Fünf Männer und zwei Frauen werden auf eine einsame Pazifik-Insel verschlagen, wo sie sich nicht nur mit Piraten, sondern auch mit See- und Landungeheuern, einem Vulkan und Kapitän Nemo herumschlagen müssen … – Diese Verfilmung eines Jules-Verne-Romans kombiniert eine Abenteuergeschichte mit (1961) spektakulären Spezialeffekten zu einem unbekümmert trivialen, kunterbunten und unterhaltsamen Garn.

Das geschieht:

Anfang 1865 ist die Bürgerkriegs-Armee der US-Südstaaten beinahe geschlagen. In einem Militärgefängnis im belagerten Richmond wagen Yankee-Captain Cyrus Harding sowie die Soldaten Herbert Brown und Neb Nugent den Ausbruch. Ein Fesselballon soll ihnen die Flucht ermöglichen. Während eines heftigen Sturms setzen sie ihren Plan in die Tat um; der just zu ihnen gesperrte Kriegsberichterstatter Gideon Spilitt schließt sich der Gruppe freiwillig an, während der überwältigte Wachmann Pencroft sie gezwungenermaßen begleitet, denn der Sturm jagt den Ballon wie ein Spielzeug viele Tage vor sich her. Bald hat man den Nordamerika hinter sich gelassen und treibt über dem Pazifik.

Als die Hülle reißt, muss man notlanden. Glücklicherweise geht der Ballon bei einer Tropeninsel nieder. Alle Insassen überleben. Weil mit Rettung nicht zu rechnen ist, will man ein Boot bauen. Unverhoffte Verstärkung erhält die Gruppe durch zwei englische Edelfrauen, deren Schiff im Sturm gesunken ist. Später treibt eine große Kiste mit Werkzeugen, Waffen und anderen nützlichen Utensilien an Land.

Jemand scheint seine Hand schützend über die Schiffbrüchigen zu halten. Dies ist auch deshalb bitter nötig, weil die Insel von seltsamen Kreaturen – Monsterkrabben, Riesenvögeln oder gigantischen Bienen – bevölkert wird, die den Neuankömmlingen durchweg unfreundlich (und hungrig) entgegentreten. Außerdem spuckt ein Vulkan verstärkt glühende Lava, und am Horizont taucht ein Piratenschiff auf.

In größter Not offenbart sich der geheimnisvolle Retter: Nemo, Kapitän des legendären Unterseebootes „Nautilus“, hat sich vor acht Jahren auf die Insel zurückgezogen. Weil die „Nautilus“ inzwischen nicht mehr seetüchtig ist, muss auch er hier ausharren. Doch der Vulkan droht die Insel zu vernichten, weshalb Nemo und die Schiffbrüchigen zusammenarbeiten, um sich in letzter Sekunde zu retten …

Insel mit relativ leisen Geheimnissen

1874/75 veröffentlichte Jules Verne (1828-1905) in drei Bänden seinen Roman „L’lle mystérieuse“. Er schuf damit nicht nur einen erfolgreichen Abenteuerroman, sondern realisierte außerdem seine Version des Robinson-Themas. Der jüngere Verne war ein Jünger der Naturwissenschaften, deren Kenntnis nach seiner Meinung den Schlüssel zur Lösung beinahe sämtlicher Probleme bot. Er ließ seine Schiffbrüchigen mit leeren Händen auf der Insel stranden und verwendete anschließend viele hundert Seiten darauf zu beschreiben, wie sie mit Wissen, Köpfchen und Entschlossenheit die Wildnis nicht nur meisterten, sondern zähmten und in ein funktionierendes, geradezu luxuriöses Utopia verwandelten.

Damit konnte man hoch im 20. Jahrhundert ein Publikum mehrheitlich nicht mehr fesseln, weshalb sich „Die geheimnisvolle Insel“, der Film von 1961, auf die Action-Elemente der Geschichte konzentrierte. Da diese in der Romanvorlage kaum existieren bzw. erst spät in die Handlung einfließen, wurde die allzu eintönig wirkende Mär merklich aufgepeppt. Also beginnt die Handlung bereits in Richmond und mit der Darstellung einer riskanten Flucht und einem zwischenfallreichen Ballonflug. Vor allem wurde jedoch die Insel selbst zu einer buchstäblichen und damit filmtauglichen Stätte voller Gefahren & Geheimnisse (die allerdings nicht allzu geheimnisvoll wirken, weil sie eigentlich nie verborgen bleiben).

