Fear Clinic

Originaltitel: Fear Clinic (USA 2014)
Regie: Robert Green Hall
Drehbuch: Aaron Drane u. Robert Green Hall
Kamera: Joseph White
Schnitt: Sherwood Jones
Musik: Jason M. Hall
Darsteller: Robert Englund (Dr. Andover), Thomas Dekker (Blake), Kevin Gage (Gage), Fiona Dourif (Sara), Cleopatra Coleman (Megan), Brandon Beemer (Dylan), Felisha Terrell (Osborn), Bonnie Morgan (Paige), Angelina Armani (Caylee), Corey Taylor (Bauer), Ryder Gage (Kevin) u. a.
Label: Mad Dimensions
Vertrieb: Alive
Erscheinungsdatum: 26.06.2015
EAN: 4260336460817 (DVD)/4260336460824 (Blu-ray)
Bildformat: 16 : 9 (2,35 : 1, anamorph)
Audio: Dolby Digital 5.1 (Deutsch, Englisch)
Untertitel: keine
DVD-Typ: 1 x DVD-9 (Regionalcode: 2)
Länge: 92 min. (Blu-ray: 95 min.)
FSK: 18

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Das geschieht:

Noch vor einigen Jahren galt Dr. Andover als Kandidat für den Nobelpreis. Der brillante Wissenschaftler hatte nicht nur die menschliche Angst studiert, sondern auch eine Maschine erfunden, mit deren Hilfe er selbst hartnäckig traumatisierte Patienten von ihren Phobien befreien konnte. Vor allem für fünf Überlebende eines Amoklaufes wurde er zum Retter.

Nun kehren die Albträume vom wahnsinnigen Schützen, der sie in einem Diner unter  Feuer nahm, allerdings mit doppelter Macht zurück. Nach und nach finden sich Sarah, Megan, Dylan und Caylee in Andovers Forschungsinstitut ein, wo sie eine erneute Behandlung fordern. Allerdings ist das Haus geschlossen, nachdem Andover genau dies an einer fünften Patientin versucht hatte: Paige war in ein Koma gefallen und schließlich gestorben. Seither hängt Andover an der Flasche, obwohl ihn Assistentin Osborn drängt, die Arbeit wieder aufzunehmen.

Da seine Patienten nicht aufhören, ihn um Hilfe zu bitten, nimmt Andover die Behandlung widerwillig wieder auf. Umgehend bewahrheiten sich seine Befürchtungen: Wer sich der Maschine anvertraut, verliert buchstäblich Verstand und Bewusstsein. Dahinter steckt die Angst selbst, die sich Andover als selbstständige Kreatur offenbart, die bisher in einer x-dimensionalen Nische jenseits der Realität hauste und ihre Opfer nur indirekt piesacken konnte. Mit seiner Maschine hat Andover der Angst ein Tor geöffnet, durch das diese sich in unserer Welt manifestieren kann. Dort setzt sie ihre Opfer individuell und gezielt unter Druck, um sich an ihrer Furcht zu mästen, und verschleppt sie schließlich, die dann der Angst in ihrer Höhle auf ewig ausgeliefert sind.

Vor allem Sarah leistet Widerstand, doch die Angst hat sich inzwischen häuslich im Institut eingerichtet und es von der Außenwelt abgeriegelt. In aller Ruhe kann sie auf die Jagd gehen, und sie hat gelernt, wo sie den Hebel ansetzen muss, um zu ernten, was sie gesät hat …

Die Angst & die Überschätzung

Für die Idee kann man Robert Green Hall nicht zausen: Sie ist simpel aber trag- und ausbaufähig: Die Angst verlässt das Menschenhirn, manifestiert und macht sich selbstständig. Die Absurdität dieser Prämisse ist nebensächlich, denn schließlich geht es hier um den Stoff für einen Gruselfilm.

Dieser beschäftigte Hall schon 2009. Ebenfalls unter dem Titel „Fear Clinic“ drehte er eine fünfteilige Serie, die exklusiv im Internet veröffentlicht wurde. Die Episoden waren kurz, aber schon damals spielte Robert Englund den Dr. Andover, und es ging bereits um den Kampf gegen die Angst.

