hoehleFünf junge Urlauber kriechen neugierig in eine riesige Höhle und verirren sich rettungslos; nach Tagen vergeblicher Ausgangssuche treibt sie der Hunger zu drastischen Maßnahmen … – Regisseur und Drehbuch-Mitautor Montero erzählt die typische Geschichte von Menschen, die in der Krise zu Tieren degenerieren, ohne neue Einfälle aber routiniert sowie in eindrucksvoller Kulisse: spannend aber sicherlich nicht „nervenzerfetzend“, wie es auf dem Cover dröhnt.

Das geschieht:

Östlich vor der spanischen Küste liegt im Mittelmeer die Insel Formentera. Das Wetter ist schön, die Landschaft idyllisch, und im Sommer locken weite Strände. So ist es verständlich, dass Formentera ein beliebtes Urlaubsziel für gestresste Festlands-Spanier ist.

Auch die fünf Freunde Jaco, Iván, Carlos, Celia und Bego zieht es aus dem heimischen Madrid in die Sonne. Sie sind Rucksack-Touristen, die abseits der ausgetretenen Urlauberpfade ein Plätzchen für ihre Zelte suchen. Faulenzen, Baden, Saufen, Kiffen und ein wenig Sex stehen auf dem gemeinsamen Programmzettel.

Die Entdeckung einer Höhle verspricht ein kleines Abenteuer. Ungestüm und planlos dringt das Quintett in die Dunkelheit vor. Die Höhle ist innen deutlich größer als gedacht und entpuppt sich als Gewirr meist flacher und enger Gänge und Stollen, durch die sich unsere Freunde anfänglich mit großer Begeisterung zwängen.

Der Spaß findet sein Ende, als die Rückkehr ansteht und sich herausstellt, dass niemand sich den Weg zum Höhleneingang eingeprägt oder ihn markiert hat. Anfänglich glaubt man noch, durch Versuch und Irrtum oder methodische Suche ins Freie zu gelangen. Die labyrinthische Struktur der Höhle macht dies zunichte.

Aus Beunruhigung wird Panik. Man hat weder Wasser noch Lebensmittel in die Tiefe mitgenommen. Niemand weiß, an welchem Strand die Freunde ihre Zelte aufgeschlagen haben. Hunger und vor allem Durst stellen die Verirrten auf eine harte Probe. Celia bricht zusammen. Jaco wird aggressiv, Iván trinkt Salzwasser. Nach vier Tagen unter Tage regiert der nackte Selbsterhaltungstrieb. Um den nahen Tod hinauszuschieben, schlägt Jaco vor, ein Mitglied der Gruppe zu opfern. Nicht alle sind einverstanden. Sie grenzen sich damit ab von ihren kannibalischen Gefährten und werden zu lästigen Zeugen …

Vorher – nachher & der qualvolle Weg dorthin

Die Höhle begleitet den Menschen, seit er den aufrechten Gang beherrscht und in der Nacht nicht mehr auf Bäumen nächtigt. Zwar hauste der frühzeitliche Zeitgenosse keineswegs bevorzugt in Felslöchern, doch wo sie sich anboten, wurden sie als Heimstätte genutzt. Feste Wände boten nicht nur das sprichwörtliche Dach über dem Kopf, sondern auch Schutz vor hungrigem Getier und unfreundlichen Nachbarn. Hielt man sich in Eingangsnähe auf, fiel genug Licht in die Höhle, und sobald das Feuer entdeckt wurde, konnte man künstlich beleuchten und heizen.

Nichtsdestotrotz blieb die Höhle unheimlich. Dies galt vor allem für jene Gangsysteme, die sich scheinbar unendlich und schwer zugänglich hinzogen. Wohin führten sie, was lauerte womöglich am anderen Ende? Ebenfalls im kollektiven Gedächtnis dürften Höhlenexpeditionen mit tragischem Ende geblieben sein. Auch Klaustrophobie ist kein Phänomen der Moderne. Höhlen konnten gefährlich und unheimlich sein. Daran hat sich nichts geändert. Immer wieder melden die Medien neugierige „Speläologen“, die sich forschend zu tief dorthin gewagt haben, wo sie strandeten. Nicht immer können sie gerettet werden. Solche Schicksale lassen schaudern, rühren sie doch an die uralte Furcht, lebendig und in der Dunkelheit begraben zu werden.

