Auf der Spur einer geheimnisvollen Alt-Tragödie gerät eine US-Expedition erst in die russische Einsamkeit, dann in einen Hinterhalt und schließlich unter Monster … – Die übliche Found-Footage-Hatz ins Verderben beginnt lahm und endet konventionell. Nur an der professionellen filmischen Umsetzung lässt sich die Handschrift von Renny Harlin erkennen, der als Regisseur tief gefallen ist: laues Horror-Häppchen. 

Das geschieht:

Im Januar 1959 unternahm Igor Alekseievich Dyatlov mit fünf männlichen und zwei weiblichen Begleitern eine Expedition in die Wildnis des damals noch sowjetischen Ural-Gebirges. Als man Anfang Februar nichts mehr von der Gruppe hörte, wurde nach ihr gesucht. An Hang des Berges Kholat Syakhl fand man nur Leichen. Sie trugen zum Teil nur Unterwäsche, einigen waren die Knochen zerschmettert worden.

Was ihnen zugestoßen war, konnte nie zufriedenstellend geklärt werden; die offizielle Erklärung lautete, dass eine Lawine das Lager zerstört hatte, sodass die Männer und Frauen anschließend erfroren waren. Der Ort des neunfachen Todes trägt seither den Namen Dyatlov-Pass, das Ereignis ist zu einem modernen Mythos geworden. Kein schnödes Unglück, sondern wahlweise Außerirdische, Schneemenschen, mordgierige Einheimische oder geheimniskrämerische Militärs sollen die Pechvögel ereilt haben.

Auch im fernen US-Staat Oregon ist die Studentin Holly King fasziniert vom Dyatlov-Rätsel. Sie kann Fördergelder lockermachen und reist mit den Bergsteigern Andy und J. P., dem Kameramann Jensen und der Tonfrau Denise in den Ural, um vor Ort zu recherchieren. Nicht nur das Wetter, sondern auch der Empfang ist kühl, denn selbst nach dem Ende der Sowjetunion gilt der Dyatlov-Pass den Einheimischen als verbotener oder gar verfluchter Ort.

Der Kholat Syakhl wird seinem Namen „Berg des Scheitern“ bald gerecht. Seltsames Geheul ertönt in der Einöde, und riesige Barfuß-Spuren führen um die Zelte herum. In einer alten Messstation finden die Reisenden eine menschliche Zunge. Panik beginnt um sich zu greifen, weshalb Holly und Jensen den Gefährten lieber verschweigen, dass sie auf eine schwer gesicherte Tür gestoßen sind, die offenbar direkt in den Berg hineinführt. Diese Entdeckung wird überlebenswichtig, als in der Nacht eine Lawine das Lager überrollt. Nur mit den Kleidern auf den Leib können sich die Freunde retten. Doch das Unglück war ein Mordanschlag, und die Täter kommen, um ihren Job zu vollenden …

Der Zwang zum Mysterium

Wie sich nicht nur der fleißige Zuschauer ähnlicher Filme wie „Devil’s Pass“ denken kann, geraten unsere Flüchtlinge im Inneren des Berges erst recht vom Regen in die Traufe. Was ihnen dort zustößt, bedarf grundsätzlich nicht der aufwändigen Vorgeschichte. Als real existierendes Rätsel wird das „Dyatlov-Ereignis“ wegen des Werbe-Effektes dennoch gern aufgegriffen. Schließlich ist es in den Spökenkieker-Schädeln dieser Welt fest verankert, und auch das Eintrittsgeld von Spinnern stinkt nicht.

Filme „nach einer wahren Geschichte“ erregen ohnehin verstärkte Neugier, wenn dabei suggeriert wird, dass endlich eine Auflösung geliefert wird. Darauf sollte man sich nicht nur in diesem Fall lieber nicht verlassen, denn die Fakten werden garantiert mit Füßen getreten bzw. (mehr oder weniger) fantasievoll angereichert. Vikram Weet hat sich ein besonders wüstes Garn aus dem Hirn gewrungen.

