Extinction

Originaltitel: Extinction (Spanien/USA/Ungarn/Frankreich 2015)
Regie: Miguel Ángel Vivas
Drehbuch: Alberto Marini u. Miguel Ángel Vivas (nach einem Roman von Juan de Dios Garduño)
Kamera: Josu Inchaustegui
Schnitt: Luis de la Madrid u. Jordi López
Musik: Sergio Moure
Darsteller: Matthew Fox (Patrick), Jeffrey Donovan (Jack), Quinn McColgan (Lu), Clara Lago (Anne), Valeria Vereau (Emma), Alex Hafner (Lewinsky), Matt Devere, Alex Hafner (dumme Soldaten) u. a.
Label/Vertrieb: Sony Pictures Home Entertainment (www.sphe.de)
Erscheinungsdatum: 24.09.2015
EAN: 4030521741805 (DVD)
Bildformat: 16 : 9 (2,35 : 1, anamorph)
Audio: Deutsch, Englisch, Italienisch, Türkisch (Dolby Digital 5.1), Audiodeskription für Sehbehinderte (Dolby Digital 5.1)
Untertitel: Deutsch, Englisch (für Hörgeschädigte), Dänisch, Finnisch, Französisch, Hindi (Indisch), Italienisch, Niederländisch, Norwegisch, Polnisch, Schwedisch, Türkisch
DVD-Typ: 1 x DVD-9 (Regionalcode: 2)
Länge: 108 min.
FSK: 16

Titel bei Amazon.de (DVD)


Das geschieht:

Vor neun Jahren verwandelte eine Seuche die meisten Menschen in zombieähnliche Menschenfresser. Die Zivilisation ging weltweit unter; sogar in den USA herrscht seither Totenstille. Nachdem die Menschen gefressen waren, sind die Zombies vermutlich an Nahrungsmangel gestorben. So denkt (und hofft) jedenfalls Jack, der sich mit Töchterlein Lu nahe Harmony in einem der nördlicheren US-Staaten verbarrikadiert hat. Außer ihm gibt es nur noch „Nachbar Patrick“, einst Jacks bester Freund und Rivale in der Liebe zur schönen Anne. Sie wählte Patrick, der aber in der Krise zum Säufer herabsank und nicht zur Stelle war, als Anne von Zombies umzingelt und getötet wurde. Der zornige Jack nahm Säugling Lu an sich und zog sie anstelle ihres Versager-Vaters auf, mit dem er seitdem kein Wort mehr sprach.

Da er die Trennung als ‚Strafe‘ für seine Schwäche annahm, akzeptierte Patrick Jacks Entscheidung. Von der Tochter kann er trotzdem nicht lassen und hat sich deshalb in ein leerstehendes Haus gleich neben Jacks und Lus Heim einquartiert. Dort lebt man nun und ignorierte einander; ein Zustand, der zunehmend unhaltbar wird: Lu ist gerade 10 Jahre alt geworden und kein Kleinkind mehr. Die „Monster“ sind verschwunden, hat ihr der Vater versprochen. Trotzdem darf sie das Haus nicht verlassen. Lu langweilt sich und rebelliert; immer öfter ignoriert sie die väterlichen Vorschriften. Vor allem Patrick und sein Hund faszinieren sie.

Noch immer voller Wut will Jack jeden Kontakt weiterhin unterbinden. Doch die Zeiten ändern sich: Lu glaubt, in der Nacht ein Monster gesehen zu haben. Patrick weiß bald mehr, denn er wird auf einem seiner Versorgungsstreifzüge durch das verlassene Harmony von einer weißhäutigen, entfernt menschenähnlichen, unbändig starken, blinden Kreatur attackiert: Die ‚Zombies‘ von einst sind keineswegs ausgestorben, sondern mutiert und wieder auf dem Vormarsch. Sie haben Jack, Lu und Patrick ins Visier genommen und kreisen ihre zukünftigen Opfer systematisch ein …

Traurige Geschichte einer Bauchlandung

Auch wenn es viele vor allem in der Kopfregion harthölzerne Horrorfreunde nicht wahrhaben wollen, hat ‚ihr‘ Genre mehr zu bieten als das Wüten dem Gen-Labor oder dem Jenseits entsprungener Schreckgestalten. Es gibt sie tatsächlich, jene Gruselfans, deren Interesse sich nicht in Blutbädern, Spezialeffekten und Ekelschreien erschöpft. Sie folgen damit einer Definition des Schreckens, der sich auch im realen Alltag nicht im Ereignis erschöpft. Was dem furchtbaren Vorfall folgt, kann sich im Terrorgrad leicht mit ihm messen oder übertrifft ihn.

