr zu Diensten zu sein.

Zumindest dieser Aspekt dürfte dem deutschen Zuschauer keine Verständnisprobleme bereiten. Dank Dan Brown & Co. ‚weiß‘ er, dass der Vatikan eine unheilige Brutstätte uralter Verschwörungen und Geheimbünde darstellt, mit deren Hilfe die katholische Kirche seit 2000 Jahren die ihr hörige Gläubigerschaft lenkt oder besser manipuliert, wobei sie vor keiner Untat zurückschreckt.

Mit lauwarmem Wasser zubereitet

Diese ‚Erkenntnis‘ kombiniert auch Elio Quiroga mit den meisten zum modernen Kirchen-Thriller gehörenden Klischees – eine erste Enttäuschung, der bald weitere folgen, beginnt „Delictum“ doch sehr vielversprechend, d. h. zurückhaltend und stimmungsvoll als mysteriöse Geistergeschichte im Stil von „El Espinazo del Diablo“ (2001, ‚dt.‘ „The Devil’s Backbone“) oder „El Orfanato“ (2007, dt. „Das Waisenhaus“). Leider gibt Quiroga diesen Weg erst nach und nach und dann vollständig auf. Statt eines modernen Phantastik-Klassikers des spanischen Kinos gelingt ihm ‚nur‘ ein spannender und handwerklich sauber inszenierter Gruselfilm.

Hat man sich damit abgefunden, fühlt man sich durchaus unterhalten. Obwohl die genannten Klischees existieren, drängen sie sich nicht so aufdringlich in den Vordergrund des Geschehens, wie dies in Hollywood geschehen wäre. Die durchweg guten Schauspieler geben ihrem Regisseur und Drehbuchautor stets Rückendeckung dort, wo es gilt, logische Löcher im Handlungsgewebe zu verdecken – und diese sind bei nüchterner Betrachtung nicht gerade zahlenarm! Eine kleine Auswahl gefällig?

– Ein fanatischer Bischof kehrt sechs Jahrzehnte lang wieder und wieder in das Geisterhaus zurück, wo er hartnäckig versucht, den Elementargeist zu bannen. Nie wurde ihm dabei dort ein Haar gekrümmt, wo Francesca und Pedro und schließlich Pater Miguel umgehend mit handfestem Gewaltspuk konfrontiert werden.

– Ist Rosas Geist ‚echt‘? Falls ja: Was geschieht mit ihr, als der Elementargeist sie übernimmt? Wieso gibt Francesca, die ihrer Tochter bisher noch jeden verwunschenen Winkel des Hauses folgte, um sie zu beschützen, Rosa im Finale abrupt und emotionslos auf?

– Was ist von der Effizienz einer kirchlichen Geheimorganisation zu halten, die ihre hochbrisanten Schätze in einem Archivraum lagert, dessen ‚Sicherheitsmaßnahmen‘ sich auf eine kümmerliche Tresortür beschränken? Die 1947 ihre Opfer nicht endgültig verschwinden lässt, sondern die Leichen ausgerechnet im Keller am Tatort ‚versteckt‘? Die ebenfalls 1947 die einzige Zeugin ihres unheiligen Tuns nicht durch Mord zum Schweigen bringt, sondern sie – im Koma liegend – 60 Jahre in einem Sanatorium pflegen = beaufsichtigen lässt, um sie 2007 und inzwischen aufgewacht einfach auf die Straße zu setzen, wo sie – welche Überraschung! – umgehend damit beschäftigt ist, das große Geheimnis aufzudecken?

Das unbarmherzig scharfe Auge

„Delictum“ versucht, ein großer Film trotz kleinen Budgets zu sein. Dieser Zwiespalt kann auch durch Ideenreichtum nicht vollständig geschlossen werden, weil Quiroga darauf besteht, seine Geister sehr deutlich spuken zu lassen. Trotz ihrer offensichtlichen, weil mehrfach drastisch unter Beweis gestellten Schlagkraft sollen sie zudem geisterhaft ätherisch wirken, was nur unter Einsatz von CGI-Technik zu bewerkstelligen ist.

