Don’t Be Afraid of the Dark

Originaltitel: Don’t Be Afraid of the Dark (USA/Australien/Mexiko 2010)
Regie: Troy Nixey
Drehbuch: Guillermo del Toro u. Matthew Robbins
Kamera: Oliver Stapleton
Schnitt: Jill Bilcock
Musik: Marco Beltrami u. Buck Sanders
Darsteller: Katie Holmes (Kim Raphael), Guy Pearce (Alex Hurst), Bailee Madison (Sally), Jack Thompson (Harris), Julia Blake (Mrs. Underhill), Alan Dale (Charles Jacoby), Trudy Hellier (Evelyn Jacoby), Garry McDonald (Emerson Blackwood), Terry Kenwrick (Bill), David Tocci (Arbeiter), Lance Drisdale (Polizist), Nicholas Bell (Psychiater) u. a.
Label/Vertrieb: Studiocanal
Erscheinungsdatum: 03.05.2012
EAN: 4260041334793 (DVD) bzw. 4260041334809 (Blu-ray)
Bildformat: 16 : 9 (1,85 : 1, anamorph)
Audio: Dolby Digital 5.1 (Deutsch, Englisch)
Untertitel: Deutsch
DVD-Typ: 1 x DVD-9 (Regionalcode: 2)
Länge: 95 min. (Blu-ray: 98 min.)
FSK: 16

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Das geschieht:

Mit seiner neuen Lebensgefährtin Kim Raphael arbeitet Architekt Alex Hurst an der aufwändigen Renovierung von Blackwood Manor, einem abgelegenen Landsitz im neuenglischen US-Staat Rhode Island. Das düstere Haus stand leer, seit dort vor einem Jahrhundert Lord Blackwood, ein berühmter Maler, und sein kleiner Sohn spurlos verschwanden.

Zu dem beschäftigten Duo stößt Sally, Alex‘ achtjährige Tochter aus seiner gescheiterten Ehe. Das Mädchen ist schwermütig und soll durch den Ortswechsel auf andere Gedanken kommen. Tatsächlich ist Sally wütend über den Umzug und lässt dies besonders an Kim aus. Aus diesem Grund ist sie leicht zu manipulieren, als Stimmen aus dem Heizungsschacht ertönen, deren noch unsichtbare Verursacher sich als ihre Freunde bezeichnen und Sally bitten, in den Keller des Hauses zu steigen.

Dort steht ein alter, sorgfältig verschlossener Ofen, der in eine tief unter der Erde gelegene Höhle mündet. Sie ist das Lager einer Kolonie von Kobolden, die sich hierher vor den Menschen in Sicherheit gebracht haben: Einst wurden die Wesen vertrieben, weil sie Kannibalen sind und Menschen entführen, um sie in Ihresgleichen zu transformieren. Auch Lord Blackwood ist nun ein Kobold und sogar der Anführer der Meute, der es gelingt, Sally zu überreden, den Ofen zu öffnen und sie herauszulassen.

Nun haben sie es auf das Mädchen abgesehen, das rasch begreift, was die falschen ‚Freunde‘ planen. Leider wollen weder Alex noch Kim ihr Glauben schenken, wofür die Kobolde geschickt sorgen. Nur der ortsansässige Handwerker Harris kennt das Geheimnis von Blackwood Manor. Nachdem ihn die Kreaturen auf grässliche Weise zum Schweigen gebracht haben, können sie im Inneren des riesigen Hauses frei umgehen. Die Jagd auf Sally ist eröffnet, und sie wird zunehmend erbarmungsloser …

Keine Geister, sondern Kobolde

Über allem schwebt Guillermo del Toro; angesichts seines beträchtlichen Körpergewichts ist dies ein etwas groteskes Bild, aber es passt gut zu diesem Film, der quasi im Schatten seines Produzenten und Drehbuch-Mitautoren verharren muss. Dank „Hellboy“ oder „Pans Labyrinth“ genießt del Toro einen Ruf, der den des eigentlichen Regisseurs Troy Nixey – der mit „Don‘t Be Afraid …“ sein Spielfilm-Debüt gibt – weit überragt.