Ein halbes Jahrzehnt später kehrte Hall – der inzwischen die Fans des Hardcore-Grusels mit den beiden Splatter-Spektakeln „Laid to Rest“ (2009) und der Fortsetzung „Chromeskull“ (2011) erfreut und sich eine erwartungsvolle Fangemeinde geschaffen hatte – in die Klinik der Angst zurück. Dieses Mal gab er dem Mysterium den Vorzug vor der Metzelei – und landete prompt auf dem Bauch.

„Fear Clinic“ ist eine Quasi-Weiterführung der Web-Serie, die nichtsdestotrotz niemand gesehen haben muss, da Hall die Ereignisse vorsichtshalber noch einmal erzählt. Dann geht es mit ‚neuen‘ Geschehnissen weiter, wobei die Anführungsstriche bereits andeuten, dass mit Originalität = Überraschungen nicht gerechnet werden darf.

Der erfahrene Zuschauer weiß ohnehin, wohin dieser Hase laufen wird: Revolutionäre wissenschaftliche Experimente laufen im Horrorfilm generell schief. Die daraus resultierende Unterhaltung bemisst sich an den jeweiligen Folgen. Diesbezüglich bietet Hall diverse Schauwerte, denn er begann seine Filmlaufbahn als Tricktechniker, wobei er sich auf ‚klassische‘, d. h. nicht-digitale Effekte spezialisierte. Als solcher ist Hall weiterhin gut beschäftigt, zumal er auch dann solide Arbeit bietet, wenn das Budget niedrig ist.

Die sträflich unterschätzte Story

Vor allem im Finale lässt sich Hall einige Seltsamkeiten einfallen, die er angenehm hässlich umzusetzen weiß. Leider haben er und Mitautor Aaron Drane dem Drehbuch nicht annähernd so viel Aufmerksamkeit geschenkt, weshalb der Zuschauer zwischen den Effekten viel Geduld aufbringen sollte: Dann schleppt sich die Geschichte entweder holprig oder zäh (oder beides) voran und versucht Tiefe zu suggerieren, obwohl sie wie gesagt simpel ist und entsprechend erzählt werden sollte.

Hall scheint zu den Filmemachern zu gehören, die Ehrgeiz dort entwickeln, wo er einerseits denkbar fehl am Platze ist und andererseits in bloße Bedeutungsschwangerschaft umschlägt und zu allem Überfluss die Kargheit des Plots unterstreicht. Die manifestierte Angst mag als Konzept unheimlich und gefährlich wirken, doch dies lässt sich nicht vermitteln, wenn sie das Drehbuch dazu zwingt, vor allem möglich bizarr zu sein.

Auf dieses Puppenspiel könnte man sich trotzdem einlassen, wäre da nicht das offensichtliche Bemühen um … – tja, um was nur? Es wird nie deutlich, was Hall vorschwebte, der seine Figuren erst einmal ausführlich mit für das Geschehen letztlich überflüssigen Biografien unterfüttert und seine Tricks oft nicht in die Handlung integriert, sondern mehr oder – meist – weniger hintereinanderschaltet. Immer wieder tritt Hall auf der Stelle, liefert Erklärungen, wo wir sie nicht benötigen, statt endlich Schwung in seine fürchterliche Klinik zu bringen.

Dem obligatorischen Finale folgt ein tiefsinnig gemeinter aber faktisch verpuffender Twist, der womöglich eine Fortsetzung andeutet, die man aber wohl nicht befürchten muss, da „Fear Clinic“ keine Begeisterungsstürme heraufbeschwören und die Kassen klingeln lassen konnte.

Eine Frage des Geldes

Hall realisierte „Fear Clinic“ für die im Filmgeschäft geringe Summe von ca. 1 Mio. Dollar. Der Löwenanteil dieser Summe dürfte an Robert Englund gegangen sein, der weiterhin von vergangenem Ruhm als Freddy Krueger in acht „Nightmare“-Filmen zehren und sich diesen honorieren lassen kann. Ansonsten strömt „Fear Clinic“ in jeder Einstellung Budgetnot aus. Die Kulissen beschränken sich auf das gerümpelhaufig eingerichtete ‚Forschungslabor‘ und einen Schnellimbiss. Seine Wundermaschine darf Dr. Andover nicht gar zu fest drücken, da sonst die plastikbedingte Wackeligkeit der Konstruktion offensichtlich wird.

