killing-roomExperiment Killing Room

Originaltitel: The Killing Room (USA 2009)
Regie: Jonathan Liebesman
Drehbuch: Gus Krieger u. Ann Peacock
Kamera: Lukas Ettlin
Schnitt: Sean Carter
Musik: Brian Tyler
Darsteller: Nick Cannon (Paul Brodie), Timothy Hutton (Crawford Haines), Shea Whigham (Tony Mazzolla), Clea Duvall (Kerry Isalano), Peter Stormare (Dr. Phillips), Chloë Sevigny (Emily Riley), Anoop Kaur Sikand (Krankenschwester), Bill Stinchcomb (Cope), Meade Patton (Forsythe) u. a.
Label/Vertrieb: Ascot Elite Home Entertainment
Erscheinungsdatum: 10.09.2009 (Leih-DVD) bzw. 29.10.2009 (Kauf-DVD)
EAN: 4048317353569 (Leih-DVD) bzw. 4048317753567 (Kauf-DVD)
Bildformat: 16 : 9 (2,35 : 1, anamorph)
Audio: Dolby Digital 5.1 (Deutsch, Englisch)
Untertitel: Deutsch
DVD-Typ: 1 x DVD-9 (Regionalcode: 2)
Länge: 86 min.
FSK: 16

Das geschieht:

Vier Außenseiter der modernen Gesellschaft wollen sich ein wenig Geld als menschliche Versuchskaninchen verdienen. Der seriös wirkende Dr. Phillips empfängt die Probanden im Aufenthaltsraum seines Instituts und kündigt seltsame Erfahrungen im Dienst der Wissenschaft an. Dann zieht er eine Pistole, jagt der jungen Kerry eine Kugel in die Stirn und verlässt den Raum. Hinter ihm und vor den schockierten Überlebenden schließt sich eine Panzertür. Eine Lautsprecherstimme ertönt und kündigt zwei Fragerunden an; wer eine falsche Antwort gebe, werde „terminiert“. Während Nick und Tony nicht glauben können, wie ihnen geschieht, stellt sich Crawford, ein Überlebenskünstler, auf die Situation ein. Er will Widerstand leisten und plant den Ausbruch, während seine Mitgefangenen auf gehorsame Gefolgschaft setzen.

Phillips beobachtet seine Opfer durch einen Einwegspiegel. Er nutzt die Gelegenheit, Emily Riley, eine neue Kollegin, einzuarbeiten und zu prüfen. Das Projekt „MK-Ultra“ soll psychisch manipulierbare und damit geheimdienstlich ‚fernzusteuernde‘ Männer und Frauen hervorbringen. Es wird seit vielen Jahren streng geheim fortgesetzt, nachdem es wegen seiner menschenverachtenden Brutalität mit dem Ende des Kalten Krieges offiziell beendet wurde. Die unfreiwilligen Kandidaten bilden Menschen ohne sozialen Rückhalt, deren Verschwinden keine große Aufmerksamkeit erregt.

Phillips lässt durchblicken, dass ihm Riley nicht hart genug für die Stelle seiner Assistentin erscheint. Die junge Frau lässt der Überlebenskampf im „Killing Room“ in der Tat nicht kalt. Während Nick, Tony und Crawford von Phillips terrorisiert werden und verzweifelt einen Fluchtweg suchen, kämpft Riley mit ihrem Gewissen, ihrem Ehrgeiz und mit der Angst. Schließt der „Killing Room“ den Beobachtungsraum ein? Riley erkennt, dass auch sie die tunlichst richtige Entscheidung treffen muss …

Die Spirale von Gewalt und Gegengewalt

„Wie man in den Wald hineinruft, so schallt es heraus“, lautet ein altes Sprichwort. Es bezieht sich eigentlich auf verbale Entgleisungen, die auf ihren Urheber zurückfallen. Ebenso möglich ist allerdings, dass auch körperliche Gewalt Gegengewalt erzeugt. Da sich solche Aktionen gegenseitig hochschaukeln können, steigt das Ausmaß der erzeugten Schäden. Am Ende stehen Aktionen wie das Projekt „MK-Ultra“. Die Gewalt wird wissenschaftlich untersucht, um sie bei Bedarf künstlich ‚einschalten‘ zu können.

Weil dafür der Selbsterhaltungstrieb des Menschen sowie die Friedfertigkeit der meisten ‚Kandidaten‘ eliminiert werden müssen, wird die damit einhergehende Prozedur selbst zum Gewaltakt. Weil sie in der verdrehten Logik derer, die sie befürworten, für eine „gute Sache“ (hier: „für dein Land“) geschieht, wird sie einerseits gefördert und andererseits in dem klaren Wissen, dass die Mehrheit in diesem Punkt völlig anders denkt, streng geheim gehalten.

Hollywoodtypisch wird das Prinzip, das die Realisierung von Projekten wie „MK-Ultra“ möglich macht, vereinfacht. Trotzdem bleiben Regie und Drehbuch so hart an der Realität, dass „Experiment Killing Room“ ein zwar spannendes aber kein leicht goutierbares Filmerlebnis darstellt. Angeblich hat es „MK-Ultra“ als Projekt der CIA tatsächlich gegeben, bis seine von den Ausartungen selbst erschrockenen Initiatoren es stoppen und alle Aufzeichnungen vernichten ließen.