Der Drehort – die Ostküste der spanischen Provinz Alicante – wurde durch zahlreiche,  sofort als solche erkennbare aber in ihrer Künstlichkeit die unwirkliche Stimmung unterstreichende Matte-Paintings mit dramatisch überhöhten Bergen, malerischen Höhlen und düsteren Urwäldern in eine moderate Neufassung von Skull Island verwandelt; aus dem alten King-Kong-Film von 1933 übernahm man zudem eine Szene, in der die Schiffbrüchigen über einen Baumstamm eine tiefe Schlucht überqueren müssen. Ein großartiger Soundtrack, den niemand Geringerer als Bernard Herrmann (1911-1975) komponierte (der gerade Alfred Hitchcocks „Psycho“ musikalisch veredelt und zwei Jahre zuvor die Verne-Verfilmung „Die Reise zum Mittelpunkt der Erde“ unterstützt hatte), sorgt für eine Atmosphäre des Rätselhaften und Unheimlichen.

Vorsichtshalber mit Monster-Beilage

Dies bleibt nicht die einzige Reminiszenz an „King Kong“, den ultimativen Klassiker des phantastischen Films. Wie Skull Island wird die geheimnisvolle Insel von zahlreichen Monstern bevölkert. Eine Krabbe, ein Vogel, ein Krake, Bienen oder Austern – sie alle sind zu gigantischen Ausmaßen angeschwollen und haben dabei an Aggressivität zugelegt. Ray Harryhausen (1920-2013), der Großmeister der Stop-Motion-Tricktechnik und Schüler/Assistent des King-Kong-Schöpfers Willis O’Brien, durfte seiner Vorliebe für groteske Kreaturen frönen. In ihrem Auftreten sind sie ziemlich mechanisch, weil stets auf Angriff programmiert. In regelmäßigen Abständen führt dies zu wilden Scharmützeln, in denen Harryhausen zeigt, was er kann – oder konnte, denn die Trickstandards von 1961 können nur noch durch die Nostalgie-Brille überzeugen.

Monster sind teuer. Das Drehbuch wurde deshalb zur Schonung des Budgets mit ‚realistischen‘ Szenen gestreckt. Diese bescheren dem Zuschauer, der Ungetüme verständlicherweise interessanter findet als Soldaten oder Seeräuber, zahlreiche Momente bekannter Frustration, denn solche Füllsel kennt er aus viel zu vielen nur angeblich „phantastischen“ Filmen. Auch die zweite Prüfung bleibt nicht aus: Während Jules Verne noch kein Problem darin sah, seine Insel ausschließlich mit männlichen Schiffbrüchigen zu bevölkern, war dies in einem Film von 1961 ausgeschlossen. Um testosterondurchflutete Jünglinge sowie weibliche Zuschauer anzulocken, wurde deshalb ein Handlungsstrang angeflanscht, der zwei Frauen auf die Insel brachte; aus heutiger Sicht eine unnötige Zeitverschwendung, da Lady Mary und Elena vor allem anwesend sind, bloßer Blickfang bleiben und zur Handlung wenig beitragen.

Skriptbedingte Insel-Geheimnisse

Gleich drei Autoren haben sich eifrig bemüht, Jules Vernes Romanvorlage zu verschlimmbessern. Offenbar haben sie sich untereinander nie ausgetauscht. Stattdessen wurden die drei Segmente einfach zu einem Drehbuch gebunden und verfilmt. Nur auf diese Weise lassen sich die zahllosen Logiksprünge und –löcher erklären, wenn man nicht bloße Gleichgültig- und Schlampigkeit verantwortlich machen möchte.

