Exorzist Anfang DVD CoverDer vierte Teil des „Exorzisten“ erzählt die Vorgeschichte: Priester Merrin geht 1949 nach Ostafrika, um dort als Archäologe eine seit 1500 Jahren verborgene christliche Kirche zu erforschen. Dies ist Ort, wo Erzengel Luzifer, der sich gegen Gott erhob, einst auf die Erde stürzte. Das Böse manifestiert sich erneut, um in die Welt zu treten … – Ein Mystery-Thriller, dessen konfuse Entstehungsgeschichte weitaus interessanter ist als das Ergebnis: ein Film, der das Original ausgiebig zitiert, ohne es jemals in Sachen Intensität und Spannung zu erreichen.

Das geschieht:

Kenia, Ostafrika, im Jahre 1949: Im Land der Turkana sind britische Kolonialtruppen auf eine christlich-byzantinische Kirche gestoßen. Sie hat sich perfekt erhalten, wurde sie doch direkt nach dem Bau vor 1500 Jahren vollständig mit Erde bedeckt: ein archäologisches Rätsel, zumal das Christentum diesem Teil der Welt erst viel später ‚offiziell‘ erreicht hat. Die Briten lassen das Gotteshaus ausgraben. Die Kirche wird aus politischen Gründen beteiligt. London und Rom entscheiden sich für Lankester Merrin als Ausgrabungsleiter. Er ist ausgebildeter Archäologe und war selbst Priester, bevor ihn ein grauenvolles Erlebnis im nazideutsch besetzten Holland seinen Glauben verlieren ließ. Nun lässt sich Merrin treiben, er trinkt und gibt sich zynisch.

Die Kirche im Turkana-Land zieht ihn dennoch in ihren Bann. Zusammen mit dem jungen Vater Francis, der vom Vatikan als sein ‚Wachhund‘ nach Kenia geschickt wurde, macht er sich auf den Weg. Er gelangt an einem Ort, wo die Angst umgeht. Seit die Kirche entdeckt wurde, verschwinden immer wieder Turkanas, was den Stamm verständlicherweise abweisend reagieren lässt. Die Einheimischen ahnen, dass der Ursprung des Bösen, das sie heimsucht, in besagter Kirche haust. Herrisch und notfalls mit Waffengewalt beharren die Briten auf eine Fortsetzung der Grabung. Dabei zeigt sich, dass das Gotteshaus geschändet wurde. Unter dem Fundament kommt eine uralte heidnische Opferstätte zum Vorschein, die einem namenlosen Dämonen – womöglich dem von Gott niedergerungenen Erzengel und Rebellen Luzifer, der angeblich an dieser Stelle auf die Erde stürzte? – geweiht ist.

Auf jeden Fall wurde Böses durch die Grabungen geweckt. Grausam kommen jetzt nicht nur Turkana-Dörfler, sondern auch weiße Männer zu Tode. Das kann die Kolonialmacht natürlich nicht dulden und schickt Truppen, die den „Aufstand der Eingeborenen“ beenden sollen. Stattdessen dienen die Neuankömmlinge dem Bösen als Katalysatoren. Es ergreift Besitz von Tieren und Menschen, amüsiert sich mit bizarren Morden und zwingt Lancester Merrin schließlich, zu seinen Glauben zurückzufinden, sich dem Grauen zu stellen und es auszutreiben, bevor es über die Erde herfällt …

Exorzist X 3

1973 verfilmte ein seitdem vom Pech verfolgter Regisseur namens William Friedkin einen Roman namens „The Exorzist“, mit dem ein seitdem vom Pech verfolgter Schriftsteller namens William Peter Blatty zu Bestsellerruhm gelangt war. Er erzählte, wie das (oder der) Böse in ein kleines Mädchen fährt und in dieser Gestalt effektvoll Übles treibt, bis sich ihm zwei wackere Priester in den Weg stellen und einen nervenzerfetzenden Exorzisten-Feldzug anzetteln, den sie beide nicht überleben.

