Der Übergang

Originaltitel: The Corridor (Kanada 2010)
Regie: Evan Kelly
Drehbuch: Josh MacDonald
Kamera: Christopher Ball
Schnitt: Thorben Bieger
Darsteller: Stephen Chambers (Tyler Crawley), James Gilbert (Everett Manette), David Patrick Flemming (Chris Comeau), Matthew Amyotte (Robert „Bobcat“ Comeau), Glen Matthews (Jim „Huggs“ Huggan), Mary-Colin Chisholm (Pauline Crawley),  Nigel Bennett (Lee Shephard) u. a.
Label: Tiberius Film
Vertrieb: Sunfilm Entertainment
Erscheinungsdatum: 03.04.2014
EAN: 4041658227445 (DVD)/4041658297448 (Blu-ray)
Bildformat: 16 : 9 (1,85 : 1, anamorph)
Audio: DTS 5.1 (Deutsch), Dolby Digital 5.1 (Deutsch, Englisch)
Untertitel: Deutsch
DVD-Typ: 1 x DVD-9 (Regionalcode: 2)
Länge: 95 min. (Blu-ray: 99 min.)
FSK: 16

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Das geschieht:

Seit ihrer Schulzeit sind Tyler, Everett, Chris, „Bobcat“ und „Huggs“ befreundet. Sie sind in einer Kleinstadt aufgewachsen, ihre Träume von einer beruflich und privat erfüllten Zukunft haben sich nicht erfüllt. Unzufrieden führen sie unerfüllte Leben. Tyler leidet zu allem Überfluss an Schizophrenie. Nachdem sich seine ebenfalls psychisch derangierte Mutter umgebracht hatte, war er nach einem akuten Krankheitsschub auf seine Freunde losgegangen und musste viele Monate in einer Heilanstalt verbringen.

Nun wurde Tyler entlassen. Mit den Freunden möchte er sich versöhnen und lädt zu einem winterlichen Männer-Wochenende in einer abgelegenen Hütte ein, die seine Familie tief im Wald errichtet hat. Vor allem Chris, den Tyler mit einem Messer attackiert hatte, ist misstrauisch, doch auch er sieht die Chance, ein wenig Abstand vom Alltag zu gewinnen.

Die vertraute Harmonie will sich nur mühsam wieder einstellen. Immer wieder brechen alte und neue Konfliktherde auf. Tyler verschweigt, dass er wieder Stimmen zu hören beginnt. Mit der Asche seiner Mutter stapft er in den Wald. Als er sie verstreut, stolpert er plötzlich in einen von durchsichtigen, leuchtenden Wänden begrenzten Raum. Tyler hält dies für eine Halluzination. Nichtsdestotrotz bittet er Chris, ihn am nächsten Morgen zu dieser Stelle zu begleiten.

Heimlich folgen die anderen Freunde und sind deshalb zur Stelle, als der Raum sich abermals materialisiert. Er beginnt zu wachsen und sich zu einem Korridor auszuweiten. Die erstaunten und begeisterten Freunde spüren eine fremde Kraft, die ihre Hirne stimuliert. Nur Tyler warnt; ihm fällt auf, dass der Aufenthalt im Korridor heftiges Nasenbluten verursacht. Doch es ist zu spät. Everett, Chris, Bobcat und Huggs verfallen zunehmend der Verlockung einer Macht, die ihnen einen Ausweg aus ihren elenden Existenzen anbietet. Diesen Weg wollen sie gehen – und Gnade Gott denen, die sie davon abzuhalten versuchen!

Schlupfloch ins Paradies

Die Sehnsucht des Menschen nach einem Notausgang manifestiert sich primär in ausweglosen Situationen. Dazu gehört auch oder sogar ganz besonders ein Leben, das aus der erträumten oder geplanten Bahn gelaufen ist und sich in eine Abfolge öder Plackerei verwandelt hat. Zeigt sich ein solches Schlupfloch, wird in der Regel nicht nach möglichen Konsequenzen gefragt. Wie man auf diese Weise vom Regen in die Traufe gerät, ist ein Plot, der in Schrift und Bild seit jeher und immer wieder durchgespielt wird.

