Der Tod weint rote Tränen

Originaltitel: L’étrange couleur des larmes de ton corps (Belgien/Frankreich/Luxemburg 2013)
Regie u. Drehbuch: Hélène Cattet u. Bruno Forzani
Kamera: Manuel Dacosse
Schnitt: Bernard Beets
Darsteller: Klaus Tange (Dan Kristensen), Ursula Bedena, Joe Koener, Birgit Yew, Hans de Munter, Anna D’Annunzio, Jean-Michel Vovk, Manon Beuchot, Romain Roll, Lolita Oosterlynck, Delphine Brual u. a.
Label/Vertrieb: Koch Media
Erscheinungsdatum: 29.01.2015
EAN: 4020628884086 (DVD)/4020628884079 (Blu-ray)
Bildformat: 16 : 9 (2,35 : 1, anamorph)
Audio: DTS 5.1 (Deutsch, Französisch), Dolby Digital 5.1 (Deutsch, Französisch, Dänisch)
Untertitel: Deutsch
DVD-Typ: 1 x DVD-9 (Regionalcode: 2)
Länge: 97 min. (Blu-ray: 102 min.)
FSK: 18

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Das geschieht:

Als Dan Kristensen von einer Dienstreise ins heimatliche Brüssel heimkehrt, findet er seine Wohnung leer und von innen verschlossen vor. Gattin Edwige hat sämtliche Kleider und sonstigen Besitz unberührt gelassen, sodass Kristensen nicht davon ausgeht, dass sie ihn verlassen hat. Er benachrichtigt die Polizei, doch der ihn aufsuchende Beamte scheint weniger helfen zu wollen als ihm zu misstrauen: Die Kristensens sind den anderen Mietern wegen ihrer lautstarken Auseinandersetzungen verhasst.

Die Ermittlungen werden intensiviert, als Kristensen in der Nacht erwacht und den Kopf seiner Ehefrau neben sich findet. Jemand muss sich Einlass in die Wohnung verschafft haben; ohnehin fühlt sich Kristensen ständig heimlich beobachtet. Er beginnt privat zu ermitteln und trifft auf eine alte Frau, deren Mann vor vielen Jahren unter ganz ähnlichen Umständen wie Edwige verschwunden ist. Außerdem gerät Kristensen in den Bann der geheimnisvollen Laura, die interessierten Kunden bizarre und nicht ungefährliche Sex-Praktiken anbietet.

Der Zufall verhilft Kristensen buchstäblich zu einem Durchbruch: Das alte Haus, in dem er und die übrigen Mieter leben, war einst eine feudale Villa, die nachträglich in Wohnungen unterteilt wurde. Bei diesem Umbau wurden falsche Wände eingezogen und Geheimgänge angelegt, die sämtliche Wohnungen miteinander verbinden. Überall gibt es gut versteckte Gucklöcher oder Einwegspiegel, sodass die Mieter problemlos beobachtet werden können.

Kristensen wagt sich in dieses seltsame, keineswegs ungefährliche Labyrinth. Nicht nur der Mörder treibt sich hier herum. Zeit und Raum scheinen sich zu falten oder zu verschieben. Für Kristensen beginnen Realität und Einbildung zu verschmelzen – eine gefährliche Odyssee, an deren Ende die Erkenntnis und der Killer ihn erwarten …

Kampf der langweiligen Logik!

Geschichten haben in der Regel einen Anfang und ein Ende. Dazu gehört ein Mittelteil, der den einen mit dem anderen möglichst spannend sowie logisch verbindet. Auch der Film hält sich an dieses Rezept, das den meisten Zuschauern geläufig sowie lieber als die Alternative ist: Das Medium bietet die Möglichkeit, einen linearen Handlungsbogen durch bewegte Bilder zu ersetzen. Dies zu genießen, bleibt dem begrenzten Kreis derer vorbehalten, die dem Auge den Vorzug geben, während das logikhungrige Hirn im Hintergrund weitgehend ausgeschaltet bleibt bzw. gefordert ist, der angebotenen optischen Opulenz einen Sinn zu geben, statt sich wie üblich passiv berieseln zu lassen.

Manchmal gelingt es, beide Lager harmonisch miteinander in ein Boot zu setzen. Kunst und Unterhaltung schließen sich keineswegs naturgesetzlich aus. Zu allen Zeiten wurde die Synthese versucht. War dies erfolgreich, wurde es vom Beifall gleich zweier beeindruckter Publikumskreise begleitet. Dabei kam es zu abenteuerlichen Verbindungen.