Die Brüche betreffen die Handlung ebenso wie die Figurenzeichnung. Es beginnt mit der realitätsfernen Fähigkeit, einen Gasballon nach Belieben sinken und steigen zu lassen, geht weiter mit der notorischen Ignoranz der Tatsache, dass man die Insel mit Ungeheuern teilt (deren Auftritt deshalb immer wieder für neue Überraschung & helles Entsetzen sorgt), und gipfelt in der Frage, ob man tatsächlich mit Druckluft, durch eine kilometerlange Leitung aus Bambusrohren (!) gepresst, einen Dreimaster vom Grund des Meeres heben könnte.

Irritierend ist auch Lady Marys Auftritt als realitätsferne Dame der englischen Oberschicht, die sich im nächsten Moment in ein tatkräftiges Mitglied der Crew verwandelt. Nemo scheint dagegen die lange Einsamkeit das Hirn erweicht zu haben. Glaubt er ernsthaft, die Menschheit würde ihn als Bezwinger des Hungers feiern, wenn sich sein genetisch manipuliertes Nutzvieh höchstens hinter dicken Eisenstäben einigermaßen bändigen lässt? Wo ist die Crew der „Nautilus“ geblieben? Nemo erwähnt sie mit keinem Wort. Wie schießt man unter Wasser ein Lasergewehr ab, ohne dass der Schütze sich dabei selbst grillt? Und lässt sich ein Dreimaster wirklich mit einer Crew aus vier Soldaten, zwei Ladys und einem Journalisten (= sieben Landratten) kontrollieren?

Der Charme des Unglaubwürdigen

Freilich kapituliert  der Zuschauer vor der naiv-trashigen Dreistigkeit, mit der im Minutentakt (und manchmal noch schneller) Schwachsinn und Übertreibung auf ihn einprasseln. „Die geheimnisvolle Insel“ ist eine Zirkusvorstellung. Das Zelt und die Kostüme sind bunt aber fadenscheinig, die ‚Sensationen‘ werden behauptet, und die Musik ist laut. Davon lässt sich das Publikum jedoch nicht abschrecken; es weiß um die Tatsache, liebenswert übers Ohr gehauen zu werden, und spielt mit.

Nostalgie und die Fähigkeit, wie ein Kind zu staunen, garantieren noch heute das Vergnügen an einem in jeder Hinsicht altmodischen Film. Manche zeitgenössischen Elemente sind so stark zum Klischee verkrustet, dass man hellauf darüber lacht, was einst ernsthaft erschrecken oder für wohlige Schauer sorgen sollte. Also greift Elisa beim Angriff des Riesenvogels nicht etwa zum Knüppel und nimmt wenigstens die Beine in die Hand, sondern stolpert dem Untier erst tölpelhaft direkt vor die Klauenfüße und fällt anschließend in Ohnmacht. Herbert Brown, der ‚Junge‘ wird vom zum Zeitpunkt der Dreharbeiten 25-jährigen Michael Callan gespielt, dem man sein Alter jederzeit ansieht. Möglicherweise als Ausgleich sitzt seine Schmalztolle auch im wildesten Kampfgetümmel wie festgeschweißt über der Stirn: So sah 1961 ein Jungmädchenschwarm aus.

Statisten statt Schauspieler

Generell ist „Die geheimnisvolle Insel“ kein Erlebnis für Filmfreunde, die sich an schauspielerischen Glanzleistungen delektieren. Die Figuren sind und bleiben bessere Statisten, die mit den eigentlichen Stars – den Monstern – raufen. Ihre Namen wird kaum jemand kennen, „Stars“ sind sie alle nicht. (Eine Ausnahme bildet vielleicht Herbert Lom, der Inspektor Dreyfus aus den Clouseau-Komödien von Blake Edwards.) Als Profis leisten sie ihren Job, der von ihnen u. a. fordert, glaubwürdig mit allerlei Ungetümen zu kämpfen, die erst nachträglich einkopiert wurden – 1961 eine echte tricktechnische Herausforderung, die erstaunlich gut gemeistert wirkt.