Einer dieser Priester war ein gealterter Lankester Merrin, der in dem Bösen jenen Dämonen wiedererkannte, mit dem er bereits ein Vierteljahrhundert zuvor in Afrika einen Strauß ausgefochten hatte. Dieses Mal blieb er zwar Sieger aber wie gesagt auf der Strecke. Das Böse kehrte einige Zeit später in das inzwischen herangewachsene Mädchen zurück, verriet uns endlich seinen Namen – Pazuzu, Herr der Fliegen & Heuschrecken – und musste von Richard Burton (in einer seiner späten „Ich-brauch‘-Geld-für-Whiskey“-Rollen) neuerlich vertrieben werden („Exorzist II -The Heretic, 1978; dt. „Exorzist II – Der Ketzer“). Ein dritter Versuch endete 1991 für Pazuzu nach viel versprechenden Anfangserfolgen erneut in einer Sackgasse („Exorzist III“).

2004 erfuhren wir in einem Prequel, wie alles Anno 1949 in einem abgeschiedenen afrikanischen Winkel mit Lankester Merrin und Pazuzu begann. Eigentlich hätten wir schon früher in den Genuss dieses Debüt-Exorzismus‘ kommen sollen. Paul Schrader, ein schon seit Jahren vom Pech verfolgter und damit für dieses Prequel prädestinierter Regisseur, hatte „The Beginning“ bereits vollständig abgedreht, als die Produzenten zu dem Schluss kamen, dass sein Werk es entschieden an Schrecken und vor allem Blut vermissen ließ.

Exorzist 4 bzw. 2.0

Schrader orientierte sich am Ur-„Exorzist“-Film und stellte die Frage nach dem Wesen des Bösen in den Mittelpunkt der Handlung. Das hätte er besser unterlassen in einem Hollywood, das Filme primär für minderjährige Hohlköpfe herstellt. Schrader wurde gefeuert und vom einst sehr verheißungsvollen (u. a. „Stirb langsam 2“) gestarteten, aber in den letzten Jahren vom Pech verfolgten Regisseur Renny Harlin ersetzt, der mehr als 90% von „The Beginning“ noch einmal drehte.

Für die Medien war dieser Hickhack ein gefundenes Fressen, dem Film ist es sichtlich schlecht bekommen. Selten klafft die Schere zwischen Anspruch und Umsetzung so weit auseinander. Die ersten 45 Minuten von „The Beginning“ sind gar nicht übel, weil man noch nicht weiß, worauf die Handlung sich zuspitzen wird. Man bewundert die großartige Landschaft, die eindrucksvollen Filmbauten, schätzt die (weitgehend unbekannten) Darsteller, die ihr Handwerk beherrschen. Viele Rätsel zeichnen sich ab, zunehmend geschieht Unheimliches, eine Atmosphäre der unsichtbaren Bedrohung baut sich auf.

Wenn zu diesem Zeitpunkt etwas irritiert, dann sorgen dafür die befremdlichen Spezialeffekte. Geklagt wurde in der Kritik über die grottenschlecht animierten CGA-Hyänen. Doch schon eine einfache Fliege oder ein fliegender Geier scheint die zuständigen Effekt-‚Spezialisten‘ überfordert zu haben. Oder war nach dem Doppeldreh einfach das Geld alle? Selbst TV- oder gar „Asylum“-Tricktechnik wirkt überzeugender. Das große Finale mit dem Kampf gegen den Dämon leidet ganz entschieden unter diesem Defizit.

