Eddie the Sleepwalking Cannibal

Originaltitel: Eddie: The Sleepwalking Cannibal (Kanada/Dänemark 2012)
Regie: Boris Rodriguez
Drehbuch: Jonathan Rannells u. Boris Rodriguez
Kamera: Philippe Kress
Schnitt: Sara Bøgh
Musik: David Burns
Darsteller: Thure Lindhardt (Lars Olafssen), Dylan Smith (Eddie), Georgina Reilly (Lesley), Alain Goulem (Harry), Stephen McHattie (Ronny), Peter Michael Dillon (Charles), Paul Braunstein (Sheriff Verner), Corey Charron (Student), Alexis Maitland (Nancy) u. a.
Label/Vertrieb: EuroVideo
Erscheinungsdatum: 09.08.2012
EAN: 4009750205761 (DVD) bzw. 4009750395349 (Blu-ray)
Bildformat: 16 : 9 (2,35 : 1, anamorph)
Audio: Dolby Digital 5.1 (Deutsch, Englisch)
Untertitel: keine
DVD-Typ: 1 x DVD-9 (Regionalcode: 2)
Länge: 79 min. (Blu-ray: 83 min.)
FSK: 16

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Das geschieht:

Einst galt der dänische Maler Lars Olafssen als kommender Star, doch dann verlor er seine Inspiration. Zum großen Ärger seines Agenten Ronny, dem dadurch viel Geld entging, zog sich Lars völlig zurück. Um ihn endlich aus seiner Isolation zu locken, konnte Ronny ihn jetzt überreden, in einer kanadischen Kunstakademie als Dozent anzufangen.

Koda Lake ist ein Nest irgendwo in der Wildnis. Die Schule wird zwar gut besucht, steht aber trotzdem am Rand des Ruins. Nur die großzügigen Spenden einer Gönnerin konnten dies bisher verhindern. Dafür musste sich der Lehrkörper allerdings ihres Neffen annehmen: Der bärenhafte Eddie ist ein wenig zurückgeblieben, seit er als Kind ansehen musste, wie die Mutter versehentlich unter einen Rasenmäher geriet.

Um die junge und hübsche Kollegin Lesley zu beeindrucken, nimmt Lars Eddie in seiner Hütte auf. Man hat ihm allerdings verschwiegen, dass Eddie unter Stress zu schlafwandeln und dabei allerlei Getier zu jagen und verspeisen pflegt. Lars behält dies für sich, als er merkt, dass ihn der Anblick der zerfetzten Überreste künstlerisch anregt. Er beginnt wieder zu malen und sorgt dafür, dass Eddie seinen nächtlichen Umtrieben weiterhin frönen kann.

Dummerweise gerät die Sache außer Kontrolle, denn Eddie beginnt sich bald auch an Menschen zu vergreifen. Für Lars ist dieser Kick freilich noch größer, seine Produktivität steigert sich. Solange er die Spuren von Eddies Fressorgien beseitigen kann, kann er sich über sein Comeback freuen. Allerdings sitzt ihm der notorisch misstrauische Sheriff Verner im Nacken, der sich seine Gedanken über das spurlose Verschwinden allzu vieler Mitbürger macht. Zu allem Überfluss will Lars nicht mehr nur Zuschauer sein, wenn Eddie außer Rand & Band gerät: Wie gut könnte er malen, wenn er selbst zum Mörder würde …?

Auf zwei Kontinenten gleichermaßen fremd

Die Kunst, eine tatsächlich witzige Horror-Komödie zu gestalten, ist mindestens so selten wie die Entstehung eines großen Kunstwerks. Regisseur und Drehbuch-Mitautor Boris Rodriguez stellt es im hier vorgestellten Film unfreiwillig aber überzeugend unter Beweis, denn nachdem der Zuschauer verfolgt hat, was ihm glücklicherweise nur in relativ kurzer Laufzeit vorgesetzt wurde, wird er in 9 von 10 Fällen zu dem Schluss kommen, dass der Löwenanteil des aufgebrachten Humors gleichteilig in die Formulierung des Filmtitels und in die Gestaltung des Film-Covers geflossen ist.

