Director’s Cut

Originaltitel: Director’s Cut (Argentinien 2006)
Regie: Hernán Findling
Drehbuch: Hernán Findling u. Pablo Monlezún
Kamera: Alejandro Millán
Schnitt: Hernán Findling u. Lurdes Prado Mendez
Musik: Pablo Isola
Darsteller: Andres Bagg (Matt Lando), Daniel Young (John), Ezequiel Campa (Zack), Maxime Seugé (Billy), Pablo Saavedro (Julien), Paula Marcenado (Kate), Veronica Mari (Jen), Mariana Levy (Laura), Federico Ali (Diego) u. a.
Label: New Age 21
Vertrieb: M.I.B. – Medienvertrieb in Buchholz
Erscheinungsdatum: 06.11.2008 (DVD)
EAN: 4044404153210
Bildformat: 16 : 9 (1,78 : 1   anamorph)
Audio: Dolby Digital 5.1 (Deutsch, Englisch)
Untertitel: keine
DVD-Typ: 1 x DVD-9 (Regionalcode: 2)
Länge: 88 min.
FSK: Keine Jugendfreigabe

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Das geschieht:

Noch jung an Jahren und von Ehrgeiz zerfressen arbeitet Matt Lando an seiner Karriere als Horrorfilm-Regisseur. Er ist kein angenehmer Zeitgenosse aber sehr fähig hinter der Kamera, weshalb ihm sein kleines Team und einige hoffnungsvolle Noch-nicht-Schauspieler kostenlos ihre Zeit und ihre Talente zur Verfügung stellen.

Aktuell arbeitet man an einem klassischen Splatter: In einer verlassenen Schule geht ein vermummter Killer um und jagt diverse Schülerinnen. Darsteller Julien geht so in seiner Rolle auf, dass er bei seinen Mitspielerinnen gleichermaßen gefürchtet wie verhasst ist. Doch der Dreh ist jetzt zu Ende, und Matt lädt die Crew zur Ansicht des Rohschnitts ein, den er persönlich in der Abgeschiedenheit seines außerhalb der Stadt gelegenen Hauses erledigte.

Die erwartungsfrohen Gäste erblicken dabei überrascht Szenen, die sie nie gedreht haben. Auf dem Bildschirm werden plötzlich nicht nur die Schauspielerinnen Kate und Jen, sondern auch die Crewmitglieder vom Killer gejagt. Schlimmer noch: Jede Wunde, die dieser seinen Opfern im Film zufügt, zeigt sich auch beim ‚realen‘ Spiegelbild!

Bis sich diese Erkenntnis durchgesetzt hat, sind bereits einige Anwesende in riesigen Blutlachen verröchelt. Der Verdacht der Überlebenden richtet sich erwartungsgemäß auf Julien, der freilich seine Unschuld beteuert. Tatsächlich ist es Matt, der mehr weiß, als er zugeben möchte. Mit Hilfe des dämonischen „Black Magic Cut”-Filmschnitt-Programms will er sein Werk zum Blockbuster aufwerten. Da er den Preis –  Menschenseelen – nicht selbst zahlen muss, ließ er sich gern auf den Handel ein. Der Film wird nun bis zum bitteren Ende laufen, abschalten lässt er sich nicht. Verzweifelt sucht die dahin schmelzende Schar der Crew nach einem Ausweg, um zu überleben und den Teufel um seine Beute zu betrügen …

Digitaler Abfall für ahnungslose Opfer

Seit es ihn gibt, stellt sich der Mensch – manchmal offen, meist nicht – die Frage, ob er (oder sie) womöglich ‚besser‘, d. h. klüger, moralischer, fähiger als seine Zeitgenossen ist. Das hat bekanntlich zu schauerlichen Gräueln geführt, obwohl die Antwort recht einfach ist: Nein, im Durchschnitt sind alle Menschen Brüder & Schwestern im Denken und Handeln. Das ist eine pompöse Einleitung zu einem Film, der im Grunde sprachlos macht. Doch irgendeinen Sinn muss „Director’s Cut“ erfüllen. Da es Unterhaltung nicht sein kann, könnte es eben diese Bestätigung sein, dass alle Menschen gleich sind – in diesem Fall dämlich.

