Fluch von Downers Grove

In der ohnehin durch einen vermeintlichen Fluch in Unruhe befindlichen US-Kleinstadt Downers Grove gerät die junge Chrissie mit dem Psychopathen Chuck aneinander, der ihr daraufhin Rache schwört; Gewalt und Gegengewalt schaukeln sich bis zum blutigen Finale auf … – Einen Fluch im buchstäblichen Sinn gibt es nicht; trotzdem kann sich der (gut inszenierte und besetzte) Film nicht zwischen realistischer Tragödie und latenter Übersinnlichkeit entscheiden: Thema verfehlt und mit dem Finale überhoben.

Das geschieht:

Downers Grove ist eine gesichtslose Vorstadt der Metropole Chicago im US-Staat Illinois. Hier leben die Swansons – Mutter, Tochter Chrissie und Sohn Dave; der rauschgiftsüchtige Vater hat sich davongemacht. Dennoch läuft es eigentlich gut für Chrissie, die eine gute Schülerin im Abschlussjahr sowie hübsch ist und ein Auge auf den schmucken Monteur Bobby geworfen hat.

Einen Schatten wirft der „Fluch von Downers Grove“: Seit 2004 ist in jedem Jahr ein Schüler der Abschlussklasse gewaltsam zu Tode gekommen. Spökenkieker führen dies darauf zurück, dass ein lokaler Indianerstamm mit Lug und Trug um den Grund und Boden gebracht wurde, auf dem die Stadt steht.

Vor allem Chrissies beste Freundin Tracy fürchtet sich vor dem Fluch, fädelt jedoch trotzdem den gemeinsamen Besuch einer Party ein, als Mrs. Swanson eine Urlaubsreise angetreten hat. Der Abend endet im Fiasko: Chuck, der örtliche Football-Held, versucht Chrissie zu vergewaltigen. Sie wehrt sich und drückt ihm ein Auge aus. Damit ist es mit Chucks Sportlerkarriere vorbei.

In seinem von Steroiden und Rauschgift vernebelten Hirn brütet Chuck Rachepläne aus, bei denen ihm seine drei tumben Kumpels gern zur Hand gehen. Sie verprügeln Bobby, töten den Familienhund, brechen Dave diverse Finger und planen noch Schlimmeres. Da Chucks Vater lange bei der Polizei war, decken die Ex-Kollegen den Sohn, der in seinem Rachewahn jegliche Selbstkontrolle verliert.

Ahnungslos haben Dave und Tracy zur Party im Haus der Swansons eingeladen. Chuck und seine Schläger mischen sich unter die Gäste. Doch Chrissie, die lange auf Vernunft gehofft und Gewaltverzicht gepredigt hatte, ahnt den ungebetenen Besuch, auf den sie sich US-amerikanisch vorbereitet hat …

Das Murphy-Prinzip: simpel & tödlich

Was schiefgehen kann auf dieser Welt, wird wahrscheinlich schiefgehen: Zu dieser Auffassung neigen zumindest jene, die es erwischt hat. Damit mögen sie faktisch falschliegen, wie ihnen Wissenschaftler, die sich mit dem Phänomen Zufall beschäftigen, versichern werden. Der Mensch ist in seiner Mehrzahl trotzdem lieber Zweckpessimist als Optimist und rechnet mit dem Schlimmsten, um gewappnet zu sein, wenn es tatsächlich eintrifft.

Anders steht es um solche Prognosen, wenn man den Menschen als aktives Element einbezieht. „Denn aus Gemeinem ist der Mensch gemacht“, schrieb Friedrich Schiller 1799 im dritten Teil seiner „Wallenstein-Trilogie“ und fasste eine schon damals uralte Erkenntnis in Worte: Der Mensch benötigt die Bedrohung durch das Übernatürliche nicht, um sich das Leben zur Hölle zu machen; ihm gelingt das problemlos selbst und ganz im Hier & Jetzt.

Folgerichtig müsste man den Titel des hier vorgestellten Films metaphorisch deuten. „Der Fluch von Downers Grove“ wurzelt in einem gesellschaftlichen Umfeld, das krank und selbstzerstörerisch ist. Die Betroffenen sind quasi betriebsblind, weil mit dem System verschmolzen. Auch Chrissie Swanson weiß es zunächst nicht besser, obwohl sie Downers Grove hasst. Ihre Erkenntnis reicht jedoch nicht tief genug, sondern richtet sich gegen die Langeweile einer Vorstadt, die ihre Öde bereits optisch ausdrückt.