Das Totschlag-Argument der nationalen Sicherheit

„Experiment Killing Room“ geht nicht nur von der Prämisse einer Wiederbelebung aus, sondern konstatiert, dass „MK-Ultra“ nie eingestellt wurde. Spätestens die Ereignisse des 11. Septembers 2001 und der daraus resultierende „patriot act“ ermöglichten eine Intensivierung dieser ‚Forschungen‘ auf der Suche nach dem programmierbaren Muster-Soldaten. Die Realität ist unerfreulich genug, um solche Spekulationen plausibel erscheinen zu lassen. Der Film „Experiment Killing Room“ geht einen recht kleinen Schritt weiter zur erschreckend überzeugenden Vorstellung eines außer Rand und Band geratenen Geheimdienstes, der die Bürger, die er eigentlich schützen soll, in der US-Version eines ‚heiligen Krieges‘ verheizt.

Die Drehbuchautoren Krieger und Peacock ließen die bekannten Fakten über „MK-Ultra“ in ihre Geschichte einfließen. So ist der „Killing Room“ die exakte Nachbildung jenes Raumes, in dem einst ‚geforscht‘ wurde. Er ist Stahl und Panzerglas gewordene Einschüchterung und wichtiges Element im Bemühen, den ‚Kandidaten‘ psychisch zu brechen, um seinen Geist anschließend nach den Wünschen des Geheimdienstes neu zusammenzusetzen.

Schaudern lässt „Experiment Killing Room“ auch, weil er immer wieder vor Augen führt, wie vier Menschen systematisch ihrer Persönlichkeiten beraubt werden. Sie werden zu Nummern, chiffriert werden auch die Gräuel, die man ihnen antut, und im Schutz ihrer weißen Kittel und Schutzanzüge verlieren schließlich Forscher und Wächter ebenfalls ihre Identitäten. Rücksicht und Mitgefühl lösen sich in einem strengen Protokoll auf, das die Misshandlung der Opfer zusammen mit der Verantwortlichkeit in kleine Schritte zerlegt.

Kammerspiel des Schreckens

„Experiment Killing Room“ ist eine low-budget-Produktion und gleichzeitig ein Film, der aus der daraus resultierenden Not eine Tugend macht. Die Geschichte benötigt keine Stars oder üppigen Effekte, sondern ein gutes Drehbuch und Schauspieler, die ihren Job verstehen. In beiden Punkten kann Liebesman zufrieden sein.

Die Story ist grausam simpel und läuft grundsätzlich in Bahnen ab, die nicht nur der erfahrene Zuschauer erwartet. Für Überraschungen sorgen ungewöhnliche Wendungen, die dem Geschehen plötzlich eine nicht erwartete Wendung geben. Dazu gehört der außerhalb des „Killing Rooms“ spielende Subplot um Dr. Phillips und Emily Riley. Er signalisiert, dass im pervers perfektionierten System von „MK-Ultra“ nicht einmal die Mitarbeiter des Projekts sich ihres Lebens sicher sein können.

Das Grauen ist nur selten plakativ. Der Schauder entsteht durch die schonungslose Darstellung von Manipulation. Menschen werden ‚gebrochen‘. Dazu bedarf es keines maskierten Kannibalen-Unholds à la Jason Vorhees. Ohne Maske und ohne Deckung verkörpert Dr. Phillips das banale Böse sehr viel effektvoller. Peter Stormare gibt ihm das Gesicht eines scheinbar am Beamtenschreibtisch gealterten Biedermanns. Mit steter Drohung in der leisen Stimme übt er sein Schreckensregiment nicht nur über seine Versuchskaninchen aus. Obwohl er sich mehrfach als neutraler Beobachter ausgibt, sieht man Phillips an, dass er seine Macht über Leben und Tod genießt. In seiner Person hat sich „MK-Ultra“ längst verselbstständigt. Das Projekt ist Phillips‘ privater Folterkeller.

Vor und hinter dem Panzerglas

Als des Teufels Lehrling bietet auch Chloë Sevigny eine starke Vorstellung. Sie ist ebenso fasziniert wie entsetzt, und bis zuletzt muss der Zuschauer zweifeln, für welche Seite sie sich entscheiden wird. Phillips lockt und droht, fordert Riley heraus, appelliert an ihre wissenschaftliche Neugier und ihren Patriotismus, kurz: Er manipuliert sie ebenso wie seine Opfer im „Killing Room“.

Hier bleibt vor allem Timothy Hutton als Darsteller in Erinnerung. Filmüblich verkörpern die Rollen bestimmte Typen. Hier sind es erwartungsgemäß der Ängstliche, der Zauderer und der Entschlossene. Gehorchen, abwarten oder angreifen? Diese Optionen werden in den drei Hauptteilen des Films durchgespielt. Immer bleibt die Kamera in der Nähe der Darsteller. In diesen Sequenzen wird „Experiment Killing Room“ zum intensiven Kammerspiel. Die ebenfalls filmtypische Mutation vom Jedermann zum unbesiegbaren Schurkenkiller und spektakuläre Action-Szenen bleiben aus. Liebesman verweigert seinen Zuschauern einfache Lösungen. Er bleibt konsequent bis zum bitteren (und abermals überraschenden) Ende.

DVD-Features

Ausgerechnet dieser Film, dem Hintergrundinfos zum ‚realen‘ Projekt „MK-Ultra“ gut zu Gesicht stehen würde, bleibt gänzlich ohne Features. Nicht einmal als Interviews verpackte Plump-Werbung wurde dem Hauptfilm zugegeben, womit das Fehlen besagter Infos beinahe ausgeglichen wird …

[md]

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