Der Tod kommt nicht sofort, sondern schleicht sich quasi an. Unter Tage lässt sich die Krise wie ein Planspiel organisieren. Die Höhle selbst ist eine Kulisse, die ihre Wirkung – s. o. – nie verliert. So ist es kein Wunder, dass nicht nur Sparsamkeit immer wieder Filmemacher in die Tiefe lockt: Hier wird der Mensch um die Errungenschaften der Zivilisation reduziert. Interessant ist, was zurückbleibt. In der Krise kommt der Moment, in dem die Masken fallen. Dies zu beobachten fasziniert und unterhält, solange man nicht selbst betroffen ist, zumal die Unmittelbarkeit der Bedrohung dafür sorgt, dass jeder Mensch sich leicht mit den Betroffenen identifizieren kann.

Bekannte Geschichte mit leichten Variationen

Dieses Problem kennen die meisten Jungfilmer: Das Geld für Darstellergehälter, Kulissen und Effekte ist knapp. Einfallsreichtum muss ersetzen, was Hollywood durch dreistellige Dollarmillionen erzwingen will. Glücklicherweise ist Unterhaltung keine Frage des Budgets. Eine gute Geschichte und ihre gelungene Umsetzung können Unsummen ausgleichen. Die Filmgeschichte ist reich an einschlägigen Erfolgsstorys.

Alfredo Montero wird sich mit „Die Höhle“ hier nicht einreihen können. Dieses harsche Urteil muss klar gefällt werden, obwohl sich dem Regisseur, Drehbuch-Mitautoren, Kameramann und Cutter Montero zumindest handwerklich nichts vorwerfen lässt. „Die Höhle“ ist ein dynamisch gefilmtes Abenteuer, das zum tragischen Horrorfilm mutiert. Weder hinter noch vor der Kamera haben sich die Beteiligten geschont. Nichtsdestotrotz bietet die Geschichte keine Überraschungen: Das Ereignisspektrum unter Tage ist limitiert. Was den Aufwand minimiert, begrenzt gleichzeitig die Handlung. Ungeachtet der Vehemenz, mit der Montero und seine Darsteller zu Werke gehen, hat man daher schon oft gesehen, was sich auch hier abspielt.

Obwohl Montero die Spielzeit klug auf kaum 80 Minuten beschränkt, gibt es selbst unter Tage im Mittelteil deutliche Längen. Wir beobachten die Figuren allzu ausgiebig dabei, wie sie sich durch Gänge zwängen. Die Höhle ist gefährlich aber auch eintönig, was die subjektive Kamera – „Die Höhle“ ist eine „Found-Footage“-Produktion – noch stärker hervorhebt. Hin und wieder bringt Montero Schwung in die deprimierende aber eintönige Irrläuferei, indem er beispielsweise Paco einen gefluteten Schacht ertauchen lässt. Das ist spannend inszeniert aber auch nicht wirklich neu oder überraschend.

Unschöne Relikte der Evolution

Jenseits der technischen Aspekte seiner Geschichte richtet Montero das Augenmerk auf die die Gruppendynamik. Eine ausführliche Einleitung bietet die Möglichkeit, die drei jungen Männer und zwei Frauen jenseits der Krise kennenzulernen. Wir sehen sie fröhlich zechen, motorrollerfahrend und einander Streiche spielend. Geschickt deutet Montero schon jetzt leichte Brüche in einer ohnehin eher oberflächlichen Freundschaft an. Celia hat sich gerade von ihrem Freund getrennt. Jaco, der schon lange in sie verliebt ist, sieht seine Chance, wird aber vom offensiveren Iván ausmanövriert. Carlos filmt und nutzt die Gemeinschaft als Rohmaterial für seinen Blog.

Streit bricht oft und schnell aus. Tatsächlich wirken die Figuren schon über Tage nicht besonders sympathisch. Daher spürt der Zuschauer zwar die Drohung der Höhlenwelt, fühlt aber nicht mit den fünf Freunden mit, die sich zudem gar zu dämlich benehmen: Diese Höhle ist alles andere als einladend – ein feuchtes, enges, schmutziges Loch. Es fällt schwer zu begreifen, wieso sie sich alle dort hineinwinden und im Sturmschritt in die Tiefe vorstürmen.

Problematisch ist der Zeitablauf. Montero gelingt es nicht, seinem Publikum zu vermitteln, dass sich seine Protagonisten bereits vier Tage in der Höhle aufhalten, als die Ereignisse zu eskalieren beginnen. Der Umschwung wirkt abrupt und übertrieben: In dem einen Moment kriecht man noch schimpfend durch die Gänge, im nächsten werden bereits Schnüre gezogen, damit man weiß, wen man zum Wohle der Gemeinschaft schlachten darf.