Die Büchse der Pandora

Die Story läuft publikumsverwirrend auf zwei Ebenen ab. Der Titel suggeriert eine Strafe für begangenes Unrecht. Dem tragen Drehbuchautor Bret Easton Ellis und Regisseur Dereck Martini Rechnung, indem sie Chrissie allerlei Visionen bescheren, die in der Regel damit enden, dass ihr ein zornig blickender Indianer in voller Kriegsbemalung seinen Speer in den Leib rammt: Downers Grove ist eine jener Siedlungen, die auf dem Land trick- und gewaltreich enteigneter Ureinwohner entstand. Dafür belegten dieselben ihre Peiniger mit einem Fluch, der offenbar mit einer Zeitverzögerung gekoppelt war: Wie sonst ließe sich erklären, dass der Teenie-Tod erst seit 2004 zuschlägt?

Dies ist beileibe nicht die einzige Frage, die dem Zuschauer nie beantwortet wird. Ignorieren wir es zunächst mit dem Blick auf Ebene 2, die gänzlich im Diesseits spielt und im weiter oben skizzierten Milieu wesentlich besser funktioniert. Downers Grove ist ein Ort, der viele Pulverfässer beherbergt. Chrissie bringt es auf den Punkt, als sie daran erinnert, dass gewaltsamer Tod in jungen Jahren keinen Fluch benötigt. Deshalb liegt mehr als ein Hauch von Ironie in der Tatsache, dass es heuer ausgerechnet sie trifft, die klug genug war, sich von kapitalen Problemen oder jugendlichen Dummheiten fernzuhalten: Chrissie wird das Opfer einer Eigendynamik, der eine Bagatelle als Auslöser genügt, um zur Lawine anzuschwellen, die alles unter sich begräbt.

Diese Handlungsebene birgt keine Überraschungen, erfüllt aber ihren Zweck. Zwar versuchen Autor und Regisseur redlich, sich dem Thema auf möglichst wenig ausgefahrenen Pfaden zu nähern, um letztlich doch an längst kartierten aber dennoch immer wieder unterschätzten Klischee-Klippen zu scheitern: Dem hollywoodtypischen Kasten-System entsprechend gehört Rohling Chuck der Elite der Footballspieler an und trägt selbstverständlich eine jener Clowns-Jacken, die groß und bunt das Emblem der besuchten Schule tragen. Darüber hinaus ist Chuck nicht nur auf Steroiden, sondern schnupft Kokain wie ein Staubsauger, sodass er sich nicht um sein lädiertes Auge, sondern um seine überstrapazierte Nase sorgen sollte. Dazu kommt eine in ihrem Ehrgeiz grotesk überzeichnete Vaterfigur (Tom Arnold in einer überflüssigen Mini-Rolle) und ein Hofstaat speichelleckender Rabauken, die sich sämtlich problemlos zum nächtlichen Massenmord überreden lassen.

Kraft dank Waffengewalt

Generell zeigt das Drehbuch vor allem im letzten Drittel beachtliche Logiklücken und Charakterisierungsdefizite – erstaunlich, wenn man bedenkt, dass der Autor kein Anfänger ist. Bret Easton Ellis wurde berühmt als Verfasser weltweit zur Kenntnis genommener Romane wie „American Psycho“ (1991) oder „Glamorama“ (1999). Als Drehbuchautor ist Ellis seit 1987 aktiv und recht experimentierfreudig, wie beispielsweise sein Drehbuch zum Paul-Schrader-Film „The Canyons“ (2013 mit Lindsey Lohan und dem gefallenen Porno-Engel James Deen in den Hauptrollen) beweist.

In „Der Fluch von Downers Grove“ zeigt Ellis-Präsenz primär in einigen Szenen, die generell bzw. für einen Film, der hierzulande ab 16 Jahren freigegeben wurde, bemerkenswert brutal geraten und manchmal echtes Splatter-Format aufweisen. Plakativ soll die Unbarmherzigkeit eines Geschehens unterstrichen werden, das eine freundliche, naive Chrissie zum Schrotflintenweib mutieren lässt; was dann geschieht, ist dem regelmäßigen Zuschauer US-amerikanischer Filme klar und wird in der Tat à la „Taxi Driver“ durchgezogen, ohne dass sich die erwünschte Schockwirkung einstellt.