Beth Rogan wird der viktorianische Langrock bis zu halber Oberschenkellänge gekürzt, was ihr Bewegungsfreiheit und dem männlichen Publikum den freien Blick auf ihre Beine gewährt. Der Afro-Amerikaner Dan Jackson wird in seiner Rolle zwar von seinen Begleitern wie selbstverständlich geduzt, ist aber eindeutig Kamerad und kein Diener.

Die deutsche DVD-Version von „Die geheimnisvolle Insel“ konserviert die ursprüngliche Synchron-Fassung; ein Vorteil, den man im Zeitalter der Hau-Ruck-Eindeutschung schnell zu schätzen lernt: Hier wurde sorgfältig gearbeitet, und hier hört man Stimmen, die heute vermutlich keine Chance mehr hätten. Vor allem Werner Lieven spricht grollend und gurgelnd einen Pencroft, dem man den erfahrenen Haudegen sofort glaubt. Solche Details sorgen dafür, dass dieser deutlich gealterter Film nicht nur den Großteil seines ursprünglichen Unterhaltungswertes behielt, sondern auch neue Zuschauer fesseln kann.

DVD-Features

In Deutschland wurde „Die geheimnisvolle Insel“ zuletzt auf DVD veröffentlicht. Zum Hauptfilm, der offensichtlich unrestauriert blieb und altersbedingt manchmal leichte Unschärfen und Schäden aufweist, wurden interessante Extras aufgespielt, die über den obligatorischen Trailer und eine Bildergalerie weit hinausgehen. Ein knapp zehnminütiges „Making of“ ermöglicht den Blick hinter die Kamera.

Der Filmfreund wird sich freilich stärker über die einstündige Dokumentation über Ray Harryhausen freuen, die ergänzt durch die kurze aber zeitgenössische Featurette „This Is Dynamation“ Auskunft über ein Kapitel der Trickfilm-Geschichte gibt, das mit ihm seinen Höhepunkt und sein Ende fand. Harryhausens Stop-Motion-Genie verdanken wir Klassiker wie „20 Million Miles to Earth“ (1957, dt. „Die Bestie aus dem Weltenraum“), „The 7th Voyage of Sinbad“ (1958, dt. „Sindbads 7. Reise“) oder – unter unter Einsatz moderner CGI-Technik aber seelenlos 2010 neu verfilmt – „Clash of the Titans“ (1981, dt. „Kampf der Titanen“).

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Die geheimnisvolle Insel
Originaltitel: Mysterious Island (GB/USA 1961)
Regie: Cy Endfield
Drehbuch: John Prebble, Daniel B. Ullman u. Crane Wilbur
Kamera: Wilkie Cooper
Schnitt: Frederick Wilson
Musik: Bernard Herrmann
Darsteller: Michael Craig (Captain Cyrus Harding), Michael Callan (Herbert Brown), Gary Merrill (Gideon Spilitt), Joan Greenwood (Lady Mary Fairchild), Beth Rogan (Elena Fairchild), Percy Herbert (Sergeant Pencroft), Dan Jackson (Neb Nugent), Herbert Lom (Kapitän Nemo) u. a.
Label: Columbia Tristar Home Entertainment
Vertrieb: Sony Pictures Home Entertainment (DVD)/Koch Media (Blu-ray)
Erscheinungsdatum: 05.11.2002 (DVD)/12.01.2017 (Blu-ray)
EAN: 4030521101289 (DVD)/ 4020628815752 (Blu-ray)
Bildformat: 16 : 9 (1,85 : 1, anamorph)
Audio: Dolby Digital 2.0 Mono (Deutsch, Englisch, Französisch, Italienisch, Spanisch)
Untertitel: Deutsch, Englisch, Niederländisch, Dänisch, Schwedisch, Norwegisch, Finnisch, Griechisch, Italienisch, Polnisch, Portugiesisch, Spanisch, Türkisch, Tschechisch, Ungarisch, Hebräisch, Arabisch
DVD-Typ: 1 x DVD-9 (Regionalcode: 2)
Länge: 97 min. (Blu-ray: 101 min.)
FSK: 12

(Die DVD-Fassung ist auch im 8-Box-Set „The Best Of Harryhausen“ enthalten, die unter der EAN 4030521707559 im Handel erhältlich ist.)

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XX … Unbekannt