Der eisige Tod

Originaltitel: Wind Chill (USA 2007)
Regie: Gregory Jacobs
Drehbuch: Joseph Gangemi, Steven Katz
Kamera: Dan Laustsen
Schnitt: Lee Percy
Musik: Clint Mansell
Darsteller: Emily Blunt (Mädchen), Ashton Holmes (Junge), Martin Donovan (Highway-Polizist), Ned Bellamy (Schneepflug-Fahrer), Ian Wallace (Priester), Donny Lucas (Flussgeist), Chelan Simmons (Braut) Darren Moore (Ladenverkäufer) u. a.
Label u. Vertrieb: Sony Pictures Home Entertainment (www.sphe.de)
Erscheinungsdatum: 18.03.2008 (Kauf-DVD)
EAN: 4030521448872 (Kauf-DVD)
Bildformat: 16 : 9 (2,40 : 1   anamorph)
Audio: Dolby Digital 5.1 (Deutsch, Englisch)
Untertitel: Deutsch, Englisch, Türkisch
DVD-Typ: 1 x DVD-9 (Regionalcode: 2)
Länge: 87 min.
FSK: 16

Das geschieht:

Eine Studentin möchte über die Weihnachtsfeiertage per Mitfahrgelegenheit ihr Elternhaus erreichen. Gen Pennsylvania fährt nur ein Kommilitone, dessen uralte, mit Wohnungs-Inventar vollgerümpelte Limousine der jungen Frau wenig Vertrauen einflößt. Doch notgedrungen steigt sie schließlich ein, zumal Eile ratsam ist: Ein gewaltiger Schneesturm wurde angekündigt.

Die Reise gestaltet sich mühsam, denn der Fahrer ist ein wenig aufdringlich, die Mitfahrerin misstrauisch. Testfragen enthüllen, dass er nicht ist, wofür er sich ausgibt. Bis er sich als schwer verliebtes aber in der Balz ungeschicktes Männchen offenbart, hat sich das Klima auch innerhalb des Wagens arg abgekühlt. Um die Angebetete doch noch zu beeindrucken, beschließt der Student einen romantischen Abstecher durch den tief verschneiten Bergwald jenseits des langweiligen Highways.

Auf der abgelegenen Seitenstraße kommt es zum Unfall. Ein Beinahe-Zusammenstoß lässt das Auto in den Graben rutschen. Der andere Fahrer macht sich davon. Benzin läuft aus, das ungleiche Paar sitzt ohne Heizung in der Wildnis fest. Entdecken wird man sie erst am nächsten Morgen. Die Nacht bricht herein, die Temperatur sinkt auf 30° unter Null. Zu allem Überfluss hat sich der junge Mann verletzt und wird nicht lang durchhalten.

Kann es noch schlimmer kommen? Durchaus, denn unheimliche Gestalten bewegen sich plötzlich durch die eisige Dunkelheit. Sie kommen nicht als Retter, wie unser Paar erschrocken feststellt: Es sind die Geister derer, die an genau dieser Stelle umgekommen sind. Nacht für Nacht müssen sie ihre letzten Minuten neu durchleben. Der, dem sie ihre Qualen verdanken, lässt ebenfalls nicht lang auf sich warten. Er hat begehrliche Blicke auf die junge Frau geworfen, und denen lässt er nun Taten folgen …

Doppelte Schauder dank Kälte plus Geister

„Wind Chill“ – das Frösteln, das dich überfällt, wenn du in der Kälte stehst; gemeint ist das gefühlte Frieren, das nicht unbedingt durch die tatsächliche Temperatur ausgelöst wird. Vor allem Wind setzt es in Gang, es saugt dir die Wärme aus den Knochen, sorgt für nachdrückliches Unbehagen, und es schwächt dich auch psychisch, macht dich anfällig für Panik und Halluzinationen.

