Dying Breed

Originaltitel: Dying Breed (Australien 2008)
Regie: Jody Dwyer
Drehbuch: Michael Boughen, Rod Morris u. Jody Dwyer
Kamera: Geoffrey Hall
Schnitt: Mark Perry
Musik: Nerida Tyson-Chew
Darsteller: Mirrah Foulkes (Nina), Leigh Whannell (Matt), Nathan Phillips (Jack), Melanie Vallejo (Rebecca), Bille Brown (Harvey/Rowan), Ken Radley (Liam), Elaine Hudson (Ethel), Sheridan Harvey (Katie), Peter Docker (Alexander Pearce), Sally McDonald (Ruth) u. a.
Label: Splendid Entertainment
Vertrieb: WVG Medien
Erscheinungsdatum: 24.04.2009 (DVD/Blu-ray) bzw. 17.04.2009 (2-Disc Special Edition)
EAN: 4013549873581(DVD) bzw. 4013549573580 (2-Disc Special Edition) bzw. 4013549273589 (Blu-ray)
Bildformat: 16 : 9 (1,85 : 1, anamorph)
Audio: Dolby Digital 5.1 (Deutsch, Englisch)
Untertitel: Englisch, Niederländisch
DVD-Typ: 1 x DVD-9 (Regionalcode: 2)
Länge: 88 min. (Blu-ray: 92 min.)
FSK: 18

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Das geschieht:

Seit ihre Schwester vor acht Jahren ertrunken in der Wildnis des tasmanischen Hinterlandes gefunden wurde, plagt sich Nina mit Schuldgefühlen. Nun möchte sie in genau das Dschungelnest reisen, in dem Ruth ein Jahr lebte. Vorgeblich plant Nina, deren Forschungen fortzusetzen und dem legendären Tasmanischen Tiger nachzuspüren, der im Westen der Insel angeblich seiner Ausrottung entgehen konnte. Tatsächlich will Nina klären, wie die Schwester zu Tode kam.

Begleitet wird sie von ihrem Lebensgefährten Matt, seinem Kumpel Jack und dessen Freundin Rebecca. Während die beiden Frauen sich auf Anhieb verstehen, sorgt der großmäulige Jack für Unruhe in der Gruppe. Mühsam rauft man sich zusammen und erreicht endlich das Ziel, ein verkommenes Loch, dessen degenerierten Bewohner sich stolz auf ihren Vorfahren berufen: Alexander Pearce war ein Sträfling, der Anfang des 19. Jahrhunderts aus dem Gefängnis entkam, seine Verfolger tötete, in der Inselwildnis als Kannibale sein Unwesen trieb und diesen üblen Ort gründete.

Die Einheimischen wissen eindeutig mehr über das Schicksal von Ninas Schwester, als sie öffentlich gemacht sehen wollen. Gewarnt aber unbelehrbar zieht das Quartett mit dem Boot und dann zu Fuß in jenen Teil des Waldes, den Ruth einst auf Tigerspuren untersuchte. Tatsächlich stoßen sie schon in der ersten Nacht auf das scheue Tier. Unglücklicherweise werden auch sie gefunden: Jene Nachfahren des alten Pearce, die nach vielen Jahrzehnten der Inzucht so mutiert sind, dass sie sich im Schatten der Bäume verbergen müssen, wittern endlich wieder frisches Menschenfleisch. Die Jagd ist eröffnet – und wer nicht gefressen wird, ist für die Nachzucht neuer Hinterwäldler eingeplant …

Wischiwaschi-Horror in feuchter Umgebung

Natürlich weiß der oft geprüfte Freund des Horrorfilms, dass ein guter Einfall, ein  ungewöhnlicher Drehort und sogar gut aufgelegte Schauspieler keine eindringliche oder wenigstens unterhaltsame Genre-Kost garantieren. Man hofft trotzdem immer wieder – so wie in diesem Fall, denn die Ausgangsstory ist vielversprechend, die Kulisse atemberaubend, und hinter der Kamera steht jemand, der seinen Job wirklich versteht.

Dann geschieht knapp eine Stunde kaum etwas, bevor die Handlung plötzlich in gänzlich banalen Horror umschlägt – Backwood-Horror zumal, zu dessen Konzept Primitivität und Eindimensionalität quasi naturgegeben gehören. Regisseur und Drehbuch-Mitautor Jody Dwyer müht sich mächtig, seiner Gruselmär einen philosophischen Unterbau zu zimmern, indem er das Schicksal des Tasmanischen Tigers mit dem der Nachfahren des Sträflings Pearce analogiehaft in Beziehung setzt: Der abgelegene Winkel, in den es unsere vier unglücklichen Möchtegern-Forscher verschlägt, wird bei Dwyer zum Refugium für zwei sterbende Arten, die nur überleben wollen und dabei in die Rolle des Bösewichts gedrängt werden, der sie nicht mehr entfliehen können.