Ähnlich abrupt kommt das Ende. Es soll dramatisch wirken. Tatsächlich hat der filmkundige Zuschauer darauf gewartet. Angesichts der Unbarmherzigkeit, die der Regisseur bisher demonstrierte, bleibt dieses Finale halbherzig und weckt außerdem die Erinnerung an den wesentlich besser gelungenen Unterwelt-Thriller „The Descent“ (2005). Oder lässt sich Montero ein Hintertürchen offen? „The Descent“ erfuhr 2009 eine deutlich schwächere Fortsetzung. Auch an „Die Höhle“ ließe sich anknüpfen.

Der Ort des Grauens

Unschlagbar ist als eigentlicher ‚Hauptdarsteller‘ die Höhle selbst. Formentera weist auch als Insel die typische Karstlandschaft der Mittelmeerregion auf. Unter einer relativen dünnen Erdschicht liegt Kalkstein, der von Rinnsalen und Bächen ausgehöhlt wird. Das Wasser frisst sich durch den Stein und spült Hohlräume frei, die durch Tropfsteine markiert werden. Im Laufe von Äonen entsteht ein Gewirr unterirdischer Gänge, die auf Formentera auch durch das Meerwasser erweitert werden. Die auf diese Weise entstehenden Höhlen sind keine gewaltigen Kavernen, sondern eher Kriechgänge, die schwierig und keineswegs ungefährlich zu erkunden sind.

Auch um die Höhle, in der die Dreharbeiten stattfanden, rankt sich eine düstere Geschichte, die in einer Featurette erzählt wird. Angeblich sind hier fünf Jugendliche in die Tiefe gegangen. Nur einen fand man als Leiche, neben sich eine Kamera. Diese Aufzeichnungen will Montero sich über dunkle Kanäle besorgt und gesichtet haben. Das Drehbuch soll den realen Ereignissen folgen.

Filme „nach einer wahren Begebenheit“ sollte man stets besonders misstrauisch mustern. Montero drückt sich im Interview ausgesprochen vage über die angebliche Tragödie aus. Er nennt keine Daten, zeigt keine Bilder. Von ihm befragte Insulaner haben stets nur über Dritte von dem Unglück gehört oder verneinen es – eine Reaktion, der sich der Zuschauer anschließt. Montero nutzt offenkundig eine insulare Legende, um seinen Film werbewirksam aufzuwerten. Nötig (oder tauglich) ist es nicht.

DVD-Features

Die Extras gaukeln eine Vielfalt vor, die sich bei näherer Betrachtung ernüchternd relativiert. Die Featurettes „Nach einer wahren Geschichte (4:00 Min.)“, „Die Angst“ (2:29 Min.), „Das Ergebnis“ (3:44 Min.), „Dreharbeiten auf Formentera“ (2:31 Min.) und „Dreharbeiten in einer Höhle“ (3:19 Min.) wurden künstlich vom eigentlichen „Making of“ (10:47 Min.) separiert, obwohl sie eindeutig in diesem Zusammenhang entstanden sind.

Informativ sind ohnehin höchstens die Bilder derjenigen Dreharbeiten, die in der Höhle stattfanden. Diese offenbaren sich als echter Knochenjob, der Crew und Darsteller zumindest physisch extrem beanspruchte. Die Leidensbereitschaft im Dienste des Filmprojektes ist Anlass für echte Bewunderung.

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Die Höhle
Originaltitel
: La Cueva (Spanien 2014)
Regie u. Kamera: Alfredo Montero
Drehbuch: Javier Gullón u. Alfredo Montero
Schnitt: Nacho Ruiz Capillas u. Alfredo Montero
Musik: Carlos Goñi
Darsteller: Marta Castellote (Celia), Eva García-Vacas (Bego), Marcos Ortiz (Jaco), Jorge Páez (Iván), Xoel Fernández (Carlos)
Label/Vertrieb: Ascot Elite Home Entertainment
Erscheinungsdatum: 14.10.2014
EAN: 7613059805194 (DVD)/7613059405196 (Blu-ray)
Bildformat: 16 : 9 (1,78 : 1, anamorph)
Audio: Dolby Digital 5.1 (Deutsch, Spanisch)
Untertitel: Deutsch
DVD-Typ: 1 x DVD-9 (Regionalcode: 2)
Länge: 77 min. (Blu-ray: 81 min.)
FSK: 16

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The Descent – Abgrund des Grauens

Beneath – Abstieg in die Finsternis

Katakomben

The Tunnel – Fürchte die Dunkelheit!