Zumindest der Zyniker benötigt diese Bestätigung nicht; der Rest des Publikums hätte gern auf sie verzichtet. In Buenos Aires haust der Mann, der für „Director’s Cut“ verantwortlich zeichnet. Hernán Findling heißt er, obwohl er, dies sei vorab erwähnt, nur in einem Punkt so etwas wie Einfallsreichtum zeigt: „Director’s Cut“ ist ein Begriff aus dem Filmhandwerk. Er bezeichnet die eigentliche Schnittfassung eines Films, der zuvor z. B. aus kommerziellen Gründen in anderer Version veröffentlicht wurde und erst jetzt diejenige Form erhält, die der Regisseur („director“) als ursprünglich Verantwortlicher ihm geben wolle.

„Director’s Cut“, der Film im Film, ist das Werk seines Regisseurs Matt Lando. Der hat seine Seele dem Teufel verkauft, um den Durchbruch zu schaffen. Man wünscht sich fast, Findling wäre seinem Beispiel gefolgt um sein krauses Blödwerk in einen Film zu verwandeln, der seinem Publikum nicht nur anderthalb Stunden ihres Lebens raubt, sondern zusätzlich ungesund für Zuschauer mit hohem Blutdruck ist. (Gilt die Erwähnung des Teufels als Spoiler? Werden mögliche Zuschauer deshalb enttäuscht auf ein Anschauen verzichten? Gern geschehen!)

Endlose Liste des Versagens

Wo soll man nur mit der Kritik beginnen? Mit der Story? Die ist nicht unbedingt schwachsinniger als die Plots von Horrorfilmen, die heute als Klassiker gelten. Der Teufel hat sich schon krudere Methoden des Seelenfangs ausgedacht, und der „Film im Film“ oder verschiedene und doch miteinander verbundene Existenzebenen sind bewährte Elemente des Genres. Es kommt darauf an, wie Schwachsinn umgesetzt wird. Findling hat davon in doppelter Hinsicht keine Ahnung. Als Drehbuchautor versagt er darin, seiner Geschichte Struktur und Schwung zu verleihen, als Regisseur ist er außerstande, sie in packende oder wenigstens spannend anzuschauende Szenen zu verwandeln.

Geldmangel mag eine Ursache sein. „Director’s Cut“ kennt nur zwei Drehorte: Matt Landos Haus und eine heruntergekommene Schule. Auch daraus könnte ein talentierter Regisseur-Schrägstrich-Drehbuchautor etwas machen. In unserem Fall regiert ausschließlich Ratlosigkeit, und die gebiert Langeweile. Die Kulissen wurden offensichtlich so eingesetzt, wie sie vorgefunden wurden. Einige wahllos auf dem Mobiliar verteilte Film-Props sollen das Heim eines Regisseurs markieren. Damit der Zuschauer dies auch bemerkt, werden sie ihm buchstäblich unter die Nase gehalten.

Bild- und Tonqualität zeigen ein Niveau, das sich etwa mit einer Digitalkamera aus dem Supermarkt erreichen lässt. Dabei wurde „Director’s Cut“ augenscheinlich eigens für den Weltmarkt konzipiert (wie auch immer der in diesem Fall aussehen mag); auf der hierzulande vertriebenen DVD findet man nicht einmal eine spanische, sondern nur eine deutsche und eine englische Tonspur. (Leider nicht mit getilgt wurde die Filmmusik, die den Tatbestand der akustischen Umweltverschmutzung erfüllt.)

Letzteres wirkt logisch, da „Director’s Cut“ nach dem Willen seines Schöpfers in den USA spielen soll. Namen wie „Matt“, „Zack“ oder „Kate“ sollen dies suggerieren, auch wenn die Gesichtszüge der Darsteller dies beim besten Willen nicht bestätigen wollen; ‚spanischer‘ als Paula Marcenado kann beispielsweise kaum ein Mensch aussehen.

‚Ausgewaschene‘ Farben sind im Film oft ein gewolltes Gestaltungsmerkmal. Hier entlarven sie zusammen mit Unschärfen oder ständig wechselnden Ausleuchtungen ein Filmteam, das ebenso zusammengewürfelt und unfähig ist wie Matt Landos Truppe.

In der deutschen Synchron-Fassung wird der unerfreuliche Gesamteindruck kongenial abgerundet: Angeheuert wurden möglicherweise ausschließlich Sprecher, die Stimmfestigkeit zuvor in einem Call-Center unter Beweis gestellt hatten. Sollte sich in irgendeiner Szene wider Erwarten doch einmal Spannung und Gruselatmosphäre einschleichen, machen ihr diese Folterknechte der deutschen Sprache ebenso systematisch wie monoton den Garaus.