Anspruch würgt Unterhaltung – und umgekehrt

Es kommt der Zeitpunkt, da müssen Harlin & Co. die Hosen herunterlassen: Welche Geschichte wollen sie uns erzählen? Noch bevor die zweite Hälfte des Films einsetzt scheint man dies hinter der Kamera vergessen zu haben. Was großartig als Suche nach dem Ur-Bösen begann, mündet in einen ganz normalen Horrorfilm mit Endkampf zwischen Monster & Held, der gleichzeitig eine schöne Frau und ein Kind zu retten hat. Für den Dämon gibt’s selbstverständlich nach hartem Kampf, in dem Vater Merrin erst nach vielen Hieben aufs Hirn die Oberhand behält, einen weiteren Arschtritt in Richtung Hölle. Viel hollywoodscher Christenkitsch wird dabei aufgerührt, während nicht alle Anwesenden diesen glücklichen Ausgang erleben.

Dann endet der Film und lässt seine Zuschauer irritiert zurück. Was haben sie gerade gesehen? Ganz sicher kein Werk, das seinen Aufwand und das Mediengetöse Wert gewesen wäre. Bei näherer Überlegung passt rein gar nichts zusammen. Hier nur eine kleine Auswahl:

1) Der Name Pazuzu, längst Bestandteil der „Exorzist“-Saga, wird gar nicht erwähnt. Stattdessen bekommen wir es hier offenbar mit Luzifer persönlich zu tun, der in späteren Jahren unter Pseudonym auftritt.
2) Ist es wirklich Luzifer, dann hat er im Laufe der Jahrhunderte arg an Dampf verloren. Der einstige Erzengel und spätere Höllenfürst spukt in einer vergrabenen Kirche umher, wo er vergleichsweise kleine Brötchen backt.
3) Angeblich macht sich Pazuzu/Luzifer erst nach der Aufdeckung der Kirche wieder machtvoll bemerkbar. Was ist dann mit der dämonischen Attacke von 1893, von der in einer der Nebenhandlungen erzählt wird? Da lag die Kirche noch unter der Erde.
4) Wer ist nun eigentlich besessen? Der kleine Joseph? Dr. Novak? Erst der eine, dann die andere? Beide gleichzeitig? Es misslingt Harlin, die Ungewissheit als Spannungselement zu nutzen. So herrscht nur Verwirrung.
5) Die gesamte Nazi- und KZ-Vorgeschichte, die Merrin bzw. Sarah Novak angedichtet wird, bleibt für das eigentliche Filmgeschehen absolut irrelevant und verkommt zur reinen Effekthascherei.

Film ist Film, aber auch der Unterhaltungsaspekt rechtfertigt nicht den Verzicht auf jegliche Logik. Was uns zu einem weiteren gewichtigen Einwand bringt. „Exorzist – The Beginning“ ist ein Horrorfilm. Als solcher muss und sollte er sich nicht mit Andeutungen von Gruseligem begnügen. So hat es das große Vorbild von 1973 auch gehalten. Daher gefällt der unverkrampfte Umgang mit spritzendem Blut und purzelnden Eingeweiden, der an die Mainstream-Metzeleien der legendären „Omen“-Filme aus den 1970er Jahren erinnert. Leider treibt es Harlin zu weit. Viel zu oft stehen Kinder im Mittelpunkt solcher Szenen. Da wird einem kleinen Mädchen durch den Kopf geschossen, wird ein Junge von Hyänen zerrissen, erleben wir eine geschmacklos-verwesungsreiche Totgeburt. Die Kamera ist immer dabei. Das ist billige Angstmache, die nur durch schieren Ekel funktioniert sowie von Ideen- und Ratlosigkeit kündet.

Darsteller im Drehbuch-Niemandsland

Ein echter Gewinn für „The Beginning“ sind die Schauspieler. Sie gehören nicht zur ersten Garde Hollywoods, was sie in ihren Rollen glaubhaft wirken lässt. Stellan Skarsgård mimt sehr überzeugend einen jungen Vater Merrin; wenn er in der letzten Szene im schwarzen Priestergewand und mit großer Exorzisten-Tasche abgeht, ist die Ähnlichkeit mit Max von Sydow erstaunlich.

