Erlöse uns von dem Bösen

Originaltitel: Deliver Us from Evil (USA 2014)
Regie: Scott Derrickson
Drehbuch: Scott Derrickson u. Paul Harris Boardman
Kamera: Scott Kevan
Schnitt: Jason Hellmann
Musik: Christopher Young
Darsteller: Eric Bana (Ralph Sarchie), Édgar Ramírez (Mendoza), Olivia Munn (Jen Sarchie), Joel McHale (Butler), Chris Coy (Jimmy), Sean Harris (Santino), Scott Johnsen (Griggs), Mike Houston (Nadler), Lulu Wilson (Christina Sarchie), Olivia Horton (Jane), Dorian Missick (Gordon), Daniel Sauli (Salvatore), Antoinette LaVecchia (Serafina), Aidan Gemme (Mario), Jenna Gavigan (Lucinda) uva.
Label/Vertrieb: Sony Pictures Home Entertainment
Erscheinungsdatum: 15.01.2015
EAN: 4030521736948 (DVD)/4030521736962 (Blu-ray)
Bildformat: 16 : 9 (2,40 : 1, anamorph)
Audio: Dolby Digital 5.1 (Deutsch, Englisch, Französisch, Spanisch) bzw. Dolby Digital 2.0 (Audiokommentar)
Untertitel: Deutsch, Englisch, Arabisch, Französisch, Niederländisch, Spanisch, Türkisch
DVD-Typ: 1 x DVD-9 (Regionalcode: 2)
Länge: 114 min. (Blu-ray: 118 min.)
FSK: 16

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Das geschieht:

Detective Ralph Sarchie ist der typische, d. h. für seinen Job lebende Cop, der in den Schlammgruben von New York City Strolche jagt. Dabei ist ihm sein „Radar“ behilflich – eine Art siebter Sinn, der ihm verrät, wo sich richtig Böses abspielt. Daran schließt zur Freude seines adrenalinsüchtigen Kollegen-Buddys Butler meist eine Verfolgungsjagd, Schießerei oder Prügelei an, die mit der Festnahme des Lumpen erfolgreich endet.

Über die Jahre hat sich Sarchies Jagdtrieb in Besessenheit verwandelt. Ständig schiebt er Überstunden und vernachlässigt darüber Gattin Jen und Töchterlein Christina, zu der sich bald eine Schwester gesellen wird. Aktuell hat sich Sarchie in den seltsamen Fall dreier Militär-Veteranen verbissen: Santino, Griggs und Jimmy stießen 2010 im Irak auf ein uraltes Grabmal. Dort geschah etwas, das sie in bösartige, brutale Zeitgenossen verwandelte, die sogar als Soldaten untauglich waren und deshalb unehrenhaft entlassen wurden. Nun hinterlassen sie an New Yorker Hauswänden kryptische Botschaften, deren Lektüre ihre Mitmenschen zu sinnlosen Gewalttaten aufstachelt.

Ratlos spüren Sarchie und Butler bizarren Bluttaten hinterher. Die flüchtigen Ex-Soldaten scheinen übernatürliche Kräfte zu besitzen. Aufklärung bietet der Jesuit Mendoza an, der sich aufgrund persönlicher Erfahrungen mit dem Bösen zum Exorzisten berufen fühlt. Selbstverständlich schenkt der abgebrühte Cop Sarchie der Theorie, nach der die drei Männer von Dämonen besessen werden, keinerlei Glauben.

Er wird eines Schlechteren belehrt, als es in seinem Haus umzugehen beginnt: Den Dämonen ist nicht entgangen, wer ihnen auf die Schliche kam. Sie fürchten Sarchies „Radar“, das diesen immer wieder dorthin führt, wo die Grusel-Geister gerade eine neue Tücke vorbereiten. Nun wollen sie Jen und vor allem Christina in ihre Gewalt bringen, um Sarchie zu erpressen: Er soll ihnen helfen, Portale zum Jenseits aufzustoßen, durch die das Böse endgültig auf diese Welt kommen kann …

Der ewige/ewiggleiche Kampf Gut gegen Böse

Am Anfang schuf der Christengott Himmel und Erde, wie uns das Alte Testament lehren möchte. Später gab es unter dem Rebellen-Engel Luzifer einen großen aber gescheiterten Aufstand. Die Aufständischen wurden auf die Erde gestürzt bzw. unter die Erde verbannt. Dort sitzen sie als Vertreter des „Ur-Bösen“ ohnmächtig fest, lauern aber auf ihre Chance, die Fesseln abzustreifen, um über die Welt zu kommen. Dort richten sie möglichst Schauerliches an, ohne dass sich dem Menschen dahinter ein Plan offenbart: Das Böse will nur zerstören.

