Exit Humanity

Originaltitel: Exit Humanity (Kanada 2011)
Regie/Drehbuch/Schnitt: John Geddes
Kamera: Brendan Uegama
Musik: Jeff Graville, Nate Kreiswirth, Ben Nudds
Darsteller: Mark Gibson (Edward Young), Adam Seybold (Isaac), Jordan Hayes (Emma), Dee Wallace (Eve), Bill Moseley (General Williams), Stephen McHattie (Dr. Johnson), Ari Millen (Corporal Wayne), Jason David Brown (Corporal Roy), Sarah Stunt (Julia Young), Christian Martyn (Adam Young), Brian Cox (Erzähler) uva.
Label: Splendid Entertainment
Vertrieb: WVG Medien GmbH
Erscheinungsdatum: 25.05.2012
EAN: (4013549031653 (DVD) bzw. 4013549031660 (Blu-ray)
Bildformat: 16 : 9 (2,35 : 1, anamorph)
Audio: Dolby Digital 5.1 (Deutsch, Englisch)
Untertitel: Deutsch, Niederländisch
DVD-Typ: 1 x DVD-9 (Regionalcode: 2)
Länge: 109 min. (Blu-ray: 114 min.)
FSK: 18

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Das geschieht:

Nachdem er im US-amerikanischen Bürgerkrieg auf der Seite der Südstaaten kämpfte, hat Edward Young der Gewalt entsagt. Mit Gattin Julia und Sohn Adam bewirtschaftet er eine kleine Farm in der Provinz des Staates Tennessee. Von der Außenwelt weitgehend abgeschottet, erfährt die Familie zu spät, dass sich die Toten aus ihren Gräbern erhoben haben und auf der Suche nach Menschenfleisch durch die Wälder streifen. Wer ihnen in die Fänge gerät, wird entweder gefressen oder nach einem Biss selbst zum Zombie.

Auch Julia und Adam erleiden dieses Schicksal. Der gebrochene Edward streift unstet durch das Land, rottet dabei so viele Zombies wie möglich aus und wartet auf den Tod. Eines Tages stößt er auf Isaac, einen anderen Flüchtling, der ihn so eindringlich um Hilfe bittet, dass Edward sich dem nicht verschließen kann: Sechs Jahre nach dem Bürgerkrieg setzt ‚General‘ Williams den Krieg für die Südstaaten noch immer fort. Die Zombies kommen ihm recht; er sucht nach einem Weg, sie sich gefügig zu machen und mit diesen ‚Truppen‘ die verhassten Yankees niederzuringen. Der Arzt Dr. Johnson experimentiert mit Untoten und Gefangenen, was letztere bisher nie überlebten; er sucht nach einem immunen Menschen, aus dessen Blut er ein zombieheilendes Serum herstellen will.

Isaacs tatsächlich immune Schwester Emma ist dem verrückt gewordenen Williams und seinen geistig ähnlich derangierten Kumpanen in die Falle gegangen. Zwar gelingt es den neuen Freunden, sie zu befreien, doch Edward wird dabei schwer verletzt. In der Hütte der ‚Hexe‘ Eve finden sie Hilfe. Eve gewährt den Flüchtigen Unterschlupf, obwohl sie über den Ursprung der Zombies besser Bescheid weiß, als sie es vor allem Edward wissen lassen sollte. Diese Sorge tritt freilich bald in den Hintergrund, weil die Untoten immer öfter über das kleine Haus im Wald herfallen. Zu allem Überfluss erfährt Williams von Emmas Immunität. Das Schicksal der Gefährten scheint besiegelt, denn mit seinen schwerbewaffneten Schergen rückt Williams gegen sie vor …

Das Ende der Mensch(lich)keit

Die Zombies sind derzeit praktisch allgegenwärtig; sie sind den brünstigen „Biss“-Vampiren mindestens ebenbürtig geworden, obwohl sie deren Primär-Klientel – pubertierende Mädchen – wohl eher abstoßen: Zombies sind die Schmuddelkinder der Phantastik. Als solche begeistern sie eher ein Publikum, das auf Blut & Gemetzel steht.

Dabei wohnt den Untoten durchaus ein ernsthaftes Element inne: Sie stehen für die Frage, wie die Menschen reagieren, wenn sie den Tod nicht mehr vergraben oder verbrennen können, sondern sich ihm von Angesicht zu Leichenfratze stellen müssen. Die Rückkehr der Toten ist sicherlich die ultimative Krise. Sie stellt die Gesellschaft der Lebenden auf die härteste Probe überhaupt. In der Not werden sowohl die besten als auch die schlimmsten Seiten des Menschen deutlich. Letztlich ist dies das zentrale Thema, während die Zombies als gleichgültige aber unerbittliche Bewahrer der Krise in den Hintergrund rücken.

