Im Verlauf einer Hochzeit im polnischen Hinterland mehren sich für den ortsfremden Bräutigam die Indizien eines hässlichen und sorgfältig vertuschten Verbrechens. Der Fund eines Skeletts weckt einen Geist, der vollenden will, was ihm im Leben verwehrt blieb … – „Arthouse“-Horror mischt Filmkunst mit Unterhaltung, was selten funktioniert; hier bleibt die zentrale Aussage – die Vergangenheit wird planvoll aber vergeblich verdrängt – dank der ausgeklügelten Filmsprache und ausgezeichneter Schauspieler erhalten. Für den ‚klassischen‘ Grusel-Freund dürfte dieser Film freilich zu langsam und langweilig sein.

Das geschieht:

In England haben sich Peter und Zaneta kennengelernt und verliebt. Geheiratet wird in dem polnischen Dorf, aus dem die Braut stammt. Auch Peter will sich dort ansiedeln und in das Baugeschäft seines Schwiegervaters einsteigen. Der ist wenig begeistert über den Familienzuwachs; diese Liebe fand außerhalb jeder Familienkontrolle statt, weshalb man den Bräutigam kaum kennt.

Trotzdem lässt sich der Vater nicht lumpen. Er überlässt Peter und Zaneta das große, herrschaftliche Haus, das seit dem Tod des Großvaters leer steht. Mit dem ihm eigenen Schwung will Peter den Umbau selbst durchführen. Bei einer Besichtigung fallen ihm Kleinigkeiten auf, die darauf hinweisen, dass in diesem Haus vier Kinder aufgewachsen sind, die jedoch nicht im Stammbaum seiner neuen Familie auftauchen.

Wenig später stößt Peter beim Ausheben eines Swimmingpools auf ein Skelett. Um die anstehende Hochzeitsfeier nicht zu stören, begräbt er es zunächst wieder, informiert aber Schwiegervater und Schwager, die ausgesprochen unwillig auf diese Neuigkeit reagieren. Peter fragt bei den inzwischen eingetroffenen Gästen nach, kann aber außer dunklen Andeutungen über einen dicken Fleck auf der offiziell blütenweißen Weste des Großvaters nichts Konkretes in Erfahrung bringen.

Die Öffnung des Grabes hat den Geist seiner unfreiwilligen Bewohnerin geweckt. Als „Dibbuk“ kehrt Hana in diese Welt zurück. Sie will vollenden, was ihr durch den Tod verwehrt blieb, und ihre große Liebe wiederfinden. Erst spukt sie – nur für Peter sichtbar – durch das Haus, dann fährt sie in seinen Körper und macht sich den entsetzten Gästen bemerkbar. Vor allem Zanetas Vater ist besorgt. Er weiß genau, was einst geschehen ist, und hat kein Interesse daran, die Vergangenheit aufleben zu lassen. Doch Hana hat eigene Pläne, was die Situation kompliziert …

Erschreckend statt gruselig

Die Inhaltsbeschreibung lässt einen durchaus konventionellen Gruselfilm erwartet: Ein Mensch kam unschuldig und grausam zu Tode, die Leiche wurde verscharrt, die Täter hielten Stillschweigen und profitierten von ihrem mörderischen Tun. Als das Verbrechen längst in Vergessenheit geraten ist, wird zufällig der Geist des Opfers ‚geweckt‘. Nun folgt der Versuch, Gerechtigkeit und Vergeltung zu üben, was dank der übernatürlichen Präsenz und der daraus resultierenden Fähigkeiten für Angst und Schrecken bei denen sorgt, denen das Phantom im Nacken sitzt.

„Demon“ erfüllt höchstens auf einer zudem sekundären Handlungsebene jene Erwartungen, die für ein auf Spuk, Schreie und blutige Rachetaten geeichtes Publikum im Vordergrund stehen. Tatsächlich präsentiert Regisseur und Drehbuch-Mitautor Marcin Wrona ein Drama, das sich mit dem kollektiven Verdrängen unerwünschter Wahrheiten beschäftigt und das Geschehen – das zentrale Thema dadurch fokussierend – dabei künstlerisch verfremdet auf eine neue Ebene hebt.

Wer daraufhin argwöhnt, hier mit einem „Arthouse“-Film konfrontiert zu werden, liegt richtig, obwohl die Werbung verzweifelt versucht, diesen geschäftsschädlichen Verdacht zu zerstreuen. Dort wird der obligatorische Horror versprochen, der gesellschaftskritische Hintergrund weniger als zart angedeutet. Dieser Schuss dürfte wie so oft nach hinten losgehen, da zu bezweifeln ist, dass genug Grusel-Kunden getäuscht werden können, bis sich die Kunde innerhalb dieser überschaubaren Gemeinde herumspricht.

Begraben = vergeben und vergessen?