Insofern bieten Regisseur Evan Kelly und Drehbuchautor Christopher Ball nichts Neues. Stattdessen schlagen sie sich auf die Seite derer, die vor Notausgängen prinzipiell warnen und dazu raten, eingeschlagene Wege entweder weiterzugehen oder einen neuen Kurs zu bestimmen, auch wenn dieser erst recht mit Mühen und Schmerzen verbunden ist. Es kann nur schlimmer kommen, finden auch Kelly und MacDonald.

Wie üblich wird das eigentliche Interesse durch die Frage geweckt, wie die bekannte Geschichte dieses Mal erzählt wird. „The Corridor“ bietet eine Mischung aus Science Fiction und Horror, die zu einem Mystery-Thriller verschmilzt. Solche Rätsel sind gleichermaßen verlockend wie riskant: Es ist nicht schwierig, Seltsames anzudeuten oder sogar in Serie zu schalten. Irgendwann kommt allerdings der Moment der Auflösung. Wird hier gepatzt, verwandelt sich die Freude, bisher an der Nase herumgeführt worden zu sein, nachträglich in Ärger.

Dreiste oder faule (aber selten tatsächlich talentierte) Erzähler behaupten, sie wollten gar nicht alle Geheimnisse lüften; wie die handelnden Figuren soll das Publikum in Ungewissheit schweben und sich selbst einen Reim auf zum Teil nur angedeutete Ereignisse machen. Solche Rutschpartien auf Occams Rasiermesser können tatsächlich gelingen; es lässt sich damit Filmgeschichte schreiben. Zumindest Kritiker geraten in Verzückung, wenn sie sich selbst ausdenken müssen (bzw. dürfen), was sie gesehen haben. Die Mehrheit der Zuschauer denkt da freilich anders. „Letztes Jahr in Marienbad“ dürfte beispielsweise kein Film sein, den ein begeistertes Massenpublikum kennt.

Aller Anfang ist tückisch

Talent und Ehrgeiz sind die beiden Schalen einer Waage, die selten in einem Gleichgewicht stehen. Vor allem zum Horrorfilm fühlen sich viel zu oft jene berufen, die das kindliche Vergnügen, in Blut und Matsch zu rühren, mit Unterhaltung verwechseln. Kelly gehört nicht in diese Kategorie. Er teilt mit den genannten Dilettanten jedoch ein anderes Problem: „Der Übergang“ ist ein Film, dessen finanzieller Rahmen anders als der titelgebende Korridor sehr eng war. Zwischen den eigentlichen Dreharbeiten und der Veröffentlichung lagen zwei Jahre. Eigentlich gab es überhaupt kein Budget, weshalb sich Darsteller Matthew Amyotte für seine Rolle tatsächlich eine Glatze schneiden lassen musste (aber sich offensichtlich weigerte, diese Radikalrasur zu wiederholen, weshalb man das Haupthaar deutlich nachwachsen sieht.)

Solche Kleinigkeiten fallen auf, aber sie lassen sich verschmerzen, zumal Kelly insgesamt gut weiß, wie er seinen Film professionell wirken lassen kann. Der Korridor ist als Spezialeffekt vergleichsweise bescheiden aber makellos und deshalb im Rahmen der Geschichte, für die er überaus wichtig ist, überzeugend. Buchstäblich handgemacht sowie schmerzlich gelungen in der Umsetzung sind auch die Verletzungen, die sich die allmählich wahnsinnig werdenden Freunde einander zufügen. Diese Attacken sind nicht splattriger Selbstzweck. Sie konterkarieren die in der ersten Filmhälfte vorgestellte Freundschaft, die sich in einen blutigen Albtraum verwandelt.