So ist auch „Exit Humanity“ primär die Geschichte lebendiger Menschen. Sie werden vom Schicksal in Gestalt der Untoten geprüft, gewogen und für zu leicht befunden: Noch eifriger als die Zombies rotten die Überlebenden einander aus. Wo Einigkeit gefragt wäre, bricht sich Eigennutz in vielen Formen Bahn. In „Exit Humanity“ spitzt Regisseur und Drehbuchautor John Geddes dies auf die Gruppe um General Williams zu. Sie schmieden nicht nur private Eroberungspläne, sondern haben sich gut mit Lebensmitteln, Schnaps und Munition versorgt in einem unterirdischen Bunker verbarrikadiert. Ihre Mitbürger bleiben nicht nur an der Oberfläche zurück, wo die Zombies sie bedrängen, sondern werden auch von Williams gejagt, der sie für bizarre Experimenten missbraucht.

Gute Idee, miserable Umsetzung

„Exit Humanity“ ist ein ehrgeiziges Filmprojekt. Dies belegt bereits der ungewöhnliche Titel, der das Thema in zwei Worten zusammenfasst: Wenn die Menschen ihre Menschlichkeit aufgeben, werden sie untergehen. Dies ist ein interessantes Konzept. Dass es hier ausgerechnet mit den Mitteln des Horrorfilms thematisiert wird, schürt die Neugier zusätzlich.

Allerdings hätte sich John Geddes früh genug fragen sollen, ob er das große Stück, das er damit abgebissen hatte, überhaupt kauen und schlucken konnte. Zumindest dem Zuschauer bleibt „Exit Humanity“ jedenfalls im Halse stecken. Zu breit klafft der Riss zwischen Anspruch und Umsetzung. Stattdessen drängen zu rasch die Probleme dieser Produktion in den Vordergrund.

300.000 kanadische Dollar soll „Exit Humanity“ gekostet haben. Für einen Film, der eher ein Epos sein soll, wird diese Summe zu einer Klippe, an der auch talentiertere Regisseure als Geddes gescheitert wären. Zwar bemüht er sich mit der Unterstützung einer engagierten Crew, den Geldmangel zu überspielen, doch es misslingt und muss misslingen, weil die Alternativen allzu eindeutig aus der Not geboren sind. An der Spitze der Missratenheiten rangiert hier eindeutig der Einfall, Kämpfe zwischen Mensch und Zombie als Zeichentrick zu realisieren. Der betonte Realismus der Handlung verträgt solche Stilmittel nicht. Sie brechen die Illusionen und betonen abermals die Produktionsmittelknappheit. (Die „FSK-18“-Freigabe entpuppt sich angesichts der Abwesenheit viel zu teurer Splatter-Effekte einmal mehr als dreister Versuch, dem deutschen Gore-Fan ein faules Grusel-Ei unterzujubeln.)

Kein Geld & kaum Ideen

Die Geschichte spielt an verschiedenen Orten des US-Staates Tennessee. Dieser besteht freilich nur aus herbstdürrem Laubwald, in dessen Unterholz einige klägliche Holzhütten tief im Dreck stecken. Weitere Kulissen beschränken sich auf einige unterirdische Bunkerzellen und den Blick auf ein Museumsdorf. Dass „Exit Humanity“ 1871 spielt, scheint weniger der Story als dem Budget geschuldet. Die geschilderten Ereignisse könnten sich genauso in der Gegenwart abspielen.

Die Verlagerung in die Vergangenheit ist ein Kunstgriff, mit dem Geddes seiner Geschichte Bedeutsamkeit einhauchen will. Um dies zu unterstreichen, baut er einen Prolog ein, der ein neuerliches Aufflammen der Zombie-Seuche in der Gegenwart des 21. Jahrhunderts andeutet. Im Verlauf der Handlung entwirft er eine alternative Weltgeschichte, die von Zombie-Attacken vor dem 19. Jahrhundert geprägt wird. Für das Geschehen sind diese Exkurse allerdings ohne Belang.

Zwischen den Angriffen der Untoten wird viel geredet. Edward Young führt ein Tagebuch, aus dem ein unsichtbarer Erzähler ausgiebig zitiert. Leider hat Edward einen Hang zur Binsenweisheit. Was er in Worte fasst, ist ebenso leeres Stroh wie die nur vorgeblich tiefgründigen Diskussionen, mit denen die Figuren die Ereignisse und ihre Folgen kommentieren. Was soll das Gerede über Verlust, Hoffnung oder Neuanfang, wenn im nächsten Augenblick Zombie- oder Menschenschädel zerschossen werden?