Man hätte es auch daheim in den USA in einen Film verwandeln können. Der Teufel könnte sogar auf jedem Bergpass dieser Welt sein Unwesen treiben. Dass er dieses Mal in Russland zuschlägt und tatsächlich dort gedreht wurde, liegt wohl in erster Linie daran, dass es dort Fördertöpfe gibt, in die risikofreudige ausländische Filmemacher langen können. Ansonsten sehen schneebedeckte Berge sich überall auf dieser Welt recht ähnlich. Weil auch Renny Harlin dies weiß, spielen einige Szenen in russischen Provinzstädten, deren öde Straßen und finstere Bars mit einheimischen Statisten bevölkert wurden, die wie die Schlote rauchen, Hochoktan-Alkohol fragwürdiger Herkunft in sich hineinschütten und auch sonst recht wild, fremd und deshalb verdächtig wirken.

Der lange Weg zum Ziel

Zugegeben: Es ist ein langer Weg aus den USA in den Ural. Harlin hätte dies jedoch nicht durch eine schier endlose Einleitung verdeutlichen sollen. Bis endlich etwas Seltsames und damit Spannendes geschieht, vergeht eine volle Stunde, in deren Verlauf unsere US-Touristen sich in der Fremde wie die sprichwörtliche Axt im Walde benehmen. Aber man muss gerecht sein: Auch untereinander führen sie sich wie pubertierende 16-Jährige auf. Vor allem bei den ‚Männern‘ scheinen Hirn und Hose ständig die Plätze zu tauschen.

Mit derlei erotischen Intermezzi lässt sich Zeit schinden, für die man keine teuren Spezialeffekte einsetzen muss. Wenn man sich nicht liebt, neckt bzw. streitet man sich, denn sobald die Zivilisation am Horizont verschwunden ist oder der Kompass nicht mehr funktioniert, verwandeln sich unsere Abenteurer in Angsthasen, die ihren Gefühlen ausführlich Ausdruck verleihen.

„Devil’s Pass“ entstand in recht rauer russischer Umgebung, wie das „Making-of“ belegt. Dieser Eindruck will sich beim Zuschauer allerdings nie einstellen. Die Berghänge sind sanft, wie überhaupt die Umgebung eher einen idyllischen Eindruck hinterlässt. Nachts tanzen hübsche Polarlichter am Himmel, und Schneestürme legen sich nach wenigen Minuten wieder.

Mr. Harlin entdeckt die Kopfschmerz-Kamera

Um überhaupt ein wenig Schwung in die Handlung zu bringen, dreht Renny Harlin erstmals mit der ‚subjektiven‘ Kamera. „Found-Footage“-Filme haben sich seit „Blair Witch Project“ leider karnickelartig vermehrt. Die Einschränkung der Sicht auf das, was der jeweilige Kameramann sieht (und filmt), erspart den Aufbau detailreicher Kulissen oder den Einsatz hochwertiger Spezialeffekte: Die Kamera zappelt wie ein Lämmerschwanz in aufgeregten Händen, und geht es noch hektischer zu, fällt sie gar zu Boden und liefert nur noch Ausschnitte.

Was den Zuschauer in die Handlung saugen bzw. ihn zwingen soll, Handlungssprünge und verschwommene Bilder unter Einsatz der eigenen Fantasie zu interpretieren, ist ein fauler Trick, der zudem nicht funktionieren kann: Auch am „Devil’s Pass“ ist die Kamera viel zu allgegenwärtig sowie zu beweglich, um von verfrorenen oder verängstigen Expeditionsteilnehmern bedient zu werden. Da hilft auch Hollys mehrfacher Hinweis auf die Beweispflicht unserer Reisenden nicht: Dass sie sogar die Flucht vor den mordgierigen Monstern digital fixiert, ist ein wenig zu viel des Unglaubhaften.

Selbst die Wackelkamera kann übrigens die minderwertigen Spezialeffekte nicht kaschieren. Während die nächtlich über das Lager einbrechende Lawine noch recht gut gelungen ist, können die Monster ihre tricktechnische Unterstützung nicht verhehlen. Zwar mimen zwei maskierte und sportliche Stuntmänner die Kreaturen, doch weil Harlin sich Unholde wünschte, die wie Gummibälle durch scheunenhohe Bunkerräume toben, kamen Seile zum Einsatz, die nachträglich aus dem Bild retuschiert wurden. Mehrfach ersetzen gänzlich digital erzeugte Monster die Monster-Darsteller, und es fällt erschreckend leicht, sie als solche zu erkennen.