Leider hapert es mit der Erzählstruktur. Autor MacDonald konzentriert sich zu intensiv auf eine Vorgeschichte, deren Wissen an Bedeutung verliert, sobald der Korridor erscheint. Bis zu diesem Zeitpunkt standen Tyler und sein verzweifelter Versuch, an alte, eigentlich gar nicht so rosige Zeiten anzuknüpfen, im Handlungszentrum. Als der Korridor seine Macht ausspielt, wechseln Tyler und die Gefährten quasi ihre Rollen: Nun ist Tyler die Stimme der Vernunft. Regisseur Kelly arbeitet diesen Aspekt zu steif heraus. Der Zuschauer merkt, dass ihm eine Schlussfolgerung nicht nahegebracht wird, sondern diktiert werden soll.

Fünf Freunde werden Feinde

Was für Regie-Debütanten gilt, lässt sich auch und erst recht auf Darsteller übertragen: Enthusiasmus ersetzt weder Talent noch eine schauspielerische Ausbildung! In dieser Hinsicht wusste Kelly Bescheid. Seine kleine Darstellerriege besteht zum Teil aus Neulingen aber nie aus Anfängern. Positiv hinzu tritt eine Charakterisierung, die auf einschlägige Klischees verzichtet. Deshalb ist auch keine Frau Teil der Gruppe, deren Prahlereien hohl klingen und wie Pflichtübungen vorgebracht werden. Die traurige Wahrheit bricht sich bereits ohne Mitwirkung des Korridors ihre Bahn.

Die fünf Freunde sind nicht einmal besonders sympathisch. Ihre Beziehung hat sich überlebt. Der Umgang ist von einer unterschwelligen Aggression geprägt. Die kindischen Scherze, die man einander spielt, sorgen eher für ein Anheizen der gereizten Stimmung. Diese Gruppe ist reif für eine Macht wie den Korridor – ein Eindruck, den die fünf Schauspieler, die diesen Film gemeinsam tragen müssen, glaubhaft vermitteln können.

Der Korridor selbst bleibt ein Rätsel. Irgendwann wird erwähnt, dass er wohl aus dem Weltall wie ein Meteorit auf die Erde gekommen ist. Faktisch ist er als Phänomen nicht so wichtig. Er dient als Katalysator, der die gestörte Gruppendynamik ihren tödlichen Höhepunkt erreichen lässt. Abermals misslingt es MacDonald und Kelly, diesen Punkt filmisch herauszuarbeiten. Der Entdeckung und Untersuchung des Korridors wird breiter Raum eingeräumt, bis der Zuschauer Fragen stellt, die beantwortet werden müssten. Stattdessen flüchten Drehbuch und Regie ins Esoterische. Das Ende ist offen oder soll offen wirken. Tatsächlich wird ein wenig zu deutlich, was  geschehen ist. Das Schicksal der fünf Freunde mag ebenso banal wie tragisch sein. Allerdings will das zu diesem Zeitpunkt niemand mehr wissen. Der Zuschauer hat das Interesse an dieser gut gemeinten, inhaltlich verlockenden und formal solide erzählten Geschichte verloren. Was bleibt, ist die Bereitschaft, Evan Kelly und Josh MacDonald eine zweite Chance zu geben. Sie mögen ihren Filmkarren gegen die Korridorwand gefahren haben, doch sie sind ehrenvoll gescheitert und machen es beim nächsten Mal womöglich besser.

DVD-Features

Außer dem Trailer gibt es keine Extras auf dieser DVD; macht nichts – so bleibt mehr Platz für Werbung!

Kurzinfo für Ungeduldige: Fünf vom Leben gebeutelte Freunde stoßen in der Wildnis auf einen mysteriösen Korridor. Wer ihn begeht, entwickelt übermenschliche Fähigkeiten, doch zu den Nebenwirkungen zählen Wahnsinn und Mordlust, was die Gruppendynamik beträchtlich beeinflusst … – Vor allem in der Idee interessanter Mystery-Thriller, der unter einem holprigen Drehbuch und Handlungslängen krankt sowie allzu sehr damit kokettiert, mehr Fragen aufzuwerfen als zu beantworten: dennoch keine Zeitvergeudung.

[md]

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