In den späten 1960er Jahren begannen in Italien die Jahre des „Giallos“. Ströme von Blut, nackte Haut und groteske Mordmethoden prägten den Inhalt, dem die Form gleichwertig und unterstützend zur Seite trat. Die Kamera wurde schwerelos; sie kümmerte sich nicht um Wände, ersetzte plötzlich die Augen des Täters oder des Opfers. Die Kulissen waren stilisiert, theatralisch, dramatisch, und die Farbgebung orientierte sich nicht unbedingt an der Realität, sondern drückte eine bestimmte Atmosphäre aus.

Neben der Ästhetik stand die Stimmung im Vordergrund: Verunsicherung, Furcht, Täuschung und immer wieder Wahnsinn malträtierten verstörte Pechvögel. Doppelte Böden öffneten sich in den Hirnen der Figuren, die ihren Augen und Ohren keineswegs trauen durften. Die auf diese Weise erzählten oder besser: vermittelten Geschichten wirkten halluzinatorisch, was durch die psychodelischen Elemente der Giallo-Ära (Filter, Verzerrungen, Reißschwenks) und hier vor allem durch eine gleichermaßen verstörende wie mitreißende Musik vertieft wurde.

Fetische & Obsessionen

Mario Bava, Sergio Martino, Dario Argento: Diese Namen klingen historisch interessierten Filmfreunden noch heute wie Donnerhall in den Ohren. Ihnen gelang es in ihren besseren Werken, den nur auf den Schauwert spekulierenden „Exploitation“-Film durch die genannten Elemente so zu veredeln, dass daraus etwas Einzigartiges entstand.

Der klassische Giallo fand Anfang der 1980er Jahre allmählich sein Ende; das Genre war ausgepresst, das Publikum hatte sich sattgesehen. Die Erinnerung an Filmerlebnisse, die den üblichen Popkorn-Horizont sprengten, blieb erhalten. Junge Filmemacher studierten die Werke der alten Meister, übernahmen, was ihnen gefiel, und entwickelten es weiter.

Nostalgie birgt die Gefahr der bloßen Imitation: Wieso nicht aufnehmen, was einst gefeiert wurde, um es so ‚original‘ wie möglich einer neuen Generation zu präsentieren? Dies schont nicht nur die Einbildungskraft, sondern lässt sich bei geschickter Anwendung des Konzepts auch als Filmkunst verkaufen, der sich ganz andere Türen öffnen als dem schnöden Entertainment.

Auf alten Spuren auf ein Neues

Die Rechnung kann aufgehen, wenn das Ergebnis formal und inhaltlich sowohl den Vorlagen folgt, als auch die Nerven der Zuschauer schwingen lässt. Hélène Cattet und Bruno Forzani ist dies 2009 mit ihrem ersten „Neo-Giallo“ gelungen. „Amer“ begeisterte selbst das latent eher fremdfilmfeindliche US-Publikum. Vier Jahre später unternahm das Duo einen erneuten Versuch.

„Der Tod weint rote Tränen“ kam bei Kritikern und Zuschauern weniger gut an, um es vorsichtig auszudrücken. Cattet & Forzani hatten sich im Versuch, die „Giallo“-Tiefen nicht nur auszuloten, sondern seine Grenzen auszuweiten, buchstäblich verloren. Während die Optik keine Wünsche offenlässt, bleibt die Story schwach. Vor allem im letzten Drittel spielt die Handlung praktisch keine Rolle mehr. Sie wird durch formale und technische Mätzchen nicht ersetzt. Stattdessen wird der Zuschauer umso schmerzhafter auf ihr Fehlen aufmerksam gemacht.

Cattet & Forzani wollen ihr Publikum fordern. Das gelingt allerdings nicht, indem ohnehin nichtssagende Szenen verlangsamt sowie ruckartig abgespielt werden. So etwas setzt nicht das Kleinhirn in Betrieb, sondern erzeugt ziemlich rasch Kopfweh. Falls es eine höhere Erkenntnisebene gibt, auf die uns Cattet & Forzani heben wollen, bleibt sie den meisten Zuschauern verschlossen. Doch selbst jene, die bis zum Finale durchhalten, sind weder schlauer geworden noch zufrieden. Sie fragen sich nicht einmal, ob sie zu dumm waren, den feinsinnigen Filmemachern zu folgen, sondern erkennen, dass man sie nur geblufft hat.

Das Auge wird mitgerissen

Wer ein „Best-of“ typischer Giallo-Elemente als Ersatz akzeptiert, dürfte auf seine Kosten kommen. Cattet & Forzani haben ihren Kulissen jeglichen Realismus gründlich ausgetrieben. Dabei hatten sie das Glück, dass Brüssel ein reiches architektonisches Erbe der Jugendstil-Epoche bewahren konnte. Viele Gebäude aus der Zeit um 1900 weisen die typischen geschwungenen, symmetriefreien Linien, kräftigen Farben und florealen Ornamente auf, die sich nicht auf Wände oder Decken beschränken, sondern auch Fenster- und Türrahmen, Treppengeländer, Leuchtkörper u. a. Interieur einbeziehen.

