Djinn
Dämonen der Wüste

Originaltitel: Djinns (Frankreich/Marokko 2010)
Regie u. Drehbuch: Hugues Martin u. Sandra Martin
Kamera: Pierre Cottereau
Schnitt: Nicolas Sarkissian
Musik: Siegfried Canto
Darsteller: Grégoire Leprince-Ringuet (Michel), Thierry Frémont (Vacard), Stéphane Debac (Durieux), Saïd Taghmaoui (Aroui), Cyril Raffaelli (Louvier), Aurélien Wiik (Saria), Matthias Van Khache (Malovitch), Grégory Quidel (Max), Emmanuel Bonami (Ballant), Omar Lotfi (Kamel), Raouïa Harand (Daouïa), Brice Coupey (Djinn) u. a.
Label/Vertrieb: Universum Film
Erscheinungsdatum: 05.01.2011 (Leih-DVD/Blu-ray) bzw. 04.02.2011 (Kauf-DVD/Blu-ray)
EAN: 886978163097 (Kauf-DVD) bzw. 0886978163295 (Kauf-Blu-ray)
Bildformat: 16 : 9 (2,35 : 1, anamorph)
Audio: Dolby Digital 5.1 (Deutsch, Französisch)
Untertitel: Deutsch
DVD-Typ: 1 x DVD-9 (Regionalcode: 2)
Länge: 100 min. (Blu-ray: 104 min.)
FSK: 16

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Das geschieht:

Seit 1954 tobt der Krieg zwischen Frankreich und seiner Kolonie Algerien, die ihre Unabhängigkeit fordert. Er wird auf beiden Seiten erbittert und mit großer Grausamkeit geführt. Im Januar des Jahres 1960 stürzt über der südwestalgerischen Provinz Adrar ein Flugzeug mit militärisch wichtigen Geheimdokumenten ab, die keinesfalls in die Hände der „Rebellen“ fallen dürfen. Unter dem Kommando des unerfahrenen Lieutenants Durieux dringt eine kleine Spezialeinheit in die Wüste vor. Begleitet werden die Männer vom jungen Michel, der militärpropagandistisch verwertbare Szenen eines erfolgreichen Einsatzes filmen soll.

Das Flugzeug und der Koffer mit den Dokumenten werden entdeckt, doch eine Gruppe algerischer Freiheitskämpfer ist schon vor Ort. Ein Sandsturm unterbricht die blutige Schießerei und trennt die Kämpfer. In der Nacht lagern die Franzosen in der offenen Wüste. Michel sieht unheimliche, teilweise durchsichtige Kreaturen aus dem Sand steigen. Nur er erkennt sie und beobachtet, dass sie den Koffer zu stehlen versuchen, was er verhindern kann.

Anderentags stößt die Gruppe, die sich längst in der Wildnis verirrt hat, auf eine uralte Wüstenzitadelle, die auf keiner Karte verzeichnet ist. Nur alte Männer, Frauen und Kinder leben hier. Vacard, der Adjutant von Durieux, lässt sie brutal zusammentreiben und verhören; er sucht die jungen Männer dieser Siedlung, die er für Rebellen hält.

Nachts klettern die Kreaturen über die Mauern. Daouïa, die Seherin des Dorfes, erklärt Michel, dass man es mit Djinn – Wüstengeistern – zu tun habe, in deren Territorium die Franzosen eingedrungen seien. Niemals würden die erbosten Geister sie wieder ziehen lassen. Die Djinn schlüpfen in die Hirne der Soldaten, die daraufhin einander abzuschlachten beginnen. Verzweifelt versucht Michel, dem Einhalt zu gebieten – und sein Leben zu behalten …

Heißer Sand und kaltes Grauen

Gerade erst hat Daniel Myrick mit seinem Filmteam Marokko verlassen („Operation Desert – Die verschwundene Einheit“), da rückt schon das Ehepaar Hugues und Sandra Martin nach, um eine weitere Soldatengruppe von gruseligen Djinn überfallen zu lassen. So könnte zumindest der deutsche Filmfreund folgern, denn der Zufall sorgte dafür, dass mit „Operation Desert“ und „Djinn“ beinahe zeitgleich zwei Filme um Geister aus der Wüste in Verleih und Verkauf kommen. Dies ermöglicht interessante Vergleiche, denn obwohl die erzählten Geschichten sich gleichen, fallen die Ergebnisse denkbar unterschiedlich aus.