Spätestens beim Auftritt des eindringlich in den Urschleim zurücksinkenden Rowan geraten solche Intentionen in Vergessenheit. Überraschungsarm triumphieren bekannte Klischees: schlammige Wälder, morsche Hütten, faulige Gebisse, inzestuös verzerrte Gesichtszüge sowie als optische Dauerbrenner von Fliegen wimmelnde Schlachtbänke, kakerlakige Stink-Toiletten und schimmelige Vorratskammern. Äxte kreisen, Schädel werden gespalten, und stets steht nur die Zensur eine Scherenklinge breit zwischen den Unterleibern hübscher, junger, fruchtbarer Hauptdarstellerinnen und den Fortpflanzungstrieben abscheulicher, verkommener, geiler Hinterwäldler.

Form schlägt Inhalt

Schade, denn „Dying Breed“ ist Dutzendware in schmuckem Gewand. Regisseur und Kameramann haben sichtlich den Willen und das Talent, ihre Geschichte in einer sorgfältig entworfenen Bildsprache zu erzählen. „Dying Breed“ ist keine Studio-Produktion. Gedreht wurde vor allem in den Weiten des Dandenong Ranges National Park im südaustralischen Bundesstaat Victoria, aber auch auf der Insel Tasmanien selbst. Die Landschaft ist grandios; ein feuchter, wuchernder Regenwald, der für den Film in eine lebensfeindliche, beinahe tot wirkende Falle verwandelt wurde. Dem Bild werden die Primärfarben weitgehend entzogen, bis der Wald nicht mehr grün, sondern grau wirkt. Ständig versteckt sich die Sonne hinter dichten Wolken. Tasmanien liegt in einer subtropischen Klimazone; es kann hier durchaus kühl werden, und der August, in dem unsere vier Abenteuer unterwegs sind, ist auf der Südhalbkugel ein Wintermonat.

Der Dreck, in dem unsere Hinterwäldler hausen, ist also nicht ausschließlich hausgemacht. Die Landschaft prägt ihre Bewohner, suggeriert uns Dwyer erfolgreich. Mühsam aber stolz auf ihre fragwürdige Herkunft und ihre Zähigkeit fristen sie in der Abgeschiedenheit ihr Dasein. Deshalb wirkt der Einbruch der Städter umso empörender. Der hochmütige Jack ist definitiv eine Zumutung, aber auch der gutmütige Matt und die beiden Frauen können ihren Schrecken, ihre Belustigung und ihre Abscheu angesichts der primitiven Waldmenschen nicht völlig verhehlen. Auf diese Weise besiegeln sie ihr Schicksal.

Schauspieler sind besser als Darsteller

Für seinen zwar kostengünstig entstandenen aber niemals billig wirkenden Film konnte Jody Dwyer Schauspieler engagieren, die diese Berufszeichnung tatsächlich für sich beanspruchen dürfen. Nathan Phillips („Wolf Creek“) und Leigh Whannell („Saw“ bzw. „Saw III“) können sogar einen gewissen Horror-Ruhm, mindestens aber Genre-Erfahrung geltend machen. Bille Brown ist nicht nur in Kino und Fernsehen präsent, sondern auch ein gestandener Shakespeare-Mime, der sich nicht zu schade ist, Filme wie „Dying Breed“ durch seine Darstellungskunst zu bereichern. Mirrah Foulkes und Melanie Vallejo sind zwar hübsch, bleiben aber nicht auf die undankbare Rolle des dumm-geilen Monsterfutters beschränkt, sondern legen eigene Charaktere an den Tag.

Die gebotenen Leistungen honoriert der Zuschauer umso kräftiger, als die Figuren im Grunde allesamt unsympathisch sind, was die Hinterwäldler ebenso einschließt wie unsere vier angeblichen Helden. Jack ist ein Großkotz, Matt ein Duckmäuser, Rebecca wirkt zu klug, um auf einen Depp wie Jack hereinzufallen, und Nina ist eine viel zu ernsthafte Langweilerin.

Blut muss (sichtbar) fließen

Zwar ist „Dying Breed“ kein Splatter, doch wenn gemetzelt wird, dann flüchtet sich Dwyer nie in die künstlerische Verblendung entsprechender Bluttaten. Folgerichtig wird gezeigt, was sich mit einer kräftig geschwungenen Langaxt anrichten lässt, werden Lippen und Frauenzehen ab- oder Kehlen durchgebissen. Diese drastischen Szenen wirken selten selbstzweckhaft, sondern sind Teil dieser seltsamen und schaurigen Geschichte.

