Die Herrschaft der Schatten

Originaltitel: Vanishing at 7th Street (USA 2010)
Regie: Brad Anderson
Drehbuch: Anthony Jaswinski
Kamera: Uta Briesewitz
Schnitt: Jeffrey Wolf
Musik: Lucas Vidal
Darsteller: Hayden Christensen (Luke), John Leguizamo (Paul), Thandie Newton (Rosemary), Jacob Latimore (James), Taylor Groothuis (Briana), Jordan Trovillion (Verkäuferin), Arthur Cartwright (Sicherheitsmann), Neal Huff (Reporter), Hugh Maguire (Patient), Erin Nicole (Paige), Larry Fessenden (Stadtstreicher) u. a.
Label/Vertrieb: Koch Media
Erscheinungsdatum: 02.09.2011
EAN: 4020628950286 (DVD) bzw. 4020628950262 (Blu-ray)
Bildformat: 16 : 9 (2,35 : 1, anamorph)
Audio: Dolby Digital 5.1 (Deutsch, Englisch)
Untertitel: Deutsch
DVD-Typ: 1 x DVD-9 (Regionalcode: 2)
Länge: 88 min.
FSK: 16

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Das geschieht:

In Detroit, US-Staat Michigan, nimmt ein bisher normaler Herbstabend einen bizarren Verlauf: Von einer Sekunde zur nächsten verschwinden fast sämtliche Einwohner; zurück bleiben nur ihre Kleider und Schuhe. Die wenigen Menschen, die erschrocken durch die Stadt irren, stellen zudem fest, dass die Nächte immer länger werden, während das Tageslicht auf sich warten lässt. Da der elektrische Strom nicht mehr fließen will, auch Batterien den Geist aufgeben und die Automobil-Technik streikt, ist die Dunkelheit bald allgegenwärtig.

In einer Bar in der 7. Straße, die dank eines im Keller laufenden Generators mit Elektrizität versorgt wird, treffen Nachrichtensprecher Luke, Filmvorführer Paul, Physiotherapeutin Rosemary und der zwölfjährige James aufeinander. Alle haben sie ihre Angehörigen und Freunde verloren und zerbrechen sich verstört die Köpfe über eine Erklärung für diese Apokalypse, die sich nicht auf Detroit beschränkt, wie Luke zufällig in Erfahrung bringen konnte. Trotzdem möchte er unbedingt nach Chicago, wo er wider besseres Wissen seine von ihm getrennt lebende Ehefrau suchen will.

Die Flucht aus der Stadt scheint auch deshalb ratsam, weil in der tiefen Dunkelheit mysteriöse Schattenwesen lauern, die unbedingt vollenden wollen, was bisher nicht gänzlich gelang: Gerät ein Pechvogel in eine düstere Ecke, fallen sie über ihn her und bringen ihn zum Verschwinden – ein Schicksal, dem unsere Notgemeinschaft entgehen möchte. Allerdings sitzen die vier Überlebenden quasi auf dem Präsentierteller, denn den Kreaturen ist nicht entgangen, dass sich in der Bar Menschen verstecken. Solange dort Licht brennt, können sie nicht eindringen, aber sie müssen nur warten: Allmählich geht auch dem Generator die Energie aus. Die Schatten werden tiefer, und dann werden sie lebendig …

Wenn der Schatten die Seele verlässt

„Arthouse“ und Unterhaltungsfilm bilden in der Regel zwei Regionen, die durch eine tiefe Kluft sorgfältig voneinander abgegrenzt bleiben. Diese Topografie ist vorteilhaft, denn sie schützt vor Filmen wie diesem, deren Erzeuger ehrgeizig den Versuch wagen, den Abgrund zu überwinden. Sie überschätzen sich, kommen ins Stürzen – und reißen den Zuschauer mit, was den zentralen Kritikpunkt darstellt: Wieso müssen immer wieder Unschuldige leiden?

Brad Anderson hat spätestens seit 2004 einen Stein bei der Filmkritik im Brett. „The Machinist“ (dt. „Der Maschinist“) bot die gelungene Darstellung einer Paranoia, die durch den Hauptdarsteller Christian Bale, der sich für seine Rolle beinahe zu Tode hungerte, auch schauspielerisch zu einer denkwürdigen tour de force wurde. Gut aufgenommen wurde auch der Thriller „Transsibirian“ (2008). Zwischen seinen Kinofilmen arbeitete Anderson fleißig für das Fernsehen und drehte dort Episoden für die ‚richtigen‘ Serien (u. a. „The Shield“, „The Wire“, „The Killing“), von denen Kritiker ebenfalls schwärmen.