Zu schlechter Letzt fragt man sich, wieso der Fluch der bösen (Menschen-) Tat mit einem ‚echten‘ Fluch gekoppelt wird (Stichwort: Indianer mit Speer; s. o.) Beide finden nie wirklich zueinander, der Zusammenhang wird behauptet. Statt zwei Zielgruppen einzufangen, werden beide verprellt. Ein gezwungen ‚mythischer‘ Epilog, der den Schlusstiteln folgt, macht es noch schlimmer.

Baumschüler vor dem Start ins Leben

Unfreiwillig rätselhaft bleibt die Entscheidung, praktisch sämtliche ‚Schüler‘, die in diesem Film vor die Kamera treten, mit Schauspielern zu besetzen, die selbst im Halbdunkeln nicht als Jugendliche durchgehen. Einzige Ausnahme bildet Hauptdarstellerin Bella Heathcote. Auch sie war bereits deutlich über 25, als sie ihre Rolle spielte, doch sie sieht tatsächlich aus wie ein Teenager. Kevin Zegers kann mit seinen 30 (!) Jahren diese Illusion nicht bieten. Ein schlechter Witz ist Martin Spanjers (27) als jüngerer (!) Bruder der High-Schülerin Chrissie!

Immerhin sind diese Schauspieler Profis mit Erfahrungen, die es ihnen ermöglichen, aus dem aufgeblasenen Script ein wenig Überdruck abzulassen. „Der Fluch von Downers Grove“ findet sein Fundament nichtsdestotrotz primär in Bella Heathcote. Sie glänzt als junge Fast-Frau, die sich nicht in die dafür von Hollywood vorgesehene Schublade stecken lässt. Dass sie sich im finalen Kampf auf Leben & Tod vom mühsam aufgebauten Profil verabschieden muss, ist nicht Heathcote anzulasten.

Formal ist dieser Film vorzüglich geraten. Sein geringes Budget – laut imdb.com 2 Mio. Dollar – sieht man ihm nicht an. (Ob der Drehort Pomona – eine Stadt in Kalifornien – wirklich wie eine Stadt in Illinois aussieht, ist uns ferneuropäischen Zuschauern gleichgültig.) Hinter der Kamera sorgte Frank Godwin für stimmungsvolle Bilder, die durch eine sorgfältig auf das Geschehen abgestimmte Filmmusik unterstützt werden. Würden Ellis und Martini ihre Geschichte nicht so wichtig nehmen, sondern sie einfach erzählen, wäre das Ergebnis erfreulich. So bleibt ein bekannter Nachgeschmack: Wieder haben sich anderthalb Stunden Lebenszeit in heiße Luft aufgelöst!

DVD-Features

Außer dem US- und dem deutschen Trailer gibt es keine Extras.

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Der Fluch von Downers Grove
Originaltitel: The Curse of Downers Grove (USA 2015)
Regie: Derick Martini
Drehbuch: Bret Easton Ellis (nach dem Roman „Downers Grove“ von Michael Hornburg)
Kamera: Frank Godwin
Schnitt: Kayla Pagliarini
Musik: Matthew Margeson
Darsteller: Bella Heathcote (Chrissie Swanson), Penelope Mitchell (Tracy), Martin Spanjers (Dave Swanson), Lucas Till (Bobby), Kevin Zegers (Chuck), Mark L. Young (Ian), Helen Slater (Mrs. Swanson), Tom Arnold (Charles Whitmore) u. a.
Label: Tiberius Film (www.tiberiusfilm.de)
Vertrieb: Sunfilm Entertainment
Erscheinungsdatum: 16.01.2016
EAN: 4041658150330 (DVD)/4041658180337 (Blu-ray)
Bildformat: 16 : 9 (2,35 : 1, anamorph)
Audio: DTS 5.1 (Deutsch), Dolby Digital 5.1 (Deutsch, Englisch), Dolby Digital 2.0 (Deutsch)
Untertitel: Deutsch
DVD-Typ: 1 x DVD-9 (Regionalcode: 2)
Länge: 85 min. (Blu-ray: 89 min.)
FSK: 16

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