Helden des Alltags

Filme wie „Devil’s Pass“ benötigen keine bekannten Schauspieler. Regisseur Harlin drückt dies im Making-of geschickt so aus: Das Publikum kann sich auf die quasi dokumentarische Handlung besser einlassen, wenn es sich nicht mit den Darstellern identifiziert. Deshalb suchte er nach schon erfahrenen aber noch nicht prominenten Schauspielern, die ihren Job verstanden und trotzdem honorargünstig anzuheuern waren. Harlin will uns weismachen, er habe solche Darsteller in den USA nicht finden können und deshalb vor allem Briten engagiert. Tatsächlich kam ein Teil des Budgets aus Großbritannien, wo man darauf bestand, heimische Schauspieler vor der Kamera zu sehen. (Die Russen begnügten sich auch im 21. Jahrhundert mit Statistenrollen.)

Harlins Schuss ist nach hinten losgegangen: Wir kennen die Darsteller nicht, und wir wollen ihre Figuren nicht kennenlernen. Holly, Jensen, J. P., Andy und Denise sind nie sympathisch. Was ihnen zustößt, berührt uns nicht – mögen sie noch so laut heulen und klagen. Interesse weckt ihr Schicksal höchstens, als das Flüchten, Raufen & Bluten in einen unerwarteten Finaltwist gipfelt. Originell ist das nicht aber wenigstens überraschend. Darüber ist man sogar bereit, gnädig zu vergessen, dass der Weg zu dieser Auflösung schluchttiefe Logiklöcher aufweist. In einem davon ist hoffentlich auch die Idee zu einer theoretisch möglichen Fortsetzung verlorengegangen.

DVD-Features

Das Making-of ist dieses Mal ein besonders dreistes Werk der Täuschung. Die üblichen, also fragwürdigen Aussagen der vor und hinter der Kamera am Film Beteiligten – „Das war der tollste Film, in dem ich jemals gespielt habe, die Kollegen sind Genies und meine besten Freunde geworden!“ – werden ergänzt durch ‚aufregende‘ aber eher fadenscheinige ‚Andeutungen‘ eines Mysteriums, das sich weiterhin um das „Dyatlov-Ereignis“ ranken soll, obwohl dieses faktisch durchaus geklärt wurde.

Was stattdessen deutlich wird: „Devil’s Pass“ ist das moderne Pendant zum „Euro-Pudding“-Film, dessen Produzenten vor allem die Verfügbarkeit von Fördergeldern berücksichtigen. Renny Harlin, der einst Filme wie „Stirb langsam 2“ oder „Cliffhanger“ drehte, reist heute dem Geld hinterher. Schon lange ist ihm kein Film mehr gelungen, der das Publikum oder gar die Kritik begeistern konnte. Harlin arbeitet heute für das Fernsehen oder das B-Kino. Da er seinen Job versteht, findet er dort weiterhin Arbeit. Inspiriertes Filmhandwerk sieht freilich anders aus.

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Devil’s Pass
Originaltitel: Devil’s Pass/The Dyatlov Pass Incident (USA/GB/Russland 2013)
Regie: Renny Harlin
Drehbuch: Vikram Weet
Kamera: Denis Alarkon-Ramires
Schnitt: Steve Mirkovich
Darsteller: Holly Goss (Holly King), Matt Stokoe (Jensen Day), Luke Albright (J. P. Hauser, Jr.), Ryan Hawley (Andy Thatcher), Gemma Atkinson (Denise Evers), Nikolay Butenin (Sergei), Nelly Nielsen (Alya), Jane Perry (Professor Martha Kittles),  Aleksey Kink (Vallik),  Richard Reid (Smirnoff) u. a.
Label/Vertrieb: Ascot Elite Home Entertainment
Erscheinungsdatum: 28.01.2014
EAN: 7613059804708 (DVD)/7613059404700 (Blu-ray)
Bildformat: 16 : 9 (1,85 : 1, anamorph)
Audio: Dolby Digital 5.1 (Deutsch, Englisch)
Untertitel: Deutsch
DVD-Typ: 1 x DVD-9 (Regionalcode: 2)
Länge: 97 min. (Blu-ray: 101 min.)
FSK: 16

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