Der schmale Grat zwischen Realität und Illusion ist ein Thema, das Anderson beschäftigt. Immer wieder widmet er sich ihm in seinen Filmen, „Die Herrschaft der Schatten“ stellt keine Ausnahme dar. Die Apokalypse bildet nur einen Rahmen bzw. wird zum Katalysator. Wer oder was über Detroit und vermutlich den Rest der Welt herfällt, bleibt nicht nur deshalb ungeklärt, weil es eine zufriedenstellende Auflösung gar nicht gibt. Faktisch interessiert es Anderson ohnehin nur am Rande. Ihm geht es um den Schatten, der die menschliche Seele verlässt.

Was besser verborgen bleibt

Zumindest Luke, Paul und Rosemary wissen um die Schattenseiten des Lebens. Sie haben sie selbst kennengelernt. Der smarte Luke hat seine Gattin für die Karriere verlassen, Paul fürchtet sich vor menschlicher bzw. weiblicher Nähe, Rosemary ist eine clean gewordene Fixerin. Dies macht sie nicht zu Archetypen ‚böser‘ Menschen, die jetzt ‚bestraft‘ werden, weshalb „Herrschaft der Schatten“ nicht zur propagandistischen Bebilderung jener fundamentalchristlichen ‚Gewissheit‘ gerinnt, wonach die braven Christen ‚entrückt‘ werden, wenn dereinst Jesus Christus auf die Erde zurückkehren wird. Zurück bleiben dann jene sündhaften Pechvögel, für die nun die Jahre der „Trübsal“ beginnen.

Die „Entrückung“ ist eines der Argumente, die von Luke, Paul und Rosemary als Ursache ihrer Misere diskutiert werden. Doch diejenigen Zuschauer, die nicht unbedingt missioniert werden möchten, dürfen aufatmen: Auf diesen Zug nach Nirgendwo springt Anderson nicht auf. (Auch in Detroit dürften am Tag X mehr als vier Sünder unentrückt bleiben – und James ist ein Kind, das definitiv nichts Verdammenswertes angestellt hat.)

Auf Andersons wahre Intention weisen verschiedene (und gern wiederholte) Indizien hin. So verschwinden einige Personen vor unseren Augen. Unmittelbar darauf sehen wir ihre Silhouetten: Sie haben sich in Schatten verwandelt. Was diese lebendig gewordenen Schatten wollen, bleibt unklar. Wer sie ‚sind‘, wird dagegen angedeutet: Es sind die dunklen Seiten der Menschen, die meist unterdrückt und kontrolliert werden aber präsent bleiben. Sie konnten sich – Ursache wieder unbekannt – befreien und selbstständig machen.

Für weniger metaphysisch gestimmte Zuschauer gibt es auch eine handfestere ‚Erklärung‘: Zwischen 1587 und 1590 verschwanden 118 Männer, Frauen und Kinder von Roanoke Island, der ersten englische Kolonie auf nordamerikanischem Boden. Sie hinterließen ihre Habe und einen Holzpfosten, in den das Wort „Croatoan“ eingeschnitten war. Dieses Rätsel wurde nie geklärt; es ist eine historische X-Akte. Anderson zieht eine Parallele zwischen Roanoke Island, das er als ‚Generalprobe‘ für die von ihm entfesselte Apokalypse bezeichnet. „Croatoan“ wird dieses Mal auf ein Brückenblech graviert. Wieder bleibt die Bedeutung offen, aber Anderson hat seine Geschichte wenigstens geerdet.

Interessante Idee, schwache Umsetzung

„Die Herrschaft der Schatten“ beginnt furios und vielversprechend. Immerhin 10 Mio. Dollar standen dem Regisseur zur Verfügung, die u. a. in einige große Außenkulissen sowie leidlich gute Spezialeffekte investiert wurden. Das Bild der menschenleeren Stadt, deren Straßen von unzähligen zusammengesackten Kleiderbündeln gesäumt werden, verfehlt seine Wirkung nicht. Ebenso spannend sind die Irrgänge der drei erwachsenen Protagonisten durch die allgegenwärtige Dunkelheit. (Weniger gelungen ist dagegen der Einfall, die Schatten flüstern zu lassen; stumme Schatten wären beim Anschleichen nicht nur unheimlicher, sondern auch erfolgreicher im Erwischen ihrer Beute.)

