Der unheimliche Gast

Originaltitel: The Uninvited (USA 1944)
Regie: Lewis Allan
Drehbuch: Dodie Smith u. Frank Partos (nach einem Roman von Dorothy Macardle)
Kamera: Charles Lang
Schnitt: Doane Harrison
Musik: Victor Young
Darsteller: Ray Milland (Roderick Fitzgerald), Ruth Hussey (Pamela Fitzgerald), Gail Russell (Stella Meredith), Donald Crisp (Commander Beech), Cornelia Otis Skinner (Miss Holloway), Barbara Everest (Lizzie Flynn), Alan Napier (Dr. Scott), Dorothy Stickney (Fräulein Vogel) u. a.
Label/Vertrieb: Koch Media
Erscheinungsdatum: 22.05.2014
EAN: 4020628890360 (DVD)/4020628887643 (Blu-ray)
Bildformat: 4 : 3 (1,37 : 1, anamorph)
Audio: Dolby Digital 2.0 (Deutsch, Englisch)
Untertitel: Englisch
DVD-Typ: 1 x DVD-9 (Regionalcode: 2)
Länge: 95 min. (Blu-ray: 99 min.)
FSK: 16

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Das geschieht:

Der Komponist Roderick „Rick“ Fitzgerald und seine Schwester Pamela – beide ledig – stoßen während eines Urlaubs im Sommer 1937 in Biddlecomb an der Küste der englischen Grafschaft Devonshire auf das kleine Winward House. Es thront hoch über dem Meer auf einer steilen Klippe und steht leer, seit vor 17 Jahren Mary Meredith, einzige Tochter von Commander Beech, durch einen Sturz zu Tode kam. Der untröstliche Gatte Llewellyn setzte sich ins Ausland ab und kehrte nie mehr nach England zurück. Tochter Stella wuchs deshalb beim Großvater auf.

Der alte Beech möchte Winward House günstig verkaufen. Was er den Fitzgeralds, die tatsächlich einschlagen, vorsichtshalber verschweigt, ist die rasche Flucht der Vormieter. In Winward House spukt es, was Beech sehr wohl weiß, obwohl er solches Dorfgeschwätz entrüstet leugnet. Deshalb bekommen Rick und Pamela zu spät Kenntnis von ihrem unheimlichen Untermieter, der sich des Nachts durch lautes Wehklagen und Stöhnen bemerkbar macht.

Die be-geisterten aber darüber wenig erfreuten Geschwister beginnen die Geschichte des Hauses zu recherchieren. Während Beech jegliche Verantwortung ablehnt, freundet sich Stella mit den neuen Hauseigentümern und besonders mit Rick an. Die junge Frau ist gerade mannbar geworden und fasziniert von dem deutlich älteren, weltmännischen Musiker, der dies geschmeichelt zur Kenntnis nimmt. Außerdem kommt Stella so ins Winward House, was ihr der Großvater stets untersagt hat.

Als Beech merkt, dass sich etwas zwischen Stella und Rick anbahnt, lässt er seine Enkelin in das private Sanatorium der fischkalten Miss Holloway einweisen, die einst Marys beste Freundin war. Rick, Pamela und ihr neuer Verbündeter Dr. Scott versuchen sie zu befreien, doch die ebenfalls über Winward House informierte Holloway hat Stella genau dorthin fahren lassen, wo alles andere als der freundliche Geist der verstorbenen Mutter auf sie wartet …

Dinge, die unbedingt erledigt werden müssen

Obwohl Geister Bewohner einer jenseitigen Sphäre sind, bleiben sie ihrem diesseitigen Dasein erstaunlich nahe. Sie spuken dort, wo sie zu Lebzeiten wohnten, und in der Regel suchen sie ihre Opfer im Rahmen ihrer Suche nach Zeitgenossen oder Nachfahren heim: Sie haben entweder im Leben etwas Wichtiges nicht erledigt oder noch eine Rechnung offen.

Dummerweise drücken sich Geister undeutlich aus. Der nüchterne Betrachter fragt sich, wieso Phantome, die einerseits recht zielbewusst spuken, andererseits die Fähigkeit verlieren, in einfachen Worten auszudrücken, wo sie weshalb der Schuh drückt. Natürlich ist dies eine rhetorische Frage: Wenn die Verständigung so simpel wäre, gäbe es keine Geistergeschichten! Sie speisen sich u. a. aus dem genannten Kommunikationsproblem. Da es Geistern weder an Zeit noch an Hartnäckigkeit mangelt, tauchen sie in jeder Nacht auf, um ihr Glück (oder ihre Rache) neuerlich zu versuchen.

Die Regeln der klassischen Geistergeschichte haben sich wenig verändert. Selbst heute, da sich Gespenster gern bemerkbar machen, indem sie ihren Opfern Köpfe oder andere Körperteile abreißen, gilt das Prinzip Stimmung vor Handlung. Natürlich sollte die Story trotzdem Sinn ergeben, doch wichtiger ist die allmähliche Vermittlung der Erkenntnis, dass es am Ort des gewählten Geschehens nicht mit rechten Dingen zugeht.