Eile mit Weile = Langeweile

Je weiter sich Geddes aus dem Fenster lehnt, desto deutlich wird, dass „Exit Humanity“ ungeachtet aller Bemühungen ein ganz normaler Horrorfilm ist, der als solcher bewertet werden muss. Dabei schneidet er nicht nur aufgrund der engen Budgetgrenzen negativ ab. Ernsthaftigkeit wird im Film fälschlich mit Handlungslänge verwechselt. „Exit Humanity“ dauert beinahe zwei Stunden – eine Spanne, die inhaltlich nicht zu begründen ist. Endlose Zitate aus Edwards Tagebuch umrahmen Szenen, in denen – nichts geschieht. Solche „tote Zeit“ bietet nach einer filmtheoretischen These dem Zuschauer die Möglichkeit, sich selbst mit seinen Gedanken in die Filmwelt einzubringen. Dass Geddes diese Möglichkeit berücksichtigen wollte, scheint jedoch fragwürdig. Er möchte Edwards schweren und eben langen Weg zurück ins Leben unterstreichen. Um dabei konsequent zu bleiben, hätte er auf die Zombies oder General Williams verzichten müssen.

Die Untoten rekrutierte Geddes in diversen Kleinstädten rund um die kanadischen Außerdrehorte. Ganze Familien meldeten sich, um maskiert und geschminkt durch den schon erwähnten Herbstwald zu schlurfen. Für eine (im Geschehen ebenfalls überflüssige) Rückblende ins Kriegsjahr 1865 stellte sich eine Gruppe jener Freizeitkrieger zur Verfügung, die sich als „Yankees“ oder „Rebellen“ kostümieren und Schlachten des Bürgerkriegs nachspielen. Sie besitzen eigene Kostüme und Waffen, was Geddes Produktionssparstrumpf schonte; entlohnt wurden sie vermutlich wie die ‚Zombies‘ durch die namentliche Nennung im schier unendlichen Abspann.

Auch Profis können irren

Dank des deutschen Amateur-Horrorfilms könnte man denken, dass in einem beinahe geldfrei gedrehten Film generell unbegabte Amateure ihr Unwesen treiben. John Geddes hat entweder Freunde im Filmgeschäft oder fand einen anderen Weg, echte Schauspieler für sein Projekt zu interessieren. ‚Stars‘ wird man zwar nicht finden, aber dafür eine ganze Reihe bewährter und gut beschäftigter Nebendarsteller des nordamerikanischen Kinos und Fernsehens. Sogar die (originale) Erzählstimme gehört einem durchaus prominenten Darsteller.

Folgerichtig lässt sich über das Rollenspiel wenig Unerfreuliches sagen. Die Männer und Frauen wissen, wie man eine Figur zum Leben erweckt, selbst wenn das Drehbuch oft eher einem Leichentuch gleicht, das entsprechende Ambitionen unter Klischees und Geschwätz ersticken will. Mark Gibson vermag die seelische Pein von Edward Young überzeugend darzustellen. Übertriebene Albtraum-Szenen oder ähnliches Brimborium sind deshalb überflüssig. Geddes geht lieber auf Nummer Sicher und überzieht dabei.

Weniger Aufmerksamkeit widmete er dem Aspekt Logik. Die ‚Erklärung‘ für die Herkunft der Zombie-Seuche ist ebenso hirnrissig wie überflüssig; für das Geschehen und für die Botschaft ist es absolut unnötig zu wissen, wieso die Untoten zurückkehren. Ähnlich kontraproduktiv ist der Einfall, die dafür verantwortliche Figur genau dort im tiefen Wald zu beheimaten, wo sich nach und nach sämtliche Darsteller ‚zufällig‘ einfinden.

Da spielt es keine Rolle mehr, dass die Frage nach dem Ende der Zombie-Epidemie von 1871 unbeantwortet bleibt. Die immune Emma trug jedenfalls nicht dazu bei; sie verkriecht sich lieber mit ihrem Edward und frönt der wiederentdeckten Liebe. Oder sollten heute sämtliche Bewohner Tennessees Nachfahren von Edward und Emma sein? Der träge Handlungsablauf lässt das Hirn des Zuschauers immer wieder in die innere Emigration gehen und solche Gedankenspiele treiben. Dies mag die grauen Zellen trainieren, dürfte aber kaum das Primärziel dieses Films sein, der endlich in vornehmer Öde ausklingt und dabei hoffentlich das Publikum ungestört lässt; ein seliger Schlummer wäre der einzige Dienst, den Geddes ihm mit „Exit Humanity“ bieten könnte.

DVD-Features

Zum obligatorischen Trailer kommt nur noch ein zehnminütiges Mini-„Making-of“ unter dem Titel „Exit Humanity: Blood, Sweat and Tears”.

[md]

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