So etwas macht sich dort negativ bemerkbar, wo mit dem Namen allzu hohe Erwartungen verknüpft werden. Ist del Toro – und sei es wie hier nicht als Regisseur – beteiligt, wird inhaltlich wie formal Überdurchschnittliches erwartet. In dieser Hinsicht muss „Don‘t Be Afraid …“ doppelt enttäuschen, denn dieser Film kann inhaltlich nur Mittelmaß und formal vor allem Routine bieten.

Ohne den del-Toro-Faktor wäre man darüber deutlich weniger enttäuscht oder unzufrieden. Zumindest hält sich „Don‘t Be Afraid …“ an den eingeschlagenen Kurs. Die Story folgt keiner fein gesponnenen Geistergeschichte, die vor allem über ihre Atmosphäre lebt, sondern bietet ein wahrhaft dämonisches Spektakel. Fiese Kobolde jagen ein kleines Mädchen, und dabei geht es kaum subtil, sondern actionreich und handfest zur Sache. Die explizite Erwähnung der Kobolde in dieser Besprechung ist deshalb kein Spoiler, denn die Kreaturen tauchen bereits früh in der Handlung auf, und die Kamera bemüht sich nur bedingt und bald überhaupt nicht mehr, sie im Halbdunkel zu halten. Sie sollen ja sichtbar sein, denn nur so können sie ihr Unwesen so treiben, wie del Toro es sich vorstellt.

Sie sind, wie sie sind: Kinder

Die Spannung entsteht auf einer anderen Ebene: Ein Kind wird mit dem Bösen konfrontiert. Wie wird es reagieren, zumal die Erwachsenen es quasi im Stich lassen? Kinder leben in ihrer eigenen Welt. Was eigentlich nur metaphorisch gemeint ist, wird gern wörtlich genommen. Dabei wird von einer ‚Unschuld‘ ausgegangen, die dem Kind – noch nicht geprägt und abgestumpft vom Alltag – eine Art zweites Gesicht zuspricht, das ihm ermöglicht, über die normalen Grenzen von Zeit und Raum zu blicken. Das Kind ‚weiß‘ außerdem noch nicht, weshalb es ‚glauben‘ kann. Diese Eigenschaft taugt zur Begegnung mit Geistern und anderen Wesen, die sich deshalb vor allem Kindern offenbaren.

Leider geht die Unschuld des Kindes mit einer latent gefährlichen Arglosigkeit einher: Manche Kreatur von ‚drüben‘ nutzt dies aus und instrumentalisiert das Kind, um sich – wie in unserem Fall – aus einer Gefangenschaft befreien zu lassen, die aus guten Gründen besteht. Plötzlich wird eine zweite Konstante offenbar: Kinder sind machtlos in einer Welt, die von Erwachsenen regiert wird, die es ‚besser wissen‘. Der Kobold der Gegenwart hat einen unerwarteten Verbündeten: den Psychiater, der Sallys Heimsucher für seelische Notrufe eines scheidungsgestörten Kindes hält und das Problem mit Medikamenten angeht. Sally wird zunehmend in eine Parallelwelt abgedrängt. Dort führt sie verzweifelt Krieg gegen ihre Peiniger.

Die Konfrontation des Kindes mit dem Schrecken hat del Toro mehrfach thematisiert. Meisterhaft ist ihm dies vor allem in „The Devil‘s Backbone“ (2001) und „Pans Labyrinth“ (2006) gelungen, wo zur übernatürlichen Heimsuchung die Begegnung mit dem vom Menschen generierten Grauen kam. Diese Ebene fehlt in „Don‘t Be Afraid …“ fast völlig; sie lebt höchstens in der (allerdings horrorfilmtypischen und klischeepenetranten) Ignoranz fort, mit der Alex die Nöte seiner Tochter fehldeutet.