Während ausgerechnet Myrick, der rationale US-Amerikaner, versuchte, die Wüste als mythische Region darzustellen, bleiben die Martins stets nahe der Realität. Selbst die Djinn finden ihre Nische in der Evolution: Sie werden zu einem nichtmenschlichen Volk, das zwar zwischen den Dimensionen aber standorttreu lebt und in seiner Heimat lieber ungestört bleibt. Als Eindringlinge dies nicht begreifen können oder wollen, gehen sie zur Attacke über.

Das Handeln der Djinn ist also rasch erklärt. Auch sonst warten die Martins mit keinen Geheimnissen auf, die nicht spätestens im Finale gelüftet und – was schlimmer ist, wie noch zu erläutern ist – erklärt werden. Grundsätzlich könnte die daraus resultierende Handlung sogar auf die Djinn verzichten und sie gänzlich durch algerische Freiheitskämpfer ersetzen. „Djinn“ wäre dann ein ‚normaler‘ Film, dessen Storyline abseits jeglicher Übernatürlichkeit dem altbekannten Motto „Krieg ist die Hölle“ folgen würde.

Bestie Mensch schlägt dämonischen Djinn

Wobei der Film in dieser Hinsicht vermutlich besser punkten könnte. Die Djinn halten sich – da auch tricktechnisch teuer – zurück und überlassen den Menschen das Feld. Für die wird der Marsch durch die Wüste zum üblichen Selbsterfahrungs-Trip. Schon damit sind die französischen Soldaten mehr als genug beschäftigt, doch hinzu kommen die üblichen zwischenmenschlichen Konflikte. Eigentlich müssten die Djinn sich nur zurücklehnen und abwarten; die verhassten Eindringlinge hangeln sich von Klischee zu Klischee und radieren sich selbstständig dabei aus.

Durieux ist nur vorgeblich Kommandant der Truppe; tatsächlich hält der Kriegsveteran Vacard das Heft in der Hand. Zwischen diesen beiden gut aber ideenarm gezeichneten Figuren findet die meiste Interaktion statt. Vor allem Vacard trägt zusätzlich schwer an symbolischem Gepäck: Er repräsentiert den ‚hässlichen Franzosen‘, der gemäß der berüchtigten „französischen Doktrin“ Gefangene foltert, um Informationen aus ihnen herauszupressen. Durieux verkörpert die Gegenseite: Frisch von der Militärakademie gekommen, mag er sich nicht den brutalen Praktiken seines Stellvertreters anschließen.

Da dies ein Film der Gegenwart ist, wollen die Martins natürlich auch die „andere Seite“ gebührend berücksichtigen. Also mischt ein Trüppchen algerischer Freiheitskämpfer mit, die in erster Linie als Sandsäcke der Franzosen dargestellt werden. Aroui und seine Männer wehren sich politisch korrekt dort, wo die bösen Kolonisten Angst und Tod verbreiten. Im Finale haben die Martins keine Verwendung mehr für die wackeren Krieger; sie verschwinden einfach aus der Handlung.

Nur Handwerk, kein Genie

„Djinn“ ist das Erstlingswerk der Martins, die bisher visuelle Effekte für die Filme anderer Regisseure gestaltet haben. Optisch ist „Djinn“ erwartungsgemäß über die meisten Tadel erhaben. Die Zitadelle in der Wüste ist eine eindrucksvolle Kulisse, Licht und Schatten werden einfallsreich ins Geschehen integriert, und die Sahara selbst sorgt – zwar nicht in Algerien, sondern in Marokko gefilmt – für den grandiosen Rest.

Allerdings beginnt sich der positive Eindruck zu verflüchtigen, sobald Bewegung in die Effekte kommt. Damit ist nicht einmal der allzu deutlich digitale Flugzeugabsturz gemeint. Das Kapital-Problem sind die Djinn. Wir ‚sehen‘ sie nur transparent und verschwommen durch wabernde Hitze- und Sandschleier. Dennoch erkennen wir sie jederzeit als maskierte Menschen; schlecht maskierte Menschen, denn die Djinn-Haut wirkt, als hätten sich die Darsteller in Schlamm gewälzt und diesen trocknen lassen.