Generell unterstreichen die durchaus zahlreichen Spezialeffekte die Handlung. Das tun sie so geschickt, dass sie als solche selten auffallen. (Die nur bedingt gelungenen Brückenstürze seien hier beispielshaft genannt.) Der Anblick des digital reanimierten Tasmanischen Tigers lässt sogar Wehmut angesichts der Erkenntnis aufkommen, dass dieses prachtvolle Tier ausgerottet wurde. Solche Szenen sind es, die mit einem Film versöhnen, der viele gute Ansätze zeigt, von denen die meisten in Routine versanden, bis nur solides Mittelmaß bleibt. Davon liefert uns freilich Hollywood mehr als genug.

Requiem für einen armen Teufel

Die Vergangenheit kann Blut in Gold verwandeln: Die Leiden und Untaten des Alexander Pearce liegen so lange zurück, dass sie publizistisch und touristisch vermarktet werden können. Schön schaurig ist in der Tat die Geschichte: 1790 in Irland geboren, stahl der Farmarbeiter Pearce 1819 sechs Paar Schuhe. Er wurde gefasst und auf die südlich vor der australischen Küste gelegene Insel Tasmanien (noch „Van Diemens Land“ geheißen) deportiert, die der Regierung (Irland gehörte damals zum britischen Empire) von 1788 bis 1868 als Sträflingskolonie diente.

Bald nach seiner Ankunft gelang Pearce der Ausbruch. Zusammen mit anderen Flüchtlingen schlug er sich durch den unbesiedelten Westteil Tasmaniens. Er allein überlebte diese Tortur, indem er seine Gefährten tötete und verzehrte. Dies gab er zu, als er gefasst wurde, doch man glaubte ihm nicht. Pearce flüchtete ein zweites Mal; auch dieses Mal brachte er einen Häftling um. Fleischreste wurden bei ihm gefunden, als man ihn erneut aufgriff. Als Mörder und Kannibale wurde Pearce am 19. Juli 1824 in Hobart gehenkt.

Seine Geschichte wurde oft und gern erzählt. Anfang des 21. Jahrhunderts herrscht sogar Pearce-Hochkonjunktur: 2008 inszenierte Michael James Rowland an den tasmanischen Originalschauplätzen „The Last Confession of Alexander Pearce”, ein für das Fernsehen gedrehtes Dokumentar-Drama, das mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet wurde. 2009 erzählte Jonathan auf der Heide in „Van Diemen’s Land“ die Geschichte von Pearces erstem Ausbruch 1822 nach.

Requiem für einen armen Tiger

Er war weder ein Tiger noch ein Wolf, dieser Tasmanische Tiger oder Beutelwolf (Thylacinus cynocephalus), sondern ein schäferhundgroßes Raubtier, das die ökologische Nische dieser beiden Tierarten in Australien besetzte, wo es vor der Ankunft des Menschen weder Katzen noch Hunde gab. Zu seinem Pech vergriff sich der Beuteltiger (so genannt wegen des am wuchtigen Hinterteil gestreiften Fells) am Kleinvieh und (angeblich) an den Schafen der Siedler. Damit galt er als „Schädling“, der ausgerottet gehörte; ein Vorhaben, das in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts energisch in Angriff genommen wurde.

Schnell war der „Tiger“ in Australien verschwunden. Ein wenig länger konnte er sich in den unzugänglichen Regionen der Insel Tasmanien halten. Hier schlug sein Stündchen 1930, als der letzte frei lebende Beuteltiger getötet wurde. Sechs Jahre später starb im Zoo von Hobart das letzte sicher belegte Exemplar dieser Tierart.

Sobald er verschwunden war, wurde er schmerzlich vermisst. Der Beuteltiger ist zum Mythos geworden. Sein angebliches Erscheinen an unwirtlichen Stellen Tasmaniens zeugt vom Wunsch, die Ausrottung ungeschehen zu machen. Seit 1936 werden Spuren gesichert, Kotproben gesammelt und verschwommene Fotos geschossen. Nie konnte indes ein Überleben bewiesen werden, sodass es dem Tasmanischen Tiger letztlich wohl doch wie Alexander Pearce erging.

DVD-Features

Während sich der Besitzer der Einzel-DVD mit einem informativen (und hilfreich deutsch untertitelten) Audiokommentar des Regisseurs zufrieden geben muss, werden Zuschauer, die tiefer in die Tasche und zur „2-DVD Special Edition“ bzw. zur Blu-ray-Pressung greifen, zusätzlich mit einem „Making Of“, einer (!) „Deleted Scene“ und den üblichen aussageschwachen ‚Interviews‘ behelligt: überflüssiges Beiwerk, das die Mehrausgabe keineswegs lohnt.

Was allerdings in jedem Fall bleibt, ist ein auch in den zahlreichen Dunkel- und Dämmer-Szenen ausgezeichnetes Bild, dessen Wirkung ein klangvoller Ton eindrucksvoll unterstreicht.

[md]

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