Inhaltlich geht es dagegen unterkühlt zu. Liegt es an der Entstehung in gleich zwei besonders winterkalten Ländern? Eine kanadisch-dänische Koproduktion nährt ohnehin sinistere  Verdachtsmomente: Wie anders als finanziell lässt sich die Zusammenarbeit solch seltsamer Partner erklären?

Damit hätten wir immerhin das Rätsel gelöst, wieso es einen kreativ ausgebrannten Maler aus Dänemark ausgerechnet nach Kanada verschlägt. Dort landet er ihn nicht in einen gruseligen sowie brüllkomischen Splatter, sondern in einer Komödie der eher leisen Art, die auch Buddy-Movie und Liebesgeschichte ist und in der daraus resultierenden Unentschlossenheit sehr europäisch wirkt: Nur ein paar Abstrakt-Umdrehungen mehr, und aus „Eddie the Sleeping Cannibal“ wäre lupenreines Arthouse-Kino geworden. Es hätte also schlimmer kommen können.

Leiden (lassen) für die Kunst

Tatsächlich gibt es eine Botschaft, die unter der oberflächlich vor allem bizarren Geschichte liegt: Rodriguez beschäftigt die alte Frage, wie weit Kunst gehen darf, die womöglich an keine Gesetze oder Regeln gebunden ist, wenn sie bisher fixe Grenzen des menschlichen Gestaltungstalents überschreitet.

Lars Olafssen ist ein Maler, den körperliche Gewalt, Blut und verstümmelte Körper beflügeln. So ist es schon gewesen, bevor er Eddie traf. Eine gelungene und für das spätere Geschehen wichtige Anfangsszene zeigt Lars, dem ein Hirsch vor den Wagen gelaufen ist; er will das verletzte Tier mit einem Stein erlösen – und schlägt ihm in zunehmender Erregung den Schädel zu Brei.

Somit ist Lars auf einer Flucht vor sich selbst, die – auch das verdeutlicht diese Szene – zum Scheitern verurteilt ist. Lars kann nicht mehr malen, was ihm psychische Qualen verursacht, die durch die Erwartung seiner allzu bewundernden Mitmenschen noch vergrößert werden. Für ihn stellen Leiden und Kunst eine Einheit dar, weshalb er regelrecht empört ist, dass Lesley ohne Schmerz Großes leisten kann. Lars ist außerdem ein Junkie und süchtig nach dem Rausch, der ihm eine Kreativitätsattacke beschert. Dies gibt den Ausschlag, den im Grunde harmlosen Eddie zu instrumentalisieren und zu missbrauchen. Immerhin ist Lars bereit, den Preis für seine Kunst zu zahlen.

Eddie wandelt durch die Nacht

Diesen quasi philosophisch unterfütterten Handlungsstrang meint Rodriguez mit komödiantischen Effekten aufpeppen zu müssen. So muss man wohl nennen, was auf diese Weise entstanden ist, denn witzig ist es wie schon erwähnt höchstens ansatzweise. Rodriguez schwebte vermutlich eine Schräge-Vögel-Komödie im Stil der Brüder Ethan und Joel Coen vor – eine Art „Fargo“ mit leichten Grusel-Elementen.

Doch zwischen den Coens und Boris Rodriguez ist noch viel Luft, die u. a. in ein Drehbuch strömte, das zwischen den Aufmerksamkeit weckenden Beginn und dem turbulenten Finale einen oft leerlaufenden Mittelteil setzt. Zumindest so, wie Rodriguez und Jonathan Rannells ihre Geschichte erzählen, wäre sie in einem Kurzfilm besser aufgehoben.

Zwischen schwarzem Humor und Klamauk machen die Autoren bedauerlicherweise kaum einen Unterschied. Lars dabei zu beobachten, wie er einen toten Hasen hinter einem Motorschlitten herzieht, um Eddie an den Schauplatz des nächsten Mordes zu locken, ist höchstens komisch, weil Eddie trotz winterlichen Schneefalls nur mit Shorts ‚bekleidet‘ zu schlafwandeln pflegt: Verlorene Hosen garantierten schon im Slapstick der Stummfilm-Ära Lacher.