Da dieser Prozess Teil des Spannungsbogens ist, darf es ruhig etwas dauern, bis aus einer bösen Ahnung schreckliche Gewissheit wird. Nichtsdestotrotz geht es im Geisterfilm der Gegenwart deutlich schneller zur Sache. Seit 1944 haben Generationen von Zuschauern die Sprache des Films verinnerlicht. Sie benötigen nicht mehr soviel Vorlauf für das Verständnis der Handlung. Dieser Aspekt ist wichtig, denn er will berücksichtigt werden, um einen alten aber nur bedingt altmodischen Film wie „Der unheimliche Gast“ wirklich würdigen zu können.

Die Kunst der Andeutung

1944 war kein ideales Jahr, um eine Geistergeschichte zu erzählen, die an der englischen Küste spielte. Das Inselreich stand buchstäblich unter Beschuss und wurde zu Lande und zu Wasser von nazideutschen Truppen bzw. U-Booten belagert. Es wäre ein zudem unnötiges Risiko gewesen, „Der unheimliche Gast“ vor Ort zu drehen, denn in Hollywood war man es gewohnt, die Welt im Studio nachzubilden. Es erleichterte die Dreharbeiten und senkte die Kosten. Also nahm ein Kamerateam des produzierenden Studios Paramount Pictures eine felsige Stelle der nahen Pazifikküste auf, die ohnehin nur der Fachmann vom Original unterscheiden konnte. Winward House entstand im Atelier. Wenn man das Haus von außen in seiner ganzen Pracht sieht, ist es ein Modell bzw. ein „Matte Painting“, das von geschickten Tricktechnikern ins Bild integriert wurde. Hier leistete dieses Team ausgezeichnete Arbeit – die latente Künstlichkeit der Effekte trägt zum (alb-) traumhaften Gesamteindruck von Winward bei.

Generell ist dieser Film ein Augenschmaus. Nicht grundlos wurde Charles Lang (1902-1998) 1945 für einen „Oscar“ für die beste Kamera in einen Schwarzweiß-Film vorgeschlagen. (Er verlor gegen Joseph LaShelle, der für „Laura“ ausgezeichnet wurde – ein würdiger Gegner!) Lang galt als Meister seines Instruments. Ein Film wie „Der unheimliche Gast“ führt auch und gerade einem jüngeren Publikum die Kunst des schwarzweiß bewegten Bildes vor Augen. Die Abwesenheit von Farbe ist Herausforderung und Möglichkeit zugleich. Gerade eine Geistergeschichte profitiert vom gekonnten Spiel mit Licht und Schatten. Winward House ist ohne Elektrizität. Kerzen und Gaslichter beleuchten trotzdem perfekt, was der Zuschauer sehen soll. Gleichzeitig gibt es eine Grenze, jenseits derer die Dunkelheit dominiert und dominieren soll, denn hier lauert das Böse. Um diesen Effekt zu erreichen, bedarf es einer peniblen Lichtsetzung.

Wäre es nach Regisseur Lewis Allan (1905-2000) gegangen, hätte er auf das tatsächliche Erscheinen des Geistes verzichtet. Doch das Studio fürchtete die Enttäuschung eines Publikums, das für sein Eintrittsgeld gefälligst ein Gespenst sehen wollte, und ließ ein entsprechendes Phantom auftreten. Nur in diesen Szenen zeigt sich das Alter des Films deutlich und schädlich, denn im Zeitalter des digitalen Spuks ist der Spezialeffekt als solcher viel zu eindeutig.

Profis am Werk

Obwohl der II. Weltkrieg auf seinem Höhepunkt war und die USA nicht nur in Europa, sondern auch im Pazifikraum kämpften, produzierte Hollywood weiterhin Filme am Fließband. Inhaltlich und formal erreichten diese ein beachtliches Niveau. Selbst B-Movies erfüllten Qualitätsansprüche, von denen heute aktive „Mockbuster“-Schmieden wie „The Asylum“ nicht einmal träumen dürften. „Der unheimliche Gast“ gehörte nicht zu den Großproduktionen, wurde aber ausreichend budgetiert, sorgfältig in Szene gesetzt sowie mit Vertragsschauspielern besetzt, die ihr Handwerk verstanden. So entwarf Edith Head (1897-1981) die Kostüme; wie wurde in ihrer knapp 60 Jahre währenden Karriere für 35 „Oscars“ nominiert und gewann diesen Preis achtmal. Die Musik komponierte quasi nebenbei Victor Young (1899-1956), der allein 1944 noch zwölf weitere Paramount-Filme musikalisch betreute. „Stella by Starlight“, das Rick für Stella auf dem Klavier spielt, wurde zu einem Evergreen, den u. a. Miles Davis, Frank Sinatra, Ella Fitzgerald oder Ray Charles interpretierten.