Damit ist der metaphysische Hintergrund des hier vorgestellten Films prägnant zusammengefasst. Darüber mag sich der Zuschauer wundern, ist „Erlöse uns von dem Bösen“ doch scheinbar ein epischer Thriller, in dem die Krieger des Guten so viele wertvolle Gedanken über elementare Ethik und ihre Folgen im Hinterkopf wälzen bzw. miteinander diskutieren, dass es knapp zwei Stunden dauert, bis die Attacke des im Titel aufscheinenden Bösen abgewehrt ist.

Tatsächlich ist „Erlöse uns …“ ein Potpourri vielfach bekannter Horrorfilm-Effekte, deren überraschungsfreie und letztlich langweilige Reihung auf typische Jerry-Bruckheimer-Art übertüncht werden soll: Wozu Zeit auf eine Idee verschwenden, wenn Tempo, Flurschaden und Lärm für Unterhaltung sorgen können? Obwohl der Regisseur und Drehbuch-Mitautor Scott Derrickson heißt, drückte Produzent Bruckheimer dem Film seinen Stempel auf. Das Ergebnis teilt das Publikum in zwei unversöhnliche Hälften: Man kann „Erlöse uns …“ entweder lieben oder hassen. Eine Grauzone zwischen diesen Urteilen gibt es nicht.

Das Auge jagt mit

Dieser Rezensent gehört zu denen, die ohne Begeisterung blieben. Der Leser sollte dies berücksichtigen, denn es dürfte diesen Text (unterschwellig) prägen. Ausgleichend sollen deshalb die unbestritten positiven Aspekte zuerst zur Sprache kommen. Es ist gleichzeitig ein seltener Anlass, den Namen „Bruckheimer“ lobend hervorzuheben: Für Schauwerte sorgt er selbst dann, wenn er nicht selbst auf dem Regiestuhl sitzt! „Erlöse uns …“ ist zwar auch in dieser Hinsicht ohne Originalität, doch wurde das Bekannte ausgezeichnet variiert. 30 Mio. Dollar sind kein Budget für eine Großproduktion. Hier wurde jedoch jede Münze nach allen Regeln des Filmhandwerks und deshalb wirkungsvoll eingesetzt!

Klischeetypisch wird New York City als Großstadt-Moloch gezeigt. Selten hat man in letzter Zeit Film-Schauplätze gesehen, die mit geradezu perverser Liebe zum Detail als Höllenpfuhle hergerichtet wurden. Draußen ist es meist dunkel, und der Regen peitscht, innen führt der Weg unsere Helden in drastisch heruntergekommene Keller und Wohnlöcher, in denen Dreck, Schimmel und Kakerlaken noch die geringsten Widerlichkeiten darstellen.

Die Kamera leistet Beachtliches. Licht und Schatten werden wirkungsvoll eingesetzt, um wahrlich düstere Stimmungsbilder zu entwerfen. Selbst dämonenfreien Oasen – Kneipen, das Polizeirevier, selbst eine denkbar ungemütliche Kirche – werden gern klaustrophobisch eng und betont düster dargestellt. Höchstens Sargies Wohnung bildet eine Ausnahme. Sie repräsentiert den Schnitt, den der Cop selbst zieht: Daheim will er sich nicht an die Gräuel erinnern, denen er im Dienst begegnet. Diese Grenze wird von den Dämonen natürlich nicht respektiert, weshalb auch das Heim seine quasi magische Kraft verliert. (Der zynische Zuschauer fragt sich freilich, was Sargie so mächtig dorthin zieht, wo ihn die stetig über Vernachlässigung zeternde Gattin und das vorwurfsvoll mit den Augen kullernde Töchterlein erwarten. Doch der wahre Christ, zu dem sich Sargie dank Vater Mendoza allmählich zurückentwickelt, fühlt sich eben am wohlsten in einem Umfeld ewiger Selbstzweifel.)

Darsteller unter Dampf

Ralph Sargie ist nach eigener Auskunft ein Cop, der gern zulangt. Dies führte u. a. dazu, dass er im Dienst einen Mann erschlug und nur deshalb glücklich davonkam, weil sein Opfer ein Serienkiller der besonders widerlichen Art war. Wie es sich für einen geplagten aber im Grunde mustergültigen Helden gehört, macht Sargie die Erinnerung an seinen Ausraster zu schaffen. Das Klischee will es, dass die Dämonen hier den Ansatzpunkt finden, um ihren Gegner aus dem Gleichgewicht zu bringen. Deshalb muss Sargie erst ausgiebig mit sich selbst ringen und schließlich demonstrativ eine Beichte ablegen, um diesen Schwachpunkt zu eliminieren.