Die galt einmal als Wunderinstrument, mit dessen Hilfe sich die tollsten Tricks quasi ohne Geld realisieren lassen sollten. Doch das uralte Auge ließ sich von der modernen Hightech buchstäblich nicht blenden; es vermag erstaunlich und für Effekttechniker frustrierend präzise zwischen Schein und Wirklichkeit zu differenzieren. Weiterhin muss viel Geld investiert werden, um beispielsweise ein Gespenst ‚real‘ wirken zu lassen.

Dies bestätigt sich stets dann, wenn genau dies nicht geschieht. Wenn es in der alten Schule spukt, dann sehen wir allzu eindeutig CGI-Schemen gaukeln. Sie zerstören in ihrer billigtechnisch bedingten Ungelenkheit die sorgfältig aufgebaute Stimmung. Im Überschwang der beschränkten Möglichkeiten lässt Quiroga Francesca sogar von einem aus Hand-, Bein- und Fußprothesen zusammengeklumpten Ungetüm knurrend über den Dachboden jagen – eine Szene, mit der er die Grenze zur Lächerlichkeit überschreitet; erfreulicherweise geht er nur einmal so und zu weit und überlässt Kameramann Juan Carlos Gómez das Feld, der mit Licht, Schatten und Farben Erstaunliches leistet. Schon in der DVD-Fassung ist „Delictum“ ein Fest für das Auge. Wie mag dieser Film erst auf der großen Leinwand wirken?

Schauspieler stellen Geschichten dar

Die Leistungen der Darsteller wurden bereits erwähnt, nun sollen sie spezifiziert werden. Zu loben ist vor allem Ana Torrent, die eben nicht das genreübliche wilde Muttertier mimt, sondern durch den Verlust ihres ersten Kindes so geprägt ist, dass sie es einerseits nicht aufgeben kann, während sie den neugeborenen Sohn in tausend Todesgefahren schweben sieht. Beides ist Einbildung, wird jedoch vom Zuschauer sofort verstanden und akzeptiert.

Francesca kann auch deshalb beim Zuschauer punkten, weil Ana Torrent, ihre Darstellerin, Angst und geistige Überforderung nie in Hysterie ausarten lässt. Quiroga treibt sie außerdem nicht in jene Sackgasse, in die der Horrorfilm oder der Psycho-Thriller Frauen in ihrer Situation gern geraten lässt: Nur sie nehmen die Manifestationen des Übernatürlichen wahr, während die Menschen um sie herum blind und taub bleiben, ob sich dies nun logisch aus dem Geschehen ergibt oder nicht; meist ist es nicht so.

Einmal gerät auch Quiroga in diese Falle, als er Pedro allzu offensichtlich in einen Tiefschlaf versetzt, der ihn dem Geisterspuk enthebt, der darüber hinaus exakt abbricht, als Francesco den schnarchenden Gatten endlich wachgerüttelt hat. Aber Pedro macht Boden wett, als er sich – etwa zur Filmmitte – davon überzeugen lässt, dass es in seinem Haus nicht mit rechten Dingen zugeht.

Freilich bleibt ihm dennoch nur die dritte Hauptrolle. An Francescas Seite tritt stattdessen Pater Miguel. Er hat eine handlungskompatible Vorgeschichte, die aus dem stramm vatikankonformen Jesuiten bereits einen heimlichen Zweifler werden ließ, bevor er beschließt, Francesca und Pedro nicht nur zu helfen, weil es seine christliche Pflicht ist, sondern auch, um ein früheres Einknicken im Interesse einer obskuren Kirchenpolitik zu sühnen. Diese nicht gerade innovativen Motive bilden das Fundament eines Finales, das wiederum klischeereich den üblichen Kampf mit dem endlich unverhüllt erscheinenden Monster zelebriert. Danach ist alles gut – für Quiroga, während der Zuschauer leise grollend zurückbleibt.

DVD-Features

Zum Hauptfilm gibt es keine Extras. Dabei wäre es hilfreich oder sogar erforderlich, auf jeden Fall aber interessant, über die (realen) „Noticiarios y Documentales“ in ihrem historischen Kontext zwischen Politik und Kirche informiert zu werden.

[md]

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