Darsteller aus der Zwischenwelt

Wie der Herr, so’s Gescherr, lautet ein altes Sprichwort. Findling versammelt vor der Kamera eine Riege junger Männer und Frauen, die man nur als ‚Schauspieler‘ bezeichnen möchte, wenn man dieses Wort in Anführungsstriche setzt. ‚Spiel‘ beschränkt sich entweder auf mimische Leere oder übertriebene, Haare raufende Hysterie (was übrigens wörtlich gemeint ist: zeitweise schubst ein auf diese Weise Panik vorgebender Hausgast einen anderen aus der Szene, der bisher in besagtem Haupthaar wühlte).

Oder belegt dieses Chargieren die Ratlosigkeit von Darstellern, die ihre Dialoge womöglich improvisieren mussten, weil das Drehbuch an diesen Stellen nur weiße Stellen aufwies? Falls Findling damit unmittelbar spürbare Authentizität erreichen wollte, hat er sich abermals mächtig geirrt. Die fehlende Interaktion zwischen den Schauspielern trägt zusätzlichen ihren Teil dazu bei, dass neunzig Minuten Filmzeit wie ein Vorgeschmack auf die Ewigkeit wirken.

Wahrscheinlich sind die Darsteller schlicht schlecht. Es sind Neulinge, oft haben sie vor „Director’s Cut“ noch nie in einem Film gespielt. Sie schenken alle einander nichts. Sollte man jemanden herauspicken, so fiele die Wahl sicherlich in 99 von 100 Fällen auf Maxime Seugé als „Billy“. Mit seiner Krauskopf-Frisur, die an ein geplatztes Sofakissen erinnert, sieht er per se bescheuert aus, aber er muss auch noch die Rolle übernehmen, die Hollywood dem Alibi-Schwarzen der Gruppe übertragen hätte, und durch ostentativ zur Schau gestelltes Ungeschick und noch einmal gesteigertes Grimassieren für Heiterkeit sorgen – muss angemerkt werden, wie kontraproduktiv das Ergebnis ausfällt?

In gewisser Weise zeichnet „Director’s Cut“, der Film, den wir aushalten müssen, sicherlich die realen Dreharbeiten nach. „Guerilla-Filmemachen“ nennt sich dieses Verfahren, bei dem alle Mittel recht sind, solange sie nur billig bleiben. Amateure versuchen sich als Profis, und manchmal lernen sie’s ja auch. Nur: Warum muss der Zuschauer mit diesem Prozess gequält werden?

Vom (unfreiwilligen) Segen der Zensur

„Director’s Cut“ erhielt in seiner deutschen Inkarnation keine Jugendfreigabe. An den Spezialeffekten kann es eigentlich nicht liegen, denn die zuständigen Splatter-Hexer haben ihr Handwerk höchstens in einem Kasperle-Theater erlernt. Die auf Film gebannten Bluttaten wirken nur deshalb schrecklich, weil sie so stümperhaft geraten sind. Keine Sekunde können sie überzeugen. Das merkt der Zuschauer auch deshalb so genau, weil in der zweiten Filmhälfte alle bisher erfolgten Morde einerseits Bild für Bild wiederholt und andererseits mit weiteren Stichen und Schreien erweitert werden – als Director’s Cut im „Director’s Cut“ quasi.

Das tarnt Findling als ‚Erinnerung‘ und spart dabei viele Filmminuten, die er ansonsten mit Handlung hätte füllen müssen; es fällt schwer zu entscheiden, welche Alternative schrecklicher ist. Die in der Wiederholung blutiger geratenden Metzeleien lassen übrigens die Frage aufkommen, ob der deutsche Zensor – in der zweiten Filmhälfte vom Notfallsektor seines Hirns in rettenden Schlummer versetzt – diese überhaupt registriert hat. Daher bleibt nur die Annahme, dass hier nicht wie üblich Zensur zum Zwecke des Spielverderbens betrieben wird, sondern zumindest der noch jugendliche Teil des potenziellen Publikums vor einem wirklich schäd- und schändlichen Machwerk bewahrt werden soll.

DVD-Features

Klug hüllen sich diejenigen, die das Fiasko namens „Director’s Cut” verschuldeten, in Schweigen. Es gibt weder einen Audiokommentar noch ein „Making of“. Nicht einmal eine Website lässt sich finden. Stattdessen wurde eine Bildergalerie auf die DVD gebrannt, die den Geist des Hauptfilms kongenial aufnimmt: Sie ist absolut sinnlos und scheint nur beliebige Einzelbilder desselben wiederzugeben. Einziger Unterschied: Die Bildqualität ist noch miserabler als die des Hauptfilms.

[md]

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