Dabei bietet „Demon“ Unterhaltung auf einem Niveau, die heutzutage mehr denn je in eine Nische abgedrängt wird: Klassische Elemente der populären Unterhaltung tragen ein Geschehen, das eine ganz andere Geschichte erzählt. Die Spannung erwächst u. a. der Herausforderung, diesen Subtext zu entdecken und zu entschlüsseln. In unserem Fall fällt niemals das Wort „Holocaust“. Trotzdem wissen wir dank subtil eingestreuter Hinweise schließlich genau, worum es eigentlich geht.

Dabei ist freilich ein Maß an Geduld und Interesse vorausgesetzt, das über den bloßen Konsum einer Filmgeschichte hinausgeht. Ein wenig Wissen um die jüngere europäische Historie ist ebenfalls (und generell) von Nutzen. Polen ist ein von der Geschichte oft heimgesuchtes Land; an einer Stelle wird dies sogar vom ansonsten ganz auf die Gegenwart fokussierten Vater angesprochen. Zwischen Russland bzw. der Sowjetunion und dem Deutschen Reich gelegen, wurde Polen immer wieder überfallen und annektiert. Die damit verbundene Gewalt wurde vor allem im 20. Jahrhundert mit systematischen Massenmorden auf die Spitze getrieben.

Der Blutzoll der polnischen Bevölkerung war enorm, woran heute zu Recht erinnert und was dadurch angemahnt wird. Weniger begeistert widmeten sich die Betroffenen dagegen eigener Vergehen, die unter dem Schirm von außen über das Land gebrachter Herrschaft begangen wurden. So nutzten viele Polen den von den Sowjets geduldeten und von den Nazis systematisierten Antisemitismus, um alte Rechnungen mit jüdischen Mitbürgern zu begleichen oder sich deren Eigentum anzueignen. Wo – wie in Zanetas Heimatdorf – genug schweigsame Nutznießer zueinanderfanden, wurden sie auch nach dem Ende der Diktatur nie zur Rechenschaft gezogen.

Lästige Mahner = Spielverderber des modernen Geschäftslebens

Kollaborateure, Mitläufer und ‚Nur‘-Kriminelle gab es nicht nur in Polen. Gemeinsam ist in den betroffenen Ländern eine Teil-Blindheit, die mit dem Verdrängen und Begraben solcher nachträglich doppelt peinlichen Verbrechen einhergehen. Nach dem II. Weltkrieg richtete sich das kollektive Interesse auf den Neuanfang. Später war die Erinnerung peinigend oder peinlich. Erst eine Minderheit der nachgeborenen Generationen trat denen zur Seite, die das Grauen überlebt hatten und darüber nicht schweigen wollten. In „Demon“ ist dies der jüdische Lehrer, der das Stillschweigen so verinnerlicht hat, dass er selbst von der Wucht seiner Erinnerungen überrascht wird; sie überrollen ihn, als er auf der Suche nach dem von Hana besessenen Peter durch das Dorf fährt und vor seinem geistigen Auge die frühere Allgegenwart einer jüdischen Einwohnerschaft ersteht, die keinesfalls zum Missfallen der ‚christlichen‘ Bürgerschaft verschwunden ist.

Wrona nutzt die Hochzeitsgesellschaft als Spiegelbild einer mehrheitlich oberflächlichen Gegenwarts-Gesellschaft. Die angeblich fehlerlose Elite führt er vor, indem er den heimlich saufenden Arzt oder den scheinheiligen Pfarrer als Schwätzer und liebedienerische Steigbügelhalter des politischen und wirtschaftlichen Establishments karikiert. Auch ‚das Volk‘ bekommt sein Fett: Nachdem sie nicht mehr vorgeben können, den immer neuen Lügen des Brautvaters Glauben zu schenken, werden die braven Dorfbürger (= die polnische Mittelschicht) mit Gratis-Alkohol abgefüllt und ergeben sich dem hemmungslosen Suff, bis sie nicht mehr auf den Beinen stehen können und sich im Dreck wälzen. Als sie im Morgengrauen eher nach Haus kriechen als laufen, begegnen sie einem Begräbniszug auf dem Weg zum Friedhof, was die ertränkte Erinnerung neuerlich weckt und eine wankende Massenflucht auslöst.

Um der Erscheinung jegliches Grauen auszutreiben, das im Übernatürlichen wurzelt, charakterisiert Wrona Hana nicht als Rachegeist. Sie will dort anknüpfen, wo sie ermordet wurde, und fordert ihr Lebensglück zurück. Auf ‚vernünftige‘ Einwände des Vaters, dem Hanas Bedürfnisse gleichgültig sind und der auf ihr Verschwinden hofft, geht sie nicht ein. Dieses Mal lässt sich der Geist der Vergangenheit nicht in die Flasche zurücktreiben.

Figuren eines Dramas

„Demon“ kommt als Film ohne spektakuläre Spezialeffekte aus; sie spielen in dieser Geschichte keine Rolle. Es geht um Menschen, weshalb die Präsenz echter Schauspieler von elementarer Bedeutung ist. Wrona hat Darsteller gefunden, die es schaffen, hinter freundlichen oder unbedarften Mienen Abgründe zu offenbaren. Hier ist vor allem Andrzej Grabowski als Brautvater zu nennen, der jeder Krise mit einer neuen Lüge begegnet. Über sein windiges Provinz-Imperium herrscht er wie über seine Familie als Tyrann. Tomasz Schuchardt stellt als Sohn Jasny das gewünschte Produkt dar: einen willfährigen Erfüllungsgehilfen, der den Vater bei jeder Schandtat unterstützt.