Die kärgliche Ausstattung versucht Kameramann Joseph White zu kaschieren, indem er sein Arbeitsinstrument ‚tanzen‘ lässt. Totalen vermeidet er, sondern konzentriert sich auf relativ enge Bildausschnitte, die ebenfalls die Eintönigkeit des Umfelds verschleiern. Der Zuschauer wird zum Leidtragenden, da die gewollte Unruhe nicht unbedingt den Wunscheffekt, sondern leicht Kopfweh erzeugt und außerdem ärgert, da der das Publikum merkt, dass es nicht unterhalten, sondern vor allem getäuscht werden soll.

Andovers Institut doubelt übrigens ein ehemaliges, 1914 erbautes Heim für Seniorinnen („Pythian Sisters Assisted Living Center“), das in der Kleinstadt Medina, US-Staat Ohio und seit 2008 leer steht.

Eine Rolle ist eine Rolle ist eine Rolle …

Seine Darsteller kannte Regisseur Hall entweder von früheren Zusammenarbeiten, oder er rekrutierte sie beim Fernsehen. Zudem profitierte er wohl vom Wunsch einiger Darsteller, in einem ‚echten‘ Film mitspielen zu dürfen. Angelina Armani gehört zu jenen ehemaligen Pornodarstellerinnen, die den hürdenreichen Neubeginn in der textilen Unterhaltungsindustrie dem Übergang in die „Milf“-Rolle vorziehen. Corey Taylor ist hauptberuflich Sänger der Heavy-Metal-Bands „Slipnot“ und „Stone Sour“. Seine Darstellung des dauerfluchenden Proll-Hausmeisters Bauer belegt, dass er bei diesem Leisten bleiben sollte.

Robert Englund ist sein Geld wie üblich wert. Tatsächlich spielt er seine Kollegen an die Wand, was angesichts des kollektiven Talentmangels keine Glanzleistung erfordert. Doch Englund, der ein wesentlich besserer Schauspieler ist als seine erratische Rollenauswahl vermuten lässt, gibt immer alles. Dieses Mal beschert er seinen Fans eine besondere Überraschung: Sie dürfen ihn in einer Nacktrolle bewundern – ein Anblick, nach dem es die personifizierte Angst erst recht schwer hat, ihre Opfer und uns, das Publikum, zu beeindrucken! (Keine Sorge: Auch Armani und Bonnie Morgan ziehen oberhalb der Gürtellinie blank, sodass zumindest diese Mindestanforderung für filmischen Minimalhorror voll erfüllt ist.)

Einzig Fiona Dourif – Tochter der Filmtrash-Ikone Brad Dourif – kann Englund Paroli bieten. Als von ihrem Alb gejagte aber zur Gegenwehr entschlossene Sarah macht sie das Beste aus ihrer karg gezeichneten Rolle, während ihre weniger inspirierten Kolleginnen und Kollegen vor allem anwesend sind und darauf warten, der Angst in die Fänge zu geraten. Irgendwann sind sie alle erwischt, es gibt ein turbulentes, garantiert logikfreies Finale sowie einen End-Twist, der weder erstaunt noch schockiert. Damit schließt sich der Kreis und dieser Film, mit dem Robert Green Hall weder sich noch seinem Publikum einen Gefallen getan hat.

DVD-Features

„Fear Clinic“ wird als Veröffentlichung lieblos und billig auf den Markt geworfen. Es gibt nicht einmal Untertitel, geschweige denn Extras. Eine besondere Erwähnung verdient die ‚Synchronisierung‘, für die offenbar stimmdressierte aber kehlkopfgeschädigte Papageien engagiert wurden. Jegliche Stimmung verfliegt endgültig, sobald ein Siebenjähriger von einem (ebenfalls der deutschen Sprache nur vorgeblich fähigen) Erwachsenen gesprochen wird, weil das Label zu faul oder zu geizig war, ein echtes Kind anzuheuern.

Kurzinfo für Ungeduldige: Nachdem Dr. Andover sie dank seiner Wundermaschine von ihren Todesängsten kuriert hatte, kehren diese jetzt nicht nur zurück, sondern manifestieren sich, um ihre Opfer zu verschleppen und ewig zu quälen … – Film-Version einer kurzlebigen Web-Serie, die eine simple Story allzu ambitioniert umzusetzen versucht, dabei jedoch an kollektiver Unbeholfenheit vor und hinter der Kamera sowie am kümmerlichen Budget scheitert: kann & sollte vergessen werden.

[md]

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