Die Form behielt zwar ihre Funktionalität, befreite sich aber von der strengen Linearität der Vergangenheit. Damit wird das Haus, in dem Dan Kristensen seine Odyssee erlebt, zum idealen Handlungsort. Viele Jahre nach seinem Verschwinden ist die Dominanz des Jugendstils beinahe bedrückend. Cattet & Forzani meiden helles Licht, das ohnehin kaum eine Chance hat, durch die als Kunstwerke gestalteten Fenster in die Tiefen der Räume vorzudringen. Das Haus wirkt erst wie ein Museum, dann wie ein Mausoleum. Das Auge findet keinen Halt, sondern verliert sich in einem Wirbel von Formen und Farben, was wiederum Kristensens geistige Verfassung widerspiegelt.

Dem wenig heimeligen Haus entsprechen seine Bewohner. Cattet & Forzani bevölkern es mit Sonderlingen, Außenseitern und anderen Zeitgenossen, die man sich außerhalb der Türschwelle in der Welt des 21. Jahrhunderts nicht vorstellen kann. Tatsächlich scheint die Zeit im Haus stehengeblieben zu sein.

Hauptsächlich seltsam

Jeder dieser Mieter hütet düstere Geheimnisse. Auch Kristensen, der zunächst ganz der Gegenwart verhaftet zu sein scheint – ausdrücklich erwähnt er mehrfach, in der Telekommunikation tätig zu sein -, verschweigt die Wahrheit über seine angeblich harmonische Ehe. Bisher hat Kristensen sich dies schöngeredet, und es ist ein langer, schmerzhafter, bildsymbolreicher Weg zur Erkenntnis.

Dass man sich dabei dem Protagonisten nicht recht anschließen will, liegt sicher auch daran, dass dieser Dan Kristensen ein unsympathischer Zeitgenosse ist, der als Person herzlich wenig interessiert. Man nimmt ihn primär als Handlungsträger wahr, doch da es mit der Handlung wie gesagt nicht weit her ist, kann er auf dieser Ebene nicht punkten. Weil Klaus Tange gerade im experimentellen Film und Theater große Erfahrungen besitzt, liegt die Vermutung nahe, dass auch er vom Drehbuch im Stich gelassen wurde.

Die übrigen Darsteller sind in erster Linie anwesend. Ihr Spiel ist künstlich und wiederum sicher mehrschichtig zu interpretieren, aber einmal mehr mag man Cattet & Forzani auf diesem Weg nicht folgen. Nicht einmal der liebevoll giallotypisch gezeichnete Mörder (inklusive Lederhandschuhe) kann fesseln; gar zu unmotiviert lässt er sich blicken.

Wie es sich für einen Giallo gehört, fließt das Blut reichlich. Dabei kommen gern Messer, Glasscherben oder andere in den Körper eindringende Objekte zum Einsatz, denn im Giallo ist die Grenze zwischen (gewaltsamem) Tod und Sex fließend. Abermals überhöhen Cattet & Forzani dieses Element ein wenig zu stark, weshalb die Morde nicht erschrecken: Die Stilisierung soll – wieder einmal zu offensichtlich – das Traumatische verstärken.

Im Finale verlieren Cattet & Forzani den Faden endgültig. Das Ende ist abrupt und lädt zu unterschiedlichen Interpretationen ein, die das Gros der verärgerten Zuschauer verweigert. Sie haben sich nicht täuschen lassen, sondern diesen Film als das erkannt, was er ist: eine hohle Nuss mit einem pompösen Titel.

DVD-Features

Ein Film wie dieser könnte durch informatives Hintergrundmaterial oder gar einen Kommentar sicherlich gewinnen. Die ‚Extras‘ beschränken sich jedoch auf den Trailer. Immerhin gibt es ein 20-seitiges Booklet.

Kurzinfo für Ungeduldige: Als seine Ehefrau spurlos verschwindet, gerät Dan Kristensen auf der Suche nach ihr in eine phantastische Zwischenwelt, wo er u. a. einer schönen aber gefährlichen Frau und einem brutalen Killer begegnet … – Ein Rausch aus Bildern, Tönen und Stimmungen soll (oder muss) eine Story oder Handlungslogik ersetzen; eine Rechnung, die nur anfänglich aufgeht, während sich bald gepflegte Langeweile einschleicht: kunstgewerbliches Filmgewaber.

[md]

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