Żaneta hat ihr Heimatdorf wohl nicht grundlos schon einmal verlassen. Agnieszka Żulewska verkörpert überzeugend die durchaus ahnungsvolle Tochter, die im Laufe der desaströsen Hochzeitsfeier ihre Familie und deren Taten tatsächlich kennenlernt und nicht nur ihren Bräutigam, sondern sämtliche Illusionen verliert. Am Ende geht Żaneta erneut und dieses Mal endgültig, während die zurückbleibende Familie hastig das Haus des Großvaters mit dem Bagger einreißt: Dieses Mal soll jede Spur getilgt werden!

Einen schwierigen Spagat meistert Itay Tiran, der als globaler Tatmensch eingeführt wird, um dann als Körper für Hanas Geist in die Opferrolle zu wechseln. Die Inkarnation einer Frau in männlicher Gestalt ist ohne unterstützende Maske kompliziert, weil bereits kleine, ‚typisch weibliche‘ Gesten übertrieben und lächerlich wirken, wenn sie ein männlicher Schauspieler nachahmt, ohne ihnen die innewohnende Bedeutung zu verleihen. Auch Tiran stößt in dieser Hinsicht an Grenzen. Dennoch bleibt seine zumindest innerliche Verwandlung in Hana eine darstellerische Leistung.

Auch in den Nebenrollen ist „Demon“ hervorragend besetzt. Das Vergnügen, dem mehrschichtigen Spiel der Darsteller zu folgen, versöhnt mit dem gemächlichen Tempo und dem etwas abrupten Übergang vom subtilen Spuk zur offensichtlichen Besessenheit. Auch formal ist „Demon“ ein Genuss. Kameramann Pawel Flis hat ein Auge für Bild- und vor allem Lichtkompositionen, in denen sich Stimmung widerspiegelt. Das Filmbild wurde nachträglich entfärbt, was der Szenerie auch innerhalb des gar nicht heimeligen Hauses eine Trostlosigkeit verleiht, die durch Dauerregen, Schlamm und Moder unterstrichen wird. Dennoch ist „Demon“ keineswegs in Tragik getränkt. Wrona streut sarkastisch-humorvolle Szenen ein, die u. a. den Pfarrer und sein zunehmend verzweifeltes Bemühen zeigen, die Hochzeitsfeier zu verlassen, um nicht in einem möglichen Skandal Stellung beziehen zu müssen. Wer bereit ist, sich auf eine nur oberflächlich schauerliche, sondern schrecklich reale Geschichte einzulassen, wird „Demon“ spannend finden. Wem dies nicht gelingt, sollte nicht Marcin Wrona, sondern die widersprüchliche Werbung verantwortlich machen.

DVD-Features

„Demon“ gehört zu denjenigen Filmen, die Hintergrundinformationen verdienen. Da hier jedoch kein Blockbuster entstand, der durch bildbunte „Making-ofs“ und ‚Interview‘-Geplapper zusätzlich beworben werden könnte, behielt das Sparschwein die Oberhand. Dabei gäbe allerhand Interessantes zu berichten – und sei es nur die Tatsache, dass „Demon“ nicht nur Marcin Wronas dritter, sondern auch sein letzter Langfilm wurde: Der depressions- und alkoholkranke Filmemacher hat sich am 19. September 2015 in seinem Hotelzimmer im polnischen Gdynia erhängt; er nahm dort mit „Demon“ an einem Filmfestival teil.

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Demon – Dibbuk
Originaltitel: Demon (Polen/Israel 2015)
Regie: Marcin Wrona
Drehbuch: Paweł Maślona u. Marcin Wrona
Kamera: Pawel Flis
Schnitt: Piotr Kmiecik
Musik: Marcin Macuk u. Krzysztof Penderecki
Darsteller: Itay Tiran (Peter/Piotr/„Pyton”), Agnieszka Żulewska (Żaneta), Andrzej Grabowski (Vater), Tomasz Schuchardt (Jasny), Katarzyna Herman (Gabryjelska), Adam Woronowicz (Doktor), Włodzimierz Press (Lehrer), Tomasz Ziętek (Ronaldo), Cezary Kosiński (Priester), Katarzyna Gniewkowska (Zofia), Maja Barełkowska (Tante), Maria Dębska (Hana) u. a.
Label: Donau Film
Vertrieb: Alive
Erscheinungsdatum: 18.10.2016
EAN: 4260267331880 (DVD)/4260267331897 (Blu-ray)
Bildformat: 16 : 9 (2,35 : 1, anamorph)
Audio: Dolby Digital 5.1 (Deutsch, Polnisch)
Untertitel: Deutsch
DVD-Typ: 1 x DVD-9 (Regionalcode: 2)
Länge: 90 min. (Blu-ray: 94 min.)
FSK: 16

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