Die Horde

Originaltitel: La Horde (Frankreich 2009)
Regie: Yannick Dahan u. Benjamin Rocher
Drehbuch: Arnaud Bordas, Yannick Dahan, Stéphane Moïssakis u. Benjamin Rocher
Kamera: Julien Meurice
Schnitt: Dimitri Amar
Musik: Christopher Lennertz
Darsteller: Claude Perron (Aurore), Jean-Pierre Martins (Ouessem), Eriq Ebouaney (Adewale), Aurélien Recoing (Jimenez), Doudou Masta (Bola), Antoine Oppenheim (Tony), Jo Prestia (Greco), Yves Pignot (René), Adam Pengsawang (Tscheche), Sébastien Peres (Seb), Laurent Demianoff (Kim), Alain Figlarz (Hausmeister) uva.
Label/Vertrieb: Kinowelt Home Entertainment
Erscheinungsdatum: 01.07.2010 (DVD, gekürzt u. uncut u. Blu-ray, gekürzt) bzw. 17.07.2010 (Blu-ray, uncut)
EAN: 4006680054339 (DVD, dt. Fassung) bzw. 4006680054346 (Blu-ray, dt. Fassung)/ 4006680055299 (DVD, uncut) bzw. 4006680055305 (Blu-ray, uncut)
Bildformat: 16 : 9 (2,35 : 1, anamorph)
Audio: Dolby Digital 5.1 (Deutsch, Französisch)
Untertitel: Deutsch
DVD-Typ: 1 x DVD-9 (Regionalcode: 2)
Länge: 91 min. (DVD) bzw. 95 min. (Blu-ray)/97 min. (DVD uncut) bzw. 102 min (Blu-ray uncut)
FSK: 18

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Das geschieht:

Aurore, Ouessem, Jiminez und Tony sind vier Polizisten, denen der Kamerad Rivoallan von der Markudis-Gang verschleppt und umgebracht wurde. Zornig schreiten sie zur Selbstjustiz. Sie haben die Bande im Obergeschoss eines Hochhauses im Norden von Paris geortet, wo sie unter ihrem Anführer Adewale ihr Hauptquartier aufgeschlagen hat. Das Haus ist verfallen und steht beinahe leer, denn es soll bald abgerissen werden. Die abgelegene Lage wollen die Polizisten nutzen und ein Massaker anrichten, dem keiner der Gangster entkommen soll.

Tony baut Mist, sodass die Angreifer zu früh entdeckt und gefangen werden. Adewale hält die Polizisten für die Spitze eines Kommandounternehmens. Er foltert sie und erschießt Jiminez. Auch die anderen Beamten sehen bereits dem sicheren Tod ins Auge, als erst vor der Wohnungstür und dann in ganz Paris das Chaos ausbricht: Aus unbekannten Gründen erheben sich die Toten. Sie sind Kannibalen und fallen über die entsetzten Menschen her. Stoppen kann man sie nur, indem man ihr Gehirn zerstört.

Im Hochhaus wird die Bande von den Zombies überrannt. Nur die drei Polizisten, Adewale, sein Bruder Bola und der „Tscheche“, ein psychopathischer Killer, können sich zunächst retten. In der Not schließen die beiden Gruppen sich zusammen. Sie planen, sich durch das Hochhaus ins Freie durchzukämpfen und in ein Militärlager außerhalb der Stadt zu flüchten.

Der Weg nach unten wird zum mörderischen Spießrutenlauf. Weitere Opfer fordern die immer wieder aufflackernden internen Konflikte. Zu den Überlebenden stößt immerhin der ehemalige Indochina-Kämpfer René, der seit jeher keine Gefangenen macht. Seine Unterstützung ist bitter notwendig, denn die Zombies sind zwar dumm aber aufmerksam. Sie haben bemerkt, dass in dem Hochhaus frisches Menschenfleisch auf sie wartet, und das wollen sie sich holen – hordenweise …

Hirnloses Metzel-Epos

Film-Horror aus Frankreich: Er konnte in den letzten Jahren viele neue Fans gewinnen. Streifen wie „À l’intérieur“ (2007; dt. „Inside“), „Frontier(s)“ (2007) oder „Martyrs“ (2008) fanden den Beifall eines Publikums, das zu schätzen weiß, wie traditioneller Grusel anders als in Hollywood ohne Schere im Kopf zelebriert wird: Gewalt wird in diesen Filmen nicht nur brachial dargeboten, sondern bruchlos mit Sex vermischt – Sex, der mehr ist als jene keim- und busenfreie Nacktheit, die in den USA für ruchlos und aufregend gehalten wird.