Denn der Schrecken lebt im Menschenhirn weiter. Dort spult das Gedächtnis ihn ständig wieder ab. Meist geschieht dies, wenn besagtes Hirn  scheinbar zur Ruhe kommt, also gern im Schlaf oder beim Anblick eines für sich harmlosen Gegenstandes, den das Hirn in einen Zusammenhang mit dem Erlebten bringt und dieses dadurch aufleben lässt: Wer knapp zwei Stunden „Extinction“ überstanden hat, darf sich zumindest über diese Lektion freuen.

Besser wäre selbstverständlich ein guter Film gewesen, aber darauf sollte man lieber nicht hoffen. Merkwürdigerweise genießt „Extinction“ in einigen Kreisen einen Ruf, den die meisten Zuschauer ihm nicht zugestehen mochten. In diesem Fall liegt die Mehrheit richtig: Diese Geschichte ist schauerlich nur im Ausmaß ihres inhaltlichen und formalen Scheiterns. Da hinter der Kamera vor allem Spanier standen, die u. a. dank „Il orfanato“ (2007; dt. „Das Waisenhaus“) verdächtig sind, etwas vom gepflegten Grusel zu verstehen, wollen viele Kritiker offenbar nicht zugeben, welche Gurke hier in die Filmwelt geriet.

Verraten im Osten

Als Produzent stand Jaume Collet-Serra hinter diesem Filmprojekt. Er hat sich mit dem Remake des Horrorklassikers „House of Wax“ (2005), dem Psycho-Thriller „Orphan“ (2009) und vor allem mit dem Liam-Neeson-Actionspektakel „Unknown Identity“ (2011) einen gewissen Ruf schaffen können, den er einsetzt, um weniger begünstigte Nachwuchsfilmer zu fördern. Miguel Ángel Vivas hat zwar bereits eine Reihe meist kurzer Filme gedreht und für das Fernsehen gearbeitet, musste aber trotzdem kleine Brötchen backen. Für „Extinction“ konnte Vivas über ein Budget von ca. 7,5 Mio. Dollar verfügen. Das Produktionspotenzial wurde durch den Dreh im ungarischen Budapest erhöht. Dort lassen sich weiterhin gut ausgebildete Kräfte für wenig Geld ausbeuten.

Dass „Extinction“ trotzdem seltsam billig aussieht, liegt einerseits an den mageren Schauplätzen. Nach einer kurzen, actionreichen Einführung verebbt die Handlung in zwei Farmhäusern. Geht es hin und wieder vor die Tür, dann primär vor und ins Lagerhaus in einer Geisterstadt, die man den Drehbuchautoren (Alberto Marini und Vivas) glauben muss, denn zu Gesicht bekommen wir sie nicht.

Ein Großteil des Budgets floss andererseits in die Darstellung eines bitterkalten Winters, der für ein wenig optische Abwechslung sorgen soll; für die Handlung ist die Jahreszeit unwichtig. Wieder einmal spielte der Zufall einen seiner beliebten Streiche: Nach Ungarn war man auch deshalb gegangen, weil es dort trotz Erderwärmung bisher stets zuverlässig geschneit hatte. Pechvogel Vivas bekam 2014 jedoch keine Flocke zu sehen, weshalb der Schnee entweder künstlich oder digital erzeugt werden musste. Beides ist kostspielig, zumal ‚schlechter‘ Schnee aus Salz oder anderen weißen Pulvern von einem in Sachen Spezialeffekte heutzutage gut geschulten Publikum schnell erkannt und verlacht wird.

Entsetzen durch Banalität

Bereits die Ausgangssituation ist von einer ‚Qualität‘, die nur Weinen oder (höhnisches) Lachen ermöglicht. Gemeint ist keineswegs die Voraussetzung einer Seuche, die nicht nur zombieähnliche Kreaturen entstehen, sondern diese binnen eines Jahrzehnts zu einer Art nackten Eisbären mutieren lässt, die zudem ihr Augenlicht verloren – wieso, bleibt vorsichtshalber undiskutiert – und stattdessen auf Ohr-Radar umgestiegen sind. Dass sie nicht nur in den Totalen aussehen wie das, was sie sind – Statisten in Latex-Strampelanzügen – lässt sich ebenfalls verschmerzen; der Horrorfilm ist eine Fundgrube grotesker Albernheiten, die trotzdem funktionieren können.