Ein ‚frisches‘ Gesicht zeigt auch Izabella Scorupo, eine in Polen geborene Darstellerin, die bisher (wie Stellan Skarsgård) vor allem im skandinavischen Film tätig wurde. (Renny Harlin ist übrigens Finne.) Im Interview-Teil der DVD zeigt sich Harlin sehr zufrieden mit ihrer Leistung, was man nur insofern eingrenzen muss, als das Drehbuch ihrer Schauspielkunst enge Grenzen setzt.

Andrew French mimt den ‚Quoten-Schwarzen‘, um es politisch völlig unkorrekt aber in der Sache zutreffend auszudrücken. Er hat noch Glück, denn sein Chuma ist der einzige farbige Darsteller, der nicht den wilden Wumba-Wumba-Krieger mit rollenden Augen, der Vorliebe für wüste Rituale und der kindlichen Furcht vor „bösen Geistern“ geben muss. Hervorzuheben ist noch Remy Sweeney als kleiner Joseph, der als Kinderschauspieler keine Disney-Pest, sondern eine echte Bereicherung ist.

Über James D’Arcy (Vater Francis) oder Julian Wadham (Major Granville) lässt sich wenig sagen, da sie immer wieder aus der Handlung verschwinden. Erst wenn den Drehbuchautoren partout nichts mehr einfallen will, treten sie plötzlich aus den Kulissen und müssen irgendetwas Dummes aushecken, damit unser Dämon mit einer neuen Bluttat einhaken kann.

DVD-Features

Während der Film nur unterhält, wenn man seine Erwartungen vergisst – dann ist er bis auf echte Klopfer wie die miesen Tricks sogar recht unterhaltsam -, sorgen Bild und Ton für allgemeine Zufriedenheit. Sieht man davon ab, dass Erschrecken wieder einmal durch anschwellende Drohmusik forciert werden soll, dringen die Effekte wuchtig zum Ohr vor.

Die „Special Features“ kann man weitgehend vergessen. Das achtminütige „Making of“ ist eine dreister Langtrailer, der echte Hintergrundinformation durch werbeträchtiges Hochjubelgeschwätz ersetzt. Renny Harlin verkneift sich in seinem Audiokommentar wohlweislich Hintergrundinfos zum Tumult hinter den Kulissen dieser Produktion, kann aber trotzdem einige Szenen erläutern.

Übrigens durfte Paul Schrader ‚seine‘ Version dieses Films für das Heimkino montieren. Als „Dominion: Prequel to the Exorcist“ (dt. „Dominion: Exorzist – Der Anfang des Bösen“) ist sie auch in Deutschland erschienen. Film-‚Fachleute‘ finden diese abgewürgte Urfassung selbstverständlich genial, während der Laie = Zuschauer diesem Urteil weder folgen kann noch möchte.

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Exorzist – Der Anfang
Originaltitel: Exorzist – The Beginning (USA 2004)
Regie: Rennie Harlin
Kamera: Vittorio Storaro
Drehbuch: William Wisher, jr., Caleb Carr u. Alexi Hawley
Musik: Trevor Rabin
Schnitt: Mark Goldblatt; Todd E. Miller
Darsteller: Stellan Skarsgård (Lankester Merrin), Izabella Scorupco (Dr. Sarah Novak), James D’Arcy (Vater Francis), Remy Sweeney (Joseph), Julian Wadham (Major Granville), Andrew French (Chuma), Ralph Brown (Sergeant Major), Ben Cross (Semelier), David Bradley (Vater Gionetti), Alan Ford (Jeffries) u. a.
Label/Vertrieb: Warner Home Video
Erscheinungsdatum: 11.03.2005
EAN: 7321921246746
Bildformat: Widescreen 2.40:1(anamorph)
Audio: Deutsch (Dolby Digital 5.1), English (Dolby Digital 5.1)
Untertitel: Deutsch, Englisch, Deutsch u. Englisch für Hörgeschädigte, Arabisch
Länge: 109 min.
FSK: 16

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