„Die Horde“ ist über weite Strecken ein echtes Schlachtfest. Nicht nur Untote werden erschossen bzw. mit Kugeln gespickt. Zum Einsatz kommen weiterhin: MG, Pumpgun, Machete, Stilett und immer wieder bloße Fäuste und Kampfstiefel. Es ist gar nicht einfach, einen Zombie auszuschalten, wie Yannick Dahan u. Benjamin Rocher uns demonstrieren möchten. Folglich werden sie malträtiert, bis die Fetzen fliegen – und dies im wahrsten Sinn des Wortes!

Diese Szenen sorgen in ihrer konsequenten Umsetzung für Momente echter Unterhaltung. (Wenn man sie denn sehen kann, was in Deutschland nur auf Umwegen möglich ist; dazu weiter unten mehr.) Ansonsten ist „Die Horde“ ein denkbar simpel gestricktes B-Movie: Es gilt, sich aus dem 15. Stock eines baufälligen Hochhauses nach draußen zu kämpfen. Gestreckt wird diese Hetzjagd durch ‚besinnliche‘ Momente, in denen die Geschichte nicht nur an Fahrt verliert, sondern ihren Klischee-Reichtum unerfreulich deutlich offenbart. Vier Autoren hat sie verschlissen; ein fünfter Autor hat sich bemüht, das Flickwerk zu einem Drehbuch zu verschmelzen. Wirklich gelungen ist es nicht.

Von A nach B

Prinzipiell ist eine einfache Story kein Manko. In diesem Zusammenhang sei an John Carpenters Klassiker „Assault on Precinct 13“ (1976; dt. „Assault – Anschlag bei Nacht“) erinnert, der sich einer recht ähnlichen Plot-Konstruktion bediente und damit glänzend unterhielt. Allerdings gelang Carpenter eine durch Ideen beflügelte Einheit aus Story, Figurenzeichnung und filmischer Umsetzung, von deren Qualitäten Dahan & Rocher – obwohl zu zweit – deprimierend weit entfernt sind.

Dabei sollte „Die Horde“ durchaus nicht einfach Action sein; es existiert eine ausführliche Hintergrund-Story. Die Darsteller tragen nicht nur ihre Waffen, sondern auch Vorgeschichten (und Vorurteile) mit sich herum, die allerdings für ein Zombie-Spektakel kaum von Belang sind. Hin und wieder erinnern die Regisseure daran, aber dies wirkt niemals überzeugend, sondern aufgesetzt und theatralische.

Zombies wollen fressen, Menschen überleben: Wenn sich Dahan & Rocher auf diesen Aspekt beschränken, funktioniert ihr Film. Dunkle Treppenhäuser und Flure mit unübersichtlichen Winkeln, in denen die Untoten lauern, sind selbstverständlich Genre-Standards. Sie erzeugen jedoch Spannung, wenn Kamera, Licht und Darsteller gut geführt werden. Weil letztere dann keine Zeit haben, sich über Familienprobleme zu streiten, wird es interessant, zumal Dahan & Rocher wie schon gesagt kein Problem damit haben, die Brutalität der ausbrechenden Metzeleien – von Zweikämpfen mag man nicht sprechen – zu gestalten.

Zum Reden bleibt (leider) immer Zeit

Es ärgert zu sehen, dass Dahan & Rocher einerseits hervorragende Schauspieler angeheuert haben, die andererseits verheizt werden, weil man sie zu Handlungen und Äußerungen zwingt, die stärker schmerzen als der Biss eines Zombies. Noch am meisten Glück mit seiner Rolle hatte Veteran Yves Pignot. Sein alter Kämpe René ist schon im Drehbuch als unverblümter Haudrauf konzipiert, der außerdem für schwarzhumorige Momente sorgt. Pignot gibt seinem Affen denn auch Zucker. Ihm gelingt eine Leistung, die gleichzeitig amüsiert und schaudern lässt, denn René ist kein tumber Schläger, sondern ein schlauer Überlebenskünstler mit psychotischen Zügen, die sogar den emotionsarmen „Tschechen“ (Adam Pengsawang) erschrecken.