Sie sind, wie sie sind: Kobolde

Findet man sich damit ab, dass „Don‘t Be Afraid …“ eher „Blade II“ als „Pans Labyrinth“ ist, bereitet die wilde Hatz durch ein altes, unübersichtliches Haus größeres Vergnügen. Die Kobolde sind ganz von dieser Welt, auch wenn sie sich in den Untergrund zurückziehen mussten, nachdem sie – in den USA noch vor den Indianern – den ihnen zahlenmäßig und waffentechnisch überlegenen Siedlern in die Quere kamen. (In Europa schlossen sie im Jahre 999 einen Geheimpakt mit Papst Silvester II. und schworen in Sachen Kidnapping & Kannibalismus Zurückhaltung.)

Del Toro orientierte sich hier an alten Sagen, die Ende des 19. Jahrhunderts vom walisischen Schriftsteller Arthur Machen (1863-1947) ‚modernisiert‘, d. h. als Realität in die gegenwärtige Alltagswelt integriert wurden. Vor allem in „Der große Gott Pan“ (1894) und „Die weißen Gestalten“ (1906) definierte Machen dieses Nebeneinander von realer und phantastischer Welt. Als „kleines Volk“ sind Kobolde oder auch Feen mythologisch verschlüsselte Intelligenzwesen, die in der Vorzeit die Erde beherrschten. Den Menschen betrachten sie sowohl als Feind als auch als Beute, was die Begegnung mit ihnen gefährlich macht.

Schon in „Hellboy“ gab del Toro seiner Affinität zum „Cthulhu“-Kosmos des H. P. Lovecraft (1890-1937) Ausdruck. Blackwood Mansion steht in Neuengland, wo viele Lovecraft-Gruselgeschichten spielen. Die Gestalt der Kobolde erinnert darüber hinaus sehr an „Brown Jenkins“, den rattenhaften Helfergeist der Hexe Keziah Mason, der in einer der berühmtesten Lovecraft-Erzählungen („The Dreams in the Witch House“, 1933; dt. „Träume im Hexenhaus“) sein Unwesen trieb.

Diät-Drehbuch aber Augenschmaus

Ein Budget von 25 Mio. Dollar gilt im Zeitalter megalomanisch überteuerter Blockbuster als Taschengeld. Die meisten Horrorfilme müssen jedoch deutlich kostengünstiger produziert werden. Ein gutes Drehbuch kann dies ausgleichen, doch sichtbar wird es allemal.

In diesem Punkt kann das Team hinter „Don‘t Be Afraid …“ mit Recht stolz auf sich sein. Aus jedem Dollar wurde der letzte Cent gequetscht und sein Gegenwert auf die Leinwand gebracht. Jederzeit wirkt dieser Film wesentlich ‚teurer‘. Ort des Geschehens ist und bleibt Blackwood Mansion (das eigentlich in Australien steht, denn dort wurde „Don‘t Be Afraid …“ gedreht.) Die Kulissen sind großzügig und gleichzeitig sorgfältig ausgeklügelt, um der Handlung unterworfen zu werden. Details wie die großzügig angelegten Heizungsschächte oder die verschiebbaren Buchregale in der Bibliothek sind kein Selbstzweck. Der getriebene Aufwand kommt durch die überdurchschnittliche Bild- und Tonqualität verdient zur Geltung.

Die Lichtsetzung ist bemerkenswert, und die Kamera scheint schwerelos. Sie sickert durch Mauern und Gittertüren, schlängelt sich rasant durch enge Rohre, blickt aus einem Wasserbecken voller Fische auf die Darsteller. Diese Effekte sind mehr als Spielerei; sie unterstreichen die zunächst nur Sally und dem Zuschauer mögliche Differenzierung zwischen dem ‚realen‘ und dem ‚phantastischen‘ Blackwood Manor. Vor allem in den Gartenszenen fühlt man sich in das märchenhafte aber unterschwellig durchaus bedrohliche Labyrinth des Pan versetzt.