Schauspielen nach Zahlen

Ähnlich konturenschwach sind die Schauspieler. Das Drehbuch gibt dem anfänglichen Kennenlernen der Soldaten viel Raum. Dennoch gelingt es höchstens den Figuren Vacard, Durieux und Michel, sich mit Namen im Kurzzeitgedächtnis des Zuschauers zu verankern. Louvier, Saria, Malovitch & Co. sind und bleiben Djinn-Futter. Man hofft höchstens, dass es sie möglichst effektvoll (d. h. so effektvoll, wie es in einem ab 16 Jahren freigegebenen Film möglich ist) erwischt. Arouis Gefährten bleiben gänzlich namenlos. Ohnehin beobachten sie vor allem Saïd Taghmaouin dabei, wie er sich in seiner Rolle als aufrechter Widerständler, der früher für die Franzosen gekämpft hat, abrackert, um der Geschichte dramatische Ambivalenz einzuhauchen.

Ebenfalls nur Klischee bleibt Raouïa Harand, die als Seherin Daouïa mysteriös durch die Gassen schreitet und kryptische Andeutungen klärenden Worten jederzeit vorzieht. Wieso sie ihren Job ausgerechnet an Michel weitergibt, ist ähnlich rätselhaft; er hatte nie eine Beziehung zu Algerien. Wieso wird er der neue Seher?

Die Djinn gegen Präsident de Gaulle

Damit kommen wir zu jenem Punkt, an dem auch den gutwilligen Zuschauer die Geduld verlässt. „Drehbuchschwäche“ und „Film-Phantastik“ sind quasi Synonyme. Wir sind viel Kummer gewohnt sowie geneigt, im Zweifel für den Angeklagten zu stimmen. Die Martins, die nicht nur gemeinsam Regie führten, sondern auch das Drehbuch schrieben, überspannen den Bogen allerdings, bis er bricht. Um dies zu erläutern, komme ich leider nicht umhin, ein wenig zu spoilern. Wer also „Djinn“ noch nicht gesehen hat und ahnungslos bleiben möchte, überspringe die nächsten beiden Absätze. Andererseits mögen einige offene Worte bei jenen Zuschauern für Klarheit sorgen, die sich immer noch ratlos am Kopf kratzen, nachdem das magische Wort „Ende“ längst an ihnen vorbeigeflimmert ist.

Also: Michel sieht nicht nur Geister, sondern hat auch Visionen. Die Djinn geben sie ihm – wieso auch immer – ein. Sie wissen offenbar, was in den durch die Wüste geschleppten Geheimdokumenten angekündigt wird: Die Franzosen wollen genau dort, wo die Djinn hausen, eine Atombombe testen. Wenn sie den Koffer mit dem von Präsident de Gaulle unterzeichneten Zündungsbefehl verschwinden lassen, wird dieser Test abgesagt – so denken jedenfalls die Djinn, die erstaunlich informiert über moderne Nuklearwaffen scheinen. Oder wollen sie die Presse informieren?

Wenn schon nicht die Geister, so sollten wenigstens die Drehbuchautoren wissen, wie blödsinnig dieser ‚Plan‘ ist. Folgerichtig explodiert auch im Film am 13. Februar 1960 die Bombe. Immerhin konnte Neu-Seher Michel die Zitadelle evakuieren, die ebenfalls in ihre Atome zerblasen wird. Wie es den Djinn ergeht, erfahren wir nicht.

Dieses merkwürdige, kontraproduktive und – sagen wir es offen – alberne Ende ist völlig überflüssig. Dem vorgeblich schockierenden Schlusstwist opfern die Martins die bisher leidlich gewahrte Glaubwürdigkeit des Geschehens. Sie wissen wohl wie, aber sie wissen nur bedingt, was sie erzählen wollen. Somit bleibt diese ehrgeizige, etwas andere Geistergeschichte im Mittelmaß stecken. (Freilich erging es Daniel Myrick mit „Operation Desert“ ebenso – aber das ist ein Übel, das dieser Rezensent an anderer Stelle beklagt …)

DVD-Features

Es ist kein gutes Zeichen, wenn ein „Making of“ oder ein Bericht über Spezialeffekte interessanter als der Hauptfilm sind. In unserem Fall darf man dankbar über diese Extras sein. Sie stimmen versöhnlich und bleiben erfreulich kurz.

Wer der französischen Sprache mächtig ist, findet in Schrift und Clip reichhaltiges Infomaterial auf dieser Website.

[md]

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