Damit könnten die merkwürdigen Begebenheiten dieses Films erklärt werden: Zwei Menschen stecken in der Falle. Sie sind verletzt und haben Angst, es ist schneidend kalt, wärmende Kleidung ist nicht an Bord. Die menschenfeindliche Winterlandschaft war stets nur eine Wagenblechschicht entfernt, und ohne diesen fragwürdigen Schutz fällt sie über die unvorsichtigen Reisenden her. Schlaf könnte den Tod durch Erfrieren bringen, die Nerven liegen blank.

Kein Wunder, dass unser Paar ‚Dinge‘ zu sehen beginnt. Eine zufällig gefundene Zeitung aus alter Zeit enthüllt zu allem Überfluss, dass es an ungünstiger Stelle verunglückt ist: Ein mordlüsterner Polizist hat hier einst sein Unwesen getrieben, und hier ist er selbst grausam gestorben. Seine Attacken auf unvorsichtige Autofahrer hat er dennoch nicht eingestellt. Allnächtlich beginnen sich die Dramen der Vergangenheit zu wiederholen. Dabei vermischen sich die Zeitströme, sodass die Geister mit den Lebenden Kontakt aufnehmen können; eine bestenfalls gruselige und schlimmstenfalls tödliche Begegnung.

Kälte bestimmt übrigens schon die Handlung, bevor sie den Geisterwald erreicht. Die beiden Hauptfiguren bleiben namenlos; sie stellen einander nie vor, obwohl sie gemeinsam reisen. „Das Mädchen“ ist einsam und abweisend, „der Junge“ einsam und verzweifelt. Paradoxerweise bricht die äußere Kälte den inneren Gefühlspanzer schließlich auf; im eiskalten Autowrack wärmen sich gegenseitig und offenbaren einander ihre Sorgen und Nöte.

Kein Horror von der Stange

„Wind Chill“ erzählt eine im positiven Sinn altmodische Geistergeschichte. Grusel entsteht hier durch Story und vor allem Stimmung. Blutige oder nackte Haut ist (schon angesichts des Klimas) keine Option, auf die Drehbuchautoren und Regisseur setzen. Es beginnt als Geschichte zweier gemeinsam einsamer Menschen, setzt sich als Kampf gegen die Natur fort und gipfelt in der Abwehr eines bösen Geistes.

Die Verklammerung dieser Elemente will allerdings nur bedingt gelingen. Vor allem das erste Drittel – das Kennenlernen der beiden Hauptfiguren – wirkt wie aus einem anderen Film; einem Roadmovie mit Krimi-Element, weil zusätzlich eine falsche Fährte gelegt wird, die den jungen Mann in Verdacht geraten lässt, ein psychopathischer Frauen-Kidnapper zu sein. Erst nachträglich erkennt der Zuschauer viele Hinweise auf das spätere Geschehen. Die Spirale der ewigen Wiederkehr ist womöglich bereits mit den ersten Filmminuten identisch.

Auch im dunklen Wald hebt der Schrecken sacht an. Dann geht es freilich Schlag auf Schlag: Ein ganzes Rudel glatzköpfiger Priester-Geister bricht durchs Gehölz, eine faulig aufgequollene Wasserleiche spuckt dem Mädchen einen Aal vor die Füße, ein Gespenster-Polizist fährt Streife oder jagt eine Gespenster-Braut … Die Geister treten sich förmlich auf die Lakensäume. Weniger Spuk wäre hier stimmungsvoller gewesen, denn so wird es recht laut im Wald.

Die Episode mit dem Schneepflug-Mann will sich nur schwer in den Handlungsablauf fügen. Der Kammerspiel-Charakter, der das Geschehen bisher so effektvoll auf zwei Verlorene konzentrierte, wird aufgebrochen, durch minutenlange Routine-Action ‚ersetzt‘ und schließlich wieder aufgenommen – mühsam, denn der Bruch ist geschehen.