Leider treffen sie sich und den jungen James nach einer Weile in der Bar. Dort degeneriert „Die Herrschaft der Schatten“ zum Bühnenstück. Man redet Stumpfsinn, ringt die Hände, streitet und verträgt sich. Die Atmosphäre des Geheimnisvollen verflüchtigt sich, die Handlung zieht sich wie Kaugummi und wird durch schlecht gesetzte Rückblenden unterbrochen, bis der Strom ausfällt und die Schatten das Heft an sich reißen. Nun kommt endlich wieder Bewegung in das Geschehen. Anderson gelingt es sogar, ihm einige unerwartete Wendungen zu entringen. Verdächtigerweise endet die Geschichte dann doch in einer Kirche. Es überleben diejenigen, die noch keine Seelenschatten entwickelt haben. Auf einem Pferd sitzend reiten sie aus der Stadt, und der etwas in der Film-Materie bewanderte Zuschauer fragt sich allerspätestens jetzt, wieso Brad Anderson ausgerechnet Anthony Jaswinski das Drehbuch schreiben ließ, den wir noch für die Grusel-Gurke „Jasper Park“ (2008) gern zur Verantwortung zögen.

Ratlose Darsteller verspielen ihre Figuren

Der Kitsch lässt sich freilich besser ertragen als jene darstellerischen Übungen, die beim besten Willen die Bezeichnung „Schauspiel“ nicht verdienen. „Die Herrschaft der Schatten“ zeigt durchaus prominente Mimen in den Hauptrollen. Sie hatten entweder keine Lust oder werden weit überschätzt. Vor allem Hayden Christensen (Annakin Skywalker a. D.) ist eine schlimmere Zumutung als die bösen Schatten. Ihn zu beobachten gleicht der Qual, die kratzende Fingernägel auf einer Schiefertafel erzeugen. Entweder verzieht Christensen keine Miene, oder er grimassiert wie ein Veitstänzer, und seine Seelenqualen erinnern eher an Magenschmerzen.

Thandie Newton weiß ihm knattermimisch jederzeit Paroli zu bieten. Faktisch ist sie schon durch das Drehbuch verdammt: Rosemary sucht ihr Baby! In wem dieser Gedanke aufsteigt, kann Newton in ihrer Rolle nicht mehr ernstnehmen. Ihr ständiges Greinen lässt vermuten, dass die Schatten gar kein Interesse daran haben, Rosemary in ihr Reich zu holen; auch böse Geister wollen manchmal ihre Ruhe haben.

Noch am besten schlagen sich Profi John Leguizamo und Neuling Jacob Latimore. Der eine ist glaubhaft als Durchschnittsmensch, der mit einer Herausforderung konfrontiert wird, die seine Kraft deutlich übersteigt, aber der er sich dennoch stellt. Der andere ist kein Disney-Kid, sondern ein verstörtes, widerborstiges Kind, das in der Krise eben nicht über sich hinauswächst.

„Die Herrschaft der Schatten“ wurde Brad Andersons erster echter Flop. Nach verheerenden Test-Vorstellungen vor Probe-Zuschauern kam der Film in nur sechs US-Kinos, wo er wenig mehr als 22.000 Dollar einspielte. Auch international konnte „Die Herrschaft der Schatten“ kein nennenswertes Publikum finden. Auf dem Videomarkt wird sich der Film sicherlich schließlich amortisieren. Unterhaltsamer macht ihn dies auch nicht.

DVD-Features

Weil der Regisseur dieses Films immerhin einen Namen i. S. eines Rufes als Film-Künstler hat, wurde trotz der unheilvollen Lautlosigkeit beim Kino-Kassensturz noch einmal in die DVD- bzw. Blu-ray-Fassung investiert. Bild und Ton sind ausgezeichnet, und Features jenseits des obligatorischen Trailers gibt es auch.

Brad Anderson legt sich ins Zeug für sein Werk und spricht einen Audiokommentar, der allerdings – so man ihn und seine tonlose Stimme erträgt – die Diskrepanz zwischen Absicht und Ergebnis höchstens noch weiter klaffen lässt. Dies ändern auch minutenkurze Info-Häppchen nichts, selbst wenn sie verheißungsvolle Titel wie „‚Die Herrschaft der Schatten‘ aufgedeckt“ oder „Ein Blick hinter ‚Die Herrschaft der Schatten‘“ tragen. Die „alternativen Enden“ entpuppen sich als leicht variierte Versionen der tatsächlichen Schluss-Sequenz.

Immerhin erfahren wir, dass Kamerafrau Uta Briesewitz mit der topaktuellen „Red-One“-Kamera arbeitete – oder arbeiten musste, da die digitale Direktaufnahme für eine Ersparnis sorgte, die dem Film zugutekam. Allerdings ist dieses Hightech-Gerät nicht für brillante Nachtaufnahmen bekannt. Dem wurde mit künstlichem Licht nachgeholfen, das in der Nachbearbeitung wieder ‚abgedunkelt‘ werden musste. Das Ergebnis wirkt nicht gerade authentisch, was aber in einem phantastischen Film funktioniert.

Im Netz gibt es diese Website zum Film.

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