Dies zieht sich endlose Filmminuten hin, in denen seelische Nabelschau betrieben und Zeugnis abgelegt wird. Das ist objektiv fürchterlich, weil hölzern, bierernst und denkbar langweilig. Subjektiv bleibt es erträglich, weil sich wirklich gute Schauspieler ins Zeug legen, um diesem Mumpitz wenigstens ansatzweise Dramatik zu verleihen. Vor allem Eric Bana leistet Übermenschliches in seiner Rolle als rauer Cop mit weicher Schale und wundem Punkt. Er wirkt jederzeit glaubhaft und tritt mannhaft nicht nur gegen Dämonen, sondern auch gegen die wesentlich zahlenkräftigeren Klischees an. Bana ist harter Cop, ratloser Sucher, Zweifler und wiedergeborener Christ – ein schauspielerischer Parforceritt, der eine besser ausgedachte und umgesetzte Story verdient hätte.

Einigermaßen mithalten kann höchstens Joel McHale als durch die Polizeimarke gedeckte Kampfmaschine. (Das dürftige Drehbuch sorgt dafür, dass von Anfang an feststeht, dass Sargie irgendwann an seiner dämonengekillten Leiche knien und Schmerzschreie & Rachedrohungen ausstoßen kann.) Édgar Ramírez ist der übliche Exorzist zwischen Glaubenszweifeln und eiserner Entschlossenheit. Auf dass die Figur interessanter wirke, muss Mendoza ein Ex-Junkie sein, der heute Kette raucht, Alkohol trinkt und schönen Frauen hinterherschaut. Lange, ölige Locken und ein kunstvoll vernachlässigter Bart sorgen für lässigen Klischee-Chic.

Das Böse ohne Plan

Ein verhängnisvoller Schwachpunkt ist die eindimensionale Darstellung des Bösen. Derrickson kann sich nicht entscheiden. „Erlöse uns …“ ist lange ein typischer Polizei-Thriller, der sich der entsprechenden Genre-Elemente bedient. Die Schrecklichkeiten, auf die Sargie immer wieder stößt, entspringen allein Menschenhirnen. Sie sind so nachhaltig, dass Dämonen in diesem Umfeld höchstens ein weiteres unter vielen anderen Übeln darstellen.

Ohnehin bleiben Derrickson und Boardman schwammig in der Definition der Plage, die optisch ansehnlich aber ansonsten grundlos aus einem antiken Grab in die USA reist: Die Hölle hätte sich auch direkt in New York öffnen können, denn Dämonen sind Weltbürger. Dem „Ur-Bösen“ geht es grundsätzlich darum, Terror zu verbreiten. In dieser Hinsicht sind die Dämonen dieser Welt offensichtlich schlecht informiert: Die Menschheit benötigt keine Hilfe, um sich die Hölle auf Erden zu schaffen. Bliebe Sargie erfolglos, wären die Folgen nicht wirklich dramatisch: Jimmy, Santino und Griggs gingen in der Flut präsenter Finsterlinge einfach unter. Im Film unterstreicht dies unfreiwillig die Profilarmut des Bösen. Derrickson präsentiert es auf dem Niveau der 1970er Jahre. So erinnern die grindigen, narbigen, blutigen Dämonenbesessenen fatal an den Klassiker „Der Exorzist“ von 1971.

Überhaupt haben Derrickson & Boardman (& Bruckheimer) zum Dämonenhorror außer Geschwindigkeit und Getöse nichts beizutragen. Die Rechnung geht spätestens im Finale nicht mehr auf, das eher die Bezeichnung ‚Anti-Höhepunkt‘ verdient: Im Verhörraum des Polizeireviers exorzieren Sargie und Mendoza den Haupt-Dämon. Die Zeremonie wird als sechsstufig angekündigt und anschließend Schritt für Schritt durchgezogen. Das zieht sich ewig in die Länge und wird durch vordergründige Schauereffekte – die Fensterscheiben platzen, der Dämon verbiegt seinen Hals oder frisst sein eigenes Bein – keinesfalls interessanter.