Doch einfach nur lächerlich ist die jahrelange schweigsame Nachbarschaft zweier ehemaliger Busenfreunde, die nun einander spinnefeind sind. Dummerweise will sich die angebliche Tragik dieses Geschehens dem Zuschauer nicht mitteilen: Er hält Patrick und ganz besonders Jack für unerträgliche Vollpfosten, die im Laufe der Ereignisse weiterhin bienenfleißig Dämlichkeit an Dämlichkeit reihen. Dazu zwingt sie ein kriminell zerfahrenes, schlecht getimtes Drehbuch, das den eigenen Lücken nur Längen gegenüberstellt.

An dieser Stelle kann und soll nur exemplarisch vorgestellt werden, womit Vivas und Marini ihr Publikum mit einer derartigen Geschwindigkeit malträtieren, dass nie der Hauch der Möglichkeit besteht, sich in der Handlung zu verlieren, um Unlogik und Brachialzufall zu ignorieren. So haben sich unsere Helden ausgerechnet in einem Funkloch angesiedelt. Jede Nacht sitzt Patrick an seinem Funkgerät, horcht hinaus in den Äther und wähnt sich auf einer menschenleeren Erde. Nachträglich stellt sich heraus, dass überall in den USA Überlebende in Gruppen unterwegs waren und sind, die sich ausgiebig über Funk unterhalten.

Kein Mensch weit und breit, nur zwei verfeindete Männer und ein gemeinsam geliebtes Kind! Ist das nicht Dramatik pur? Möglicherweise ohne den dicken Sud aus Klischees und Sentimentalitäten, den die Autoren über eine generell zähe Story kippen. Bereits nach fünf Minuten leidet man nicht mehr mit dem armen Jack, sondern möchte ihm einfach einen Arschtritt in sein dauerverdrießliches Gesicht versetzen. Das ist unmöglich? Man muss dieses Gesicht sehen, um meine Worte umgehend zu verstehen!

Besserung ist so fern wie der Sonnenaufgang

Binnen weniger Minuten vertragen sich Jack und Patrick schließlich und brausen mit Lu im Schlepptau in die Stadt zum Büchsenklauben. Neun Jahre hat Patrick das bereits getan, aber exakt dieses Mal steht wie aus dem Boden gewachsen Anne vor ihnen. Sie hat in dem Dreigestirn Vater – ‚Vater‘ – Kind keinerlei Existenzberechtigung, trägt zum Geschehen nie Wichtiges bei und wird auch kein Love Interest. Halt, einen Bockschuss der beiden Herren korrigiert sie immerhin: Diese ‚Überlebensspezialisten‘ haben eines der Eismonster vor dem Haus angekettet, wo es die ganze Nacht heulen und auf diese Weise seine Kumpane anlocken kann.

Ist eigentlich gerade Winter, oder hat gerade eine neue Eiszeit begonnen? Aus dem Kontext wird das nicht klar. Patrick erledigt seine Hamstertouren offenbar stets mit dem Motorschlitten. Sein Truck steht jedenfalls seit neun Jahren unbewegt vor dem Haus. (Selbstverständlich hat er ihn später mit einigen Handgriffen – von denen Kameramann Inchaustegui merkwürdigerweise nur die Reinigung der Windschutzscheibe zeigt – repariert.)

In jeder (der ohnehin raren) Actionszenen bemühen sich die Cutter Luis de la Madrid und Jordi López redlich, ihren Anteil anscheinend vertraglich geforderter Stümperhaftigkeit beizutragen. Jede Szene wird in klitzekleine Cliffhanger zerlegt: Saust gerade die tödliche Krallenfaust eines Monsters auf Jack, Patrick, Lu oder Anne nieder, springt die Kamera zur nächsten Balgerei. Auf diese Weise demontieren sie sogar eine der potenziell gelungenen Szenen: Schnittfrei erleben wir mit, wie unsere Helden vom Keller bis zur ersten Etage gegen die Kreaturen kämpfen. Im Erdgeschoss können Patrick und Anne die Gegner stoppen, während Jack nur eine Treppe höher gleich von zwei Monstern in die Zange genommen wird. Eilen ihm seine Freunde zur Hilfe? Keineswegs, denn obwohl oben mit Donnergetöse gerauft wird, bekommt unten niemand etwas davon mit!