Nie ruht der Film als Ganzes in sich. Man merkt es paradoxerweise besonders dort, wo eine Szene die Routinen sprengt und tatsächlich ins Humorschwarze trifft. Sheriff Verners Schicksal ist ebenso grausig wie absurd und wird mit in einem grandiosen ‚Dialog‘, der über die laufenden Schlusstitel gelegt wird, auf eine unerwartet hohe Spitze getrieben.

Gestrandet am Ende der Welt

Kaum Negativ-Kritik ist an den Schauspielern zu üben. Profi Thure Lindhardt fügt sich harmonisch in das gelungen besetzte Gesamtensemble ein. Rodriguez hatte kein Geld für große Namen, was dieser Geschichte nur nützlich ist. Höchstens Stephen McHattie gibt wieder einmal den raubvogelgesichtigen, schon äußerlich erkenntlichen Schurken, wie er ihn in unzähligen B-Movies und TV-Serien-Episoden zu mimen pflegt.

Leider gibt es für die meisten Rollen nur eine rudimentäre Zeichnung. Sie sind ein wenig seltsam, aber wieso dies so ist, wird niemals deutlich, da Rodriguez es versäumt, Koda Lake als den merkwürdigen Ort zu charakterisieren, der er angeblich sein soll. Noch am besten vermittelt Paul Braunstein als wankelmütiger Sheriff Verner diesen Eindruck.

Eine Schwäche ist die Besetzung des Eddie mit Dylan Smith. Selbst wenn er nackt, blutüberströmt und mit einem Stück Menschenfleisch zwischen den Zähnen auftaucht, ist er nie bedrohlich. Zudem wirkt Eddies letzter und apokalyptischer Amoklauf schlecht motiviert und unlogisch. Dass er zeitgleich mit Lars‘ Evolution zum Mörder beginnt, nimmt ihm weitere Kraft. Was ist lustig daran, Eddie im Hintergrund kreischende Pechvögel verfolgen zu sehen, während Lars sich vorn an seine Opfer anschleicht?

Faktisch ist dies sowieso nicht die Geschichte von Eddie, sondern die von Lars Olafssen. Dies bestätigt eine Schlussszene, die das Geschehen als Ergebnis eines Komplotts neu interpretiert. Wiederum vermag dieser Twist nicht zu überzeugen; er wurde einer Story aufgepfropft, die sehr gut ohne ihn ihr Ende finden könnte.

Ein bisschen Blut muss sein

Wohl ebenfalls den Coens abgeschaut ist der Effekt, den Zuschauer im Rahmen eines eigentlich ruhigen Handlungsablaufs mit eruptiv kurzen Schocks zu konfrontieren, die umso intensiver wirken, weil man mit ihnen nicht rechnet. Noch einmal: „Eddie the Sleepwalking Cannibal“ ist kein ‚richtiger‘ Horror- und ganz sicher kein Splatter-Film. Dennoch gibt es einige Szenen, die in diese Richtung gehen. Offenbar meint Rodriguez den „Cannibal“ des Titels rechtfertigen zu müssen.

Wieder bremst er auf halber Strecke ab: Meist sieht man die Folgen von Eddies Wüten. Angefressene Körperteile liegen herum, die von einem angeekelt faszinierten Lars mit den filmüblichen Schwierigkeiten versteckt werden müssen und in den unpassendsten Momenten wieder auftauchen. Im großen Finale sehen wir Eddie sogar mehrfach zubeißen, doch auch dies geschieht fast ausschließlich im Halbdunkeln – gut so, denn wir können trotzdem die grob gearbeiteten Kunstkörperteile erkennen.

Nichts Halbes, nichts Ganzes: In vier Worten lässt sich dieser Film ebenso lapidar wie vernichtend zusammenfassen. Einmal mehr konnte eine gute Idee nicht adäquat umgesetzt werden. Man sieht Eddie wüten und Lars lügen, schmunzelt manchmal und schaut auf die Uhr: Ist bald Schluss, sodass man noch einen wirklich guten Film anschauen kann?

DVD-Features

In Sachen Features zum Hauptfilm ist das Label EuroVideo traditionell zurückhaltend: Wieso ein Risiko eingehen und unnötig Geld für einen Film ausgeben, der nicht das Gelbe vom Ei bieten und trotz fleißig gerührter Werbetrommeln kein Massenpublikum finden kann? Also gibt es den Trailer und sonst nichts.

[md]

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