Schließlich ist die Zeremonie abgeschlossen. Jetzt müsste etwas Unvorhergesehenes geschehen, das die Gefährlichkeit des Dämons unterstreichen würde. Stattdessen fährt dieser wirklich aus dem Körper seines Opfers aus – und Schluss! In einem Epilog sehen wir den zum Glauben zurückgekehrten Sargie, der von Mendoza seine zweite Tochter taufen lässt.

Aber so ist es doch gewesen!

Mit Szenen wie dieser setzt Derrickson auf die Bereitschaft eines Publikums, das „Erlöse uns …“ auch als ‚Dokumentation‘ begreift. Es gibt einen realen Detective Ralph Sarchie, der aufgrund diverser spiritueller Epiphanien umsattelte und Dämonenjäger wurde. 2001 veröffentlichte er zusammen mit einer Journalistin (die den schönen Namen Lisa Collier Cool trägt) seine einschlägigen Erinnerungen.

Unfug dieser Art kann durchaus Bestsellerstatus erreichen. In der Verfilmung erscheint dann der Hinweis „Nach einer wahren Begebenheit“, den nicht wenige Zuschauer als Qualitätssiegel (miss-) verstehen. Derrickson & Boardman haben sich weise darauf beschränkt, die Figur des Cops Sarchie sowie den Namen des Buches als Filmtitel zu übernehmen. Die Story hat mit dessen Inhalt höchstens versehentlich zu tun. Die Drehbuchautoren beinten aus, was ihrer Meinung nach eine spannende Geschichte ergeben würde. Die ausgewählten Teile ergeben zusammengewürfelt freilich keine Handlung, die volle zwei Stunden tragen könnte. Doch Längen gelten in Filmen „nach wahren Begebenheiten“ nicht als Patzer. Sie gaukeln eine detaillierte Darstellung der ‚Realität‘ vor, die nun einmal nicht nur aus spannenden Höhepunkten, sondern vor allem aus Routine besteht.

Als Regisseur und Autor hat Scott Derrickson bereits Erfahrung als Film-Exorzist. 2005 schrieb und inszenierte er „The Exorcism of Emily Rose“ („Der Exorzismus von Emily Rose“), 2012 „Sinister“. 2007 verschlimmbesserte er das Buch zu „The Messengers“, 2015 kam „Sinister 2“ in die Kinos; auch hier schrieb Derrickson nur am Drehbuch mit. Diesen Filmen ist gemeinsam, dass sie einerseits lang & langweilig aber andererseits höchst erfolgreich waren: Es gibt auch für verfilmten Blödsinn ein Publikum! Man findet es als treue Kundschaft einschlägiger TV-Sender, die ‚Dokumentationen‘ ausstrahlen, in denen Trolle & Tröpfe nicht mit Fußtritten davongejagt werden, sondern lang & breit über Begegnungen mit Bigfoot, die Sichtung seltsamer Lichter in Kornkreisen oder Verschwörungen einer US-Regierung berichten dürfen, die zwar keine Gesundheitsreform zu Stande bringt, aber selbstverständlich längst mit den Außerirdischen in Kontakt steht.

Die eigentliche Gefahr besteht deshalb nicht darin, dass Dämonen an bisher noch geschlossenen Dimensionsportalen rütteln. Wenn sie sich zurücklehnen und warten, tun sich diese möglicherweise von selbst auf: „Erlöse uns von dem Bösen“ hat gutes Geld eingespielt. Deshalb könnte es sein, dass bald eine weitere Fall-Akte unseres Exorzisten-Cops geöffnet wird!

DVD-Features

Wie heute leider allzu üblich geworden, bleiben die Extras überschaubar. Immerhin gibt es einen Audiokommentar von Regisseur Scott Derrickson, der entweder schizophren oder abgebrüht genug ist, einen Film zu preisen, der in der Addition von Form und Inhalt gerade Mittelmaß erreicht. Hinzu kommt „Illuminating Evil“, ein kaum viertelstündiger Blick hinter die Kulissen.

Kurzinfo für Ungeduldige: Eisenhart-Cop Sarchie gerät in eine Mordserie, die sich als Folge dreifach dämonischer Besessenheit entpuppt; ein Jesuit tritt an seine Seite, um die Finsterbolde zu bekämpfen, die sich inzwischen an Sarchies Familie heranmachen … – Inhaltlich überlanger Getöse-Grusel ohne Überraschungen, Herz oder Humor, formal ausgezeichnet und gut besetzt: ein Widerspruch, der den Zuschauer entweder vom Inhalt ablenkt oder erst recht enttäuscht.

[md]

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