Geld stinkt nicht, und der Mensch will essen

Obwohl weder Matthew Fox noch Jeffrey Donovan bisher für Sternstunden schauspielerischen Talents bekannt wurden, haben sie ein Drehbuch wie dieses nicht verdient. Nach „Lost“ (2004-2010) rennt Hollywood Fox nicht gerade die Türen mit Angeboten ein. Auch Jeffrey Donovan muss sich nach dem Auslaufen von „Burn Notice“ (2007-2013) wieder nach der Decke strecken. Beide sind denkbar unlustig bei der „Extinction“-Sache; wer könnte es ihnen verdenken?

Kinder werden von Schauspielern gefürchtet: Sie sind oft Naturtalente, die nicht spielen, sondern SIND, weshalb sie das Publikum leicht ins Herz schließt. Als Lu reiht sich Quinn McColgan problemlos in diese Runde ein. Auch ihre Rolle ist überfrachtet mit einschlägigen Lost-Child-Klischees, die McColgan jedoch manchmal auszuhebeln vermag. In solchen Augenblicken macht „Extinction“ Spaß; dann wird’s wieder dröge, moralisierend und pseudo-tragisch.

Über die ‚Monster‘ wurde bereits gelästert. Vielleicht müssen sie gar nicht gruseliger aussehen, weil sie nur Nebensache sind: „Extinction“ schwelgt in Symbolen. Liebe, Freundschaft, Zwist, Trauer, Verzeihen, dazu das geistige Erwachen eines Kindes, das sich nicht mehr kontrollieren = manipulieren lässt: Es ist kein Wunder, dass die Eis-Zombies erst im letzten Handlungsdrittel relevant werden. Zuvor müssen zwischenmenschliche Probleme gelöst werden. Das verstehen auch die Monster, die deshalb im finalen Sturm auf das Haus bereitwillig Metzel-Pausen einlegen, damit Jack, Patrick und Lu sich sagen können, was im Rahmen solcher Klischee-Filme zu sagen ist.

Immerhin ist „Extinction“ als DVD erfreulich gut ausgestattet. Das Bild ist wie der Ton tadellos, und die Synchronsprecher wurden nicht wie sonst allzu üblich in der nächsten Bierschwemme angeheuert. Für Erstaunen sorgt der Verzicht auf eine Blu-ray-Fassung; besondere Erwartungen setzt demnach nicht einmal das Label auf diesen Film und liegt richtig damit.

DVD-Features

Das kärgliche Hintergrundmaterial wurde in Minutenhäppchen zerlegt, um dem Zuschauer/Käufer Quantität und Vielfalt vorzugaukeln. Tatsächlich erleben wir ein nur 12,5-minütiges ‚Making of‘, das ein in die Länge gezogener Werbetrailer ist. Lächerlich kurze ‚Featurettes‘ ‚informieren‘ über die nicht gerade berauschenden Spezialeffekte („The Apocalypse“, „The Creatures“, „Digital Effects Part 1“, „Digital Effects Part 2”, „VFX Breakdowns“).

Matthew Fox und Jeffrey Donovan sind keine begnadeten Schauspieler. Auf jeden Fall sind sie Profis, die in ihrem Metier Höhen & Tiefen kennengelernt haben und wissen, wie der Hase läuft, der sie jeweils füttert. Auf diese Weise gelingt es ihnen, zwei Interviewminuten mit Lügen über das angebliche Meisterwerk förmlich vollzupumpen, ohne dabei voller Scham zusammenzubrechen. Ähnlich enthusiastisch füllen Clara Lago und Quinn McColgan ihre zwei Minuten.

Kurzinfo für Ungeduldige: Neun Jahre nach dem Ende der Welt durch eine Art Zombie-Seuche hausen die verfeindeten Ex-Freunde Jack und Patrick Tür an Tür in der winterlichen US-Wildnis, wo sie über der kleinen Lu wachen, die gerade lernen muss, dass es Monster tatsächlich gibt, denn die Untoten kehren grässlich mutiert zurück … – Missratene Mischung aus Horror und Drama: rührselig, handlungslahm, klischeebeladen, nie spannend, fürchterlich statt furchteinflößend und ‚dank‘ eher schnappatmender statt schauspielender männlicher Hauptdarsteller endgültig ein Ärgernis.

[md]

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