Kammerspiel im Autowrack

Der „Junge“ und das „Mädchen“ sind in quasi jeder Szene präsent. Für die beiden Schauspieler bedeutete dies – zumal unter den schwierigen Drehbedingungen (s. u.) – eine enorme Herausforderung. Regisseur Jacobs hatte Glück sowie den richtigen Such-Ansatz: Er verpflichtete keine vor allem hübschen Darsteller, sondern fand zwei echte Jung-Profis.

Emily Blunt hat ihr Handwerk von der Pike auf gelernt. Schon in ihrer Heimat England galt sie als vielversprechende Nachwuchsschauspielerin, die ihr Talent in anspruchsvollen Rollen auf der Bühne, im Kino und im Fernsehen unter Beweis stellte. Ein ‚Filmstar‘ nach der Definition der Boulevard-Medien ist sie nicht. Was das bedeutet, zeigt Blunt in „Wind Chill“: Sie ist überzeugend als arrogante, unsympathische, emotional verletzte, mitfühlende, erschrockene, entschlossene, kämpferische junge Frau, die niemals in die typische Opferrolle des B-Movie-Horrors fällt.

Ashton Holmes ist ihr gleichgewichtiger Gegenspieler. Auch vom Testosteron-Gestank des Hollywood-Fließbandhorrors gibt es in „Wind Chill“ keine Spur. Holmes wirkt als Anti-Macho keineswegs lächerlich, sondern eher tragisch als verliebter Mann, der nur das Beste wünscht und stattdessen das Grauen heraufbeschwört.

Der dreifache Ort des Schreckens

Ein Filmdreh in Eis und Schnee ist eine logistische Herausforderung. Die Temperaturen sind niedrig, die Transportwege rutschig. Szenenwiederholungen zeichnen sich deutlich im Schnee ab, und im ungünstigsten Moment beginnt es zu tauen. Für „Wind Chill“ wechselte das US-Filmteam einmal mehr ins Nachbarland Kanada. Hier kostet die Dreharbeit weniger, und mit Schnee darf zuverlässig gerechnet werden. Die Außenaufnahmen entstanden auf der Brenda Mines Road, einer alten Minenstraße in den Bergen nahe Peachland, einer 5000-Seelen-Gemeinde im Südwesten der Provinz British Columbia. Große Teilstücke wurden als Kulissen im Studio nachgebaut. Für die Szenen innerhalb des Autos baute man in Vancouver eine riesige ‚Kühlbox‘, um die Temperatur am Drehort so niedrig zu halten, dass den Darstellern Atemfahnen vor den Gesichtern standen – ein Detail, das die Allgegenwärtigkeit der grimmigen Kälte subtil aber nachdrücklich verdeutlicht.

Die Szenen entstanden ‚draußen‘, im Studio und in der ‚Kühlbox‘. Zwischen den Aufnahmen lagen manchmal nicht nur viele Kilometer, sondern auch Tage oder Wochen. Nicht selten musste der Außendrehort mit künstlichem Schnee ’nachgerüstet‘ werden. In der Kombination verschmelzen diese Szenen indes zu einem fugenlosen Ganzen.

Mit einem konsequent durchgearbeiteten und vor allem in Sachen Geisterbefall ‚entschleunigten‘ Drehbuch hätte aus „Wind Chill“ ein bemerkenswerter Genrefilm werden können. So reicht es ’nur‘ zu einer gut gespielten und überzeugend umgesetzten Geistergeschichte. Wer genug hat vom Blutbrei der modernen Einheits-Splatter, wird „Wind Chill“ als solche genießen.

DVD-Features

Das „Making of“ hinterlässt dieses Mal besonders zwiespältig gestimmte Zuschauer. Man wünscht sich und erhält durchaus Hintergrundinformationen zur komplexen Entstehungsgeschichte des Films. Leider wird zwischendurch immer wieder taubes PR-Stroh gedroschen. Da lässt sich – bei ausreichender Sprachkenntnis, denn deutsche Untertitel gibt es nicht – dem Filmkommentar schon mehr entnehmen.

Auch im Internet ist „Wind Chill“ vertreten:
www.sonypictures.com/movies/windchill

[md]

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