Quecksilbrige Kobolde gegen steife Darsteller

Da sich „Don‘t Be Afraid …“ schon früh auf die Kobolde konzentriert und dabei keineswegs auf Andeutungen beschränkt, steht und fällt die Glaubwürdigkeit des Films mit der Glaubwürdigkeit der Kreaturen. Natürlich sind es CGI-Gestalten, die durch das Bild huschen. Oft sieht man das auch, aber öfter wirken sie erschreckend lebensecht, selbst wenn das verhasste Licht direkt auf sie fällt. Diese Kobolde sind überhaupt nicht ‚niedlich‘. Ihre geringe Größe kompensieren sie durch massenhaftes Auftreten und Intelligenz – sie haben keine Probleme mit der Bedienung eines Garagentoröffners oder bei der Sabotage der Stromversorgung.

Damit schlagen sie sich deutlich besser als die meisten menschlichen Darsteller. Diese bleiben auf stereotype Rollenbilder festgelegt: der übereifrige Vater, die überforderte Freundin, der anspruchsvolle Geldsack, die mütterliche Haushälterin, der brummige Handwerker … Allen gemeinsam ist eine Blindheit, die angesichts der Dreistigkeit, mit der die Kobolde durch Blackwood Manor toben, nur ärgerlich wirkt. Selbstverständlich misslingen die simpelsten Handgriffe stets dann, wenn im Hintergrund bereits ein Unhold lauert. Wie üblich unterlasse man die Frage nach der Handlungslogik. (Es gibt exakte Pläne vom Haus, aber der riesige Keller ging trotzdem irgendwie ‚verloren‘ und findet sich nur zufällig; beim Kampf in der Bibliothek verliert ein Kobold einen Arm, der folgenfrei auf dem Boden übersehen wird; Handwerker Harris torkelt dreivierteltot aus dem Keller, wobei ihm überall Werkzeuge aus dem Körper ragen – das wird als ‚Arbeitsunfall‘ eingestuft.)

Eine außerordentlich glückliche Hand bewiesen Regisseur Nixey und Produzent del Toro bei der Besetzung der Hauptrolle. Jungschauspieler können auch mit einem guten Drehbuch Schreckliches anstellen, denn nichts ist offenbar schwieriger als die glaubhafte Darstellung eines Kindes durch ein Kind. Bailee Madison ist ein echtes Talent, weshalb sie, zum Zeitpunkt der Dreharbeiten gerade zehnjährig, bereits in mehr (und oft besseren) Filmen mitgespielt hat als Katie Holmes. Hier sehen wir wirklich ein Kind und keinen Disney-Roboter agieren. Um Sally kann und will man bangen, während beispielsweise den vernagelten Vater Alex ruhig die Kobolde holen könnten.

Die sorgen nach dem obligatorisch turbulenten Finale immerhin für einen Schlusstwist, der zumindest jene überrascht, denen die TV-Erstverfilmung von 1973 unbekannt ist. Am Ende ist eben nicht alles gut – damit klingt ein ansehnlicher, zur angenehmen Abwechslung splatterfreier aber konventioneller Film wenigstens ansatzweise widerborstig aus.

DVD-Features

Die kümmerlichen Extras wurden wieder einmal gestückelt, um sie umfangreicher wirken zu lassen. Kurze „Making-of”-Featurettes beleuchten die Themen „The Blackwood‘s Mansion”, „The Story” und „The Creatures”, wobei kurze Ausschnitte aus dem Film mit meist belanglosen Äußerungen der Verantwortlichen zusammengeschnitten werden. Viele gegenseitige Beweihräucherungen ergeben die üblichen Interviews, und dann gibt es noch einen Trailer.

Website zum Film

Diese Website ist hübsch gestaltet. Hier kann der Betrachter durch das Innere von Blackwood Manor streifen, muss diverse Gegenstände einsammeln, stößt dabei auf Links, hinter denen Infos über die Story, die Schauspieler oder die Filmcrew liegen und kann sich schließlich im geheimen Keller den Kreaturen stellen.

[md]

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