Darsteller wie Ray Millard (1905-1986) waren in allen Genres zu Haus. Millard drehte in mehr als einem halben Jahrhundert 175 Kino- und TV-Filme. 1946 wurde er für „The Lost Weekend“ (dt. „Das verlorene Wochenende“) mit einem „Oscar“ als bester Hauptdarsteller ausgezeichnet. Er beherrschte folglich seinen Job und überzeugte deshalb auch als nicht mehr ganz junger aber noch als Liebesobjekt einer halb so alten Frau glaubhafter Rick Fitzgerald. Die zweite Hauptrolle übernahm Ruth Hussey (1911-2005). Sie spielte Ricks Schwester, wodurch neben der für einen Hollywood-Film unverzichtbaren Liebesgeschichte genug Raum für die Geistergeschichte blieb – ein Gleichgewicht zwischen Grusel und Romanze, das auch heute viel zu selten gewahrt bleibt.

Allan vermied auf diese Weise außerdem eine Überforderung der noch sehr jungen Schauspielerin Gail Russell (1924-1961); „Der unheimliche Gast“ war erst ihr zweiter Film. Die Nebenrollen besetzte das Studio mit bewährten und vielbeschäftigten Charakterdarstellern wie Donald Crisp (1882-1974), Alan Napier (1903-1988) oder Barbara Everest (1890-1968), die das klassische Hollywood-Kino mitprägten, obwohl sie niemals zu den „Stars“ gehörten.

Grusel für die Ewigkeit

Das Ergebnis spricht für sich. Regisseure wie Martin Scorsese oder Guillermo Del Toro zählen „Der unheimliche Gast“ zu ihren Lieblingsfilmen. Diese Bewunderung dürfte der ‚normale‘ Zuschauer teilen. Natürlich hat der Film unabhängig von altersbedingten Eigenheiten Schwächen. Miss Holloway erinnert allzu offensichtlich an Mrs. Danvers aus Alfred Hitchcocks „Rebecca“ (1940). Das Finale ist zu melodramatisch, und die Auflösung bedarf zu vieler Erklärungen. Generell wird viel geredet und wenig gehandelt; „Der unheimliche Gast“ könnte auch als Theaterstück funktionieren. Über die Logik des Spuks sollte man ebenfalls nicht allzu intensiv nachdenken.

Doch „Der unheimliche Gast“ bleibt ein Meilenstein – als einer der ersten Filme, die eine ‚ernsthafte‘ Geistergeschichte erzählten, als handwerklich hochwertiges Produkt einer Unterhaltungsindustrie auf ihrem Höhepunkt und als Garn, das so gut gesponnen wird, dass es noch immer in seinen Bann ziehen kann.

DVD-Features

„Der unheimliche Gast“ gehörte zu den hierzulande lange ungehobenen Schätzen der Filmgeschichte. Zwar kam der Film mit kriegsbedingter Verspätung 1950 auch in die deutschen Kinos. Das Fernsehen behandelte ihn später erstaunlich stiefmütterlich. Nur in den 1980er Jahren wurde er (als „Der ungebetene Gast“) einige Male ausgestrahlt.

Nun hat sich endlich ein Label gefunden, das diesen Film als DVD und Blu-ray veröffentlicht. In der ohnehin empfehlenswerten Serie „Film Noir Collection“ ist „Der unheimliche Gast“ bereits der 17. Titel. Man darf froh genug über die Tatsache an sich sein; auf jeden Fall hilft sie zu verschmerzen, dass der Film nur im Vollbildformat 4 : 3 und im Dolby-Digital-2.0-Ton vorliegt. Allerdings entspricht zumindest das Format dem Original; überhaupt gilt es zu berücksichtigen, dass „Der unheimliche Gast“ 1944 entstand!

Für das Radio entstand eine dreißigminütige Hörspielfassung des Films, die am 28. August 1944 gesendet wurde. Ray Milland und Ruth Hussey traten in ihren Filmrollen auf. Nur Milland sprach seine Filmrolle in einem weiteren Hörspiel, das am 18. November 1949 über den Äther ging. Beide Hörspiele wurden der deutschen DVD/Blu-ray als Features beigefügt. Hinzu kommen der Trailer sowie eine Bildergalerie, die Werbematerial zum Film präsentiert.

Kurzinfo für Ungeduldige: Das von den Geschwistern Fitzgerald erworbene Haus an der englischen Küste entpuppt sich als Hort eines nächtlich ruhestörenden Geistes, der mit Großvater und Enkelin Beech noch eine Rechnung offen hat … – Klassischer Geisterfilm, der auf Stimmung setzt und nur allmählich Fahrt aufnimmt aber aufgrund der fähigen Regie, der außerordentlichen Kamera-Arbeit und jederzeit präsenter Darsteller dieses Ziel auch heute erfüllt.

[md]

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