Dieser gibt ähnlich hingebungsvoll den geschmacklos gekleideten osteuropäischen Unhold, der voller Wonne meuchelt und keinen Funken Gaunerehre im Leib hat. Dies verzeiht man ihm problemlos, sobald unsere gramgebeugten Zentralhelden auf der Bildfläche erscheinen. Ouessem und Adewale müssen sich, Testosteron ausdunstend, ständig umkreisen. Beiden hängen schwächliche Begleiter am Rockzipfel: Adewale muss sich um seinen hohlköpfigen Bruder kümmern, während es im Team Polizei Tony ist, der schlappmacht.

In ihrer Rolle als Aurore wirkt Claude Perron erschreckender als die Zombies. Ausgemergelt, graugesichtig und hohlwangig mimt sie eine quasi geschlechtslose Frau, der man keinen Augenblick abnimmt, dass sie a) die Geliebte des verstorbenen Rivoallan und b) von ihm schwanger ist, deshalb um jeden Preis überleben will und deshalb zur Kampf-Amazone mutiert, die notfalls auch waffenlos die Zombies reihenweise umhaut.

Geld war ebenso knapp wie Hirnschmalz

Zwar stürmen die Untoten Paris, doch Dahan & Rocher zeigen höchstens einen Straßenzug, durch den Zombie-Horden torkeln. Ansonsten bleibt die Geschichte im erwähnten Hochhaus. Das Geld war auch sonst allzu offensichtlich knapp: Nicht einmal das Haus wirkt echt, wenn es in der Totalen gezeigt wird. Miserabel getrickst sind außerdem die Blicke auf die brennende Stadt oder die Blutfontänen, die in die Höhe steigen, wenn Kugeln fliegen und Klingen wirbeln.

Übrigens wirken auch die Zombies enttäuschend ‚frisch‘. Ihre Darsteller wurden großzügig mit Kunstblut bekleckert, aber das war’s dann schon. Dahan & Rocher setzen Untote der ‚zweiten Generation‘ ein: Sie taumeln zwar im Ruhezustand à la Romero umher, doch wittern sie Beute, sind sie sehr fix auf den Beinen. Gerade in dem engen, dunklen Hochhaus sorgt diese Fähigkeit für Handlungsdynamik: Flucht ist zwecklos, man muss sich den Menschenfressern stellen, die darüber hinaus die Stimmkraft einer wütenden Raubkatze entwickeln.

Zum Schutz des deutschen Zuschauers

„Die Horde“ ist ein Film, der von seinen Gore-Effekten lebt und auch auf sie angewiesen ist. Dem deutschen Publikum dürfte die Sichtung deshalb wenig Freude bereiten: Volle sechs Minuten wurden aus der hierzulande verliehenen und verkauften Fassung gekürzt. Die Zensur, die es nur nominell in Deutschland nicht mehr gibt, befand „Die Horde“ auch für ab 18-jährige, nur theoretisch mündige Bürger als allzu krass in der Darstellung rüde zerschmetterter Schädel oder in Stücke geschossener Körper. Den Comic-Charakter des Films geruhte sie dagegen nicht zur Kenntnis zu nehmen.

Die daraus resultierende Rumpffassung ist eine weitgehend sinnlose Zumutung. Das Label reagierte mit einer ungekürzten Fassung, die im oder über das Ausland erworben werden kann. Der lange Arm der deutschen Zensur bleibt in Österreich kraftlos. Sollten dort durch den Konsum gottloser Gruselfilme enthemmte Zeitgenossen ihr Unwesen treiben, wissen dies unsere südlichen Nachbarn gut zu verbergen. Gern nehmen sie Geld von frustrierten deutschen Horror-Freunden, die ihrer Zensur ein Schnippchen schlagen wollen.

Fragt sich nur, ob sich der Mehraufwand lohnt. Diese Rezension basiert auf der „Uncut“-Fassung. Sie bietet die volle Dröhnung aus Blutmatsch und Zombiegebrüll. Dennoch ist sie nur leidlich unterhaltsam. Phasenweise macht „Die Horde“ Spaß. Mit einem entweder stärker durchstrukturierten oder mit einem gänzlich auf Action setzenden Drehbuch hätte dies ein besserer Film werden können. So reiht er sich nur in die endlose Kette jener Streifen ein, die man sieht und sofort wieder vergisst, weil es ihnen nicht einmal gelingt, Ärger über die vertane Zeit zu erzeugen.

DVD-Features

Die Extras zum Hauptfilm bieten nur Standard-Zugaben („Making Of“) und lieblos aufbereitete Nichtigkeiten (Trailer, Fotos vom Storyboard, vom Set und von den Zombies). Über den Tellerrand reichen nur die Featurettes „Rivoallan“ und „Special Effects“.

Gelungen ist dagegen die Website zum Film.

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